Kate­go­rien

Lieber Jobs mit “Wissen”: Karrie­restra­te­gien für Intro­ver­tierte

Published On: 27. Juni 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion, Psycho­logie der Verän­de­rung

schach„Mein größtes Handicap ist die Intro­ver­sion“ — wie oft ich das schon gehört habe. Von Ange­stellten, Selbst­stän­digen, Experten und Mana­gern. Es ist einer der Gründe aus dem ich diesem Thema noch­mals Raum bieten möchte. Was ist Intro­ver­sion? Man kann nicht oft genug darüber schreiben, um Vorur­teile auszu­räumen. Nein, es hat mit Schüch­tern­heit nichts zu tun. Nein, es muss auch nicht mit wenig Reden einher­gehen; es kann.

Intros sind keine Glücks­su­cher

Tatsache ist: Nur der Intro­ver­tierte selbst weiß oder ahnt es, Tests können nur Hinweise geben. Zumal neuere Forschungen eher darauf deuten, dass die bishe­rige Annahme, dass Extra­ver­sion mit Gesel­lig­keit zusam­men­hängt, wohl falsch ist. Es scheint viel­mehr so zu sein, dass Extra­ver­tierte mehr nach Glück und posi­tiven Zuständen streben — dass sie dabei Gesel­lig­keit suchen, ist ein Neben­ef­fekt. Im Umkehr­schluss sind Intro­ver­tierte nicht unge­sellig. Nur sind es keine Glücks­su­cher. Im Allge­meinen ist ihr Glücks­level also nied­riger.  Ob das schlimm ist? Wenn man Glück in einer Werte­hier­ar­chie nach oben setzt. Wenn dagegen in der indi­vi­du­ellen Werte­hier­ar­chie “bessere Welt”, “mehr Gerech­tig­keit für alle”, “Rettung des Planeten” oder “Bildung” weit oben steht, geht es dem Einzelnen im Leben auch nicht um Glück (was nicht bedeutet, dass es unwichtig ist, nur dass es kein Lebens­ziel ist). Marti Laney besetzte 2003 als aller­erste das Thema Intro­ver­sion. Sie schreibt, wie man erkennen kann, ob man intro­ver­tiert ist, wenn man bei Test­fragen indif­fe­rent antwortet (so geht es mir):

“If you don’t feel like you fit one side more than the other, even by 51% to 49%, then ask yourself this ques­tion: If there is an emer­gency do you tend to stand still and feel some­what shut­down or in slow motion? If you have a standstill reac­tion to stress more often, then you are probably an intro­vert.”

Chemie regu­liert das Verhalten

All das hat viel mit Chemie zu tun: Intro­ver­tierte reagieren stärker auf Dopamin, produ­ziere mehr von dem Neutrans­mitter Acetyl­cholin, unter anderem zuständig fürs Lernen. Da hat Kollege Gilbert Diet­rich hier etwas Gutes zusam­men­ge­fasst. Andere sehen nicht, ob jemand intro­ver­tiert ist, sofern sich Intro­ver­tierte gut an die extro­ver­tierte Welt ange­passt haben, was viele im Laufe ihres Erwach­se­nen­le­bens immer stärker tun. Stärker Intro­ver­tierte bleiben länger “auffällig”. Ihnen fällt es öfter merk­lich schwer, sich zugleich auf die Aussage und die nonver­balen Signale zu konzen­trieren, was sich unter anderem in fehlendem oder unter­bro­chenem Blick­kon­takt äußern kann. Viele haben auch Schwie­rig­keiten außer­halb der Sach­ebene zu agieren: “Wenn ich etwas auf den Punkt bringen will, dann mache ich es. Aber das Geschnatter brauche ich nicht”, zitiere ich hier einen mir bekannten Intro. Das ist für eine typi­sche Konzern­kar­riere natür­lich gar nicht förder­lich, da das “Geschnatter” in Meetings gängiges Kommu­ni­ka­ti­ons­werk­zeug ist. Und Leute, die Dinge einfach nur — ich sage dazu immer “ohne Watte-Drum­herum” — Dinge auf den Punkt bringen, sind den glück­su­chenden Extros klar zu negativ. Oft, nicht immer, sind Intro­ver­tierte auch Reiz- und auch geräusch­emp­find­lich. Sie konzen­trieren sich lieber auf eine Sache, auf einen oder wenige Menschen. Das macht die Arbeit in Groß­raum­büros schwer.

Äußere Anpas­sung, innerer Stress

Der Mensch mit dem Geschnatter ist ein über­zeugter “Innie”. Er redet nicht, wenn es aus seiner Sicht keinen Sinn macht. Doch viele Intro­ver­tierte haben sich ange­passt an unsere Welt und wirken wie Extros. Das ist auf eine andere Art und Weise Karrie­rehemmnis. Man traut ihnen nämlich oft sogar sehr viel zu, oft mehr, als sie sich selbst zutrauen.  Weil manche souverän und distan­ziert wirken und oft aufgrund ihrer Denker-Natur eine eigene Meinung haben — was auto­ma­tisch zu einer gewissen Domi­nanz und damit auch Über­zeu­gungs­kraft führt — werden sie leicht Chef. So kommen sie in Jobs, die für sie stressig sind, z.B. weil sie sich dort um stark emotio­na­li­sierte Themen kümmern müssen — etwa Mitar­bei­ter­zu­frie­den­heit -, was ihnen scheinbar liegt, sie aber im Grunde enorm anstrengt, vor allem wenn Extros im Team über­wiegen. Ihnen geht es eben öfter um die Sache, Small  Talk empfinden sie als lästig. Und da ist schwer zu verstehen, warum man in Watte packen muss, was doch offen auf der Hand liegt. Die Karrie­re­welt erwartet von den extra­ver­tier­ti­sierten Intros zum Beispiel das Minimax-Prinzip: Sie sollen bei mini­malem Wissen maxi­male Show machen, was ihnen aber wider­strebt. Sie reden lieber über Dinge, mit denen sie sich wirk­lich auskennen. Sie müssen über­zeugt sein, um  andere zu über­zeugen.  Sie legen mehr Wert auf Kompe­tenz und weniger auf Show und Status. Typi­sche Anreiz­sys­teme funk­tio­nieren bei ihnen nicht, weshalb sie im Struk­tur­ver­trieb eigent­lich nur schei­tern können. Es gibt aller­dings auch extro­ver­tierte Persön­lich­keiten bei denen das auch so ist, in der Regel sind das NTs im MBTI.

Junge Intros

Gerade junge Intro­ver­tierte leiden oft sehr in einer Welt, die Extra­ver­sion fordert und als Regel­fall defi­niert. Wenn in der Schule heute die münd­liche Note 2/3 zählt, so ist das aus meiner Sicht auch ein Affront gegen Intro­ver­tierte, für die das Aufzeigen und sich Melden, das viele Spre­chen und mögli­cher­weise auch das aufmerk­same Zuhören in einem großen Verbund enorm viel Anstren­gung kostet. So kommt das Kind zu einem Zeit­punkt unter Druck, wo es ohnehin schmerz­lich merkt, dass es anders ist und nicht „richtig“ zu sein scheint. Ich finde diese Entwick­lung bedenk­lich. Die Beto­nung von Grup­pen­ar­beit und des Münd­li­chen bedeutet auch die Domi­nanz der Extra­ver­sion. Nicht, dass es früher besser war als nur schrift­liche Noten zählten – aber warum kann es nicht mehr Flexi­bi­lität geben?

Ähnliche Umwelten suchen

Später, nach der Schule, ist die Berufs­wahl der neur­al­gi­sche Punkt. In einer extro­ver­tiert domi­nierten Umge­bung gedeihen Innies nicht gut. Ich habe viele Test­ergeb­nisse von Mitar­bei­tern in Konzernen gesehen, meist waren 70–80% extro­ver­tiert, je mehr Rich­tung PR, Marke­ting und Vertrieb desto eher. Innies dazwi­schen wird meist erst mit einem Test bewusst, warum sie irgendwie anecken, Erwar­tungen nicht entspre­chen und so weiter. Besser gedeihen Intros meist da, wo sie ihres­glei­chen finden oder/und ihre typi­schen Kompe­tenzen (Kompe­tenz, Sach­lich­keit, Distanz) Schlüssel zum Erfolg sind: Intros findet man eher in der Bera­tung, in der IT, im Inge­nieurs­wesen und natür­lich der Wissen­schaft. Auch den kauf­män­ni­schen Bereich domi­nieren die Innies, ebenso wie Forschung und Entwick­lung. Psycho­logen sind eher selten extro­ver­tiert, zumal die Thera­peuten. Juristen sind ebenso öfter intro­ver­tiert, wobei es auch extro­ver­tierte Berufs­felder für sie gibt. Ähnli­ches gilt für Ärzte. Manchmal verbindet sich Intro­ver­sion mit Insta­bi­lität, in den Big Five mit dem unschönen Begriff Neuro­ti­zismus umschrieben. Das macht Innies zusätz­lich labil. Rück­schläge können diese Intros nicht gut aushalten. Hier spricht noch mehr dafür, sich ein Gebiet zu erar­beiten, auf dem sie zuhause sind.

Manchmal besser Extro-Bereiche meiden

Doch Innies haben natür­lich auch Leiden­schaften, beispiels­weise lieben sie die Medien oder Marke­ting, Design oder andere Extro-domi­­nierte Bereiche. Dort bestimmen Extros die Beför­de­rung und gene­rell das Weiter­kommen. Ich habe Bauch­schmerzen, wenn Innies in die Medi­en­branche streben, zu Film und Fern­sehen wollen. Gut, Schau­spieler sind öfter Intro­ver­tiert, und es gibt Intro­ver­tierte, die sich sehr gut durch­setzen können. Aber wenn ich merke, dass da jemand nicht nur intro­ver­tiert, sondern auch empfindsam und mit zerbrech­li­chem Selbst­wert ausge­stattet ist, kann ich ihm/ihr einfach keinen Sprung in ein Haifisch­be­cken anraten – so sehr ich dafür bin, dass man seinen Talenten nach­geht:; oft gibt es Alter­na­tiven.  Und manch schein­barer Kompro­miss ist am Ende eine gute Lösung. So wird der intro­ver­tierte Infor­ma­tiker, der später der Kunst nach­geht, ein besseres Stan­ding haben als der intro­ver­tierte Künstler, der immer nur erfahren musste, dass seine Arbeit nichts „wert“ ist… Manchmal ist es besser für Innies erst etwas Fach­li­ches zu studieren, was am Arbeits­markt Aner­ken­nung findet und sich damit in Bereiche zu orien­tieren, die sie inter­es­sant finden. Beson­ders schwierig ist es vor diesem Hinter­grund für intro­ver­tierte Geis­tes­wis­sen­schaftler. Ihre sinn­vollste Karrie­restra­tegie, früh­zei­tiges Netz­werken, liegt ihnen nicht. Mit Natur­wis­sen­schaften hätten sie es leichter. Oft ist es auf lange Sicht besser, sich ein Fach­ge­biet anzu­eignen, etwas zu lernen, in dem man irgend­wann  aner­kannt ist. Mit Wissen und Können wird man eher ernst­ge­nommen, auch wenn man kein Extro-Drauf­­gänger ist. Viele Innies werden ihre Arbeit fundierter machen, einfach weil ihr Streben nach Kompe­tenz oft stärker ist. Innies suchen Gründe, warum etwas ist wie es ist. Suchen Sie Bera­tung oder ein Coaching, brau­chen Sie jemand, der die Tiefe und Weite ihrer Gedanken nach­voll­ziehen kann, meist ist ein Coach optimal, der etwas extro­ver­tierter ist als sie selbst, aber nicht zu sehr (meine Projekt­lei­terin Silke Loers von den Karriereexperten.com weiß, wen sie wann empfiehlt). Intro­ver­tierte sind wie Fische im Meer. Die große Viel­falt und den unglaub­li­chen Reichtum sieht man erst, wenn man sehr tief taucht. Und an der Ober­fläche bleiben sie ungern. An dieser Stelle möchte ich zwei Buch­tipps geben:

  • Karrie­re­ex­pertin Natalie Schnack hat ein schön gestal­tetes Buch geschrieben, dass sich an Einsteiger richtet, die prak­ti­sche Hilfe im Alltag suchen. Der Schwer­punkt liegt auf dem Auftritt und den Tipps.
  • Marti Laney war 2003 die erste, die das Thema aufge­bracht hat. Sie hat ein Buch über intro­ver­tierte Kinder geschrieben. Den Link haben ich bereits oben gegeben. Für theo­re­ti­schere Leser bietet dieses Buch Hinter­grund­wissen.

Auch noch ein Hinweis auf das Inter­view mit Sylva Löhken sowie auf meinen Selbst­lern­kurs “Ich will so werden wie ich nicht bin”. Selbst­lernen ist by the way ideal für Intros 😉

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Franz Burg­hardt 7. April 2015 at 20:01 — Reply

    Hallo,
    wunder­barer Artikel, bin sehr oft auf der Suche nach Arti­keln, die mir aus der Seele spre­chen. Die Intro­ver­tier­heit beschäf­tigt mich seit einer geraumen Zeit, hab selbst viele Bücher dazu gesucht, aller­dings findet man immer Bücher über die Schuchternheit/Sociale Phobie etc. Nur leider keine quali­ta­tiven Bücher die intro­ver­tierte Menschen anspre­chen. Deshalb surfe ich gerne im Netz, um mich mit diesen Thema zu beschäf­tigen. Bei mir fing es am Arbeits­platz an, wo mich meine Arbeits­kol­legen als sehr zurück­hal­tend beschrieben. Manche meinen sogar, dass ich sehr leise rede und oftmals an Gesprä­chen nicht teil­nehme, eine Person die anderen eher zuhören kann und Sachen analy­siere. Doch bin ich mit einer Person alleine kann ich oftmals wie ein Wasser­fall reden und komme nicht zum Ende. Meine Freundin ist das Gegn­teil von mir, sie ist sehr offen, redet die Leute oftmals direkt an und versteht sich mit Wild­fremden Menschen auf Anhieb. Nichts­des­to­trotz bin ich froh, dass immer mehr Artikel den intro­ver­tierten Leser anspre­chen und uns Kraft geben, dass wir doch zur Gesell­schaft gehören. Auch ein sehr guter Beitrag neben dem, der mir Kraft gegeben hat: http://bit.ly/1q2l8jQ
    Ansonsten würde ich mir liebend gerne mehr zu diesem Thema wünschen.

    Ich bin froh, dass ich intro­ver­tiert bin, auch wenn es einige Nach­teile mit sich bringt, trotzdem sollte jeder zu seinem ICH stehen.

    Viele Grüße — die Welt braucht auch Leute unserer Art!

  2. Bianca 27. August 2019 at 0:04 — Reply

    Ich wünschte, diese Worte hätte mir jemand vor 15 Jahren gesagt. Ich bin als Intro im Haifisch­be­cken der Marke­ting­welt gelandet und versuche gerade eine Nische für mich im Design zu finden. Es ist schwer, aber ein Vorteil an meiner Intro-Ausprä­­gung ist mein Durch­hal­te­ver­mögen 🙂

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