Kate­go­rien

Warum Menschen mit extremen Stärken oft an der Grenze zum Wahn­sinn stehen

Published On: 29. April 2017Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Schauen Sie sich Elon Musk von Tesla an. Richard Branson. Steve Jobs. Ihren Büro­kol­legen. Und dann sich selbst. Wie viel Verrückt­heit steckt in Ihnen? Und ist es für die Arbeits­welt der Zukunft nicht viel besser, wenn sie von leichtem Wahn­sinn mitge­staltet wird? Enthält ein Büro nicht immer auch Spuren von Verrückt­heit? Über­trie­bene Charak­ter­ei­gen­schaften, extreme Stärken und Talenten können sehr fruchtbar sein. Wer wenn nicht ein wahn­sinnig krea­tiver Erfinder macht die Nacht zum Tag? Wer wenn nicht ein von einer besseren Welt beseelter Idea­list reißt andere mit?

Getrie­ben­heit  kann produktiv machen. Zerris­sen­heit führt nicht selten zu Krea­ti­vität. Rück­sichts­lose Entschlos­sen­heit boxt sich ihren Weg durch verhal­tene Entschei­dungs­vor­sicht. Die Neben­wir­kung von depres­siver Melan­cholie ist eine Nach­denk­lich­keit, ja oft sogar Tief­sinn. Kurzum: Extreme an der Grenze zum Wahn­sinn und darüber hinaus gehören zum Leben. Es wäre lang­weilig ohne sie.

Ich möchte mit dieser Kolumne eine Brücke zur Bespre­chung des Buchs „Ich und Du und Müllers Kuh“ von Ariadne von Schi­rach schlagen, das mich hierzu ange­regt hat. Haben Charak­ter­stärken, um die es hier geht, doch auch mit meiner tägli­chen Arbeit viel zu tun, mit Führungs­kräf­te­ent­wick­lung, mit Team­ent­wick­lung, Stär­ken­coa­ching, Agilität, ja, selbst mit Berufs­ori­en­tie­rung. Stärken leiten sich auch aus dem Charakter ab, nicht nur aus der Übung, die den Meister macht. Stärken brau­chen Über­trei­bung.

Doch die gängige Meinung ist, dass es um” posi­tive” Über­trei­bung gehen muss. Doch muss es das immer? Um etwas, das wir erwarten oder gelernt haben zu erwarten? Warum können wir Wahn­sinn nicht Wahn­sinn sein lassen? Als Produk­ti­vität würde die Getrie­ben­heit den Normal­be­reich betreten, als Muße bekäme das Phlegma einen massen­kom­pa­ti­blen Anstrich, als Viel­sei­tig­keit würde Zerris­sen­heit ein kleines Nichts werden… Nein, das Werte­qua­drat von Schultz von Thun, das für einen posi­tiven begriff­li­chen Ausgleich sorgen kann, funk­tio­niert an dieser Stelle nicht. Es verhin­dert das Extrem. “Saturn verschlingt eines seiner Kinder”, ein Bild von Goya aus dem Prado, ist kein Produkt ausge­gli­chener Stärken. Nur wer das Böse kennt, kann das Gute sehen.

Stärken und Talente entstehen immer aus einer Über­trei­bung und diese ist nicht nur positiv. Ziem­lich sicher snd die Ursa­chen in der Kind­heit gelegt. Ein Mathe­genie hat nicht nur Mathe gelernt, sondern sich auch früh­zeitig auf eine Welt konzen­triert, die ihm Halt gibt und Orien­tie­rung, auch Schutz vor zu viel Gefühlen. Getrie­ben­heit, beispiels­weise unter­neh­me­ri­sche oder idea­lis­ti­sche, ist charak­te­ris­tisch für Menschen mit hyste­ri­schen Tendenzen. Sie rettet vor Fest­le­gung.

Nach Riemann exis­tieren vier „Grund­formen der Angst“, die sich so auch um Universum abbilden. In jedem Menschen sind diese Grund­formen aktiv und seelisch gesunde Menschen halten alle davon im Gleich­ge­wicht –  oft ist das die Folge eines Entwick­lungs­pro­zesses. Karl König bringt zwei weite Ängste dazu, die von Schi­rach in ihrem Buch aufnimmt: Die Angst des Narzissten vor Bedeu­tungs­lo­sig­keit und die Angst des Phobi­kers vor dem Versagen.

Wenn auch das Ziel der Ausgleich aller Ängste ist, so bleibt doch die Tatsache, dass aus dem Extrem – und sei es nur dem zeit­wei­ligen – oft viel entsteht, das der Welt auch nutzt. Was das ist, möchte ich im Folgenden erläu­tern. Dabei nutze ich den Begriff Charak­ter­ten­denzen, da dieser einen dyna­mi­scheren Ausdruck hat. Nach Karl König ordne ich in der Chro­no­logie ihrer Entste­hungs­ge­schichte in der Kind­heit.

Die narziss­ti­sche Charak­ter­ten­denz

Narzissten sind oft schon im Mutter­leib abge­lehnt oder in früher Kind­heit über­ver­wöhnt worden. Manche sind auch emotional vernach­läs­sigt. Narzissten schaffen sich eine Paral­lel­welt, in der sie bestimmen. Ihre Angst vor Bedeu­tungs­ver­lust treibt sie. Das macht sie in der Berufs­welt oft sehr erfolg­reich. Wer hängt sich schon rein und ordnet seinem Erfolg alles andere unter — wenn nicht ein Narzisst? Die gängige Narziss­ten­schimpfe ist also über­trieben und teils unge­recht­fer­tigt. Narzissten brau­chen Liebe in Form von Aner­ken­nung, auch wenn sie immer Schwie­rig­keiten haben werden, diese zu geben. Sie entwi­ckeln sich weiter, wenn sie ein Bewusst­sein über die eigene Prägung ausbilden, das hilft die Neigung, „nicht genehme“ Personen im eigenen Unter­nehmen auszu­schalten, unter Kontrolle zu halten. Sie werden von sich selbst freier, wenn sie sich beob­achten und über sich lachen können.

Die schi­zoide Charak­ter­ten­denz

Menschen mit schi­zo­ider Tendenz haben eine unsi­chere Bindungs­er­fah­rung in früher Kind­heit gemacht, etwa durch Tren­nung der Eltern. Diese Menschen schließen sich ein in einer eigenen Welt, haben Angst vor Nähe. In der Berufs­welt sind es oft Forscher, Wissen­schaftler und Nerds. Der Außen­welt fallen sie durch ihre origi­nellen und krea­tiven Ideen auf.  Sie lieben mehr noch als andere Gleich­ge­sinnte, was Inter­net­phä­no­mene erklärt, wie etwa die „INTJ-Foren“ (nach dem MBTI-Modell bzw. nach David Keirsey, INTJ kommt dem Schi­zo­iden sehr nah). Menschen mit schi­zo­iden Tendenzen entwi­ckeln sich, wenn sie endlich Nähe anderer zulassen und sich verletz­lich zeigen.

Die depres­sive Charak­ter­ten­denz

Menschen mit depres­siver Tendenz suchen Nähe, weil sie andere so sehr brau­chen und Angst davor haben, ein eigenes Ich zu werden. Oft ist die Ursache Über­be­hü­tung in der frühen Kind­heit. Es fällt diesen Menschen schwer, zu bewerten und sich selbst eine Meinung zu bilden. In der Berufs­welt sind sie gute Team­ar­beiter und Umsetzer. Viele habe ich im sozialen Kontext und Vertriebs­in­nen­dienst kennen­ge­lernt. Menschen mit depres­siven Charak­ter­ten­denzen entwi­ckeln sich, wenn sie die eigenen Bedürf­nisse erkennen und lernen zu bewerten (mag ich/mag ich nicht). Dann können es sehr gute und zuge­wandte Führungs­kräfte werden, die sich um Menschen wirk­lich kümmern.

Der zwang­hafte Charakter

Menschen mit zwang­hafter Tendenz brau­chen Kontrolle. Sie treibt die Angst, die Kontrolle zu verlieren, deshalb mögen sie Verän­de­rung nicht allzu sehr. Sie haben oft einen auto­ri­tären Charakter, legen Wert auf Ordnung. In der Berufs­welt sind sie viel­fach in Tätig­keiten zu finden, die Diszi­plin und Regel­ori­en­tie­rung erfor­dern, etwa in der der Verwal­tung. Ich erin­nere mich an die Perso­nal­lei­terin eines Konzerns, die offen zugab, Zwang­hafte gern für den Finanz­be­reich einzu­stellen, weil sie nachts nicht schlafen könnten, vor lauter Verant­wor­tungs­ge­fühl. Mit dieser Einschät­zung liegt die Dame nicht falsch. Das Problem ist aller­dings der schwarz­weiße Umgang, der einen ernst­zu­neh­menden Ansatz zum Klischee degra­diert. Zwang­hafte entwi­ckeln sich, wenn sie lernen, Kontrolle abzu­geben und Verän­de­rungen zuzu­lassen.

Der phobi­sche Charakter

Phobiker haben Angst vorm Schei­tern und sind deshalb in allem sehr vorsichtig. Sie gehen keine Risiken ein. In der Berufs­welt sind Menschen mit dieser Charak­ter­ten­denz oft vorsich­tige Planer oder in Berufen zu finden, die maxi­male Sicher­heit bieten. Dabei gibt es Über­schnei­dungen mit den Depres­siven. Doch während bei den einen die Nähe zu anderen den Antrieb bildet, ist es bei den anderen die Angst, die Vorgaben nicht zu erfüllen. Deshalb sind diese Menschen manchmal sehr genau und gewis­sen­haft. Phobiker entwi­ckeln sich, wenn sie lernen, das Schei­tern zuzu­lassen.

Der hyste­ri­sche Charakter

Hyste­riker treibt die Angst vor Fest­le­gung. Sie stecken voller Möglich­keiten, sind oft kreativ und unkon­ven­tio­nell. Sie mögen sich nicht fest­legen, haben Angst vor Endgül­tig­keit. Und was ist endgül­tiger als der Tod? So streben sie oft nach „Verewi­gung“. Das kann sehr fruchtbar sein, denn auf dem Weg dahin sind sie flei­ßige Produ­zenten. Natur­gemäß findet man viele Hyste­riker in krea­tiven Jobs und mit unkon­ven­tio­nellen Lebens­wegen. In der Buch­hal­tung werden wenige von ihnen zu finden sein, Hyste­riker entwi­ckeln sich, wenn sie ihre eigene Beschrän­kung, Beschränkt­heit und Unvoll­kom­men­heit sowie die Begrenzt­heit der eigenen Exis­tenz aner­kennen.

Was tun mit diesem Wissen?

Die Sicht auf Charak­ter­ten­denzen ist eine von vielen Möglich­keiten, Menschen besser zu verstehen und auch Stellen gezielter zu besetzen. Wenn auch das Ziel ist, für die seeli­sche Gesund­heit einen Ausgleich der unter­schied­li­chen Ängste zu schaffen, so ist dies oft ein Lebens­pro­jekt und endet nicht selten in einer gewissen Weis­heit. Auf dem Weg dahin können die Extreme im beruf­li­chen Kontext jedoch sehr hilf­reich sein.

Ein reifer, nicht schwarz-weißer Umgang setzt ein „growth mindset“ voraus. Wer ein statis­ti­sches Menschen­bild hat, ob in der Perso­nal­ab­tei­lung oder als Führungs­kraft, sollte ohnehin die Finger von Persön­lich­keits­mo­dellen lassen. Es braucht weiterhin mora­li­sches Bewusst­sein. In den Händen von Menschen, die andere mani­pu­lieren wollen, bergen zu tiefe Einblicke in mensch­liche Seelen­land­schaften eine Gefahr. Andrer­seits gibt es eben auch viele Chancen, klarer zu erkennen, wer wohin passt. Wenn der Product Owner in einem agilen Team ein biss­chen „schizo“ ist, so ist das für diese Rolle völlig OK. Ein leicht depres­siver „agile Coach“ macht mögli­cher­weise einen besseren Job als ein „Hyste­riker“. Der wiederum kann ein prima Marke­ting­ma­nager sein – wird in der Verwal­tung aber auf verlo­renem Posten stehen.

Natür­lich ist eine Kombi­na­tion aus mehreren Tendenzen häufiger als die extreme Ausprä­gung nur einer. Man kann sich das vorstellen wie ein Balken­dia­gramm. Wenn Sie jeder Balken maximal 100% Punkte hätte, wieviel würden Sie sich in den einzelnen Charak­ter­ten­denzen geben? Oft ist die Selbst­ein­schät­zung hier sehr tref­fend. Auch für die Entwick­lung von Menschen kann das Modell helfen. Dann wäre die Frage nicht von welchen Tendenzen habe ich am meisten, sondern von welchen an wenigsten?

Das Buch

Die Autorin Ariadne von Schi­rach ist mir aus dem „Philo­so­phie Magazin“ bekannt. Sie führt in diesem „Fach­buch“, so nennt es Klett-Cotta jeden­falls (für mich ist es eher Sach­buch), philo­so­phi­sche und psycho­lo­gi­sche Ansätze zusammen. Mir scheint das ein Trend der Zeit. Wir sind mit dem syste­mi­schen Coaching an Grenzen gekommen. Lange verpönte psycho­ana­ly­ti­sche Ansätze erleben auch durch neuro­bio­lo­gi­sche Erkennt­nisse ein Revival. Die Psycho­ana­lyse steht der Geis­tes­wis­sen­schaft und vor allem der Philo­so­phie sehr nahe, und ist von ihr bisweilen nicht zu trennen. Philo­so­phi­sche Ansätze wiederum, sei es die Dialektik oder der sokra­ti­sche Dialog bieten wunder­bare Coachin­gan­sätze. Auch deshalb finde ich dieses Buch gerade auch für Coachs so inter­es­sant.

Von Schi­rach belebt in diesem Buch neue-alte Verbin­dungen wie die zwischen Psycho­logie und Philo­so­phie und die zwischen Fritz Riemann und Karl König. Aber auch die vom einzelnen Menschen zum Kosmos, die schon Riemann gesehen hat. Riemanns Werk entstand nicht zuletzt aus der Beschäf­ti­gung mit Astro­logie und Psycho­logie, also zweier in bestimmten Kreisen verfein­deter Diszi­plinen, die eine Wissen­schaft, die andere Pseu­do­wis­sen­schaft.

Er erkannte, wie sowohl der Kosmos als auch der Mensch sich in unauf­lös­baren Span­nungs­ver­hält­nissen bewegt, in denen beide sich immer neu verorten müssen. Dieses Streben nach Ausge­wo­gen­heit garan­tiert die leben­dige Ordnung.

Frau von Schi­rach bedient sich in diesem Buch zwar bei Riemann und König, schafft dabei aber dennoch einen ganz eigenen Zugang. Riemann hat mit seinen „Grund­formen der Angst“ ein Stan­dard­werk geschrieben. Schi­rach begegnet dem mit Respekt und Respekt­lo­sig­keit zugleich. Sie sortiert seine Gedanken und führt sie mit Gedanken großer Philo­so­phen zusammen. Dabei geht sie ins Detail, bleibt nie an der Ober­fläche und öffnet auch den Blick hinter die Kulissen des Lebens ihrer Prot­ago­nisten.

Bild: ®Tollpatsch@photocase.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Markus Väth 30. April 2017 at 18:21 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    Sie schreiben noncha­lant in einem Zwischen­satz: “Wir sind mit dem syste­mi­schen Coaching an Grenzen gekommen.” Finde ich sehr span­nend und würde dazu gern mehr von Ihren Gedanken erfahren. Viel­leicht in einem neuen Blog­ar­tikel?

    Herz­liche Grüße,

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