Kate­go­rien

Die 5 blinden Flecken von Persön­lich­keits­tests

Published On: 25. September 2016Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Die Persön­lich­keit eines Menschen ist komplex. Komple­xität ist unbe­liebt. Wir wollen sie bekämpfen, den Wald lichten bis nur noch drei, vier Bäume darin­stehen. Dann kann man Konturen erkennen. Viel wurde dabei aber auch abge­holzt. Persön­lich­keits­tests sind Holz­fäller – sie helfen, den Wald zu lichten, den Menschen zu verein­fa­chen. Sie unter­stützen dabei, Worte zu finden für das „so bin ich“, viel­leicht nutzen sie Farben, die die eigene Persön­lich­keit bunt machen. „Ich bin ein Roter, ein Grüner, ein Gelber“. Das ist hilf­reich für alle, die sich zum ersten Mal bewusst werden, dass es Unter­schiede über­haupt gibt. Vor allem, wenn das dahin­ter­lie­gende System einfach ist, weshalb vor allem die plaka­tiven Tests bei Laien sehr beliebt sind, etwa MBTI® und DISG®. Auch mein Stär­ken­test ist fraglos eher leichte Kost.

Girl squinting at youDarüber wiederum wettern die Psycho­logen, die wissen­schaft­liche Güte­kri­te­rien nicht ausrei­chend beachtet sehen. Gern weisen sie auf den Barnum-Effekt ihn, um Kritik an einem Persön­licht­keits­test zu üben. Dieser bezeichnet die Tendenz von Menschen, mehr oder weniger allge­mein­gül­tige Aussagen anzu­nehmen und sich täuschen zu lassen. Etwa von den Aussagen der Astro­logie, die einer Waage ästhe­ti­sches Bewusst­sein und Intel­lekt unter­stellt und einem Fisch krea­tive Tiefe. Ich fühle mich erkannt, weil es so zutref­fend scheint. aber gleich­zeitig allge­mein genug ist, dass für jeden etwas dabei ist. Viel­leicht iden­ti­fi­ziere ich mich so, dass ich mich danach zu verhalten beginne. Und bestä­tige ich mich selbst. Alles eine große Täuschung?

1. Blinder Fleck: Der Barnum-Effekt oder: eine Täuschung kann nur sein, was jemand als Täuschung defi­niert

Ich frage mich, warum das Auftreten des Barnum-Effekts so verteu­felt wird. Ist es nicht gut, wenn jemand etwas benennen kann und sei es nur seine Eigen­schaften als Waage als tref­fend iden­ti­fi­ziert? Wenn etwas dabei hilft, Worte für sich selbst zu finden – und kann es dann über­haupt Täuschungen geben? Die Frage muss man mit „nein“ beant­worten. Denn schon das Wort Täuschung ist eine Täuschung. Eine Täuschung kann nur sein, was jemand als solche defi­niert und/oder auch als solche annimmt und in Folge ansieht.

Auch die beiden Pole Intro­ver­tiert und extro­ver­tiert können nur durch Defi­ni­tion als Pole bestehen. Es müssten aber gar keine Pole sein, man könnte sie verbunden sehen, als flie­ßend oder jeden Tag anders. Diese Diffe­ren­zie­rung macht den Wald wieder dichter und ist eher etwas für fort­ge­schrit­tene Persön­lich­keits­spa­zier­gänger; für den Einstieg ist es erst mal ganz gut, sich über­haupt zu finden, die eigene Schub­lade aufma­chen zu können. „Ich bin ein INTP (ENFJ oder was auch immer)“ kann das Leben verein­fa­chen. Es kann mit anderen Menschen verbinden, Gesprächs­grund­lage sein, ja, sogar Iden­ti­fi­ka­ti­ons­hilfe. „Ich bin ein Heli­ko­pter“, — vielen hilft das. Viel­leicht könnte es auch anders heißen, viel­leicht ist das Konstrukt nicht ganz sauber. Ist das schlimm? Im Grunde kann es nur schlimm finden, wer an den einen Weg nach Rom glaubt, also an Wahr­heit, die Domäne der Wissen­schaft ist. Für diese Menschen sind wissen­schaft­li­chen Güte­kri­te­rien gemacht. Auch das ist nicht Schlechtes im Sinne von Begren­zendem — so lange man andere Wahr­heit daneben bestehen lassen kann.

2. Blinder Fleck: Sicht­weise als Mess­in­stru­ment anstatt als Kommu­­ni­­ka­­tions- und Entwick­lungs­hilfe

Persön­lich­keits­tests sind für mich ein Kommu­­ni­­ka­­tions- und Entwick­lungs­in­stru­ment. Wenn mehr Test­ent­wickler dazu kämen ihre Entwi­clungen so zu dekla­rieren, anstatt sich Wissen­schaft­lich­keit zu erkaufen und Norm­gruppen und Daten zu verdrehen, damit die perfekte Wahr­heit model­liert wird, wäre vielen gedient. Der Nutzer könnte selbst entscheiden, ob er annimmt, was ihm vorge­setzt wird. Wissen­schaft­lich­keit verschüch­tert auch. Da bekommt er die „Diagnose“, beispiels­weise „nied­rige Gewis­sen­haf­tig­keit“ zu haben und neigt fortan dazu, diese in sein Selbst­bild zu inte­grieren. Er beginnt sich zu verglei­chen und schneidet vor sich selbst schlecht ab. Ohne diesen Stempel einer konstru­ierten Ernst­haf­tig­keit durch Wissen­schaft­lich­keit würde er viel freier mit dem Ergebnis umgehen können.

3. Blinder Fleck: Anspruch für einen zu großen Gültig­keits­be­reich

Aller­dings ist die Akzep­tanz als Kommu­­ni­­ka­­tions- und Entwick­lungs­in­stru­ment schwierig für Menschen, die nach Wahr­heit suchen und sich an etwas fest­halten wollen. Die nach voll­um­gäng­li­chen Inhalten suchen, der All-Inclu­­sive-Persön­­lich­keits­­be­­schrei­­bung. Die Defi­ni­tion „Intel­li­genz ist das, was ein Intel­li­genz­test misst“, die ich noch aus dem Studium in den 1980ern kennen, hat mir rück­bli­ckend sehr gut gefallen, da die Begren­zung und Bedeu­tungs­ge­bung hier inte­griert ist. In neueren Psycho­lo­gie­bü­chern lese ich Dinge wie „Intel­li­genz ist Bildungs­fä­hig­keit“ und das miss­fällt mir, denn es liegt eine viel stär­kere Wertung darin. Wenn man schon unbe­dingt wissen­schaft­lich testen will, dann bitte mit Sinn für die blinden Flecken. Was bitte ist Bildung? Das, was wir heute in der Schule und Uni vermit­teln? Darüber kann man sich nun wirk­lich streiten

„Ich bin eben so“, sagen viele. Persön­lich­keits­tests festigen ihre ohnehin schon stati­sche Welt­sicht. Da kann der Intro­ver­tierte sich schön in seine Komfort­zone zurück­lehnen und weiterhin das Präsen­ta­ti­ons­trai­ning ablehnen. Nicht berück­sich­tigt ist eben auch die verti­kale Persön­lich­keits­ent­wick­lung, die ich mit der Ich-Entwick­­lung nach Loevinger hier vorge­stellt habe. Nied­rige Gewis­sen­haf­tig­keit in den Big Five oder auch Krea­ti­vität, also hohe Offen­heit für neue Erfah­rungen, kann sich auf verschie­denen Stufen völlig unter­schied­lich auswirken und zeigen. Auch nicht alle, die 12 Punkte für den “Heli­ko­pter” in meinem Stär­ken­test haben, sind sich ähnlich. Je weiter die Ich-Entwick­­lung, desto eher wird die Person die verschie­denen Themen, die sie über­fliegt, inte­grieren und dazu Stel­lung beziehen können. Ja, Psycho­me­triker mögen argu­men­tieren, dass Persön­lich­keit relativ stabil ist – sie sehen aber nur verti­kale Eigen­schaften, nicht deren Ausprä­gung.

5. Blinder Fleck: Begren­zungen schaffen anstatt sie aufzu­heben

Indem ich etwas benenne, gebe ich ihm Bedeu­tung. Indem ich diese Bedeu­tung annehme, inte­griere ich sie in mich selbst und viel­leicht sogar mein Leben. „Ich bin intro­ver­tiert“ kann dann zu einem Lebens­ge­fühl werden und der Iden­ti­fi­ka­ti­ons­bil­dung auf die Sprünge helfen. Es kann aber auch zu einer Begren­zung werden. „ich bin ein INTP“ oder ein „AP2“ – was auch immer: es wird einem etwas zuge­wiesen, dass Grenzen um einen selbst zieht. Mich hat bei den Persön­lich­keits­tests gewun­dert, dass gerade beson­ders entwi­ckelte Menschen oft sehr mittig sind. Einige haben immer wieder andere Test­ergeb­nisse, was jeder Retest-Stabi­­lität wider­spricht. Mir hat mal ein wissen­schaft­li­cher Test­ent­wickler gesagt, das spreche für eine nicht ausge­reifte Persön­lich­keits­ent­wick­lung, ein Schwanken im “wer bin ich eigent­lich?” Aber spricht dieses Schwanken nicht gerade für eine Auflö­sung von Grenzen? Ich glaube deshalb, das Gegen­teil ist der Fall. Es könnte sein, dass viele in post­kon­ven­tio­nellen Entwick­lungs­stufen gar nicht mehr richtig „testbar“ sind. Sie können unter­schied­liche Rollen einnehmen und zeigen varia­bles Verhalten. Viele Ich-Suchende kommen mit Test­ergeb­nissen zu mir, die sie am Ende nur begrenzen. Sie fühlen sich anders, aber sind mit dem Anders­sein noch nicht in Harmonie. Sie suchen eine Erklä­rung in Tests und merken, dass sie sie dort nur in Ansätzen finden. “Ich bin viel mehr als ein Test”, ist eine ganz wich­tige Erkenntnis auf dem Weg zu sich selbst.

In meinem Buch agiler Führen habe ich verschie­dene Test­ver­fahren Ich-Entwick­­lungs­­­stufen zuge­ordnet. Mein Stär­ken­Na­vi­gator funk­tio­niert übri­gens auf allen Stufen, da die „Fall­höhe“ ange­passt werden kann.

Hier eine etwas redu­zierte Tabelle dazu.

  Ziel der Stär­ken­ent­wick­lung Passende Tests
E4 (gemein­schafts­be­stimmt) Wahr­nehmen und benennen von Unter­schieden DISG® und einfache Verfahren
E 5 (rational) Wahr­nehmen der eigenen Stärken und der von anderen MBTI® und diffe­ren­zierte Verfahren
E 6 (eigen­be­stimmt) Wahr­nehmen von Antrei­bern für eigenes Verhalten und das der anderen MSA® und Motiv-Tests
Ab E7 (rela­ti­vie­rend) Dialek­ti­sches Inte­grieren verschie­dener (auch wider­spre­chender) Anteile, Auflösen von Begren­zungen MSA®, IE®-Profil

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. […] errei­chen. Poten­zi­al­ana­lysen, können dazu beitragen verbor­gene Talente zu iden­ti­fi­zieren, ebenso Persön­lich­keits­tests – aber auch diese können blinde Flecken haben. Und manch ein Perso­nal­ent­scheider verlässt sich einfach auf seine vermeint­lich gute […]

  2. tue 26. Oktober 2016 at 9:24 — Reply

    Nach drei kommt fünf? Wo ist der vierte Fleck?

  3. jena­ch­demer 9. August 2020 at 20:49 — Reply

    Ja wo ist der 4. Fleck geblieben

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