Kate­go­rien

„Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel“ – Warum Führungs­kräfte diese 6 Eigen­schaften von Helmut Schmidt brau­chen

Published On: 24. November 2015Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Damals war ich kein großer Helmut-Schmidt-Fan. Als er 1982 als Kanzler abtrat, erschien mir als 17Jährige seine Politik zu konser­vativ und liberal. Für mich war er ein Prin­zi­pi­en­reiter, und ich stand damit nicht alleine. Doch mit Helmut Schmidt ist es dann schnell geworden wie mit Depeche Mode — deren Musik zu hören, hätte 1982 niemand zugeben dürfen, ganz anders als heute. Inzwi­schen sehe ich die Sache mit den Prin­zi­pien auch grund­le­gend anders. Die Psycho­logie des Helmut Schmidt bietet Orien­tie­rung für Führungs­kräfte – gegen die Fähn­chen im Wind, die sonst so durch die Gegend flat­tern.

1. Selbst­re­fle­xion schützt vor Dumm­heit und Fana­tismus

Selbst­re­fle­xion ist die reife Form des Selbst­zwei­fels. Menschen, die selbst reflek­tiert sind, stellen sich immer wieder in Frage, aber nicht um darüber ängst­lich und unsi­cher zu werden wie die Selbst­zweifler, sondern um sich von innen zu stärken. Helmut Schmidt reflek­tierte viel. Er war in der Lage, seine Meinung von gestern zu revi­dieren. „Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel“, wird ihm als Zitat oft zuge­schrieben. Es scheint jedoch ursprüng­lich vom Bert­randt Russel zu stammen, einem pazi­fis­ti­schen Mathe­ma­tiker und Philo­so­phen.

Doch auch wenn Schmidt diesen schlauen Satz nicht erfunden hat, so ist er doch spezi­fisch für Menschen wie ihn. Die Gescheiten zwei­feln. Sie stellen ihre Ansichten in Frage, wenn auch nicht sich selbst. Refle­xion schützt vor Dumm­heit. Deshalb fürchten all die Fana­tiker nichts so sehr wie eine offene Refle­xion!

2. Inte­grität verhin­dert Schum­meln und Vertu­schen

Intregre Menschen denken an das große Ganze und nicht nur an sich selbst oder ihre direkte Bezugs­gruppe. Sie handeln auch dann ehrlich und im Sinne der Gemein­schaft, wenn andere nicht prüfen, über­wa­chen und die Einhal­tung der Gesetze kontrol­lieren. Sie brau­chen keine Regeln und Gesetze von außen, keine Kontrolle durch Gesetze, denn sie verhalten sich korrekt und redlich, auch wenn keiner hinschaut.

Inte­grität ist das wich­tigste Gut in unserer Welt. Sie hindert Menschen daran, dem Ruf des Egos und des eigenen Vorteils zu folgen. Inte­grität ist ethisch Selbst­treue und mora­lisch Recht­schaf­fen­heit. Immer verbunden auch mit Selbst­dis­zi­plin.

Für Führungs­kräfte ist innere (ich verhalte mich integer) und äußere Inte­grität (andere sehen mich berech­tigt als integer an) ein wich­tiges Ziel. Perso­naler sollten meiner Meinung nach viel mehr nach Inte­grität in der Persön­lich­keit forschen. Dafür müssen sie aber selbst integer sein… Ein Volks­wa­gen­skandal wäre undenkbar mit inte­grem Führungs­per­sonal.

3. Bildung heißt mehr als “Fach­wissen haben”

Intel­li­genz heißt Bildungs­fä­hig­keit. Deshalb gehen Bildung und Intel­li­genz immer Hand in Hand. Helmut Schmidt war ein gebil­deter Mensch, der viel las. Er konnte aufgrund einer Viel­falt von Wissen in vielen Berei­chen abstra­hieren und Muster und Zusam­men­hänge erkennen. Das ist keine selbst­ver­ständ­liche Fähig­keit. Mich erstaunt oft, wie wenig Führungs­kräfte außer­halb ihres Fach­be­reichs lesen. Helmut Schmidt hatte eine vermut­lich sehr hohe kris­tal­line Intel­li­genz, die nebenbei gesagt auch vor Alters­de­menz schützt. Er hat immer weiter und immer wieder gelernt.

Wer als Führungs­kraft stra­te­gi­sche Entschei­dungen trifft, muss klüger, weit­sich­tiger und bele­sener sein als andere. Er muss über die Grenzen des Fach­be­reichs hinaus­sehen können, und das gelingt nur mit einem breiten Inter­esse an vielen Themen. Die Bedeu­tung der Bildung wird oft unter­schätzt – und Führungs­fä­hig­keit gerade in den letzten Jahren auf reine Kommu­­ni­­ka­­tions- Hand­lungs­kom­pe­tenzen redu­ziert.

4. Unab­hän­gig­keit ist die Voraus­set­zung für einen Stand­punkt

Helmut Schmidt hatte die Fähig­keit, sich eine eigene Meinung zu bilden – auch gegen den Strom. Er hatte einen eigenen Stand­punkt, völlig egal wohin der Main­stream lief. Diese “eigen­wil­lige” Haltung ergibt sich aus dem Motiv Unab­hän­gig­keit. Eine solche Fähig­keit haben nur wenige Menschen. Wenn sie zusam­men­kommt mit Wissen, Bildung und Inte­grität lässt sie meinungs­starke Menschen heran­reifen, die für andere Vorbild sein können.

Es kann aller­dings sein, dass mit der Eigen­wil­lig­keit auch ein gewisser Starr­sinn einher­geht, sichtbar in Schmidts Sonder­stel­lung als Raucher. Aber jede gute Seite hat eben immer auch ihre Über­trei­bung.

5. Prin­zi­pien geben anderen Orien­tie­rung

Schmidts harte Haltung gegen­über der RAF war mir damals nicht sympa­thisch. Rück­bli­ckend hat er nach klaren ethi­schen Prin­zi­pien gehan­delt und das Prinzip höher bewertet als die aktu­elle Situa­tion, ganz im Sinne Imma­nuel Kants. Ob er immer so war? Prin­zi­pi­en­treue unter­scheidet sich grund­le­gend vom Prin­zi­pi­en­reiten. Prin­zi­pi­en­treue muss reifen.

Schmidts Rolle in der Nazi­zeit ist nach wie vor mindes­tens unklar. Ob er seine Prin­zi­pien da schon hatte? Oder ob die Erfah­rung diese haben wachsen lassen? Vieles spricht für mich für letz­teres: Prin­zi­pien entwi­ckeln sich dyna­misch als hand­lungs­wei­sende Ablei­tungen von Werten. Dann bieten sie Orien­tie­rung für viele. Wer echte Prin­zi­pien lebt, ist außerdem in der Lage zu erkennen, dass wider­sprüch­liche Prin­zi­pien neben­ein­ander bestehen können.

6. Christ­liche Werte haben nicht nur mit Reli­gion zu tun

Helmut Schmidt war nicht reli­giös, aber er hielt Reli­gion für wichtig, weil sie Werte vermit­telt. Reli­gion ist Opium für das Volk, schrieb Karl Marx… Was er nicht hören wollte: Es gibt ihm, dem Volk, eben auch Orien­tie­rung. Orien­­tie­rungs- und wertelos, unge­bildet und unre­flek­tiert folgt ein Volk immer eher dem Dummen. Ein biss­chen hebt Schmidt sich mit seiner Haltung damit über die Massen, denn er braucht die Reli­gion selbst nicht, sieht sich aber als notwendig für andere an. Damit gibt er sich den Status des Beson­deren. Aber beson­ders war er auch. Beson­ders weise.

In den Big Five müsste Schmidt eine hohe Offen­heit, hohe Stabi­lität, hohe Gewis­sen­haf­tig­keit und nied­rige Verträg­lich­keit gehabt haben – also ein fast ideal­ty­pi­sches „Leader-Profil“. Im MBTI dürfte der damit ein ENTJ gewesen sein, ein Ratio­na­list, eher extro­ver­tiert, offen und intuitiv sowie konse­quent – wie übri­gens auch Napo­leon, Bill Gates und Aris­to­teles, glaubt man den ameri­ka­ni­schen Cele­­brity-Portalen. „ENTJs are natural born leaders”, steht in einem Portal. Passt ja.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Claudia Hümpel 24. November 2015 at 9:53 — Reply

    Liebe Frau Hofert, mit diesem Vergleich haben Sie sehr tref­fend darge­legt, was die meisten Menschen an Helmut Schmidt geschätzt haben und welche seiner Fähig­keiten sie sich von Poli­ti­kern aber eben auch von ihren Führungs­kräften wünschen. Beson­ders wichtig finde ich in dem Zusam­men­hang den “Blick über den Teller­rand” in Form von Bildung und die offene Ausein­an­der­set­zung und Diskus­sion über Ideen und abwei­chende Stand­punkte. Und auch das ist etwas, was (glaubt man Zeit­zeugen) mit Helmut Schmidt immer möglich und von ihm ausdrück­lich gewünscht war.
    Die ehrliche Ausein­an­der­set­zung mit Ideen, die andere liefern oder auch mit abwei­chenden Einschät­zungen prak­ti­zieren leider auch nur sehr wenige Führungs­kräfte.
    Herz­liche Grüße nach Hamburg
    Claudia Hümpel

  2. Gerjet Kleine-Weischede 24. November 2015 at 10:26 — Reply

    Erfri­schend und bild­haft — danke für die gute Zusam­men­stel­lung!

    Ich denke, was vielen an Helmut Schmidt beson­ders impo­niert hat, ist die Tatsache, dass er neben einer Person vor allem eine Persön­lich­keit war.
    Und mit seiner Persön­lich­keit hat er andere (indi­rekt) aufge­for­dert, Stel­lung zu beziehen, selbst Persön­lich­keit zu zeigen.
    Und Persönlichkeit(sentwicklung) ist etwas, von dem Unter­nehmen profi­tieren können…

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