Kate­go­rien

Familie: Wie unsere Verwandt­schaft das Berufs­leben prägt, wie wir uns befreien

Published On: 4. Januar 2017Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Kürz­lich habe ich mit meinem 15jährigen Sohn seinen Lebens­lauf über­ar­beitet, das bleibt jetzt bitte unter uns, dass ich da einge­griffen habe. Wir haben eine Rubrik erfunden, die haben wir „fami­li­en­be­dingte Lebens­er­fah­rung“ genannt. Da haben wir rein­ge­schrieben, was man in der Schule nicht lernt, und das ist das meiste. Seit 20 Jahren sind Eltern­be­rufe im Lebens­lauf verpönt. Auch über Geschwister schreibt man nicht mehr. Zu Recht. Wenn da steht „Mutter, Haus­frau“ und „Vater, Inge­nieur“ macht das etwas mit den Lesern. Es wirft eine völlig subjek­tive, nicht-data­­ba­­sierte Asso­zia­ti­ons­ma­schine an. Viel­leicht denken wir an einen spie­ßigen Vorstadt­haus­halt, viel­leicht an Fami­li­en­idylle. So oder so sind wir vorein­ge­stellt. Doch auch wenn Fami­li­en­be­rufe nichts im Lebens­lauf zu suchen haben – wie Fotos und Namen, also weitere Hinweise auf sozio­kul­tu­rellen Status -, die Familie prägt uns – auf fünf­fache Weise. Damit wir „Selbst“ werden, sollten wir das erstens wissen und zwei­tens loswerden. Spätes­tens bis 50 😉

1. Berufs­ent­schei­dungen sind meis­tens für oder gegen die Familie, sollten aber besser frei davon sein

Der Papa Kauf­mann, die Mutter Lehrerin: Das kennen wir, das spie­gelt unsere Lebens­welten. Selbst wenn wir dann nicht den Job der Eltern ergreifen, handeln wir in Kenntnis der Eltern-Arbeits­­welt (en). Wir entscheiden uns dann eben dagegen. Ja oder nein – struk­tu­rell kein Unter­schied. Er basiert darauf, dass wir ein Richter oder Künst­ler­leben kennen oder nicht. Berufs­ent­schei­dungen finden deshalb nur in den seltenen Fällen jenseits der eigenen Fami­li­en­kultur statt. Aber auch dann oft nur im vertrauen Umfeld — dem was wir aus dem Fern­sehen und dem Internet “kennen”. Da können die Eltern alle Frei­heiten lassen, die meisten jungen Menschen beju­beln nur vorder­gründig die Frei­heit, und suchen in Wahr­heit nach neuer Zuge­hö­rig­keit. Eine Zuge­hö­rig­keit, die Familie oder nicht-Familie heißt, aber recht wenig mit uns zu tun haben.  Deshalb sollte man sich Zeit nehmen, durch die Gegend reisen, sich auspro­bieren, öfter wech­seln, neue Umfelder suchen. Die Tochter einer Bekannten kam völlig zufällig in die Patho­logie und fing Feuer. Nie im Leben wäre sie auf diese Berufs­idee gekommen. Und keiner hätte sie darauf gebracht.  Sie war hat ihr Fami­­lien-Gepäck deshalb früh hinter sich gelassen.

2. Der Bildungs­stand schreibt sich über Gene­ra­tionen fort, das kann nur die Politik in den Griff bekommen

Immer wieder gibt es Berichte von Arbei­ter­kin­dern in Zeit­schriften wie „ZEIT“, die ihr Arbei­­ter­kind-Sein auch 20 Jahre später noch spüren. Ich bin kein Arbei­ter­kind, aber mir ist sehr klar, dass ich meine bürger­liche Prägung ebenso nicht abstreifen kann. In den 1970er und 1980ern, als ich Abi gemacht habe, war zwar die Abi-Quote ungleich nied­riger, die Systeme aber durch­läs­siger. Haupt­schule war kein Stempel fürs Leben. Letztes Jahr erzählte mir ein Öster­rei­cher von seinen Begeg­nungen mit der deut­schen Lebens­­lauf-Inter­pre­­ta­­tions-Unkultur. Er hatte arglos „Haupt­schule“ in den Lebens­lauf geschrieben. Die ist in Öster­reich ein normaler Weg zur Matura, bei uns hat sie zwischen­zeit­lich das Image eines Looser-Sammel­­be­­ckens. Bildung sollte für alle sein, wir müssen alle gleiche Chancen geben. Erst recht, wenn sie schon von Haus aus ungleich sind. Welche Kinder bekommen den Musik­un­ter­richt, der die Intel­li­genz fördert? Wer kommt früh in Berüh­rung mit Philo­so­phie? In welchen Haus­halten können Eltern auch noch die Inte­gral­rech­nung nach­voll­ziehen? Wenn ich könnte, würde ich das Bildungs­system ändern. Es ginge mir auch um Infor­matik, aber ich würde vor allem freies Denken und Argu­men­tieren, Fantasie, Philo­so­phie und Ethik zu Pflicht­fä­chern machen. Daneben würde ich ein Mindest­alter für Lehrer verlangen und eine “Reife­prü­fung”. Muster­lö­sungen, die jegliche Krea­ti­vität töten — stellen Sie sich vor, heute gibt es Muster­lö­sungen für den Aufbau einer Argu­men­ta­tion, was ist DAS bitte!? — würde ich  abschaffen und Lehrer statt­dessen in Selbst­kenntnis und Urteils­heu­ris­tiken schulen.

3. Der emotio­nale Stil formt sich in der Familie, aber wir können ihn ändern

Es sind oft nicht die Talente, die den Unter­schied zu machen. Es ist die Art und Weise, mit dem Leben umzu­gehen. „Wie denkt jemand?“ ist dabei eine viel entschei­den­dere Frage als „was denkt er“. Die Neigung zu Melan­cholie, der Hang zum Nach­denken, sind ebenso wie ein sonniges Gemüt erblich oder werden früh geprägt. Wir entstehen in einem Ping­­pong-Spiel aus biolo­gi­scher und Umwelt-Prägung, wobei die Umwelt-Prägung eine Menge ausglei­chen könnte, von dem was die Biologie vorgibt. Richard Davidson hat mit seinen Forschungen über den emotio­nalen Stil das vorherr­schende stati­sche Vorstel­lung von Persön­lich­keit gründ­lich erneuert: Wir können uns von fami­liären Prägungen befreien, wenn wir uns dafür entscheiden. Wir können unser Gehirn in eine neue Rich­tung trai­nieren, wenn wir das wollen.

Wir kommen auf die Welt als ein weißes Blatt Papier. Es ist Papier, und die Inhalts­stoffe sind klar, die Gram­matur, die Prägung. Das ist mein Bild für Hera­ti­bi­liät. Was drauf­steht, bestimmen die anderen, das Umfeld. Einschließ­lich aller Lebens­in­ter­pre­ta­tionen: Nennen wir uns kreativ oder unkreativ, bezeichnen wir uns als Kopf- oder Bauch­men­schen? Oft sind es hinder­liche Sätze, die unsere Familie auf unser Papier geschrieben hat. Sätze, die wir später mühsam löschen müssen, damit Platz für neues entsteht und wir wieder das Papier sein dürfen, das wir waren.

4. Der Blick auf Stärken begrenzt unsere Talente, aber wir können ihn weiten

Was erkenne ich als förde­rungs­würdig? Was schätze ich? Der eine hat eine Präfe­renz für das Nicht­kon­ven­tio­nelle, Frei­denken, Unge­wöhn­liche, der andere für das Konven­tio­nelle, sich an Vorgaben haltende, Tradi­tio­nelle. Die eigene Präfe­renz über­trägt man. Nicht ohne Grund heißt es, das Feed­back mehr über den Feed­back­geber aussagt als über den Feed­back­nehmer.  Wir denken nicht, sondern urteilen über Talente und Stärken von anderen. Wir tun das schon, indem wir einige dieser Stärken als solche erkennen und andere nicht. Wir loben für das eine Verhalten; für das andere nicht.

5. Die Schatten der Vergan­gen­heit verfolgen uns, aber wir können sie loswerden

Welche Tabus herr­schen in Ihrer Familie? Über was spricht man nicht? Was sind Themen, die Gene­ra­tionen über­dauern? Carl Gustav Jung hat den Begriff des Schat­tens geprägt. Schatten sind unsere verdrängten Anteile. Sie leben unter dem Teppich. Oft sind sie von größter Symbolik. Ich spüre noch immer das Kruzifix im Zimmer meiner Urgroß­mutter, die ich nie kennen­ge­lernt habe. Sehe über­große Bücher.

Lebens­themen ergeben sich oft aus der Fami­li­en­ver­gan­gen­heit: Geld horten/Geld verprassen, Ordnung halten/Unordnung leben, Leben jetzt/Leben morgen, Angepasstsein/Unkonventionell, gebildet/ungebildet sein, Dasein/Abwesenheit, Zuhause/Auf Reisen. Diese Lebens­themen werden uns oft erst in einer späteren Lebens­phase bewusst, mit 40, 50 Jahren, wenn wir die Schatten endlich unter dem Teppich hervor­holen wollen, um in uns aufzu­räumen. Dann sehen wir nicht mehr nur unsere persön­li­chen Muster, sondern die der Familie, unserer Kultur und unserer Zeit. Wir erkennen Gegen­sätze und Verbin­dungen. Dadurch kommen wir endlich zu uns selbst. Und meist auch beruf­lich zu etwas Neuem, das das Alte entweder inte­griert oder eben außen vorlässt. Nur diesmal bewusst. Und damit können wir wie der Bär auf dem Foto endgültig aus dem been­genden Fami­li­en­koffer klet­tern, der uns geprägt hat. Und den Koffer viel­leicht sogar liebe­voll betrachten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Dagmar Dörner 4. Januar 2017 at 15:49 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    danke für diesen schönen Artikel! Und den schönen Schluss: Ich lerne so langsam, dass das liebe­volle Betrachten der Schlüssel sein kann, damit Berufs­ent­schei­dungen wirk­lich frei und unab­hängig getroffen werden.
    Herz­liche Grüße
    Dagmar Dörner

    • Svenja Hofert 4. Januar 2017 at 22:28 — Reply

      Liebe Frau Dörner, danke Ihnen auch für das Feed­back. Ich mag Ihren “innenhui”-Blog. Ja, und das ist jetzt klar eine fami­li­en­be­dingte Präfe­renz für das Krea­tive 😉 LG Svenja Hofert

  2. Deniz 7. Januar 2017 at 21:10 — Reply

    Hallo Svenja,

    ein schöner Artikel. Ohne selbst Kinder zu haben, verstehe ich das Thema doch stark aus der Perspek­tive des Kind seins. Der Druck fami­liärer seits ist bei vielen ein Problem.

    An der Stelle “Muster­lö­sungen für den Aufbau einer Inter­pre­ta­tion” musste ich leicht schmun­zeln, denn es ist wahr­lich lächer­lich. Ich erin­nere mich an Zeiten, an denen Inter­pre­ta­tionen im Deutsch-Unter­richt vom Lehrer zerrissen wurden, weil die Inter­pre­ta­tion “falsch” war. Krea­tives Denken — Fehl am Platz.

    Aber Lehrer sind auch nur Menschen.

    Beste Grüße
    Deniz

  3. Pascal 7. Januar 2017 at 23:33 — Reply

    Mein großes Problem bei der Berufs­wahl ist es, dass ich emotional an meinen Arbeit­geber gebunden bin. Das liegt einfach daran, dass ich ein sehr gutes Verhältnis zum Chef habe. Ich würde jedoch gerne meinen Job langsam wech­seln. Kannst Du mir sagen, wie ich das am Besten angehen sollte? Die Verdienst­chancen (Mittel­stand und schlechte Konjunk­tur­phase) sind wirk­lich nicht gerade gut und ich würde in der Indus­trie deut­lich besser verdienen.

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