Kate­go­rien

10 Jahre — wie nichts: So lange dauert es wirk­lich zu gründen!

Published On: 12. Dezember 2013Cate­go­ries: Führung

Irgend­je­mand erzählte kürz­lich von diesem ehema­ligen Top-Manager eines Dax-Konzerns, der jetzt einen Retreat in schöner Land­schaft betreibt, teure Semi­nare gibt und schon nach einem Jahr voll ausge­lastet sein soll.

Ja, so SCHNELL kann es gehen. Leider selten im Bereich der Dienst­leis­tungs­grün­dungen rund um Krea­tion, Trai­ning, Bera­tung, Coaching. Könnte auch eine Story sein. Glauben Sie mir: Es wird viel erzählt, was nicht stimmt. Ich habe tolle Websites gesehen und es war kein Auftrag dahinter.

Aber gehen wir mal davon aus, diese Story würde stimmen. Dann ist es so: Die wenigsten Selbst­stän­digen haben derart opti­male Ausgangs­lagen, die bei diesem „Mercedes-S-Klasse der Exis­tenz­grün­dung“ — also einem ehema­ligen Top-Manager — meis­tens da sind:

  • Eine glas­klare Vorstel­lung von dem, was man KANN.
  • Eine glasierte Banane oder rasierte Stachel­beere im Gepäck, d.h. eine echte Nische (wobei es manchmal schon “glasiert” genug ist, ein ehema­liger Vorstand gewesen zu sein)
  • Ein maximal durch Burnout leicht ange­schla­genes Selbst­be­wusst­sein.
  • Ein exqui­sites Netz­werk aus seines­glei­chen mit entspre­chender Zahlungs­be­reit­schaft.
  • Gewohnt, groß zu denken.
  • Das nötige Grün­dungs­klein­geld, um die Praxis gleich in einer Villa am Bodensee zu eröffnen.
  • Ein Personal Profile, das in Deutsch­land maximal 10 weitere Personen haben (apropos glasierte Banane).
  • Männ­lich.

Die Wirk­lich­keit der Exis­tenz­grün­dung sieht ganz anders aus. Bei den meisten dauert es Jahre, bis sie sich eini­ger­maßen etabliert haben. Weshalb ich, mein Slow-Grow-Prinzip geht dieser Tage in die 3. Auflage, nicht müde werden kann, zu raten: Lasst euch Zeit. Es geht nicht in einem Jahr, wenn die Ausgangs­lage “normaler” ist als beim Mercedes-S-Klasse-Gründer. Manchmal reichen drei Jahre, um eini­ger­maßen über die Runden zu kommen, oft ist am Anfang die Tätig­keit als “Sub” notwendig. Meist beginnt dann erst der Befrei­ungs­schlag und die eigent­liche Grün­dung.

Es gibt viele Gründer, die mit einem Fahrrad starten, einige gehen sogar zu Fuß. Der Unter­schied zu dem Mercedes-S-Klasse-Top-Manager-Gründer:

  • Eine eini­ger­maßen verschwom­mene Vorstel­lung von dem, was man machen WILL („was mit Coaching“). Wird auch durch Bera­tung nicht klarer, nur durch TUN und zwar: von anderen bezahltes TUN.
  • Keine glasierte Banane oder rasierte Stachel­beere, sondern nur einen undif­fe­ren­zierten Obst­korb.
  • Ein Selbst­be­wusst­sein im Rahmen der Bezugs­gruppe (also z.B. Illus­­tra­­toren- oder Archi­­tekten-ange­­lehnt).
  • Es gibt viel­leicht ein Netz­werk, aber das ist eben auch „seines­glei­chen“ – alle zu Fuß unter­wegs, z.B. als ehema­lige Studenten.
  • Gewohnt, klein zu denken. Erstens weil Mama und Papa auch klein dachten. Und zwei­tens weil man im vorigen Job, hatte man einen, auch schon nicht viel verdient hat.
  • Gar kein Grün­dungs­klein­geld oder so um die 10.000 EURO.
  • Ein Personal Profile, das in Deutsch­land gut 100.000 weitere Personen haben (etwa als Desi­gner, Foto­graf, Video­ma­cher, Coach etc.)

Und jetzt kommt die Sache mit der Zeit:

  1. Zwischen KANN und WILL liegen Welten. Ehema­lige Manager haben eher gelernt, vom Markt her zu denken (und nicht: ich würde gern, weil ich meine, XY gut zu können). Die meisten Gründer müssen das erst lernen. Die Erkenntnis, dass Wollen NICHT gleich Können ist, braucht auch bis zu drei Jahre.
  2. Das Selbst­be­wusst­sein der Bezugs­gruppe sorgt dafür, dass man sich so klein macht, wie das kollek­tive Selbst­be­wusst­sein ist. Ich habe neulich von einem Fall gehört, bei dem eine promo­vierte Jour­na­listin für höchst anspruchs­volle wissen­schaft­liche Texte ein Euro pro Zeile bekam, am Tag kamen so 80 Euros zusammen. Bis man erkennt, dass daraus nie und nimmer ein Geschäfts­mo­dell wachsen kann, vergehen manchmal wiederum mehrere Jahre.
  3. Das Netz­werk aus seines­glei­chen kanna­bi­li­siert sich selbst, aber es kann nichts Wesent­li­ches  oder Größeres tun, um einen zu (be-)fördern.
  4. Der Mercedes-Manager hat gelernt groß zu denken. Er hatte mit Riesen­bud­gets zu tun. Er gründet gleich eine GmbH und stellt Leute ein. Das macht der Klein­denker nicht. Deshalb kann er der tollste Experte sein, ein Crack der Kommu­ni­ka­tion zum Beispiel. Mit etwas Glück wird er von den Lead-Agen­­turen der Konzerne mit Klein­auf­trägen gefüt­tert. An dicke Fische kommt er nicht.
  5. Das Grün­dungs­klein­geld geht für eine Website drauf, die man alsbald über­ar­beiten lassen muss. Man steckt viel­leicht viel Geld in ein Coaching, in der Hoff­nung das Elixir eines Wunder­dok­tors zu bekommen. Doch die Wahr­heit ist: Alle kochen mit Wasser, auch die super-teuren, und wenn der Gründer die Kraft nicht aus sich selbst holt, sollte man das Geld lieber auf die hohe Kante legen.
  6. Das Personal Profile formt sich bei Menschen, die sich relativ früh und nicht erst mit 55 nach einer Manage­ment­kar­riere selbst­ständig gemacht haben, nun mal auch WÄHREND der Selbst­stän­dig­keit aus.  Das heißt, dass man nach 10 Jahren opti­ma­ler­weise an einem ganz anderen Punkt stehen könnte, wenn man sich dessen bewusst wird.
  7. Frauen. Die Geschlechts­un­ter­schiede sind leider frap­pie­rend. Dass sich jemand mit Doktor­titel der Natur­wis­sen­schaften mit 80 EUR/Tag abfrüh­stü­cken lässt, habe ich bei noch keinem Mann gesehen.

Lerne daraus:

Wachsen Sie in der Selb­stän­dig­keit  und sehen Sie diese nicht als Endpro­dukt, sondern als dauernde (lang­same) Entwick­lung. Gehen Sie lieber mit einem Obst­korb an den Markt, als gleich mit einer glasierten Banane und rasierten Stachel­beere und machen sie nichts zur Banane, das eigent­lich rund ist (anders gesagt: viele Gründer sind mit einem breiten Angebot schneller im Geschäft, als wenn sie etwas auf Krampf beson­ders und einzig­artig zu machen versu­chen).

Sortieren Sie Ihren Obst­korb jähr­lich neu. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Bezugs­gruppe immer kleiner wird. Nehmen Sie mich als Beispiel. In der Bezugs­gruppe der Karrie­re­be­rater bin ich gut aufge­stellt, da es nur sehr wenige gibt, die medial gut und zeit­gemäß aufge­stellt sind, nicht „Eighties“ im Kopf sind und/oder irgendwie esote­risch denken (und faktisch auch mehr machen als reine Bewer­bungs­be­ra­tung, z.B. Karrie­re­pla­nung). In der Bezugs­gruppe der Coachs sähe das anders aus.

Das ist in allen Berei­chen so: Je mehr ihr Bereich über­schwemmt wird, desto eher sollten sie die Bezugs­gruppe wech­seln oder für sich neu defi­nieren, z.B. vom reinen Texter zum Luxus­gü­ter­texter werden. Oder auch neue Geschäfts­mo­delle erfinden, siehe mein Kexpa.

Der Mercedes-Manager geht mit 55 Jahren mehr oder weniger geformt in die Selbst­stän­dig­keit. Sind Sie 35, 40 oder 45, sieht das noch anders aus. Sehen Sie Ihr eigenes Wachstum und lassen Sie sich darauf ein. Ich wurde auf einem  Slow-Grow-Vortrag mal von Land­ma­schi­nen­pro­du­zenten in 3. Gene­ra­tion und Geflü­gel­bauern ange­b­löfft, dass Frei­be­rufler ja keine Unter­nehmer sind — und auch nicht werden könnten. Das ist Bull­shit. Ich habe viele gesehen, die nach fünf, zehn, fünf­zehn Jahren noch mal einen größeren Sprung gemacht haben – eine Agentur gegründet oder einen Laden gekauft. Oder die dann plötz­lich doch noch eine sehr coole Idee hatten, die ohne die jahre­lange Erfah­rung als Selbst­stän­diger nie hätte entstehen können.

Bei dieser Gele­gen­heit: Sind Sie kürzer als 10 Jahre am Markt. Dann helfen Sie Thorsten Visbal und der HEI Hamburg der Frage auf die Spur zu kommen, woran Gründer schei­tern. Die Befra­gung dauert ca. 5–10 Minuten. Hier ist der Link zu den Fragen http://www.hei-hamburg.de/visbal-umfrage. Alle Einträge im gesamten Frage­bogen werden streng vertrau­lich behan­delt und anonym ausge­wertet.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Henrik Zabo­rowski 12. Dezember 2013 at 10:19 — Reply

    Moin moin Frau Hofert, herz­li­chen Dank für diese klaren und doch netten Worte 🙂 Es ist immer wieder gut, ein paar echte Wahr­heiten zur Grün­dung zu lesen. Sonst halten doch zu schnell die “falschen” als Vorbild her.
    Herz­li­chen Gruß in die Hanse­stadt, Henrik Zabor­woski

    • Svenja Hofert 13. Dezember 2013 at 8:46 — Reply

      Danke, danke. Freut mich. Vor allem, dass es nett rüber­kommt, manchmal bin ich nicht sicher, ob mein Holz­hammer weich genug verpackt ist 😉 LG Svenja Hofert

  2. Maja 23. Dezember 2013 at 15:58 — Reply

    Erfri­schend geschrieben!! Danke dafür — kommt einem in diesem doch eher trockenen Themen­feld nicht allzu oft vor die Augen.
    Nachdem ich Wohnungen meines Groß­va­ters geerbt hatte, fasste ich den Entschluss mich selbst­ständig zu machen. Das erste was ich gemacht habe, war mir soft­ware zu kaufen, damit ich von Anfang an alles doku­men­tieren kann, um den Über­blick zu behalten. Wie ich aber Sanie­rungen bezahlen soll, Miet­ver­träge entwi­ckeln usw.… *puuuh* Das mit dem kollek­tiven Selbst­be­wusst­sein — da hab ich mich auch wieder­erkannt. An sich selbst glauben, wenn man seine Fähig­keiten (grad wenn man etwas voll­kommen neues beginnt) nicht genau einschätzen kann, ist nicht so einfach…

    lG Maja

  3. 12 von 12 Oktober 2022 12. Oktober 2022 at 14:50 — Reply

    […] meiner ersten Website. Das Foto von mir!!! 🙈 In einem anderen Notiz­buch habe ich den Artikel „10 Jahre – wie nichts: So lange dauert es wirk­lich zu gründen“ der Karrie­re­be­ra­terin Svenja Hofert wieder­ent­deckt. Ich hatte ihr zu der Zeit noch nicht geglaubt, […]

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