Kate­go­rien

Future Skills 2030: Wunsch­kon­zert oder bald Realität?

Published On: 9. Oktober 2025Cate­go­ries: Aktuell, Karriere
Core Skills und die Realität

Die so genannten Future Skills werden von den Medien gehypt. Doch sie sind oft weit entfernt von der Karriere- und Berufs­wirk­lich­keit. Sie spielen lieber im Wunsch­kon­zert von Bildungs­for­schern. Denn analy­ti­sches Denken, krea­tives Denken  und tech­no­lo­gi­sche Fähig­keiten sind derzeit gar nicht so gefragt. Statt­dessen legt das Hand­werk einen Siegeszug hin. Mate­­rial- und Werk­zeug­kom­pe­tenz taucht aber nirgends auf.

Lena arbeitet als Soft­ware­ent­wick­lerin in einem Indus­trie­un­ter­nehmen. Vor zwei Jahren galt sie als Muster­bei­spiel für eine nd MINT-Karriere. Sie hat die neuen Future Skills inha­liert, die im Future of Jobs Report 2025 des World Economic Forum als entschei­dend für die kommenden Jahre beschrieben werden: analy­ti­sches Denken, Krea­ti­vität, Resi­lienz und tech­no­lo­gi­sche Fähig­keiten rund um KI, Big Data oder Cyber­se­cu­rity.

Plötz­liche Wieder­kehr der Leis­tungs­kultur verun­si­chert

Gleich­zeitig sitzt sie heute nicht mehr nur mit Menschen im Team. Da sind auch digi­tale Mitar­beiter, Bots mit eigenem Login, KI-Systeme, die Rech­nungen prüfen oder ganze Prozesse über­nehmen. Ihre Arbeits­um­ge­bung hat sich gewan­delt. Zusam­men­ar­beit bedeutet für Lena inzwi­schen auch, Schnitt­stellen zu verstehen, Ergeb­nisse von Algo­rithmen zu prüfen und ihre Kommu­ni­ka­tion so zu gestalten, dass digi­tale Agenten einge­bunden werden. Sie sagt, was sie vor allem braucht sei Frus­tra­ti­ons­kom­pe­tenz, denn nie sieht sie ein Ergebnis. Nie hat sie etwas in der Hand.

Dabei schei­tert sie oft nicht an der Tech­no­logie, sondern an der empfun­denen Sinn­lo­sig­keit. Ist es das, was mit dem “Resi­lienz” gemeint ist, fragt sie sich. Wenig Freude macht ihr auch der wieder aufkom­mende Leis­tungs­ethos, wie ich ihn im SPIEGEL-Artikel “Lowper­former” beschrieben habe. Galt gestern nicht noch überall das “New Work”-Kredo?

Die norma­tive Sicht der OECD und das Wunsch­kon­zert der Arbeit­geber

Wie werden Arbeit­geber auf AI reagieren? Bereits jetzt wird sichtbar, dass viele den Weg über Entlas­sung und Neuein­stel­lung gehen. Damit umzu­gehen wird vielen Arbeit­ge­bern schwer­fallen. Auch dafür braucht es Skills… Die Fähig­keit zur Selbst­re­fle­xion etwa — die auch nicht auftaucht.

Immerhin unter­scheidet das OECD-Projekt Future of Educa­tion and Skills 2030 zwischen kogni­tiven und meta­ko­gni­tiven Skills. Meta­ko­gni­tion, also das Denken über das Denken, ist aus meiner Sicht der Schlüssel. Denn aus ihr erwächst auch ein logi­scher Folge­ge­danke: Nehme ich solche Studien unkritsch an oder denke ich darüber nach, wie ich zu Schlüssen komme — und ob dieses Denken nun ziel­dienlich ist. Dass das eine wich­tige Kompe­te­tenz ist, sehen Arbeit­geber aller­dings nicht.

OECD versus WEF: Kritisch betrachtet stehen hier zwei Logiken neben­ein­ander: die Bildungs­vi­sion einer wünschens­werten Gesell­schaft auf der einen Seite und die kurz­fris­tige Markt­er­war­tung von Unter­nehmen auf der anderen, die nicht immer deckungs­gleich sind

Future Skills OECD AI Developments. Eine dritte fehlt: Die Sicht auf mögliche, auch ganz andere Szena­rien.

In den WEF-Future-Skills-Kata­­logen tauchen Themen wie Ambi­gui­täts­to­le­ranz nicht explizit auf. Ein weiterer wich­tiger Aspekt fehlt sowohl der norma­tiven als auch der Arbeit­ge­ber­sicht: So wachsen analy­ti­sche Skills ebenso wenig wie Ambi­gui­täts­to­le­ranz und Resi­lienz nicht auf Bäumen. Sie sind Folgen persön­li­cher Entwick­lung. Dieses entwick­lungs­be­zo­gene Denken ist den Forschern aber fremd. Viel­leicht aus gutem Grund: Es ist kaum bis gar nicht messbar – zu komplex.

 

 

 

Future Skills OECD: Wie die Wirt­schaft auf die AI-Entwick­­lungen reagieren wird

Der Wider­spruch zwischen Prognosen und Realität

Core Skills der OECDDer Future of Jobs Report prognos­ti­ziert, dass fast 40 Prozent der Kern­kom­pe­tenzen bis 2030 ersetzt oder verän­dert werden. Gewinner sind analy­ti­sches Denken, Krea­ti­vität (in der Subforrm “krea­tives Denken”), Resi­lienz und tech­no­lo­gi­sche Fähig­keiten.

Das ist inter­es­sant, denn gleich­zeitig erleben Beschäf­tigte in genau diesen tech­no­lo­gie­in­ten­siven Berei­chen massive Rück­gänge. Meine prak­tisch Erfah­rung sagt, dass zumin­dest derzeit krea­tives Denken keines­wegs flächen­de­cken gefragt ist — ja, teil­weise sogar eher unbe­liebt. Resi­lienz könnte schon eher rele­vant werden, allein schon aufgrund der Turbu­lenzen am Arbeits­markt.

Die Fakten: Siemens streicht in seiner Sparte Digital Indus­tries 5600 Stellen, Bosch baut 13000 Jobs ab, IT-Stel­­len­an­­ge­­bote in Deutsch­land gingen 2024 um rund zehn Prozent zurück, und laut Bitkom haben sechs Prozent der Unter­nehmen bereits IT-Fach­­kräfte entlassen, weitere 14 Prozent rechnen mit Abbau. Auch inter­na­tional kürzen Tech-Firmen in den USA und Asien massiv. Die Diskre­panz ist klar: Was in globalen Reports nach Wachstum klingt, zeigt sich im Markt oft als Schrump­fung.

Stel­len­märkte zeigen oft ein anderes Bild

Online-Stel­­len­­märkte haben sich teils von der Realität in den Städten entfernt. Ein Friseur sucht nicht notwendig im Internet, auch Gastro­jobs landen oft eher in einem Aushang. So ist das Online-Bild teils schief: Welt­weit sind danach Daten­ana­lyse, KI, Cyber­se­cu­rity und Cloud gefragt. Und die Skills? Schlag­worte aus den Studien wie Krea­ti­vität oder kriti­sches Denken erscheinen selten. Eine Studie der Bertels­mann Stif­tung bestä­tigt, dass über­fach­liche Future Skills fast ausschließ­lich bei hoch­qua­li­fi­zierten Posi­tionen genannt werden.

Der Akade­mi­ker­hype und unter­schätzter Bedarf im Hand­werk

Gleich­zeitig wächst der Bedarf an hand­werk­li­chen Fach­kräften. Selbst Sam Altman, CEO von OpenAI, betont, dass beim Bau von Rechen­zen­tren Hundert­tau­sende Elek­triker und Hand­werker gebraucht werden. Goldman Sachs prognos­ti­ziert einen dras­ti­schen Anstieg des Strom­ver­brauchs durch KI-Infra­­struktur, Betreiber in Deutsch­land planen eigene Kraft­werke. Das sind Jobfelder, die in vielen Future-Skills-Kata­­logen nicht berück­sich­tigt werden, in der Realität aber eine zentrale Rolle spielen ‑wie auch das Café als Fluchtort für die Digi­ta­le­lite. Und immer noch studieren die meisten Abitu­ri­enten das, was immer schon auf dem Menü­plan stand, anstatt eine Lehre zu machen. Auch aufgrund solcher Studien, aus Gewohn­heit, weil Eltern am Alten haften und eben aufgrund der Verzer­rung zugungsten von Tech­no­logie im Internet.

Die Basis und das Problem der Mess­bar­keit

Alle Future-Skills-Modelle setzen voraus, dass Basis­kom­pe­tenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen vorhanden sind. Doch PISA 2022 zeigt, dass viele Jugend­liche diese Mindest­stan­dards nicht errei­chen. Ohne dieses Funda­ment lassen sich höhere Kompe­tenzen kaum entwi­ckeln. Hinzu kommt, dass Future Skills wie Ambi­gui­täts­to­le­ranz schwer messbar sind. Die Frage ist, ob es über­haupt eine Kompe­tenz ist — oder nicht viel­mehr eine Folge von Erfah­rung. Kurzum: Kenn­zahlen erzeugen oft mehr Schein­prä­zi­sion als echte Orien­tie­rung.

Stärken entwick­lungs­psy­cho­lo­gisch verstehen

Hinzu kommt: Future Skills entfalten ihre Wirkung erst, wenn sie an indi­vi­du­elle Stärken ando­cken. Menschen sind verschieden analy­tisch, kommu­ni­kativ, prak­tisch, kreativ, sport­lich, denk­schnell. Viel zu wenige wissen, was sie wirk­lich ausmacht. Sie kennen ihre Stärken nicht. Psycho­me­tri­sche Verfahren wie der Strength Finder greifen viel zu kurz, weil sie am Ende doch eher soziale Prägungen messen. Auch Eigen­schaften wie sie die Big Five vermessen, zeigen nicht unbe­dingt auch gleich Stärken – also das, was jemand wirk­lich gut kann. Last but not least: Nicht alle Stärken sind zudem so einfach in abstrakte Worte zu fassen. Das ist bei Talenten nicht viel anders: Während das Fuss­ball­ta­lent wahr­schein­lich auffällt, gehen manche kogni­tive Stärken — wie etwa die Fähig­keit zur Muster­er­ken­nung — manchmal in der sozialen Bewer­tung des Umfelds unter.

Entwick­lungs­psy­cho­lo­gisch betrachtet wachsen Stärken auch nicht durch einma­lige Trai­nings, sondern durch die Entfal­tung von Meta­be­wusst­sein und die Lösung vom Ich-Fokus. Wer reflek­tiert, wie er denkt, handelt und lernt, kann seine Stärken bewusster einsetzen und weiter­ent­wi­ckeln. Erst dieses reflek­tierte Bewusst­sein ermög­licht, Kompe­tenzen auf das nächste Entwick­lungs­ni­veau zu heben.

Tipps für Karriere und Karrie­re­ent­wick­lung: Worauf jetzt setzen?

Eltern, Absol­venten und Berufs­tä­tige sind massiv verun­si­chert. Was soll man denn nun studieren, lernen oder wohin sich weiter­ent­wi­ckeln? Für mich als Karrie­re­ex­pertin ist das klar:

1. Die Grund­lagen als Basis stärken — plus krea­tive Skills

Lesen, Schreiben, Rechnen und allge­meines Daten­ver­ständnis (auch Statistik) sind für alle unver­zichtbar. Ohne das über­lassen wir die Welt der KI. Und diese KI repro­du­ziert und verlän­gert nur unser Denken. Gefähr­lich. Ich meine dazu müssen auch krea­tive Skills gehören, Musi­zieren und Malen, aber auch Werken.

2. Hybride Zusam­men­ar­beit trai­nieren

Lernen Sie, digi­tale Agenten in Prozesse einzu­binden, ihre Ergeb­nisse kritisch zu prüfen und KI als „Co“ zu nutzen. Dazu muss man jedoch verstehen, was KI leisten kann und wo sie ihre Biasses hat.

3. Selbst­denken: Persön­liche Entwick­lung fördern

Die Welt sehen und verstehen – das geht uns immer öfter ab. Wir lassen uns Dinge vorkauen und hören auf selbst zu denken. Wie bildet man sich eine eigene Meinung? Viele wissen das nicht. Übri­gens: Dazu gehört auch das Fühlen. Denken ohne Fühlen gibt es nicht. Denn Sach­lich­keit ist nicht möglich, wenn ich emotional verstrickt bin.

4. Digi­tale Kompe­tenzen — nicht ohne Medi­en­kom­pe­tenz

Experten empfehlen gern digi­tale Tools. Ich meine, wich­tiger ist das Verständnis für Zusam­men­hänge, die Tools sind nach­ge­la­gert. Zum Beispiel müssen alle verstehen, wie Chat­bots zu ihren Einschät­zungen kommen, bevor sie sie nutzen. Medi­en­kom­pe­tenz gehört für mich dazu.

5. Stärken finden und syste­ma­tisch ausbauen

Inves­tieren Sie dort, wo Freude und Stärke zusam­men­treffen. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Gut möglich, dass wir sogar in eine Zeit laufen, die mensch­liche Fähig­keiten wieder viel höher bewertet als tech­ni­sche. Oder in eine Gig-Ökonomie, wo wir von KI enga­giert werden… Es gibt derzeit kein sicheres Szenario.

6. Anti­zy­klisch denken, Hypes meiden

Die unbe­liebten Jobs der Vergan­gen­heit könnten morgen mega­at­traktiv sein – Friseure, Gastro­nomen, Elek­triker, Stras­sen­bauer, Alten­pfleger. Also lieber nicht auf das setzen, was gerade gehypt wird. Glei­ches gilt für alle Themen. Jeder Hype zeigt nur eins: Das bald eine Korrektur kommen muss.

7. Team­skills fokus­sieren

Ziem­lich sicher wird es in der Zukunft wach­sende wech­selnde Zusam­men­ar­beit geben. Das bedeutet, wir müssen lernen, uns immer wieder neu zu koor­di­nieren. Dazu gehört auch der Umgang mit Feed­back und die Fähig­keit, daran zu wachsen…. Auch nicht ganz uner­heb­lich: Die Fähig­keit, sich auf etwas zu konzen­trieren, das über den eigenen Inter­essen steht. Durchaus wichtig auch für Führungs­kräfte.

Mehr zu diesen Themen lernen? Dann besu­chen Sie jetzt meine Akade­mie­seite.

Quellen:

  • World Economic Forum, Future of Jobs Report 2025
  • OECD, Future of Educa­tion and Skills 2030
  • OECD, PISA 2022 Ergeb­nisse
  • World Economic Forum (2025): The Future of Jobs Report 2025. P21, Frame­work for 21st Century Lear­ning
  • Euro­päi­sche Kommis­sion, DigComp 2.0
  • Stifterverband/McKinsey, Future Skills
  • Bertels­mann Stif­tung, Kompe­tenzen für morgen
  •  In-demand Tech Skills World Economic Forum (2025): The Future of Jobs Report 2025. Grafiken:

Grafiken:

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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