Kate­go­rien

Gefähr­liche Poten­zi­al­ana­lyse: Wie Sie die schwarzen Schafe der Branche erkennen

Published On: 3. März 2015Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

katzeWer bin ich? Diese Frage treibt jeden von uns um. Und Tests scheinen uns eine Antwort zu geben. Ähnlich wie die Astro­logie. Ich bin eine Waage, Aszen­dent Skor­pion. „Klar, hätte ich sofort gewusst“, werden Astro­ex­perten sagen, wenn sie das hören: „die Svenja Hofert ist ja ganz typisch eine Waage“. Ich habe einige gefragt, die mein Geburts­datum nicht kennen konnten… was denken Sie, wer bin ich? Niemals kam jemand auf Waage. Aber wenn sie es dann wussten! Oh, dann konnten sie natür­lich meine Venus­ei­gen­schaften quasi mit den Händen greifen. Die Wellen im Haar. Und diese Neigung zu leichten Spitzen, die ich hätte – absolut Skor­pion.

Wir suchen nach Wahr­heiten…

Was ich damit sagen will: Wenn wir meinen, wir wären dies oder jenes, hätten diese oder jene Eigen­schaft konstru­ieren wir unsere Wirk­lich­keit darum herum. Wir sehen lauter Bestä­ti­gungen für das, was wir da gerade gelesen und gesehen haben. Gegen­be­weise blenden wir aus. Und das ist der Grund, warum man uns so leicht das Geld aus der Tasche ziehen kann. Erst recht, wenn wir nicht so gefes­tigt sind und gerade auf der Suche nach uns selbst sind. Kennen wir alle: Ich mache mich nicht frei davon…

Vor unge­fähr 14 Jahren sagte mir ein Captain-Test­­er­gebnis (ein übri­gens durchaus seriöser psycho­me­tri­scher Test), ich wäre kein idealer Einzel­kämpfer. Ich habe das verflucht und das Ergebnis wegge­packt – und viele Jahre auf der Komman­do­brücke  ganz allein funk­tio­niert, und zwar nicht schlecht. Aber natür­lich hole ich mir den Test just in dem Augen­blick hervor, als ich merke: Das ist keine Lösung bis zur Rente, erfolg­reich, ja, aber… ich brauche auch Verän­de­rung. Und jetzt suche nach Belegen für meine These, dass ich eben kein Einzel­kämpfer bin. Das liegt so in der Natur des Menschen, mindes­tens in der des analy­tisch orien­tierten.… Ist also völlig normal. Ich sage das, damit sie mich nicht für über­heb­lich halten, wenn ich über Geni­us­re­port und andere schreibe, das ich hier nicht verlinken möchte. Einen Text wie diesen hatte ich schon länger im Kopf, als mich Recru­­tain­­ment-Chef Joachim Diercks via Face­book darauf aufmerksam machte. Und deshalb musste es jetzt sein.

Das Angebot des Geni­us­re­port ist  in der Kate­gorie “überaus zwei­fel­haft” führend. Mit Erschre­cken musste ich fest­stellen, dass sich sogar Coachs, deren Namen mir durchaus geläufig sind, dort ange­dockt haben und als “Genius-Coaches” hergeben. Ich hätte auch nie ein Wort darüber verloren, wenn die oder genauer der Betreiber dort geblieben wäre, wo er hinge­hört: In der Esoterik. Aber das Portal macht bewusst auf nicht-esote­risch, lehnt sich optisch sogar an Gallup an. Und nennt sich Talente‑, Poten­­zial- und Persön­lich­keits­ana­lyse. Und damit über­schreitet es Grenzen.…

Lauter Wort­hülsen, mit denen  man sich gut iden­ti­fi­zieren kann

Was geschieht dort? Mit astro­lo­gi­schen Daten werden dort Profile erstellt. Es gibt einen Gratis­re­port; ein ausführ­li­cher Report kostet 150 EUR. Ich habe es für mich und meinen Sohn getestet. Da stimmt exakt: gar nichts. Es ist wie es sein muss: so allge­mein, dass jeder darin etwas finden kann. Vorge­schmack?

„In jenen Aspekten, die weiter außen liegen, kann ich mich sehr selbst­be­stimmt entfalten. Hier wirke ich stark auf meine Umge­bung und andere.”

Oder Team­ar­beit:

„Für mich ist Team­ar­beit dann produktiv, wenn ich mich mit meinen Beiträgen gut einbringen kann und diese Beiträge auch aner­kannt werden. Ich achte in der Team­ar­beit auf Effi­zienz und mir ist es auch wichtig, dass sich jedes Team­mit­glied befrie­di­gend entfalten kann.“

Ach? Jemand, der das nicht so sehen würde, wenn …. Ja, wenn ihm/ihr das in den Mund gelegt würde. Bei mir und meinem Sohn sind die Ergeb­nisse übri­gens fast gleich, dabei ist er Fisch…

In diesem Zusam­men­hang einfach einmal ein paar Tipps, wie Sie zwei­fel­hafte Ange­bote wie den Geni­us­re­port erkennen:

  • Wissen­schaft­lich zu sein, kann jeder behaupten. Inso­fern wird sich das auch fast jeder Anbieter selbst zuschreiben. Achten Sie darauf, dass Namen der “Wissen­schaftler” und der Urheber genannt werden. Denken Sie nicht, Wissen­schaft ist immer “gut”. Auch Prak­tiker können sinn­volle Verfahren entwi­ckeln. Isabel Myers (MBTI) und David Keirsey (wandelte den MBTI ab) mögen unter deut­schen Psycho­logen keinen guten Stand haben – aber was sie auf die Beine gestellt haben, ist deut­lich mehr als nur ein paar Zahlen zu würfeln. Aber, so oder so: Ein Name sollte da stehen. Und der sollte goog­lebar sein, an einer Univer­sität lehren, als Prak­tiker ansprechbar sein und insge­samt einen guten Leumund haben (etwa durch vorhe­rige jahre­lange und einschlä­gige Tätig­keit).
  • Achten Sie auf gut abge­grenzte und eindeu­tige Texte. Bei zwei­fel­haften Ange­boten sind diese auf “soziale Erwünscht­heit” hin zu geschrieben. Das heißt, Menschen werden so beschrieben, wie sich fast jeder gern sieht. Bei genauer Betrach­tung treffen sie auf “alle” zu, oder fast alle. Die Diffe­ren­zie­rung ist minimal.
  • Infor­mieren Sie sich, auf welchem Verfahren etwas beruht. Wissen­schaftler und Prak­tiker erfinden selten etwas neu, sondern entwi­ckeln meis­tens etwas weiter. Die meisten Test­ver­fahren beruhen entweder auf C.G. Jung (MBTI®, Keirsey etc.), den Big Five (Odbert und Allport) oder Mouton Marston (DISC®, DISG®).
  • Schauen Sie sich die Daten zur Objek­ti­vität, Relia­bi­lität und Vali­dität an — oder ob diese über­haupt vorhanden sind. Je mehr Detail­infos, desto schwie­riger verständ­lich für Nicht-Statis­­tiker – aber auch besser. Ein guter Test ist, jeden­falls wenn er behauptet wissen­schaft­lich zu sein, weiterhin geeicht, d.h. es gibt eine möglichst große Norm­gruppe.
  • Vorsicht bei kommer­zi­ellen Ange­boten. Wissen­schaftler stellen Ihre Test­skalen oft sogar kostenlos zur Verfü­gung. Je mehr Geld jemand mit einem Verfahren verdienen möchte, desto kriti­scher sollten Sie es hinter­fragen. Das macht kosten­lose Ange­bote nicht per se gut und kosten­pflich­tige nicht schlecht. Schauen Sie sich deshalb immer auch die Moti­va­tion an, mit der jemand etwas ins Netz gestellt hat: Aufklä­rung? Persön­liche Begeis­te­rung wie z.B. Lars Lorber von Typen­test? Oder schlichte Geld­mache?

Falls Sie lieber uneso­te­risch an Ihren Stärken arbeiten wollen (ja, das ist nun mal immer auch Arbeit), haben wir bei Kexpa® so einiges für Sie. Und sonst: Bei Karriere & Entwick­lung sind Stärken natür­lich auch immer wieder wich­tiges Thema.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Gerjet Kleine-Weischede 3. März 2015 at 16:34 — Reply

    Sehr aufschluss­reich auch folgendes Passagen aus dem “Genius-Manual”:

    “Der Geni­us­Re­port wird ausschließ­lich aus den möglichst exakten Geburts­daten eines Menschen erstellt. Dem liegt die Annahme zu Grunde, dass die Welt, in der wir uns bewegen, durch eine mathe­ma­ti­sche Matrix defi­niert ist, die durch einen binären Code aus Nullen und Einsen darstellbar ist. […] Die DNS, also die gene­ti­sche Erbinfor­ma­tion, die den Bauplan für jedes Leben darstellt, entspricht in ihrem Wesen eben­falls einem binären Code.”

    Schlich­tere Naturen mögen vor solch einer bass komplexen Matrix erstarren wie das Kanin­chen vor der Schlange. Alle anderen fragen sich in diesem Moment, wo genau in diesem “Erklär”-Modell Platz für Umwelt­ein­flüsse, Charak­ter­züge, Vorlieben etc. ist — oder sind alle am 17.03.1972 um 00:54:07 Uhr geboren Menschen intro­ver­tierte Vege­ta­rier mit Hang zu räum­li­cher Vorstel­lungs­kraft?

    Aber ich denke hier schon viel zu kritisch — zum Glück holen mich die Autoren mit einem Totschlag-Argu­­ment demütig auf den Boden der Tatsa­chen zurück:

    “Stellt der Geni­us­Re­port einen Nutzen, Mehr­wert und Erkennt­nis­ge­winn für dich dar?
    Wenn dem so ist, bleibt die Frage, ob die Wissen­schaft erklären kann warum das so ist, für dich sekundär.”

    Mit anderen Worten: “Frag nicht — zahl…”

  2. […] vielen Methoden, Antworten auf diese Frage zu bieten. Svenja Hofert hat in ihrem neuesten Artikel „Gefähr­liche Poten­zi­al­ana­lyse: Wie Sie die schwarzen Schafe der Branche erkennen“ einen beson­ders frag­wür­digen Anbieter aufgetan: Der Geni­us­Re­port ist laut eigener Aussage „eine […]

  3. Burk­hard May 13. März 2015 at 12:01 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    danke, dass Sie sich mit der Thematik ausein­an­der­setzen.

    Offen gesagt, mir kommt insbe­son­dere bei Typen-Tests regel­mäßig die Galle hoch. Es bleibt dabei, dass es meiner Kenntnis nach keine über­zeu­genden Belege für die reale Exis­tenz von Typen gibt. Gleich welche Theorie man heran­zieht.

    Das Problem haben auch etablierte Verfahren wie der MBTI. Aller­dings gibt oder gab es zumin­dest hinter diesem Verfahren eine ernst­zu­neh­mende Commu­nity, die sich intensiv mit der Analyse und Opti­mie­rung des Tests beschäf­tigt hat. Will sagen: die Ausein­an­der­set­zung mit dem Verfahren findet wenigs­tens auf einer trans­pa­renten und wissen­schaft­li­chen Grund­lage statt. Auf der Basis kann man disku­tieren und ggf. auch produktiv streiten.

    Ein weiteres Beispiel für die Kate­gorie “Toll vermarktet — aber wohl nix dahinter” ist der allseits bekannte INSIGHTS MDI. Die Trans­pa­renz geht weiter gegen null. Und nebu­löse Quali­täts­be­lege und nicht zu über­prü­fende Aussagen wie “unser Test hat eine hohe Tref­fer­quote” — was auch immer das bedeuten soll, machen es auch nicht besser. Der unge­lenkte Versuch des Vertrei­bers die DIN 33430 als Marke­ting­in­stru­ment zu miss­brau­chen spricht dabei Bände.

    Ich bin gespannt, ob die Kommerzialisierung/Privatisierung auch altvor­deren Verfahren wie dem MBTI und dem 16-PFR früher oder später ein ähnli­ches Schicksal bescheert. Ich hoffe es nicht, es steht aber zu befürchten.

    Und wenn wir schon von Test­gü­te­kri­te­rien spre­chen: Die Frage ist, wer sie ermit­telt oder zumin­dest geprüft hat.

    Für mich bleiben das Test­ku­ra­torim des BDP und der Schweizer SDBB nach wie vor die zuver­läs­sigsten Infor­ma­ti­ons­quellen.

    Beste Grüße!

    • Svenja Hofert 15. März 2015 at 9:50 — Reply

      Hallo Herr May, danke für den Kommentar. Je mehr ich mit Tests arbeite, desto weniger über­zeugt bin ich. Und das betrifft den 16PF genauso wie den MBTI, der aus gutem Grund in die Hände der Massen geraten ist (er ist nämlich verständ­lich und ohne Vorkennt­nisse inter­pre­tiertbar). Natür­lich sollten sich Profis über diese Quellen infor­mieren. Nur hat das Internet Tests für die Massen frei­ge­geben. Und diese Massen haben gar nicht das Werk­zeug sich über diese Quellen zu infor­mieren, geschweige dass sie irgendwas verstehen würden. Es wird aus meiner Sicht zu wenig gesehen, dass wir in eine neue Ära einge­treten sind, in der es nicht darum geht Vali­di­täts­kri­te­rien zu erör­tern, die nur Einge­weihte verstehen.… LG Svenja Hofert

  4. […] vielen Methoden, Antworten auf diese Frage zu bieten. Svenja Hofert hat in ihrem neuesten Artikel „Gefähr­liche Poten­zi­al­ana­lyse: Wie Sie die schwarzen Schafe der Branche erkennen“ einen beson­ders frag­wür­digen Anbieter aufgetan: Der Geni­us­Re­port ist laut eigener Aussage „eine […]

  5. Andreas Lehmann 17. Oktober 2017 at 10:49 — Reply

    Vielen Dank für Ihren Text. Schön, dass mal jemand genauer hinschaut und mit einem kriti­schen Blick durch die Welt geht!

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