Kate­go­rien

Geschickt um Geld verhan­deln: Den Anker­ef­fekt nutzen!

Published On: 7. Januar 2014Cate­go­ries: Karriere, Psycho­logie der Verän­de­rung

Starten wir heute einmal mit einer kleinen Denk­sport­auf­gabe: Ein Kollege von Ihnen erfährt, dass in dem Unter­nehmen, in dem er sich bewirbt, der eine Mitar­beiter 40.000 Euro verdient und der andere für dieselbe Arbeit 80.000. Beide sind etwa gleich alt und verfügen über exakt dieselben Quali­fi­ka­tionen und Erfah­rungen. Der Kollege bittet Sie um Rat, mit welchem Gehalt er in die Verhand­lung einsteigen sollte. Welche Gehalts­vor­stel­lung sollte er Ihrer Meinung nach nennen?

Wahr­schein­lich haben Sie jetzt gedacht: etwas in der Mitte. Falsch! Ich würde ihm raten: Beginnen Sie bei 90.000 Euro, das ist aus takti­schen Gründen der bessere Wert. Der Effekt, den ich hier darstelle, nennt sich Anker­ef­fekt. Wir nutzen vorhan­dene Infor­ma­tionen als Anker, an denen wir uns orien­tieren. Das betrifft die Höhe von Gebäuden, Jahres­zahlen, Alter etc. Sogar wenn wir im Roulette eine “vier” gesehen hat, wirkt diese Zahl nach. Sollten wir danach Bonbons kaufen gehen, werden es vermut­lich um die vier sein, höchst­wahr­schein­lich jedoch keine 40…

Anker machen sich auch in den Jahres­ver­hand­lungen bemerkbar. Wenn Lina weiß, dass der Kollege Lars 10% mehr verlangt und bekommen hat, wird sie ihren eigenen Anker bei der Gehalts­ver­hand­lung gleich oder höher ansetzen. Wenn sie aber erfahren hat, dass bei 2% vom Chef schon „zu viel“ signa­li­siert worden ist, wird sie entspre­chend vorsich­tiger heran­gehen und beschei­de­nere Vorstel­lungen äußern. In der Situa­tion oben ist es genauso und es kommt noch etwas dazu: der Marke­ting­ef­fekt der hohen Gehalts­for­de­rung. Was teuer ist, wird auto­ma­tisch als besser einge­schätzt. Der Geschäfts­führer wiederum weiß, dass er unter­schied­liche Gehälter zahlt, 90.000 werden ihn also nicht über­ra­schen, denn sein Anker sind 80.000 – also nahe dran an den 90.000.

Der Anker­ef­fekt funk­tio­niert in alle Rich­tungen: Mir sendete eine Free­lan­cerin eine nied­rige Hono­rar­vor­stel­lung. Im Grunde hätte ich doppelt so viel bezahlt. Aber da der Anker ja nun gesetzt war, bot ich nur noch etwas mehr an, um mein schlechtes Gewissen etwas zu beru­higen.

Das funk­tio­niert auch in die andere Rich­tung. Wenn Sie sagen, dass Ihr normales Honorar bei 180 EUR/Stunde liegt, wird Ihnen niemand, der in Verhand­lungen mit Ihnen eintreten möchte, 80 abver­langen. Kunden werden sich viel­mehr schon über 170 freuen. Also, wenn Sie das nächste Mal um Geld verhan­deln, denken Sie daran: Sie setzen den Anker. Im Zweifel lieber etwas höher als zu niedrig.

Mehr schlaue Tipps rund ums Geld erfahren Sie in unserem Selbst­lern­kurs “Gehalt­voll verhan­deln”.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

4 Kommen­tare

  1. Ralf Metz 8. Januar 2014 at 9:15 — Reply

    Liebe Svenja,

    sehr guter Punkt — es gibt Momente, da ist Beschei­den­heit eher hinder­lich denn förder­lich.
    Entschei­dend ist für mich dabei immer, dass ich das Lohn­ge­füge unge­fähr kenne. Hier in der Schweiz werden gerade in grös­seren Konzernen nicht einmal die Gehalts­bänder veröf­fent­licht. Ich könnte mir vorstellen, dass das von Dir ange­spro­chene Thema auch ein Grund dafür ist.

    Darüber hinaus — ich habe einfach selbst die Erfah­rung gemacht, wenn etwas ‘billig’ ist, dann bin ich geneigt eher davon auszu­gehen, dass da etwas nicht gut dran ist.
    Gute Qualität hat ihren Preis — denke die Kunst hierbei ist es, die Balance zu finden zwischen seinen eigenen Wert zu kennen und dem Markt-Umfeld, ansonsten kann die Gefahr bestehen, dass man als masslos / gierig oder aber auch einfach nur unwis­send wahr­ge­nommen wird.

  2. Dr. Vincent Ruland 10. Januar 2014 at 16:38 — Reply

    Gab es nicht Studien die belegen, man solle mit unrunden Zahlen in die Verhand­lungen starten?

    • Svenja Hofert 11. Januar 2014 at 13:44 — Reply

      ja, das ist ein weiterer Aspekt. Wobei ich nie ein Gehalt von 89.999 nennen würde 😉

  3. […] Und defi­nieren Sie eine Forde­rung, mit der Sie in Gehalts­ver­hand­lungen einsteigen. Gehen Sie hier im Zwei­fels­fall lieber etwas zu hoch als etwas zu niedrig. Forde­rungen zu redu­zieren ist in der Regel relativ einfach, solange sie inner­halb des markt­üb­li­chen Rahmens liegen. Ursprüng­liche Forde­rungen zu erhöhen ist meist nicht mehr möglich. (Lesen Sie hierzu auch den Artikel von Svenja Hofert “Geschickt um Geld verhan­deln: Den Anker­ef­fekt nutzen“.) […]

Leave A Comment