Kate­go­rien

Mach(t) mit! Von den posi­tiven und nega­tiven Wirkungen des Grup­pen­zwangs

Published On: 8. Mai 2014Cate­go­ries: Karriere, Psycho­logie der Verän­de­rung

Gerade schreibe ich mit Kollege Thorsten Visbal an einer „Team­bibel“ (hier das Vorgän­ger­buch). Dabei geht es natür­lich auch um Grup­pen­phä­no­mene. Über faule Hänge­­matten-Co-Worker und die leis­tungs­ver­rin­gernde Wirkung mancher Team­ar­beit habe ich hier schon mehr­fach berichtet, nicht jedoch über den Grup­pen­zwang, den man auch mit „Konfor­mi­täts­druck“ über­setzen könnte.

Konfor­mi­täts­druck ist eine Neben­er­schei­nung des natür­li­chen Wunsch nach Zuge­hö­rig­keit. In Unter­nehmen und der rest­li­chen Welt. Freund­li­cher­weise werden mir gele­gent­lich blog­taug­liche Firmen­in­terna berichtet. Ins Staunen versetzte einen Frei­be­rufler neulich etwa, dass die Team­lei­terin seines Auftrag­ge­bers mit vier Kollegen vor dem Bild­schirm saß und über einen Bewerber nach dem anderen lästerte. „Alter Sack“, war noch ein harm­loser Kommentar zu den Bewer­bungen. So viel zu wert­schät­zenden Umgang und zu einer fort­schritt­li­chen Diver­sity, Stich­wort Alt und Jung. Meinen Kontakt scho­ckierte die Beob­ach­tung. Das so etwas möglich ist, hielt er nicht für möglich. Ich schon. Ob es um das Design geht („das ist doch mal echt inno­vativ!) oder die Meinungs­bil­dung in Bewer­bungs­fragen: Es sind immer nur wenige, die den Ton angeben. Manchmal einfach kraft ihrer domi­nan­teren Persön­lich­keit. Bei einer Team­lei­terin kommt noch ihre formale Macht­funk­tion dazu, die die anderen kuschen oder kuscheln lässt.

Kuschen, kuscheln oder Meinung sagen?

Mögli­cher­weise ist es auch kein oder nicht nur ein Kuschen oder Kuscheln, sondern ein Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl. Wenn alle lachen, fühle ich mich gut und einge­bunden. Dies ist vor allem bei Menschen, die sich über kollek­tive Zuge­hö­rig­keit defi­nieren, wichtig. Sie sind eher nicht so kritik­freudig, gehen nicht so leicht in die Oppo­si­tion wie indi­vi­dua­lis­ti­sche Persön­lich­keiten. Indi­vi­dua­listen wiederum ecken an. Oder vermeiden die direkte Konfron­ta­tion und machen ihr Ding, still stau­nend, siehe Fall­bei­spiel.

MS Office

MS Office

Aber etwas sagen? Lieber nicht, sagen sich auch viele Indi­vi­dua­listen. Dann wäre man ja Petze. Und über­haupt, was kann man schon bewirken? Anpas­sung erfolgt auch oft aus Unsi­cher­heit und der mensch­li­chen Tendenz sich einer Mehr­heits­mei­nung anzu­schließen, selbst wenn man privat eine andere vertritt. Aufmu­cken ist nicht jeder­manns Sache. „Wenn alle das so sehen, denke ich immer, das muss wohl richtig sein“, erzählt mir eine eher stille Kundin. „Außerdem will ich mich nicht wirk­lich mit diesen Themen ausein­an­der­setzen. Was bringt das schon?“

Leis­tung durch Anpas­sung

Was eine Gruppe aber auch im Posi­tiven bewirken kann! Neulich habe ich breit­schlagen lassen, bei einem Grid Strength-Kurs von Les Mills mit zu machen. Das ist ein mega­hartes 30-Minuten-Inter­­vall-Trai­­ning in der Klein­gruppe, und ich hatte vorher schon eine Stunde Hantel­tra­ning hinter mir. Der Trainer läuft rum, beugt sich vor dich und blökt dich an. Nach geschaffter Einheit und zum Ende schlägt man die Hand­flä­chen gegen­ein­ander — und alle lächeln verschwitzt. Hier war die Gruppe eindeutig leis­tungs­stei­gernd. Ohne das Anfeuern hätte ich Dienst, äh Liege­stütze, nach Vorschrift gemacht. So habe ich alles gegeben.

Ist Grup­pen­zwang also positiv oder negativ?

Beides. Und jetzt kommt das Schwie­rige. Wann erkennen Sie, dass der Grup­pen­zwang gut ist und wann, wenn er eine Gefahr da stellt? Ich fürchte, hier müssen wir unser ethisch-mora­­li­­sches Bewusst­sein (re-)aktivieren. Welche Werte haben Sie? Fair­ness? Tole­ranz? Das sind Werte, auf die sich viele einigen können, die aber durchaus verschieden ausge­legt werden können. Und manchmal werden sie auch aus Bequem­lich­keit zum Schweigen gebracht.

Ist Ihr Wert Wert­schät­zung oder Gerech­tig­keit für alle? Bei solchen Werten kann und darf man so ein Verhalten wie das der Team­lei­terin eigent­lich nicht tole­rieren. Ist es für Sie selbst wert-voll gegen Unge­rech­tig­keit anzu­gehen, sollten Sie das Wort erheben. Zu der Dame könnte man sagen: „würdest du dir das wünschen, wenn du dich bewirbst?” Ein Zusatz wie “Ist es ange­messen für eine Führungs­kraft über Bewerber zu lästern?” wäre dagegen nur dem Vorge­setzen, also der nächst­hö­heren Ebene erlaubt.

Wie  befreit man sich vom Grup­pen­zwang? Zur rich­tigen Zeit “nein” sagen. Spätes­tens dann, wenn man merkt: Da ist irgend­etwas nicht in Ordnung.

 

 

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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