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Mach(t) mit! Von den positiven und negativen Wirkungen des Gruppenzwangs

Gerade schreibe ich mit Kollege Thorsten Visbal an einer „Teambibel“ (hier das Vorgängerbuch). Dabei geht es natürlich auch um Gruppenphänomene. Über faule Hängematten-Co-Worker und die leistungsverringernde Wirkung mancher Teamarbeit habe ich hier schon mehrfach berichtet, nicht jedoch über den Gruppenzwang, den man auch mit „Konformitätsdruck“ übersetzen könnte.
Konformitätsdruck ist eine Nebenerscheinung des natürlichen Wunsch nach Zugehörigkeit. In Unternehmen und der restlichen Welt. Freundlicherweise werden mir gelegentlich blogtaugliche Firmeninterna berichtet. Ins Staunen versetzte einen Freiberufler neulich etwa, dass die Teamleiterin seines Auftraggebers mit vier Kollegen vor dem Bildschirm saß und über einen Bewerber nach dem anderen lästerte. „Alter Sack“, war noch ein harmloser Kommentar zu den Bewerbungen. So viel zu wertschätzenden Umgang und zu einer fortschrittlichen Diversity, Stichwort Alt und Jung. Meinen Kontakt schockierte die Beobachtung. Das so etwas möglich ist, hielt er nicht für möglich. Ich schon. Ob es um das Design geht („das ist doch mal echt innovativ!) oder die Meinungsbildung in Bewerbungsfragen: Es sind immer nur wenige, die den Ton angeben. Manchmal einfach kraft ihrer dominanteren Persönlichkeit. Bei einer Teamleiterin kommt noch ihre formale Machtfunktion dazu, die die anderen kuschen oder kuscheln lässt.
Kuschen, kuscheln oder Meinung sagen?
Möglicherweise ist es auch kein oder nicht nur ein Kuschen oder Kuscheln, sondern ein Zugehörigkeitsgefühl. Wenn alle lachen, fühle ich mich gut und eingebunden. Dies ist vor allem bei Menschen, die sich über kollektive Zugehörigkeit definieren, wichtig. Sie sind eher nicht so kritikfreudig, gehen nicht so leicht in die Opposition wie individualistische Persönlichkeiten. Individualisten wiederum ecken an. Oder vermeiden die direkte Konfrontation und machen ihr Ding, still staunend, siehe Fallbeispiel.
Aber etwas sagen? Lieber nicht, sagen sich auch viele Individualisten. Dann wäre man ja Petze. Und überhaupt, was kann man schon bewirken? Anpassung erfolgt auch oft aus Unsicherheit und der menschlichen Tendenz sich einer Mehrheitsmeinung anzuschließen, selbst wenn man privat eine andere vertritt. Aufmucken ist nicht jedermanns Sache. „Wenn alle das so sehen, denke ich immer, das muss wohl richtig sein“, erzählt mir eine eher stille Kundin. „Außerdem will ich mich nicht wirklich mit diesen Themen auseinandersetzen. Was bringt das schon?“
Leistung durch Anpassung
Was eine Gruppe aber auch im Positiven bewirken kann! Neulich habe ich breitschlagen lassen, bei einem Grid Strength-Kurs von Les Mills mit zu machen. Das ist ein megahartes 30-Minuten-Intervall-Training in der Kleingruppe, und ich hatte vorher schon eine Stunde Hanteltraning hinter mir. Der Trainer läuft rum, beugt sich vor dich und blökt dich an. Nach geschaffter Einheit und zum Ende schlägt man die Handflächen gegeneinander — und alle lächeln verschwitzt. Hier war die Gruppe eindeutig leistungssteigernd. Ohne das Anfeuern hätte ich Dienst, äh Liegestütze, nach Vorschrift gemacht. So habe ich alles gegeben.
Ist Gruppenzwang also positiv oder negativ?
Beides. Und jetzt kommt das Schwierige. Wann erkennen Sie, dass der Gruppenzwang gut ist und wann, wenn er eine Gefahr da stellt? Ich fürchte, hier müssen wir unser ethisch-moralisches Bewusstsein (re-)aktivieren. Welche Werte haben Sie? Fairness? Toleranz? Das sind Werte, auf die sich viele einigen können, die aber durchaus verschieden ausgelegt werden können. Und manchmal werden sie auch aus Bequemlichkeit zum Schweigen gebracht.
Ist Ihr Wert Wertschätzung oder Gerechtigkeit für alle? Bei solchen Werten kann und darf man so ein Verhalten wie das der Teamleiterin eigentlich nicht tolerieren. Ist es für Sie selbst wert-voll gegen Ungerechtigkeit anzugehen, sollten Sie das Wort erheben. Zu der Dame könnte man sagen: „würdest du dir das wünschen, wenn du dich bewirbst?” Ein Zusatz wie “Ist es angemessen für eine Führungskraft über Bewerber zu lästern?” wäre dagegen nur dem Vorgesetzen, also der nächsthöheren Ebene erlaubt.
Wie befreit man sich vom Gruppenzwang? Zur richtigen Zeit “nein” sagen. Spätestens dann, wenn man merkt: Da ist irgendetwas nicht in Ordnung.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
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