„Ich hab da mal eine Frage“ — im gest­rigen Blog rät Kollegin Gitte Härter zu einem gelas­senen Umgang — man soll solche Anfragen zum Beispiel auf andere Ange­bote umlenken (die natür­lich kosten­pflichtig sind). Unge­wollte E‑Mails sind Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nahmen für alle, die eine gewisse Präsenz im Internet haben — man muss einfach darüber nach­denken. Aber je mehr man sich fragt, desto schwerer fällt es zu verstehen, was Leute reitet, Fragen zu stellen, für die es einfach gar keine Antwort gibt.

© Picture-Factory - Fotolia.com

© Picture-Factory — Fotolia.com

Gitte Härter beschrieb Mails wie „Ich habe mich selbst­ständig gemacht. Haben Sie einen Tipp?“ Was werden diese Leute in der Selbst­stän­dig­keit machen? Schon diese Frage könnte darauf deuten, dass das Unter­fangen schwierig werden wird, denn sie zeigt wenig Selbst­re­fle­xion. Welchen Tipp sollte man jemand geben, von dem man nichts weiß? Welcher Tipp sollte für alle gleich gut sein? Und dabei trotzdem ein Geheim­tipp von einer Svenja Hofert sein, sozu­sagen ein indi­vi­du­elles Geschenk auf eine stan­dar­di­sierte Frage? Aber ist es meine Aufgabe, Menschen zu verdeut­li­chen, dass ein Tipp nicht von außen einge­pflanzt werden kann wie ein Compu­ter­chip? Nein! Ich leite die Mail weiter an meine Mitar­bei­terin, die den Text­bau­stein für die Antwort auf Tipp-Fragen Copy und pastet.

Haste-mal-nen-Tipp-Frau-Expertin-Mails sind noch harmlos. Ganz anders Zocker-Mails.

Zocker-Mails sind richtig gemein

Da versu­chen Menschen möglichst zeitnah ein „Vorge­spräch“ zu bekommen, wobei sie immer mit Frau Hofert, also mir, persön­lich spre­chen wollen. Ich habe eine Nummer, die nur fünf Vertraute kennen. Um trotzdem durch­zu­dringen nutzen diese Leute alle Tricks. Einer ist sogar mal an meine voll­kommen geheime Handy­nummer gekommen. Er muss sich der NSA bedient haben. Mitunter schaffen es einige der ganz Gewieften wirk­lich bis zu einem Termin, vor allem weil meine Mitar­bei­terin noch ein wenig mehr ans Gute im Menschen glaubt als ich und „das drin­gend, ich habe ein Vorstel­lungs­ge­spräch am Montag — ich brauche SOFORT einen Termin bei Frau Hofert!!!“ für bare Münze hält. So ein trick­reich heraus­ge­han­deltes Gespräch hatte ich letzten Freitag; es dauerte ein Minute. So lange brauche ich um heraus­zu­finden, ob jemand wirk­lich etwas will oder nur schnell mal Infos absaugen möchte. Man erkennt es an der Art der Frage­stel­lung – und daran, dass Details von der Website nicht bekannt sind. Vor allem daran, dass das Gegen­über  an sehr konkreten Inhalten inter­es­siert ist — nicht aber daran, mehr zum Bera­tungs­an­gebot zu erfahren.

“Ich möchte ein Buch schreiben — Sie kennen doch bestimmt Verlage!”

Bisweilen verirren sich auch Krea­tive mit wirren Mails bei mir.  Sie schreiben Seite um Seite über ihre Irrungen und Wirrungen, bis sie irgend­wann mal auf die Frage kommen, die sie wirk­lich um- und zur E‑Mail treibt. “Ich will darüber ein Buch schreiben. Sie kennen doch sicher Verlage!” Ich weiß dann jedes Mal, dass es gut ist wie es ist: Ich bin KEINE Psycho­the­ra­peutin. Ich muss nicht den Wahn­sinn thera­pieren. Das Normale ist verrückt genug

Ganz beson­ders liebe ich auch die Geiz­hälse. Die erkenne ich daran, dass sie zum Beispiel eine seiten­lange E‑Mail mit konkreten Fragen schreiben, die durch­num­me­riert sind und nach Prio­rität geordnet. Da steht dann zum Beispiel am Ende drunter: „aus finan­zi­ellen Gründen kann ich eine Bera­tung bei Ihnen nicht in Anspruch nehmen.“ Im Frage­ka­talog formu­lieren die Schreiber Dinge wie: was genau er mit seinem CV denn bei A verdienen könne, ob es sinn­voll sei, schon jetzt in die Geschäfts­füh­rung zu gehen und wo er seinen MBA machen solle. Der Lebens­lauf hängt an: Der Mann ist Einkaufs­leiter in einem Konzern, geschätzte 130.000 EUR schwer. Nicht leisten können? Kein Geld?

Ich bin in manchen Augen­bli­cken tempe­ra­ment­voll, angeb­lich Schuld daran sind fran­zö­si­sche Vorfahren im 17. Jahr­hun­dert. Ich kann laut fluchen und unschöne Dinge sagen, wenn ich mich ärgere, und zwei Sachen können mich wirk­lich aus der Conten­ance bringen: Augen­fäl­lige Dumm­heit trotz Abitur und Unver­schämt­heit. Das glauben manche nicht, die mich als nett, geduldig, immer ausge­gli­chen und jeder­zeit vermit­telnd erleben.  Das bin ich auch die meiste Zeit – bis mir so eine Einkaufs­­leiter-Mail im Post­fach entge­gen­springt.

Aber, so tempe­ra­ment­voll ich mich ärgern kann; ich bin auch Unter­neh­merin. Und weiß: Hier musst du trennen, meine Liebe. Der Kunde ist König, er hat immer recht. Diese Devise gebe ich auch meinen Mitar­bei­tern. Es gibt keine Frage – es wird nicht disku­tiert; im Zweifel immer für den Kunden.so unrecht er hat. Nun gott­sei­dank sind diese Leute, die solche Mails schreiben keine Kunden und werden es auch nicht. Deshalb tue ich etwas, was mir eigent­lich fremd ist: Ich tue als ob. Ich tue einfach so, als hätte ich diese Anfrage, diese Mail, nie gelesen. Natür­lich igno­riere ich Lese­be­stä­ti­gungen. Und gebe statt­dessen meiner Mitar­bei­terin den Auftrag einen unserer Text­bau­steine zu verwenden, den mit “leider gibt Frau Hofert keine Antworten per Mail. Bera­tungs­an­ge­bote finden Sie unter.…” Sach­lich, distan­ziert, mit „i.A.“.

Natür­lich denke ich immer wieder darüber nach, ob es eine so gute Idee war, so nahbar zu werden mit einem reich­wei­ten­starken Blog. Wann wird der Punkt kommen, an dem ich es nicht mehr managen kann? Wie lange wird es so sein, wie es derzeit noch über­wie­gend ist — dass durch den Blog einfach wunder­bare, tolle, und liebens­werte Menschen zu mir kommen, die ich aus ganzem Herzen gern berate oder ein Stück auf ihrem Weg begleite? Die ein sicheres Gespür für Grenzen  haben und realis­ti­sche Erwar­tungen? Die sind so absolut und klar in der Mehr­zahl, dass es mir, wie ich es schreibe, fast pein­lich ist über die „ich hab da mal ne Frage“ zu philo­so­phieren.

Ein Marke­­ting- und Internet-Spezia­­list hat mich kürz­lich gefragt, warum ich nicht bessere, schnel­lere Kontakt­mög­lich­keiten hier im Blog biete, ich würde das doch nicht aus Spaß machen. Ich habe geant­wortet: DOCH, ich mache das aus Spaß. Und ich will wirk­lich nicht, dass mich jeder kontak­tiert. Jede Mail kostet meine Zeit und mein Geld. Jeder Anruf ebenso, durch Büro­ser­vice, Mitar­beiter, Rück­ver­fol­gung. Nein, wer wirk­lich Kontakt möchte und sich inter­es­siert, wird sich durch­kli­cken können und auch etwas mehr lesen. Diese Mühe wird er/sie sich machen wollen, wenn es ein ernst­zu­neh­mender Inter­es­sent ist. Da mache ich mir gar keine Sorgen.

Ach, haben Sie mal nen Tipp für mich. Habe ich: Wer Geld sparen will findet bei Kexpa.de Tipps zum kleinen Preis. Und gar nicht von der Stange.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

2 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 7. Februar 2014 at 14:22 — Reply

    Heute war’s so weit: Eine Mail mit “Ich hatte Ihren Blog­bei­trag gelesen. Können Sie mir dazu nähere Infos oder Tipps geben, … ”

    Der Preis der Öffent­lich­keit…

  2. Silke Bicker 10. Februar 2014 at 15:19 — Reply

    Aus dem Herzen geschrieben 🙂

Leave A Comment