Kate­go­rien

Warum Fragen helfen — und Wissen nichts nützt

Published On: 19. September 2021Cate­go­ries: Karriere
Foto von Anna Shvets von Pexels

Dieses kleine Mädchen inter­es­siert sich wirk­lich für die Wein­traube. Sie will sie nicht einfach essen, sie will sie verstehen.

Fragen bestimmen das Leben von Kindern. Und auch mein Leben. Fragt man mich nach einem Erin­ne­rungs­bild aus meiner Jugend, so sehe ich mich nachts zuhö­rend und Fragen stel­lend in fremden Küchen. Meine Freundin beschäf­tigt sich derweil mit “Party” — und will wissen, warum zum Teufel mich “Gott und die Welt” inter­es­sieren.

Das ist bemer­kens­wert, weil ich als Erwach­sene zeit­weise auch viele Antworten gegeben habe. Im Grunde aber unfrei­willig. Wenn ich es mir genauer anschaue, benenne ich Phäno­mene und Wahr­neh­mungen.  Ich war nie davon über­zeugt, dass etwas ist wie es ist oder stimmt, weil es stimmt. Eine Zeit­lang fühlte ich mich damit fremd — und begab mich auf die Suche nach festem Wissens-Unter­­grund.

So habe ich mich viel mit Fakten beschäf­tigt, etwa den recht­li­chen Aspekten der Exis­tenz­grün­dung. Da wiederum wurde ich gefragt, warum mich das Steu­er­recht in der Schweiz inter­es­siert. Der Vorteil dieser Phase war jedoch, dass ich ziem­lich viel aus ziem­lich vielen verschie­denen Gebieten weiß. Doch am Ende leitete mich natür­lich auch hier eine Frage — und es ging nicht um Steu­er­recht.  Es war viel­mehr die Frage: Was und wem nützt eigent­lich Wissen?

Wissen nützt nichts, aber es hilft

Ich kann heute sagen: Es hilft, und es nützt nichts. Es hilft, weil ich dadurch ando­cken kann. Es hat mich sprach­fähig gemacht. Bisweilen ist es prak­tisch — für manche Fragen brauche ich keinen Rechts­an­walt. Ich kann so einige Dinge einordnen, und zur Not kann ich auch erklären, was Virgina Satir unter einem offenen System versteht, und was Niklas Luhmann. Oder warum gerade jetzt der alte Idea­list Hegel wieder Hoch­kon­junktur hat. Es hilft aber nichts, weil es keine Probleme löst, die Menschen in ihren privaten und orga­ni­sa­tio­nalen Umfel­dern haben.

Manche Menschen, die mir begegnen, haben unend­lich viel mehr Wissen als ich, aber es nützt den anderen auch nichts, manchmal im Gegen­teil. Das hat damit zu tun, dass das Wissen nicht mehr fluide ist, sondern wie ange­wachsen. Das sind dann Experten, die blind sind für alles, das nicht in ihr Fach passt. In der Coro­na­pan­demie waren sie teils gerade wegen ihres ange­wach­senen Wissens beliebt. Und dann zeigt sich der Unter­schied zwischen Menschen, die nichts in ihre Welt lassen, das nicht aus ihrer Welt ist — und jenen deren Denk­sys­teme offen nach außen sind.

Wenn Poli­tiker fragen würden…

Ich finde es schade, dass in Triells und anderen Wahl­kampf­ver­an­stal­tungen kein einziger Poli­tiker mal eine Frage stellen darf. Oder viel­leicht dürften sie, und viel­leicht fänden es die Leute auch cool, wenn jemand mal fragt “Sie wollen wissen, welche Lösungen für den Klima­wandel ich habe? Ich habe keine. Ich möchte, dass wir uns Zeit nehmen, um gemeinsam einen Ansatz zu entwi­ckeln.” In der Presse stände dann: “X hat keine Lösung für Klima­wandel.” Das Beispiel zeigt leider, dass Fragen auch einen Kontext brau­chen, der sie verar­beiten kann.

Fragen stellen statt Antworten geben

Es gibt eine tolle Krea­ti­vi­täts­übung: Stellen Sie 100 Fragen zu dem Problem, das Sie gerade sehen. Gerne auch in einer Gruppe. Sie gehen dem Problem damit tiefer auf den Grund als mit allem anderen. Sie müssen da über die so genannte krea­tive Klippe und das ist harte Arbeit. Aber die lohnt sich.

Fragen helfen nicht nur, Probleme anders anzu­sehen, sondern Sie helfen auch uns, etwa beim Finden einer beruf­li­chen Iden­tität. Stellen Sie sich vor, X wäre kein Viro­loge, sondern Fragen­steller. Die Heran­ge­hens­weise ist eine komplett andere. Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht in TVÖD 13 aufgrund eines Master­ab­schlusses, sondern aufgrund der Fragen, die Sie stellen konnten. Das wäre NEW WORK, wie ich es verstehe.

Wer bist du statt was machst du

Mit dem Siegeszug der Aufklä­rung verbrei­tete sich die Frage „was machst du?“ Man war Ange­hö­riger eines Berufs­stands oder Mitar­beiter einer Firma und hatte Eltern und Geschwister, die auch einem Berufs­stand oder einer Firma ange­hörten.  Diese Zeiten gehen zu Ende, auch weil wir das Bildungs­wesen radikal ändern müssen, so dass Grenzen verschwimmen. Das ist eine Riesen­chance, wieder zu einer Art Univer­sal­lehre zurück­zu­kommen, nur auf einem ganz anderen Level.

Wenn wir nicht mehr danach suchen, wer wir sind, sondern welche Fragen uns antreiben, erschließen wir uns ganz andere und span­nen­dere Themen. Selbst die Sicht auf Stärken verän­dert sich auch: Wir können uns dann gar nicht mehr statisch und passiv sehen, es kommt auto­ma­tisch Bewe­gung ins Leben.

Über Fragen und Iden­tität habe ich hier schon einmal nach­ge­dacht.

Diese Kolumne erschien zuerst bei XING.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Liebe Frau Hofert
    Endlich hatte ich Zeit diesen Beitrag zu lesen.

    Dachte darüber nach. Ja Fragen stellen ist manchmal schon sehr wichtig. Dümmer ist es, wenn die Fragen nicht ernst genommen werden, oder aber einfach abschlägig beant­wortet werden.

    Wie Sie ja schreiben, Ist oftmals eine Frage so gut, dass es eine längere Diskus­sion oder Austausch von Ideen braucht, bevor wir über­haupt auf eine Lösung kommen.

    Also werde ich mir weiterhin die Mühe machen zum meinem und anderen Leuten Verständnis Fragen. zu stellen die uns weiter­helfen.
    Danke
    Urs
    drkpi CyTRAP

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