Kate­go­rien

Mach dich schlau(er): Was mit Gehirn­trai­ning alles möglich ist (Rezen­sion)

Published On: 16. Juni 2014Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung
MS Office

MS Office

Wollen Sie sich mit Ihrer Mathe­schwäche abfinden? Akzep­tieren, dass Sie nun mal kein Geschich­ten­er­zähler sind?  Sie müssen nicht. Dank der Hirn­for­schung wissen wir: Das Gehirn ist eine einzig­ar­tige, komplexe elek­tro­che­mi­sche Reak­tion. das sich trai­nieren lässt. Die  Land­karte aus Synapsen, dieser wahn­sin­nige Wissens­spei­cher, ist immer erwei­terbar. Und fast nichts ist unmög­lich. Wenn man der einen Seite der Forschung glaubt, den Opti­misten.

Der Forscher Niels Birbaumer gehört zu diesen Opti­misten. Er hat einige Lehr­bü­cher geschrieben und jetzt ein popu­läres Sach­buch mit dem Jour­na­listen Jörg Zittlau veröf­fent­licht: „Dein Gehirn weiß mehr als du denkst.“ Das Buch beginnt trotz viel verspre­chender Thesen aller­dings mit Enttäu­schungen: Es nervt, wenn immer wieder das Milgram-Expe­ri­­ment zitiert wird, das nun schon 50 Jahre alt ist.  In dem welt­be­rühmten Expe­ri­ment, das sich in jedes zweite Sach­buch verirrt, geben Probanden einer Person in einem anderen Raum auf Anwei­sung Strom­schläge, bis diese ohnmächtig werden (aller­dings sind die Personen, was die Probanden nicht wissen, Schau­spieler). Damit wies Milgram nach, dass jeder ein Eich­mann werden könne, ein Gehilfe des Terrors und böser Folter­knecht. Das ist nun keine neuere Gehirn­for­schung. Das wissen wir schon lange.

Persön­lich­keit gibt es nicht

Der inter­es­san­tere Teil der Milgram-Studie ist der, dass keinerlei Persön­lich­keits­merk­male gefunden werden konnten, die auf eine Neigung zum blinden Gehorsam deuten, weder Intro- nach Extro­ver­sion, weder Gewis­sen­haf­tig­keit noch Neuro­ti­zismus. Einzig waren es Katho­liken und Mili­tär­an­ge­hö­rige, die im Exper­mi­nent etwas leichter gehorsam geworden sind, also der Anwei­sung Folge geleistet haben. Hier hätte jetzt Kritik am Studi­en­de­sign dazu gehört: Es waren 100 Probanden, von denen 65 den Anwei­sungen folgten, die anderen brachen ab. Die Persön­lich­keits­stu­dien erfolgten Jahre später. Erfah­rungs­gemäß sind dann nur noch ein Teil der Probanden verfügbar, wie viele ist nicht erwähnt. Insge­samt ist die Studie also nicht nur sehr alt – und die Zeiten haben sich geän­dert -, die Fall­zahlen sind auch eher klein und wurden im Laufe der Studie vermut­lich kleiner.

Birbaumer führt  das Milgram Expe­ri­ment als Beweis an, dass es sowas Persön­lich­keit — im Sinne stabiler Eigen­schaften — nicht gibt. Oder noch mehr, dass nicht die Persön­lich­keit Verhalten bestimmt, sondern die Umwelt. Da zitiert er sich selbst als bestes Beispiel. Als Jugend­li­cher war er Mitglied einer gewalt­tä­tigen Bande bis sein Vater ihm eine Pols­ter­lehre androhte und er das klei­nere Übel wählte: das Abitur auf einer anderen Schule machen. Dann wurde alles gut. Die Geschichte ist schön, aber beweist die Nicht-Exis­­tenz von festen Persön­lich­keits­merk­malen auch nicht. Man könnte auch argu­men­tieren, dass sich Birbaumer eine Umwelt gesucht hat, die besser zu seinen Anlagen passt.

Du bist, was die Umwelt aus dir macht

“Du bist, was die Umwelt aus dir macht”, ist im Grunde eine gute These, aber leider ist die Beweis­füh­rung im Buch nicht über­zeu­gend. Es folgen viele Beispiele von so genannten Lockedin-Pati­enten, bei denen kein Körper­si­gnal zum Gehirn vordringt und Psycho­pa­then, die sich vor allem durch ihre Furcht­lo­sig­keit auszeichnen. Letz­tere behan­delte Birbaumer mit Neuro-Feed­­back. Damit kann über einen Computer sichtbar gemacht werden, was im Gehirn des Pati­enten passiert. Das Neuofeed­back kann bei Psycho­pa­then zeigen, ob bestimme Regionen im Hirn, die für Angst­emp­finden zuständig sind, akti­viert werden. Wenn dies passiert, lernt der Psycho­path Gefühle.

Das ist der inter­es­san­tere Teil des Buches. Er zeigt, dass unser Gehirn verän­derbar ist durch bewusste Stimu­lanz. Das fällt unter das große Thema Neuro­plas­ti­zität: Das Gehirn kann trai­niert werden. Es kann nicht nur Wissen aufnehmen, sondern auch Emotionen und Zusam­men­hänge verstehen lernen. Ein prägnantes Beispiel ist Barbara Arrow­s­­mith-Young „the woman who changed her brain“  — ihr gran­dioses TedX-Video sehen Sie hier. Sie kommt im Buch aller­dings gar nicht vor.

Was alles möglich ist…

Wie Trai­ning des Gehirn verän­dern kann, wurde in den letzten Jahren in verschie­denen Studien ermit­telt:  Londoner Taxi­fahrer, die eine der härtesten Prüfungen für eines der wirrsten Stra­ßen­ge­flechte ablegen mussten, hatten nach dem Üben einen größeren Hippo­campus. Der Hippo­campus, das kleine Seepferd­chen am unteren Ende des Hirns, ist ein Teil des Lang­zeit­ge­dächt­nisses, das vor allem Erin­ne­rungen spei­chert, die intuitiv abge­rufen werden. Eine andere Studie zeigt: Medi­zin­stu­denten verbes­sern durch Trai­ning ihr analy­ti­sches Denken. Eine weitere: Schüler verbes­sern inner­halb von vier Jahren ihren verbalen IQ.  Kinder mit Down-Syndrom schaffen ihren Haupt­schul­ab­schluss — früher undenkbar. Vieles geht, aber noch nicht alles.

Wie sehr der einge­schränkte Glaube an die eigene Verän­der­bar­keit, beruf­li­chen Erfolg und Entfal­tung ermög­li­chen und diese limi­tieren kann, sehe ich täglich. Wer nicht denkt, dass er/sie sich verän­dern kann, tut es auch nicht. Man hätte wirk­lich mehr aus dem Thema machen können.

Das Buch kommt vom Storytel­ling und der Infor­ma­ti­ons­auf­be­rei­tung lange nicht an die oft perfekte Drama­turgie Ameri­ka­ni­scher Wissen­schafts­jour­na­listen heran, etwa Jonah Lehrer und Malcolm Glad­well. Es ist aber laien­kom­pa­tibel und gut leser­lich geschrieben. Vom wissen­schaft­li­chem Infor­ma­ti­ons­ge­halt und auch Anspruch ist es aller­dings kein Vergleich zu den Büchern von Gerhard Roth (welche aller­dings weniger ange­nehm zu lesen sind). Das Lite­ra­tur­ver­zeichnis umfasst eine beschä­mende Drittel Seite und die Anmer­kungen 1,5 Seiten. Das finde ich für einen wissen­schaft­li­chen Autor zu wenig.

ullsteinbirbaumercsm_9783843707060_cover_7023ca2abeSoll man das Buch jetzt lesen? Ja, wenn Sie Zweifel daran haben, dass fast alles möglich ist, wenn man es nur trai­niert. Ja, wenn Sie ein Einsteiger in das Thema sind. Ja, wenn Sie Mutter oder Vater eines ADHS-Kindes sind. Ja, wenn Sie verstehen wollen wie Psycho­pa­then ticken und Lockedin-Pati­enten.

Nein, wenn Sie das Gehirn besser verstehen wollen, dafür liefert das Buch zu wenig Wissen und Hinter­gründe. Dann lieber Gerhard Roth “Persön­lich­keit, Entschei­dung und Verhalten”, wobei der fast eine Gegen­these zu Birbaumer vertritt — bei vermut­lich ähnli­chem Wissens­stand. Was zeigt, dass es noch eine Menge Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum in Sachen Hirn­for­schung gibt.

 

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

Leave A Comment