Kate­go­rien

Nichts ist so wie es scheint: Wie Bewer­bungs­fotos uns in die Irre führen

Published On: 30. September 2014Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung
Tierärztin oder Vorstandsassistentin?

Tier­ärztin oder Vorstands­as­sis­tentin?

Letzte Woche habe ich ein Expe­ri­ment gemacht und hier fünf Bewer­bungs­fotos einge­stellt. Ich wollte wissen, welche Asso­zia­tionen sie auslösen. Der Beitrag wurde viel­fach abge­rufen, aber nur wenige trauten sich zunächst, ihn auch zu kommen­tieren. Doch nach dem ersten Kommentar ging es schnell. Damit hatte ich ebenso gerechnet, wie mit der Unter­schied­lich­keit der Asso­zia­tionen, die die Fotos auslösten. Natür­lich wollte ich auf etwas heraus und am Ende ein Fazit ziehen, nämlich, dass man sehr vorsichtig sein sollte mit seinen Inter­pre­ta­tionen. Was lehrt uns das Expe­ri­ment?

Wir inter­pre­tieren ohne es zu wollen

Wie sieht ein spani­scher Restau­rant­be­sitzer aus? Ich lege Ihnen zwei Fotos vor, auf einem ist ein dunkel­haa­riger Mann, auf einem anderen ein blonder. Sie werden auto­ma­tisch auf den dunkel­haa­rigen tippen und miss­achten, dass in Nord­spa­nien der Anteil blonder Menschen nicht kleiner ist als in Bayern.
Wir lassen uns von Äußer­lich­keiten in die Irre führen und denken laufend in Schub­laden. Das Gehirn ist so gestrickt. Es verein­facht und nutzt nie genaue Algor­hitmen. Mit Bildern verbinden wir auch im Bewer­bungs­kon­text Erfah­rungen: So sieht jemand aus, der in einer Werbe­agentur arbeitet! Das ist kreativ – und das nicht. Das haben wir irgendwo gelernt, zum Beispiel in unserer Schul­zeit, während der Ausbil­dung, in unserem eigenen Unter­nehmen, im Fern­sehen oder im Internet. Je weniger Ausschnitte wir kennen, desto klischee­hafter wird unser Bild. Kenne ich Werber nur aus der Werbung, so sehe ich diese in der Regel eindi­men­sio­naler, als wenn ich, etwa als Marke­ting­leiter, auch andere „Proto­typen“ kennen­ge­lernt habe.

Asso­zia­tionen sind indi­vi­duell

Ein Kommen­tator schrieb: „Es wundert mich total, dass noch niemand die gleiche Asso­zia­tion geäu­ßert hat, in meinem Kopf erschien sofort das Wort “Werbe­agentur”, Krea­tiv­branche“. Mich wundert das nicht. Ja, es gibt oft ähnliche Asso­zia­tionen, aber nicht immer gleiche. Nehmen wir die Dame mit dem dunklen Haar und den selbst­be­wusst gekreuzten Armen. Die ist für einige klar ein Mana­ge­rin­nentyp – aber jemand sah hier auch die Assis­tentin. Die Mehr­heit asso­zi­iert aber etwas Höheres – so wie ich auch; deshalb habe ich sie für Kexpa-Muster­­be­­wer­­bungen in dem Bereich ausge­wähnt. Aber das gilt nicht für alle. Beim Locken­kopf gehen die Meinungen ausein­ander. Ich habe ihn für die Muster­be­wer­bung „CIO“ gecastet, weil ich – wie offenbar auch andere – die Asso­zia­tion IT hatte. Einer sah ihn als Spie­le­ent­wickler, einer im mitt­leren Manage­ment (für mich sehen Spie­le­ent­wickler viel­leicht auch deshalb anders aus, weil ich live einige gesehen habe). Welche Manage­ment­ebene passend war, scheint nicht eindeutig. Klarer ist es bei der blonden Dame: Sie wird durchweg nicht als Mana­gerin auf höherer Ebene wahr­ge­nommen. Dass Sie in unseren Unter­lagen Vorstands­as­sis­tentin „geworden“ ist, deutet also auf einen maxi­malen Konsens. Aber man könnte, zeigen die Kommen­tare, auch eine Tier­ärztin in ihr sehen…

Was lernen wir für Bewer­bungs­fotos?

Bewer­bungs­fotos mani­pu­lieren und über­strahlen Fakten. Sie werden Wahr­neh­mung ganz entschieden beein­flussen. Auch HR-Profis sind nicht davor gefeit. Sie können sich aber besser schützen, indem sie für den ersten Eindruck erst gar nicht auf ein Foto schauen. Eine Hypo­the­sen­bil­dung aufgrund eines äußeren Eindrucks wird es immer geben: Man sieht, hört, liest etwas – und schon ist die Hypo­these in Form einer schnellen Einschät­zung da. Was tun dagegen? Schon seit fast 10 Jahren argu­men­tiere ich für die anonyme Bewer­bung. Aber davon sind wir immer noch weit entfernt. Ich freue mich jedoch zu sehen, dass es immer mehr Online-Bewer­­bungs­­­for­­mu­lare gibt, die Fotos auto­ma­tisch aus den Unter­lagen löschen.
Bis das breiter Konsens wird, sollten wir am Bewusst­sein arbeiten, finde ich. Daran, den Sinn dafür zu schärfen, dass alles ganz anders sein kann, als erwartet. Der Perso­naler muss sein eigenes “biopsy­cho­so­ziales” System kennen. Er muss wissen, welche Heuris­tiken und Biasse auch ihm immer wieder ein Bein stellen. Er muss sich bewusst sein, wie seine eigene Erfah­rung ihn prägt. Viele erkennen das nicht als wich­tigen Wert bei der Perso­nal­aus­wahl, sondern folgen weiter der eigenen Nase, siehe folgenden Beitrag über fehlende Kompe­tenz in HR.  Für den Bewerber ist das Chance und Gefahr zugleich. Ich sehe aller­dings die Gefahren größer als die Chancen. Für Aussehen können wir (fast) nichts. Narziss­tisch geprägte oder gut bera­tene Bewerber haben hier einen Vorteil: Sie achten von sich aus mehr auf den Schein.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Kai G. Werzner 3. Oktober 2014 at 17:15 — Reply
  2. […] Auf dem Blog von Svenja Hofert weiter­lesen… […]

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