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Insecure Overachiever: Die Psychologie unsicherer Leistungsmenschen — und ihre innere Befreiung

(aktualisiert 2.8.2024)
Viele Menschen in Leistungsjobs sind große Zweifler an sich selbst. Sie wirken nach außen sicher, aber sind innerlich leicht erschütterbar. Kritik von der richtigen, ihre Karriere bestimmenden Seite reicht aus, um den inneren Motor anzuzünden: Der Leistungsmensch arbeitet dann an sich, um besser zu werden. Er überarbeitet Folien, merzt Fehler aus, investiert seine Zeit.
Ursprung: McKinsey
Der McKinsey-Berater Matias Dalsgaard prägte für diese Menschen den Begriff „insecure overachiever“, also unsichere Überleister. Die Brandeins übersetzte das, was die Insecure Overachiever ausmacht, 2009 mit „noch wenig gefestigt“. Ihr ehemaliger Autor Wolf Lotter traf es damit gut. Mir gegenüber haben Führungskräfte ein bestimmtes Suchschema zugegeben: “Ich suche eine, die sich richtig reinhängt, weil sie unsicher ist.”
Solche Menschen, so las ich neulich, sind bei vielen Firmen explizit gesucht. Das heißt, das ist sogar ausgesprochen. Bei anderen ist das eher implizit: So stellen Führungskräfte, die selbst unsicher sind, gerne ebenso unsichere Mitarbeiter ein.
Seine eigene Identifikation findet der Überleister oder die Überleisterin über das, was in seinem von ihm gewählten Umfeld als Erfolg definiert wird. Er oder sie selbst hat kaum einen inneren Kern jenseits des aktuellen Kontexts. Das bedeutet: Es besteht eine Abhängigkeit nach Resonanz, Feedback. Ohne diese ist es unmöglich, sich zu spüren. Würde die gesuchte, ja gebrauchte Resonanz wegbrechen, fiele das Selbstbewusstsein tief.
Das ist bei allen Menschen in gewisser Weise so: Bricht ihr Kontext weg wirkt sich das negativ aufs Selbstbewusstsein aus. Nur ist es bei den Overachievern extrem und deutlich stärker ausgeprägt. Die Identität ist an das Feedback gekoppelt. Und das darf auch nicht von jedem kommen, sondern nur von denen, die der unsicherer Hochleister akzeptiert. Im Zweifel also nur von den McKinsey Partnern. Oder von Journalisten, die für besonders anerkannte Magazine schreiben. Oder…
Vor-Leistung als Karrierestrategie
Unsichere Leistungsmenschen treten ständig in eine Art Vorleistung. Sie hängen sich in die Arbeit, um Anerkennung für ihr wankendes Selbst zu bekommen und Kritik und Minderleistung zu vermeiden. Schon in der Schule und im Studium kämpfen sie vor allem um eins: gute Noten und Anerkennung über Sehr-gut- und Besser-Sein.
Zugehörigkeit ist enorm wichtig, aber nicht zu jeder Gruppe: Es mzss die auserwählte sein. Sie möchten dazugehören, aber einem elitären Kreis. Nach einer gewissen Zeit realisieren sie, dass es auch andere Lebens- und Karriereformen gibt. Es kann sein, dass sie eigene Werte ausprägen und in Konflikt mit ihrem Umfeld geraten.
Für Arbeitgeber werden sie anstrengender, wenn diese Eigenbestimmtheit dazukommt. Womöglich werden sie beengende Kontexte verlassen, wenn sie deren Begrenztheit sogar durchschauen – es sei denn, monetäre Abhängigkeit hält sie.
Dann könnten sie für Unternehmen zu Menschen werden, die man mitschleppen muss, die Quiet Quietter sind. Mit Menschen in der Phase eines solchen Übergangs habe ich oft zu tun. Diese Menschen suchen nach innerer Befreiung, um diese gefühlte Abhängigkeit von anderen loszuwerden.
Es ist ganz klar und eindeutig eine Altersfrage, noch mehr als das aber eine der Reife. Und Reife vollzieht sich nie theoretisch. Nur wer etwas erlebt hat, kann durchschauen, verstehen und plötzlich oder langsam erkennen, dass er sich selbst fremd geworden ist. “Ich will nicht mehr abhängig sein, Frau Hofert!” Das habe ich immer wieder gehört.
Ideal für Arbeitgeber, schlecht für sich selbst
Das Muster aus extremem Anstrengungswillen und Selbstunsicherheit macht Leistungsmenschen anfällig: Verlieren sie den Job, fallen sie tief. Da sie sich wenig selbst spüren, neigen sie zu Überanstrengung, die in den Burnout führen kann. Aus Arbeitgebersicht kann ich die Suche nach „insecure overachievern“ als Recruitingstrategie gut verstehen: Man bekommt so „die Besten“ in dem Sinne, dass es diejenigen sind, die sich am meisten reinhängen werden.
Die auch das System akzeptieren können, die sich sozialisieren lassen. Das tun sie besonders in den hochkarätigen Jobs oft nicht blind — dazu sind sie zu intelligent -, aber kalkulierend. Mitarbeiter mit stärkerem Selbst sind immer auch ein größeres Risiko für ein System. Je größer die innere Unabhängigkeit, desto schwieriger wird eben auch die echte Integration (und nicht eine Pseudo-Integration über Abhängigkeit). Würden Firmen nach wirklich innerlich unabhängigen Menschen suchen, so könnte ihr “System” aus den Fugen geraten. Doch ohnehin würden nicht passende Mitarbeiter schnell herausgepresst.
Was sollten unsichere Leistungsmenschen tun, wenn sie erkennen, dass etwas nicht mehr passt? Dass es einen Gap gibt zwischen ihren inneren Antreibern und dem System? Dass Zweifel da sind? Ich meine: Wer erkennt, wer seine innere Abhängigkeit sieht, kann sich eher daraus befreien, als jemand, der es nicht tut. Man erkennt so beispielsweise die Subjektivität von Feedback — oder die eigene Unsicherheit bei den Vorgesetzten.
Wer zudem merkt, dass etwas anderes in ihm/ihr selbst „dran“ ist, kann danach suchen. Das kann man „Berufung“ nennen, und das lässt sich unter diesem Label auch gut verkaufen. Im Grunde ist es aber Reifung — oder auch Befreiung von inneren Zwängen.
Feedback und Kritik sind kontextabhängig
Eigenbestimmt sein bedeutet immer auch Loslassen — und damit verbunden Befreiung von dem, was vorher fremd- oder gruppenbestimmt war. Es bedeutet, „nein“ sagen zu können, auch zu dem, was vorher das Selbst bestimmt hat. Beispiel Kritik: Es ist wichtig, Feedback und Kritik anzunehmen. Aber Feedback und Kritik sind immer auch kontextabhängig. Will ich das annehmen? Lässt es mich wirklich wachsen?
Oder fühle ich mich fremd im eigenen Körper? Bin ich das wirklich? Oder realisiere ich da gerade nur den Plan der Anderen, vielleicht meiner Eltern?
Insecure Overachiever sind oft auch Impostor. Sie haben also das Gefühl, nie gut genug zu sein. Sie denken, sie würden den anderen etwas vormachen. Sie wären nicht so klug, wüßten nicht so viel, wie die anderen denken. “Alles eine große Show, wann fliege ich endlich auf?” so oder ähnlich denken Sie.
Doch das kann sich ändern. der erste Schritt liegt darin, sich zu erkennen. Der zweite, sich zu fühlen. Und der dritte, sich zu lieben für das, was man wirklich ist. Das alles ist anstrengend und vielleicht ein Wechselbad der Gefühle, aber was danach kommt, ist ein neues, ein sicheres Selbstwertgefühl.
Ich habe das bei meinen Klienten sehr oft gesehen. Es braucht Zeit, aber es lohnt sich.
Foto von Andrea Piacquadio: https://www.pexels.com/de-de/foto/formeller-mann-mit-tablette-die-prasentation-im-buro-gibt-3760093/
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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Moin Svenja,
Danke für diesen wieder mal spannenden Artikel. Aus Recruitersicht: wirklich innerlich unabhängige Menschen treff ich in normalen Interviews kaum. Es gibt wahrscheinlich in der Arbeitswelt zu wenig davon. Die halten es nämlich in den meisten Unternehmen nicht lange aus und gründen selber oder machen sich als Freiberufler von der Organisation unabhängig. Verirrt sich doch mal so jemand in ein Bewerbungsgespräch, muss er schon auf echte Führungskräfte treffen, die seine Art akzeptieren und damit umgehen können. Die gibt es aber leider auch selten. Unabhängigkeit ist kein gefragtes Gut in den Unternehmen …
Herzlichen Gruß,
Henrik
Und was macht man, wenn der persönliche Werdegang im CV genau das Gegenteil durchscheinen läßt?
Symptome, die Sie beschreiben, gehen häufig auf Einschärfungen und Antreiber zurück, aus denen innere Imperative entstehen. Das kann man sich wie eine innere Stimme vorstellen, die speziell unter Stress zu einem spricht. Demnach muss etwas unbedingt passieren oder etwas darf auf keinen Fall geschehen. Der Imperativ übernimmt dann die Oberhand über das Denken — was selbst an sich souveräne Menschen in schwierige Situationen bringen kann. Lösen lassen sich diese Imperative durch IntrovisionCoaching (www.introvision-coaching.de). Meine Coachees profitieren von der Arbeit am persönlichen Skript unter Verwendung der Sätze, die den Imperativ auflösen helfen oder zumindest den inneren Alarm reduzieren. Dadurch wird es möglich, mehr persönliche Sicherheit zu gewinnen und die eigenen (authentischen) Selbststeuerungskompetenzen zu aktivieren.
Guten Tag Frau Hofert,
auch unser Beraterteam macht im Talent Coaching die Erfahrung, dass viele Leistungsmenschen irgendwann erkennen, dass die bisherigen Antreiber nicht mehr funktionieren. Die Gründe, warum man sich beruflich anstrengt und die Werte, die wichtig sind und die erfüllt sein müssen, um zufrieden zu sein, haben sich verschoben. An den Stellen von Sicherheit, Erfolg und Anerkennung treten zum Beispiel Kollegialität, Abwechslung und Sinn. Wer seine Motivatoren kennt, kann den Gap zwischen seinen inneren Antreibern und dem System reduzieren. Unsere Leistungsmenschen sollten also ihre inneren Antreiber aufspüren, davon profitieren nicht nur sie selbst als Arbeitnehmer, sondern auch die Arbeitgeber. Und das System wird um einiges menschlicher.
Herzliche Grüße aus dem Chiemgau
Silvia Schmid
Bestimmte Jobs sind dann nicht mehr drin. Möchte man die aber wirklich? Der Lebenslauf sagt in Ihrem Fall etwas anderes. Und es gibt andere Jobs.
Ach, das war Matias Dalsgaard. Und ich dachte, dieses Insecure-Overachievers-Zitat stammt vom ehemaligen McK-Deutschland-Chef, Jürgen Kluge. Ich hab’ mich ja ein bisschen an Business Schools umgeschaut und muss sagen: das Karriere-Verständnis hier ist immer noch recht technisch. Frei nach dem Motto: nur fleißig genug pauken bzw. dopen, dann klappt’s auch mit’m Traumjob. Wenn — dann, dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang wird wohl noch eine Weile so bleiben… Grüße!
[…] Viele Menschen in Leistungsjobs sind große Zweifler an sich Selbst. Sie wirken nach außen sicher, aber sind innen drin leicht erschütterbar. Kritik von der richtigen, ihre Karriere bestimmenden Seite reicht, um den inneren Motor anzuzünden: Der Leistungsmensch arbeitet dann an sich, um besser zu werden. Er schleift Folien, merzt Fehler aus, investiert seine Zeit. (Quelle: Karriereblog Svenja Hofert) […]
[…] fördern. Auch im Rekrutierungsprozess werden manchmal genau solche „Typen“ besonders gesucht: Man bekommt so „die Besten“ im Sinne, dass es die sind, die sich am meisten reinhängen werden. Übrigens gibt es dabei keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Meiner Erfahrung nach […]
Dieser interessante Artikel hat mich wieder einmal darin bestätigt, dass das aktuelle System nicht nach Eignung oder Motivation aussucht, sondern stark nach gewünschter Persönlichkeit. Ein Recruiter kann dieses Problem nicht lösen. Dazu wäre ein Umdenken in den Chefetagen notwendig, um die kreativen, intelligenten Köpfe zu integrieren, die momentan nicht “reinpassen”, weil sie schon in jungen Jahren feste innere Wertsysteme besitzen, oder die Handicaps haben (z.B. ADHS, Asperger u.a.). Solange die Gesellschaft es sich leisten kann (sowohl finanziell als auch sozial), haufenweise begabte Menschen auszugrenzen, wird sich aber nichts ändern.