Quer­denker denken quer. Sie denken um die Ecke, lateral (seit­lich) und diver­gent (abwei­chend). Das heißt, sie haben unge­wöhn­liche, origi­nelle Gedan­ken­gänge.

Inno­va­tionen aller Art entstehen oft durch Quer­denken. Das neue Produkt, die alter­na­tive Heran­ge­hens­weise, die andere Posi­tion sind Folge davon, dass sich Menschen von einer sicht­baren oder unsicht­baren Norm wegbe­wegen. Diese Norm ist oft mehr eine Gesell­schaft­lich und sozial gefühlte als eine gesetzte oder statis­tisch ermit­telte. Quer­denken führt weg vom normalen Weg und einge­tre­tenen Pfaden. Deshalb ist es anstren­gend für die, die auf den übli­chen Wegen ihren tägli­chen Spazier­gang machen. Eine kleine Stipp­vi­site in unge­wohnte Felder macht man gern in entspannter Situa­tion, im Urlaub etwa. Aber bitte nicht in Krisen.

Gefühle ohne Bedeu­tungen

In Krisen sind Quer­denker unbe­liebt. Die Corona-Pandemie hat den Begriff fast schon zum Schimpf­wort gemacht. Verschwö­rungs­theo­re­tiker und Quer­denker werden plötz­lich zu einem Brei verrührt. Dabei ist völlig unklar, was eine Verschwö­rungs­theorie ist. Eine Theorie ohne Theorie? Oder eine Verschwö­rung, die sich gegen die staat­liche Ordnung richtet? Gehört esote­ri­sches Geschwurbel auch dazu? Die Begriffe verschwimmen  und je geringer das sprach­liche Bewusst­sein der wörter­ver­wen­denden Medien und Menschen, desto mehr wird ein Begriff zu einem Einheits­brei, in dem nur noch Gefühle und keine Bedeu­tungen mehr erkennbar sind.

Besser Kreativ-Denker?

Vor 8 Jahren entwi­ckelte ich meinen Stär­ken­Na­vi­gator. Der Quer­denker war selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil. Ich habe inzwi­schen aber sicher­heits­halber einen Kreativ-Denker daraus gemacht. Damit ein harm­loses Team­spiel nicht in eine poli­ti­sche Diskus­sion schwappt.

Das ist prag­ma­tisch. Aber gut finde ich es nicht. Ein Kreativ-Denker ist eigent­lich etwas anderes als ein Quer­denker. Aber gut, liebe Nutzer meines Spiels, darüber könnt ihr nun selbst in den krea­tiven Austausch gehen.

Ich hoffe jeden­falls darauf, dass der Begriff sich erholen wird. Das kann passieren. Dem Netz­werker ist es so ergangen. Ja, Sie werden es viel­leicht nicht erin­nern: Aber nach 9–11 war “Netz­werker” ein ähnlich verbrannter Begriff. Ich bekam damals böse Leser­briefe, weil ich dieses Wort verwendet hatte. Das wurde als regel­recht subversiv empfunden.

Man kann leicht sagen: “Es sind nur Worte.” Doch es ist mehr. Es ist eine Stim­mung, die sich im übrigen wandelt.

Es besteht also Hoff­nung für den Quer­denker, die Quer­den­kerin. Sobald das Schlimmste vorbei und unter dem Schleier des Verges­sens der Verstand wieder hoch­kommt, werden Quer­denker die neuen Helden. Und viele werden sich nicht mehr erin­nern, was sie gesagt, gedacht, getan haben.

Beim Aufbau und Finden neuer Lösungen braucht man sie schließ­lich, diese neugie­rigen Menschen und Viel­fra­genden.

Dann freuen sich vor allem die, die keine Ideen haben, riesig über Menschen:

  • die den Status Quo in Frage stellen,
  • die Lösungen bezwei­feln, die nicht funk­tio­nieren,
  • die mutig genug sind, ganz neu zu denken,
  • die viel mehr lesen und denken als der Normal­bürger,
  • denen Wider­sprüche sofort auffallen,
  • denen eine Idee, eine Moral­vor­stel­lung, eine Zukunfts­vi­sion wich­tiger ist als aktu­elle Beliebt­heits­werte.

Bitte verkennen Sie den Quer­denker nicht, er oder sie ist kein Quer­schläger. Quer­denker sind nicht die Leute, die einfach nur so “Kontra” sind oder sich blind irgend­wel­chen Bewe­gungen anschließen.

Quer­denker haben ein höheres Gut, an dem sie sich ausrichten.  Sie hören nicht auf zu fragen, wenn ihnen selbst Nach­teile entstehen. Deshalb haben sie nicht selten eine Persön­lich­keit, die sich nicht so gut kontrol­lieren und regu­lieren lässt. Im Zweifel stellen sie das, wovon sie über­zeugt sind, über alles andere. Ein Leben als Quer­denker kann insbe­son­dere dann sehr gefähr­lich werden, wenn das Quer­denken die Staats­grenzen über­schreitet und kollek­tive Inter­es­sen­kon­flikte entfacht, siehe Julian Assange.

“Wir wollen Quer­denker”, sagen viele Unter­nehmen im Kultur­wandel. Doch wollen sie die Geister, die sie rufen, wirk­lich?

Sokrates war ein Quer­denker. Er starb durch den Schier­lings­be­cher. Hexen könnte man durchaus auch als spiri­tu­elle “lateral thinker” begreifen. Heute sind sie außer­halb des Märchens weit­ge­hend reha­bi­li­tiert.

Sokrates steht bei vielen im Wohn­zimmer und wird gern zitiert. Man schmückt sich insbe­son­dere gern mit toten Quer­den­kern.

Quer­denken aus Sicht der Persön­lich­keit

Der Wider­spruch liegt auch in der Persön­lich­keit des Quer­den­kers, der Quer­den­kerin. Aus psycho­lo­gi­scher Sicht sind typi­sche Charak­te­ris­tika von Quer­den­kern nämlich diese:

  • eine oft weit über­durch­schnitt­liche Offen­heit für neue Erfah­rungen,
  • eine oft mindes­tens in Teilen über­durch­schnitt­liche Intel­li­genz, Sonder­be­ga­bungen,
  • eine geringe Ange­passt­heit (nied­rige Verträg­lich­keit in den Big Five).
  • eine geringe Regel‑, Obri­g­keits- und Norm­ori­en­tie­rung.

Denk­räume schrumpfen

“Rettet die Quer­denker!” lautet mein Aufruf. Ich meine damit die Karte aus meinem Karten­spiel, aber natür­lich noch viel mehr. Die Haltung dahinter: Es als Stärke zu erkennen, wenn jemand sich nicht der Mehr­heits­mei­nung anschließt, eigene Ideen hat, eigene Wege geht. Wohl­wis­send, dass es für Nicht-Quer­­denker oft schwer ist, die kleinen Unter­schei­dungen mitzu­denken, etwa die: Ist das noch Quer­denken oder schon Wahn­sinn?

Inner­halb eines Jahres scheinen Denk­räume geschrumpft, ein Wort hat seine posi­tive Ausstrah­lung geworden. Aber keines­wegs seine Bedeu­tung. Viele Quer­denker sind erst lange nach ihrem Tod in ihrem Genie erkannt worden. Als sie nicht mehr störten. Als das, was ihnen lange vor ihrer Zeit klar war, zum State of the Art geworden ist oder zum Kunst­er­lebnis.

Als man die Kunst darin erkannte. Oder den Wert für den Fort­schritt. Viel­leicht aber auch die Belang­lo­sig­keit.

Eines jedoch ist klar: Quer­denker, die niemals wirk­liche Quer­denker waren, wird man ganz schnell vergessen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Gilbert 4. Februar 2021 at 22:22 — Reply

    Liebe Fraiu Hofert,

    gut, dass Sie diesen Begriff wieder auf die Füße stellen wollen. Ein biss­chen wie beim LTI (also nur ein ganz kleines Biss­chen): Man will sich seine Sprache ja nicht von Idioten hija­cken lassen. Beim in Corona-Zeiten “entführten” Begriff Quer­denker scheint mir das Problem zu sein, dass zu viele dieser Leute nur noch “quer” und zwar ohne “denken” sind. Das ist wie mit dem Begriff “Verschwö­rungs­theorie”, wo auch der zweite Teil des zusam­men­ge­setzten Substan­tivs substanzlos geworden ist. Das sind ja oft keine Theo­rien, sondern meis­tens “Erzäh­lungen” wie man heute sagt oder ganz klar Wahn­vor­stel­lungen.

    In vielen solcher heutigen Phäno­mene scheint es mir ein Problem zu sein, dass Menschen meinen, es sei legitim, ledig­lich Meinungen laut­stark zu äüßern, ohne sich der Mühe gründ­lich ausge­wo­gener Recherche und des Denkens auszu­setzen. Das koppelt sich mit einem starken Affekt, der keine Meinungen neben sich duldet und schon sind wir in einer extrem schwie­rigen gesell­schafts­kom­mu­ni­ka­tiven Lage.

  2. Gilbert 7. Februar 2021 at 10:45 — Reply

    Hallo Frau Hofert, heute lief im Radio dazu das:
    https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=897797 “Coro­na­krise — Über alter­na­tive Fakten, Wissen­schafts­skepsis und Verschwö­rungs­denken ”
    Passt ganz hervor­ra­gend zu den aufge­wor­fenen Fragen.

  3. Marc Mertens 18. Februar 2021 at 1:16 — Reply

    Werte Frau Hofert, ich fühle mich durch diesen Artikel als prak­ti­zie­renden Quer­denker ganz hervor­ra­gend bestä­tigt. Leider lässt die Würdi­gung meines Talents bei vielen früheren und auch aktu­ellen Team­part­nern sehr zu wünschen übrig. Aber das ist in der Tat das Los des quer Denkenden.

    Viel­leicht bin ich nicht wirk­lich so stark gegen Normie­rungen oder Konser­va­ti­vismus einge­stellt wie andere Quer­denker, aber Annahmen oder Schät­zungen hinter­frage ich geradzu spie­lend, kreativ, aber niemals abschät­zend.

    Herz­li­chen Dank für Ihre wert­vollen Worte und diese feine Würdi­gung. Ich bin für mich selbst sehr fein damit, dass ich als Quer­denker oder Krea­tiv­denker durch unsere bzw. meine Zeit gehen darf.

  4. Henri­ette Gerber­ding 24. April 2021 at 17:07 — Reply

    Ja genau, ich war jahr­zehn­te­lang eine Quer­den­kerin und habe gestrug­gelt und gestrug­gelt… Auch mal zum Leid­wesen meines Chefs. Bis ich erkannte, dass mein Quer­denken mich behin­derte in meiner eigent­li­chen Größe.

    Erst als ich begann, wirk­lich das zu tun und zu leben, was ich mir wünschte, und wow — war das eine Reise dorthin!!! Erst als ich volle Verant­wor­tung für die Gestal­tung meines Lebens über­nommen habe, da konnte ich das Quer­denken trans­for­mieren in eine schöne Eigen­schaft: Dienen.

    Die Welt braucht uns.

  5. Peter Meyer 5. Juli 2021 at 8:31 — Reply

    Wenn Konfor­mismus mit Krise begründet wird, dann ist die eigene Selbst­über­hö­hung nur bis zu dieser Grenze gelangt. Der Unter­schied zwischen Verstehen und ‘Verständnis haben’ reichte dann nur dazu, selbst-sicher sein Spezi­al­wissen zu demons­trieren. Die erhoffte Erkenntnis, doch etwas zur Bedeu­tungs­bil­dung zu verstehen, blieb aus. Viel Erfolg.

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