Kate­go­rien

Sich selbst und andere verstehen: Warum Schub­laden helfen

Published On: 6. Oktober 2013Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Schub­laden sind nur für die Sortie­rung von Strümpfen akzep­tierte Einord­nungs­hilfen. Die Schub­laden namens ENTP, ENFJ etc. des Tests „MBTI“ sowie den damit verbun­denen Namen des Psycho­logen C.G. Jung sollte man dagegen in Exper­ten­kreisen, vor allem wenn diese mit Psycho­logen besetzt sind, nicht verwenden — will man keine verächt­li­chen Blicke ernten.  Vom Fach­­k­reis-Image her kann es der MBTI mit Para­psy­cho­logie und Astro­logie aufnehmen, C.G. Jung ist so etwas wie der Chef­as­tro­loge.

In seinem Buch “Menschen­kenntnis. Der große Typen­test” führt Lars Lorber, seit 2002 Betreiber der Website Typen­test, MBTI-Typen und Big Five zusammen und neutra­li­siert dabei die wertenden Aspekte. Was ist das beides? Und warum dieser Ansatz?

Die eine Seite: Typen

lorberbuchDie Wissen­schaft­lich­keit des MBTI lässt in der Tat zu wünschen übrig. Es gibt keine aktu­ellen Studien und keine Belege, dass die Typen­zu­ord­nung so stimmt oder mehr ist als eine Moment­auf­nahme.

Dummer­weise hat der MBTI — Myers Briggs Typen­in­di­kator — , den David Keirsey später adap­tierte, bei Laien – man könnte jetzt munkeln: ähnlich wie die Astro­logie – einen guten Ruf und eine starke Lobby. Man mag es, sich und andere damit in die Schub­lade zu stecken.Die Schub­laden sind dann eine enorme Hilfe. Ganz  beson­ders für seltene „Typen“ wie INTP und INTJ, für die  es die meisten Inter­net­foren gibt.

„Ah, so bin ich! ´Deshalb habe ich mich immer so anders gefühlt. Und: Oh, deshalb ist mein Chef so seltsam!“

Solcherlei Erkenntnis kann viel bewegen und auch bewirken. Wenn ich die Vita meines Autoren­kol­le­gens Guenter Dueck richtig inter­pre­tiere, so  begann seine Beschäf­ti­gung mit sich selbst und den Menschen, die in der „Omniso­phie“ mündete, mit einem Typen­test.

Schub­laden lassen viel­leicht Aspekte außer Acht, und man sollte sie nicht zu eng sehen — aber sie schaden nicht. Coachs und Berater, die solche Tests einsetzen, sollten Klienten über Neben­wir­kungen und Grenzen infor­mieren. Wie man´Nutzen aus den Tests zieht, habe ich in meinem Buch „Meine 100 besten Tools für Bera­tung und Coaching“ beschrieben.

Die andere Seite: Big Five

Ein anderer Test wird Exper­ten­seitig dagegen kaum in Frage gestellt: Die Big Five, mit denen wir in unserer Bera­tung auch aufgrund ihrer Akzep­tanz und wissen­schaft­li­chen Aner­ken­nung seit einiger Zeit arbeiten. Sie beruhen auf einem lexi­ka­li­schen Ansatz und liegen fast allen Studien zur Persön­lich­keit zugrunde. Deshalb kann man mit ihrer Hilfe belast­bare Aussagen etwa zu leicht entwi­ckel­baren Kompe­tenzen treffen. Die Big Five haben aber einen riesen­großen Haken: sie sind nicht beson­ders Laien­taug­lich, da sie werten und bewerten.  Im Big Five-Sinn ist Intro­ver­sion zum Beispiel ein Mangel an Extra­ver­sion. Das hört ein Intro­ver­tierter nicht so gern. Unter anderem deshalb konnten sich die Big Five trotz beein­dru­ckenden Daten­ma­te­rials und unzäh­liger Studien bisher nicht durch­setzen.

Lorber vereint nun beide Ansätze zu etwas Neuem. Er elimi­niert das Wertende aus dem Big Five und kombi­niert es mit der Jeder-ist-anders-das-ist-Okay-Philo­­so­­phie der Jung­schen Ansatzes. Der im Übrigen erstaun­liche Paral­lelen zu den Big Five aufweist. Ebenso übri­gens zur Tempe­ra­men­ten­lehre.

Das Ganze ist auch für Laien sehr verständ­lich aufbe­reitet. Gut gefällt mir Lorbers Erfin­dung des „Kapi­täns“ — der stärksten persön­li­chen Eigen­schaft, die einen leitet und am meisten prägt. Toll auch die zahl­rei­chen Fall­bei­spiele von „Onkel Willi“ und anderen fiktiven Personen, die das Buch für Menschen wert­voll macht, die keine psycho­lo­gi­schen Kennt­nisse haben. Sie erhalten konkrete Hilfen, um Partner, Kollegen und Chefs einzu­schätzen. Etwa: “Warum legt der Chef so viel Wert auf das letzte Komma, wo das doch (aus meiner Sicht) gar nicht wichtig ist? Weil er sehr gewis­sen­haft ist!”

Seit mehr als 12 Jahren beschäf­tigt sich Lars Lorber mit Persön­lich­keit, seit einigen Jahren füttert er auch einen Blog. Seine Seite Typen­test hat er aus persön­li­chem Inter­esse und dem Wunsch, sich selbst und andere zu verstehen, aufge­baut.  Soviel ich weiß, ist Lorber fach­fremd, weder Coach noch Pädagoge oder Psycho­loge. Das kann bei solchen Unter­fangen ein Vorteil sein, denn ein Fach­mensch hätte sich das womög­lich nicht getraut. Haben Menschen, die ein Fach gelernt haben, doch die Tendenz sich an das Er- und Gelernte zu halten und würden eher keine unkon­ven­tio­nellen Ansätze wagen. Lorber hat sich dem Thema mit dem Blick des Laiens genä­hert und seine „Linse“ nach und nach geschärft, auch durch viele Leser­re­ak­tionen.

Mich erin­nert der prak­ti­sche und umset­zungs­ori­en­tierte Ansatz in vielem an Sylvia Löhkens Buch „Leise Menschen“.  Es bietet sich an als Handuch für alle, die prak­ti­sche Lösungen suchen. Wer wissen­schaft­li­cheres Wissen sucht, dem empfehle ich wärms­tens Daniel Nettles „Persön­lich­keit“. Oder, falls Sie sich mit Steven Reiss auskennen: Für Neugier dunkel­grün ist Nettle (zusätz­lich) ideal, für Neugier rot oder gelb ist Lorbers Buch ein verdau­li­cherer Einstieg.

Was mir gar nicht gefällt ist aller­dings das Cover. Irre­füh­rend auch der Reihen­titel „Beck profes­sional“. Das sugge­riert ein Experten-Thema, was es nicht ist. Auch hätte man etwas mehr Liebe in die Innen­ge­stal­tung inves­tieren können.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Beatrix Petri­kowski 8. Dezember 2013 at 8:36 — Reply

    Bei einem Sach­buch ist es immer schwierig, ein Thema entspre­chend so umzu­setzen, dass es für einen Leser inter­es­sant genug ist. Fach­bü­cher müssen z. B. von Studenten gelesen werden, während Sach­bü­cher mehr oder wenig frei­willig gelesen werden. “Menschen­kenntnis…” bietet reich­lich prak­ti­sche Tipps und dank der vielen Beispiele bekannter Größen aus Politik und Fern­sehen kann Lars Lorbeer sicher viele für das Thema gewinnen.

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