Kate­go­rien

Stärken & Studium: Wie sich Persön­lich­keit in der Studi­en­wahl zeigen

Published On: 6. Mai 2016Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Warum wählen die einen BWL und entscheiden sich die anderen für Inge­nieur­wesen? Was bringt manche zur Sozio­logie und andere zur Medizin? Es sind nicht nur  Abitur­noten, Fami­li­en­his­torie und Inter­essen. Es ist auch die Persön­lich­keit, aus der sich Eigen­schaften und Stärken ableiten. Verschie­dene Studien haben sich mit dem Zusam­men­hang von Persön­lich­keit und Studi­en­wahl auf Basis der Big Five befasst. Diese wurden in unter­schied­li­chen Ländern von Spanien über Kanada bis in die USA mit ähnli­chen Ergeb­nissen durch­ge­führt. Eine aktu­elle Studie legte jetzt Anna Vedel für Däne­mark vor. Einige Ergeb­nisse – und was das konkret für Studi­en­wahl und Berufs­ori­en­tie­rung sowie für die persön­liche Stär­ken­ent­wick­lung bedeutet.

Extra­ver­sion: Marke­ting führt die Liste der “Lauten” an

Stille Wasser gründen tief. Und ja, sie lieben oft auch Bücher. So ist es kein Wunder, dass Geis­tes­wis­sen­schaftler, Inge­nieure und Natur­wis­sen­schaftler in vielen Studien gerin­gere Extra­ver­si­ons­werte zeigen. Busi­­ness-rele­­vante Fächer ziehen in allen Dimen­sionen extra­ver­tier­tere Personen an als Nicht-Busi­­ness-Rele­­vante. Und welche Studenten sind am extra­ver­tier­testen? Na, die aus dem Marke­ting! Hätte ich Ihnen auch ohne Empirie sagen können. Aber gut, dass es damit belegt ist. Gilt übri­gens auch für PR — das ist nun meine persön­liche Einschät­zung, Öffent­lich­keits­ar­beit kommt in der Studie nicht vor.

Was heißt das für die Studi­en­wahl?

Natür­lich profi­tiert jedes Fach von einem guten Mix. Andrer­seits fühlen sich Menschen natur­gemäß fremd und unbe­hag­lich, wenn alle um sie herum anders sind. Fremd­kör­per­ge­fühle senken zudem das Selbst­be­wusst­sein. Gerade in einer Phase, in der die Persön­lich­keit noch labil ist, ist es sehr schwierig mit dem Anders­sein locker umzu­gehen. Ja, in Vertriebs- und Marke­­ting-Abtei­­lungen geht es lauter (extra­ver­tierter) zu und in Finanz­ab­tei­lungen und der IT leiser (intro­ver­tierter). Das muss einem klar sein, wenn man bestimmte Fächer wählt. Andrer­seits gibt es immer wieder typi­sche und weniger typi­sche Einsatz­felder. Außerdem sollte die Welle der Intro­­ver­­­sions-Lite­ratur in Perso­nal­ab­tei­lungen ange­kommen sein, die hoffent­lich begreifen, dass ein gutes Team nicht immer mehr vom Glei­chen, sondern immer mehr vom Anderen braucht.

Neurotizismus/Instabilität: Typisch für Denker-Typen

vedel

aus der Studie: Korre­la­tionen

Der Mythos lautet, dass Psycho­­logie-Studenten das Fach oft schon deshalb wählen, weil sie selbst ein Problem haben. Er scheint nicht ganz unbe­rech­tigt: Pädagogen und Psycho­logen sowie Geis­tes­wis­sen­schaftler sind emotional signi­fi­kant weniger stabil als Studenten der Natur­wis­sen­schaften. Das bedeutet, sie machen sich häufiger Sorgen, sind weniger belastbar und nicht so risi­ko­affin. Ökonomen und Juristen erweisen sich in den meisten Studien als emotional stabiler, haben also einen gerin­geren Neuro­ti­zismus. Glei­ches gilt auch für Medi­ziner.

Was heißt das für die Studi­en­wahl?

Geis­tes­wis­sen­schaftler hören beson­ders oft „was willst du damit machen?“ – und da sie beson­ders empfindsam sind, reagieren sie eher darauf. Die Reso­nanz von außen verun­si­chert. Dagegen hilft nur, Cool­ness trai­nieren und am besten früh­zeitig Wirt­schafts­luft atmen anstatt sich komplett vergeis­tigen zu lassen. Nehmen Sie die Empfind­sam­keit als Stärke an, die gerade verbunden mit Intro­ver­sion auch zu einer größeren Nach­denk­lich­keit führt. Üben Sie früh­zeitig, Stärken zu entwi­ckeln, die Ihre Stärken stärker machen, z.B. Ihren Stand­punkt zu argu­men­tieren und bauen Sie Ihr Selbst­be­wusst­sein auf, indem Sie sich aktu­elle und nach­ge­fragte Themen erschließen. Packen Sie sich das in den meisten Berei­chen notwen­dige BWL-Wissen auf und nutzen Sie die Quali­täten, die sie haben, um die Welt ein biss­chen besser zu machen.

Offen­heit für neue Erfah­rungen: Spezi­fisch für Geistes- und Natur­wis­sen­schaftler

Two nerdy guys working with a computerNeues? Aber nur her damit! Verän­de­rung? Will­kommen! Geis­tes­wis­sen­schaftler und Natur­wis­sen­schaftler sind erheb­lich offener als alle anderen Gruppen Studie­render, und das welt­weit.  Auch Medi­ziner sind eher so. Das bedeutet, diese Menschen sind neugie­riger, wissens­hung­riger und allein dadurch schon krea­tiver. Sie suchen mehr nach dem „Anderen“ und sind oft auch eher an Kunst und Philo­so­phie inter­es­siert. Das führt zu Nonkon­for­mismus, sieht auch mein Post hier. Ich sehe sehr viele Natur­wis­sen­schaftler in meiner Bera­tung, die alter­na­tive Berufs­wege gegangen sind. Außerdem ist es beson­ders für Mathe­ma­tiker, Physiker und Biologen spezi­fisch, dass sie sich für Dinge jenseits des eigenen Teller­rands inter­es­sieren.  Arbeit­geber sollten das beim Recrui­ting stärker berück­sich­tigen: Wenn sie sich krea­tives Denken ins Haus holen wollen, dann sollten sie den Philo­­so­­phen-Lebens­­lauf nicht gleich aussor­tieren, sondern ihm im Gegen­teil erst recht eine Chance geben.

Was heißt das für die Studi­en­wahl?

Gerade weniger offene Bereiche würden natür­lich von den Offenen sehr profi­tieren, aller­dings ist es auch gut, dass es immer die wider­stre­benden Tendenzen Bewahren-Verän­­dern gibt — Finanzer sollten nun mal nicht alles umwerfen, nur weil etwas neues inter­es­santer ist (Offene neigen dazu, sage ich Ihnen als sehr Offene aus eigener Erfah­rung). Gerade Gistes­wis­sen­schaftler, deren Schwie­rig­keiten sich bei der Berufs­in­te­gra­tion in den letzten Jahren eher verstärkt haben, sollten mehr über Mix-Fächer nach­denken und wirt­schafts­nahe Kombi­na­tionen wie Philo­so­phie und Infor­matik als Alter­na­tive erkennen. Sie sollten ihre Angst vor Mathe­matik verlieren, wenn sie die haben (und sie haben sie öfter) – denn bei der Angst spielt eben auch ihre Persön­lich­keits­dis­po­si­tion eine Rolle. Es ist alles nur im Kopf…

Verträg­lich­keit: Juristen und Ökonomen bringen mehr natür­li­chen “Ellen­bogen” mit

Ellen­bogen gefällig? Dann begeben sie sich doch mal in eine Kanzlei. Natür­lich gibt es nette und fried­fer­tige Juristen und Ökonomen, doch in der Tendenz sind diese weniger verträg­lich als ihre Kollegen aus anderen Studi­en­rich­tungen. Studenten der Psycho­logie und Geis­tes­wis­sen­schaften sind deut­lich verträg­li­cher, ebenso wie Medi­ziner und Natur­wis­sen­schaftler. Das gilt übri­gens in Spanien, USA, Groß­bri­tan­nien, Belgien und Däne­mark – unter­schied­liche Ausle­gungen der Berufs­bilder scheinen also kaum eine Rolle zu spielen.

Was heißt das für die Studi­en­wahl?

Verstehen Sie sich selbst und machen Sie sich klar, wie Ihre Kommi­li­tonen sind, bevor Sie sich in Bereiche begeben, die eher einen Haifisch­be­cken­cha­rakter haben. Natür­lich ist nicht jeder niedrig verträg­liche Mensch eine coole Socke, aber tenden­ziell wird er eher auch mal Kante zeigen. Lassen Sie sich davon nicht abschre­cken.

Gewis­sen­haf­tig­keit: Psycho­logen sind mittel­genau, Geis­tes­wis­sen­schaftler ziem­lich flexibel…

Gibt es Fächer für Struk­tu­rierte und Perfek­tio­nisten? Eher nein. Gewis­sen­haf­tig­keit ist über­wie­gend unspe­zi­fisch, meist finden sich mitt­lere Werte. Aller­dings gibt es Ausnahmen. Lassen wir die Studie spre­chen: “Arts and Huma­ni­ties scored consis­t­ently lower than other academic majors, and medium effect sizes were found in compa­ri­sons with Sciences, Law, Econo­mics, Engi­nee­ring, Medi­cine, and Psycho­logy.”

Was heißt das für die Studi­en­wahl?

In dem Fall wirk­lich nichts. Ich würde aller­dings behaupten, dass Gewis­sen­haf­tig­keit für die spätere Berufs­wahl hoch­re­le­vant ist. Wenig gewis­sen­hafte Menschen sind oft sehr flexible, spontan und können unheim­lich leis­tungs­fähig sein, wenn sie intel­li­gent und moti­viert sind. Sie sind höchst­wahr­schein­lich besser in krea­tiven Feldern. Die beiden Nerds auf dem Foto könnten so sein.

Zusam­men­fas­sung:

Apropos Nerds:Spaß beim Studium ist so wichtig, wie Spaß bei der Arbeit. Niemand sollte etwas machen, was ihm oder ihr gar nicht liegt. Es ist also völlig okay, wenn Studi­en­wahl und Persön­lich­keit hängen eng zusammenhängen.Am Ende ist es eher kontra­pro­duktiv, sich aus Vernunft­gründen irgendwo durch­zu­quälen. Ich habe viele solcher Fälle, die zum Beispiel BWL statt Sozio­logie wählten und damit kreuz­un­glück­lich waren (weil sie nämlich eine hohe Offen­heit hatten). Am Ende verbes­sert das nicht die Ausgangs­lage, sondern verschlech­tert sie. Denn auch im Job kommt man wieder mit Persön­lich­keiten zusammen, die durch ihr Studi­en­fach geprägt sind.

Bezogen auf die Studie von Anna Veldel stellt sich die Frage: Könnten die gefun­denen Unter­schiede auch mit der geschlechts­spe­zi­fi­schen Studi­en­wahl zu tun haben? Die Studi­en­au­torin Vedel glaubt das nicht. Einige Wissen­schaftler, die Unter­schiede in der Studi­en­wahl unter­sucht haben, haben diese Frage  einmal separat betrachtet und fest­ge­stellt, dass die Unter­schiede auch dann bestehen blieben, wenn man den Faktor männ­lich oder weib­lich berück­sich­tigt.

Führt es nicht zu einer Klischee-Studi­en­­wahl, wenn alle sich entspre­chend ihrer Big Five orien­tieren, mögen Sie fragen. Sicher: Zudem ist unklar, wer Henne und Ei ist. Macht das Umfeld die Persön­lich­keit oder suchen die Persön­lich­keiten sich das Umfeld? Am Ende ist sicher beides der Fall: Die Persön­lich­keit sucht, und das Umfeld prägt. Nicht zu vergessen, dass sich die Persön­lich­keits­ei­gen­schaften bis zum Alter von 30 Jahren noch entschei­dend ändern können. Meist bleiben sie aber über etwa fünf Jahre stabil. Das ist etwa so lange wie ein Studium dauert…

Die gesamte Studie von Anna Vedel “Big Five perso­na­lity group diffe­rences across academic majors: A syste­matic review. Perso­na­lity and Indi­vi­dual Diffe­rences” können Sie hier herun­ter­laden.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. […] ernst­haft mit Deinen Beweg­gründen ausein­an­der­setzt, kann die Antwort Dir sehr viel über Dich – Deine Stärken, Deine Inter­essen und Deine Persön­lich­keit – und damit auch über Deine Wünsche verraten. Folgst Du also Deinem eigenen Weg, machst Du […]

  2. […] sich Deine Persön­lich­keit auf die Studi­en­wahl auswirken kann, kannst Du hier im Detail […]

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