Kate­go­rien

Warum müssen Berufs­wechsel mit über 35 so schwierig sein?

Published On: 8. Mai 2010Cate­go­ries: Führung

Heute erschien ein Kommentar zu diesem Thema von mir im Hamburger Abend­blatt, den ich hier erwei­tert veröf­fent­liche:

 

Verän­de­rungen jenseits der 35 werden einem sehr schwer gemacht. Meister-Bafög – eine reine Aufstiegs­qua­li­fi­zie­rung. Bafög mit über 30? Gibt es nur in Ausnahmen. Bildungs­kre­dite? Werden ledig­lich bis zum 36. Lebens­jahr  ermög­licht. Jobcenter unter­stützen keine Studien und verweisen auf die – durchaus nicht in allen Berei­chen — nied­rige Arbeits­lo­sen­zahl unter Akade­mi­kern. Es gibt außerdem kaum Töpfe für die (Kredit-)Finanzierung wirk­lich wich­tiger Zerti­fi­zie­rungen, etwa in der IT. Es muss – und sollte! — ja nicht alles geschenkt sein. Wenn es aber leichter würde, sich Geld für teure Bildung zu leihen, wäre dies schon der wich­tigste Schritt in eine schöne neue Arbeits­welt.

Schön, dass es trotz aller Schwie­rig­keiten immer wieder Menschen gibt, die mutige Sprünge wagen. Die Kran­ken­schwester, die mit Mitte 30 aus den eigenen Erspar­nissen ihr Medi­zin­stu­dium finan­zierte und schaffte. Die Archäo­login, die mit 50 Physio­the­ra­peutin wurde. Oder der Jour­na­list, der sich entgegen aller „guten“ Ratschläge mit 40 noch für ein Infor­ma­tik­stu­dium einschrieb. Doch solche Schritte sind denen vorbe­halten, die das Geld selbst oder durch Fami­li­en­un­ter­stüt­zung aufbringen möchten. Die sich gegen die oft starken Wider­stände und „Buhrufe“ der sicher­heits­ori­en­tierten Umge­bung und unserer Neid-Gesel­l­­schaft durch­setzen können. Und die leider mit ihren mutigen Schritten oft Schwie­rig­keiten haben im neuen Beruf “anzu­kommen”. Während in den USA ein spätes Studium bewun­dert wird, herrscht bei uns immer noch das Denken in alten Karriere-Dimen­­sionen vor. “Warum willst du mit 40 Archi­tektur studieren, Du hast doch einen sicheren Job”, ist eine sehr typi­sche Aussage. Arbeit­geber sind nicht weniger char­mant: “Da stimmt doch was nicht, wenn Sie als Akade­mi­kerin jetzt als Post­botin arbeiten wollen”, bekam eine Leserin meines Aben­d­­blatt-Arti­kels zu hören, die wirk­lich gern in diesem “nied­ri­geren” Job arbeiten wollen. Denn bei beruf­li­chen Wech­seln geht es nicht nur um Aufstieg, sondern oft auch um einen vermeint­li­chen “Abstieg”, der nicht selten  gewünscht wird. Wenn die akade­mi­sche Tätig­keit dauernde 60-Stunden-Wochen und stän­dige Reisen bedeutet, kann eine Zukunft draußen auf dem gelben Fahrrad durchaus attraktiv sein.

Doch beruf­liche Wechsel werden kaum geför­dert, sondern nur Weiter-Bildung. Doch wir brau­chen staat­liche Unter­stüt­zung für radi­ka­lere Berufs­wechsel, zum Beispiel einen Bildungs­kredit für  jedes Alter! Und zwar auch für die formal bereits gut Aus-Gebil­­deten und für Zweit­stu­dien. Es muss egal sein, aus welchen persön­li­chen, gesund­heit­li­chen oder arbeits­markt­po­li­ti­schen Gründen, ein Mensch mit 35, 40 oder 45 Jahren noch einmal ein Studium aufnimmt und einen ganz neuen Kurs einschlägt. Viel­leicht, weil die Arbeits­be­din­gungen im erlernten Bereich zu schlecht geworden sind. Viel­leicht auch nur, weil sich die Inter­essen verla­gert haben. Viel­leicht, weil man endlich für eine vernünf­tige Bezah­lung arbeiten möchte und den Sinn des eigenen Enga­ge­ments nicht mehr erkennen kann. Ganz oft auch im Gegen­teil, weil zu einem späteren Zeit­punkt des Lebens etwas hinzu kommt, was am Anfang des Berufs­le­bens noch wenig wichtig scheint: Sinn.

 

Dieser Beitrag bezieht sich auf eine meiner Thesen im Karrie­re­ma­cher­buch.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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12 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 9. Mai 2010 at 15:13 — Reply

    Genau auf den Punkt getroffen:
    Lebens­er­fah­rung stei­gert den Wunsch nach Sinn in der Arbeit.
    In der Tat tendiert unsere Leis­tungs­ge­sell­schaft immer noch dazu, dass Menschen eine gerad­li­nige Karriere durch­laufen: Einmal Inge­nieur — immer Inge­nieur…
    Jobwechsel werden heute erwartet — auch jenseits der 45. Aller­dings meis­tens nach der Devise: “Immer auf dem Teppich bleiben”. Anpas­sungs­qua­li­fi­zie­rung ja, Verän­de­rung eher nein.
    Manchmal reicht ja auch das Ändern nur eines Aspektes im Koor­di­na­ten­system und der nächste Job macht glück­li­cher. So kann z.B. der Wechsel von großem zu kleinem Unter­nehmen in derselben Branche mit derselben Tätig­keit bereits Wunder wirken.
    Es gibt aber Menschen, die wollen oder müssen noch einmal komplett etwas Neues starten. Hier ist mit der klas­si­schen Weiter­bil­dung oft nichts erreichbar.
    Zuerst einmal ist dann auch zu klären: „Was will ich denn jetzt wirk­lich beruf­lich machen?“. Markt­for­schung in eigener Sache ist dann ange­sagt.
    Einen guten Weg dazu bietet die Methode Life/Work Plan­ning. Hier kann ich mich syste­ma­tisch mit dem befassen, was ich kann und was ich will. Aber noch viel wich­tiger ist, Life/Work Plan­ning bietet eine Stra­tegie dann auch tatsäch­lich an mein Wunsch­ziel zu kommen. Das beste: diese syste­ma­ti­sche Berufs­pla­nung kann jetzt sogar durch die Arbeits­agen­turen per Bildungs­gut­schein geför­dert werden. Also mal was anderes, als die klas­si­sche Weiter­bil­dung…
    Mehr unter: http://www.lifeworkplanning.de

  2. Nico 24. Mai 2013 at 14:59 — Reply

    Noch viel schwie­riger als der Neuan­fang aus einem sicherem Job ist der Neuan­fang aus der Arbeits­lo­sig­keit. Liegt das viel­leicht daran, daß die Arbeits­lo­sig­keit der sicherste Job über­haupt ist, der einzige, bei dem jeder der diese Karrie­re­stufe erreicht hat sicher weiß “was auch immer passiert, hier bleibe ich den Rest meines Berufs­ebens, ob ich will oder nicht”?

  3. Finetta 26. Mai 2013 at 13:49 — Reply

    Zur Zeit stehe ich an diesem Punkt, noch einmal neu anfangen zu wollen. Aus dem Arbeits­ver­hältnis heraus. Doch egal, wie viele Förder­mög­lich­keiten, Netz­werke, Semi­nare… es gibt.Eins fehlt auf jeden Fall- Unter­stüt­zung für die Menschen die sich verän­dern möchten, jenseits der 40. Auf der einen Seite wird erwartet sich der digi­talen Arbeits­welt anzu­passen, auf der anderen Seite sind die Möglich­keiten gering flexi­bere Modelle zu entwi­ckeln so gut wie nicht vorhanden. Trotz allem werde ich eine Möglich­keit finden meinen Weg zu gehen.

  4. Ich eben 2. Oktober 2013 at 13:10 — Reply

    Ich bin so ein von Nico genannter auf Lebens­zeit unkündbar ange­stellter des Jobcen­ters. Fast, denn ich habe nach 4 Jahren Krieg eine Umschu­lung zum Infor­ma­tiker bekommen.
    Weil ich so schwer chro­nisch krank bin, daß der Sinn jedes Versuchs eines beruf­li­chen Wieder­ein­stiegs sehr zwei­fel­haft ist.
    Deswegen gelang es, in die Zustän­dig­keit der Renten­ver­si­che­rung zu wech­seln.
    Ein Gesunder, der mit dieser Umschu­lung realis­ti­sche Chan­chen hätte, könnte den Trick mit dem Renten­an­trag nicht anwenden. Der muß so lange arbeitslos bleiben, bis hartz4 ihn zum Krüppel macht, und kann erst dann meine Taktik nutzen.

  5. Tobias 24. Oktober 2013 at 19:23 — Reply

    Schön, dass ich doch immer wieder Beiträge in dieser Art finde und viel­leicht kann ich zeitnah Posi­tives berichten. Nachdem ich im IT-Service und im IT-Vertrieb tätig war, habe ich im Februar mein berufs­be­glei­tendes Studium zum Medi­en­de­si­gner erfolg­reich abge­schlossen. Jetzt folgt der hoffent­lich erfolg­reiche Berufs­wechsel 😉

  6. Hui 15. April 2014 at 8:21 — Reply

    Genau das würde ich mir wünschen, endlich eine rale chance auf dem Arbeits­markt zu bekommen, aber wenn man wie ich Gene­ra­tion Prak­tikum ist und nach dem Infor­ma­tik­stu­dium keine gescheite Arbeits­stelle gefunden hat, bleiben einem nur noch Hand­lan­ger­jobs. Das Arbei­stamt rät einem nur sinn­lose Bewer­bungen in Zeit­ar­beits­firmen an, doch bekommt man da nach 8 Monaten ach nur Absagen.
    Ich würde gerne was anderes machen dürfen, nochmal die Schul­bank drücken, wenn es nur in einen vernünf­tigen Job und ein vernünf­tiges Gehalt enden würde!!!
    Näheres über die Fach­kräft­ze­lüge kann man der Arbei­ge­ber­lobby ‘Bitcom’ entnehmen.

  7. Tara 3. September 2014 at 21:05 — Reply

    Ich habe auch gerade nochmal ein Studium mit 34 ange­fangen. Ja, ich habe schon ein abge­schlos­senes Studium und habe gemerkt, dass es einfach nicht geht in dieser Rich­tung zu arbeiten. Über Jahre habe ich versucht mich da in etwas hinein­zu­pressen, was nicht passte. Jetzt reicht es! Hätte ich nicht meine Familie im Rücken, könnte und würde ich das nicht durch­ziehen. Es ist mir egal was die anderen sagen, wieviel sie meine Entschei­dung auch kriti­sieren. Manchmal ist da bestimmt auch einfach Neid mit dabei.

  8. Toni 13. September 2014 at 13:55 — Reply

    Danke für diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele. Nach 10 Jahren inter­na­tio­naler Karriere im Perso­nal­wesen inkl. Perso­nal­ver­ant­wor­tung in einem großen Wirt­schafts­kon­zern werde ich (w/34) demnächst ein Studium in Wirtschaft/Religion/Politik aufnehmen und möchte mittel­fristig im NGO Bereich fuss­fassen. Die meisten halten mich für abge­dreht und beinahe fahr­lässig handelnd, meine sichere Stelle aufs Spiel zu setzen für solche “gutmensch­li­chen Luft­schlösser”. Aber man muss eben das tun, wofür man Begeis­te­rung entwi­ckelt. Das heißt nicht, dass die letzten 10 Jahre meiner Karriere vertane Zeit waren. Aber man entwi­ckelt sich eben weiter und sollte das auch wenn möglich ausleben.

    • Svenja Hofert 14. September 2014 at 14:55 — Reply

      Viel Spaß und Erfolg dabei. Ist Ihr Leben, nicht das der anderen. LG SH

  9. Nicole 8. Oktober 2014 at 22:38 — Reply

    Sehr inter­es­santer Artikel. Ich stehe eben­falls vor einem beruf­li­chen Neuan­fang. Ich bin Friseurin und möchte nächstes Jahr ein bwl Studium anfangen. Ich bin dann aller­dings erst 27, habe also mit evtl Förde­rungen noch Glück, aber: ich werd genauso blöd ange­guckt warum ich denn meinen job aufgeben will und etwas völlig anderes machen möchte.

  10. […] in der Mitte ihres Lebens einen Neuan­fang wagen, zeigt auch dieser Artikel der Welt oder dieser Blog­ein­trag von Karrie­re­be­ra­terin Svenja Hofert. Das mit dem Neuan­fang kenne ich aus meiner Arbeit im spiri­tu­ellen Tourismus, zum Beispiel von den […]

  11. Stephanie 5. Februar 2016 at 20:11 — Reply

    Ja, ich kann ein Lied davon singen. Sowohl vom down­s­hif­ting als auch von den komi­schen pikierten Blicken der anderen und von poten­ti­ellen Arbeit­geber. Als Arbeit­nehmer soll man immer inno­vativ, flexibel sein und um die Ecke denken können. Wenn man dann aber mit einem Lebens­lauf daher­kommt, der alles andere als linear ist, dann ist es schnell vorbei mit der Offen­heit in unserer ach so modernen Gesell­schaft. Die Welt ist voller Wider­sprüche.

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