Kate­go­rien

Warum Selbst­tran­szen­denz die wich­tigste Fähig­keit in der Digi­ta­li­sie­rung werden wird

Published On: 26. Mai 2019Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

(aktua­li­siert 2/2021)

Go gilt als das Schach Asiens. Es ist nur noch viel komplexer. Nachdem der Welt­rang­lis­ten­erste in dieser Diszi­plin, der Chinese Ke Jie 2017 drei Mal hinter­ein­ander gegen den von Google entwi­ckelten Computer AlphaGo und Nach­folger AlphaGo Zero verlor, gab er ein Inter­view, das bei Youtube mit engli­schen Unter­ti­teln zu finden ist. In diesem bezeich­nete er AlphaGo als eine Art „Gott“. Sich selbst defi­niert er im Ange­sicht dieser maschi­nellen Herr­lich­keit. „I think I need some time to figure out the situa­tion. I had never doubted myself. I used to think I was the stron­gest and most cogi­ta­tive”.

In diesem Satz steckt psycho­lo­gi­scher Spreng­stoff, da er zwei­erlei ausdrückt:

  1. eine tiefe narziss­ti­sche Krän­kung, gekenn­zeichnet durch einen Schock nach vorhe­riger Selbst­über­hö­hung
  2. eine fatale Verwechs­lung: das „Ich“ ist nicht der Mensch, sondern eine Rechen­ma­schine die mit der KI Schritt halten muss

Schritt halten mit KI?

Beginnen wir mit 2. Wie kann es sein, dass sich ein Mensch mit einem Computer vergleicht und diesen gött­lich erhöht? Nur durch ein Miss­ver­ständnis, eine Fehl­be­wer­tung dessen, was Computer leisten können. Sie sind nur so schlau, wie die jewei­lige Wissen­schaft derer sie sich bedienen.

So lernen Computer die aus den 1970er Jahren stam­mende und nicht mehr ganz taufri­sche Theorie des Facial Action Coding Systems (FACS) von Paul Ekman. Danach gibt es univer­selle Gefühle, die sich in Gesich­tern ablesen lassen. Ekman codierte 44 elemen­tare Grund­be­we­gungen, so genannte Action Units. Sie sollten angeb­lich alles zeigen, was sich in Gesich­tern abspielt. Die “Emotion Economy” mit Firmen wie Affec­tiva oder Realeyes verspre­chen sich dadurch Riesen­ge­schäfte. Doch Kritiker sagen, dass greife viel zu kurz. Die Forschungen etwa von Lisa Feldtman-Barret weisen ebenso in eine andere Rich­tung: Die Sache ist deut­lich komplexer.

Den Begriff Künst­liche Intel­li­genz hat der Infor­ma­tiker und Autor John McCarthy in den 1950er-Jahren geprägt. Er verstand darunter, dass Maschinen Aufgaben über­nehmen, die charak­te­ris­tisch für mensch­liche Intel­li­genz sind, also beispiels­weise eigen­ständig Probleme lösen. Man unter­scheidet heute schwache und starke KI: Schwache KI löst abge­grenzte Aufgaben oder aber eine über­schau­bare Zahl von Routinen. Sie kann sich expo­nen­tiell beschleu­nigen, also unend­lich wachsen – in dem begrenzten Gebiet, in dem sie tätig wird.

„Starke KI“ würde die mensch­liche Intel­li­genz nach­bilden können. Davon sind wir immer noch und wohl auf abseh­bare Zeit von mehreren Jahr­zehnten entfernt. Bei der schwa­chen KI kommt das maschi­nelle Lernen ins Spiel, das als die Fähig­keit eines Algo­rithmus defi­niert ist, selbst hinzu­zu­lernen – in diese Kate­gorie fällt AlphaGo.

Gött­liche Rechen­fä­hig­keit oder mensch­liche Empa­thie?

AlphaGo als Gott zu bezeichnen ist vor diesem Hinter­grund beson­ders erschre­ckend. Denn es stellt sich die Frage, welche Fähig­keit der Chinese denn als gött­lich empfindet. Offen­sicht­lich die Rechen­ka­pa­zität, die er mit Denk­ka­pa­zität gleich­setzt. Doch beim Menschen kommt das Fühlen vor dem Denken. Er ist also ganz anders “konzi­piert”. Jedoch lässt sich aus Aussagen wie diesen schließen, dass die mensch­liche Empa­thie­fä­hig­keit und Krea­ti­vität in den Augen des Chinesen weniger wert zu sein scheint. Also die eigent­liche Exper­tise des Menschen, der nicht nur von daher mehr Tier ist als Maschine.

Das Inter­view ist ein Zeit-Zeichen. Jie spricht genau das aus, was ich als größte Heraus­for­de­rung in der aktu­ellen Experten-Arbeits­­welt empfinde: Die gesunde und nicht wett­be­werbs­ori­en­tierte oder gar angst­be­setzte Neupo­si­tio­nie­rung der mensch­li­chen Arbeits­kraft neben der künst­li­chen Intel­li­genz. Das ist für mich New Work — nicht etwa Perso­nal­mar­ke­ting oder Ponyhof-Zusam­­men­ar­­beit.

Auch in den Unter­nehmen stellen sich zahl­reiche Fach–  und Führungs­kräfte nicht in Frage, ein Teil hält sich, wenn nicht für klug, dann doch für uner­setz­lich. Nicht wenige haben sich noch nie in Frage gestellt haben und sich statt­dessen über Fach­wissen oder Führungs­kom­pe­tenz defi­niert. Sie wissen gar nicht dass sie fühlend denken oder denkend fühlen.

Sie waren oder sind ihre beruf­liche Posi­tion. Ohne diese fühlen sie sich als Nichtse.

Künf­tiger Massen­markt Emotio­nale und ethi­sche Bildung

Iden­tität wurde damit an etwas geknüpft ist, das von der „schwa­chen“ künst­li­chen Intel­li­genz mehr und mehr über­nommen wird. Worin man aus anderem Blick­winkel eben auch eine Chance sehen könnte. Iden­tität könnte dann wieder über mensch­liche Eigen­schaften erfolgen. Wir würden uns nicht als Konkur­renten der Computer verstehen und diese im über­tra­genen Sinn im „rich­tigen Schach“ halten. Neue Aufgaben – nicht unbe­dingt Jobs – gäbe es genug, allein durch die immer größer werdenden ethi­schen Frage­stel­lungen und die Notwen­dig­keit der emotio­nalen Bildung wird niemand beschäf­ti­gungslos sein.

Damit wir nicht in die Go-Falle gehen, bräuchten wir selbst­tran­szen­dente Menschen, also Menschen, die mehr sind als sie selbst. Der Begriff Selbst­tran­szen­denz kommt ursprüng­lich vom Arzt Viktor Frankl, der in seinem Welt­best­seller „Trotzdem ja zum Leben sagen“ zeigte, was Menschen wirk­lich ausmacht, wenn sie nichts mehr haben außer sich selbst.

Selbst­tran­szen­denz als verlernte Charak­ter­ei­gen­schaft

Laut des ameri­ka­ni­schen Psych­ia­ters Robert Cloninger ist Selbst­tran­szen­denz das, was Frei­heit und zugleich Rich­tung im Leben gibt. Es ist unwahr­schein­lich, das selbst­tran­szen­dente Menschen eine so tiefe Verstö­rung erleben können wie Ke Jie. Sie defi­nieren sich nicht über ihre Abgren­zung durch beson­ders viel Wissen, sondern suchen danach wirksam für sich und andere zu sein.

Für Cloninger ist Selbst­tran­szen­denz eines von drei Merk­malen, die den Charakter eines Menschen ausma­chen. Dieser sei das, was der Mensch aus sich macht – im Unter­schied zu seiner ange­legten Körper­chemie, die Cloninger als Tempe­ra­ment bezeichnet. Selbst­tran­szen­denz beinhaltet Selbst­ver­ges­sen­heit, trans­per­so­nale Iden­ti­fi­ka­tion und spiri­tu­elle Akzep­tanz. Letz­teres bedeutet nicht unbe­dingt den Glauben an einen Gott, sondern dass man sich als Teil der Vergan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft der Mensch­heit sehen kann. Neben der Selbst­tran­szen­denz gehört für Cloninger auch Koope­ra­ti­vität und Selbst­len­kungs­fä­hig­keit zum Charakter.

Idea­lismus als Folge von Selbst­tran­szen­denz

Bei einer hohen Ausprä­gung der Dimen­sion Selbst­tran­szen­denz entwi­ckelt und zeigt sich ein fanta­sie­voller, idea­lis­ti­scher Mensch. Clonin­gers Persön­lich­keits­bild passt in die Welt­sicht der Aufklä­rung und trägt einen zutiefst huma­nis­ti­schen Kern in sich.

Er geht davon aus: Wir können uns entscheiden, die Welt als guten Ort zu betrachten und an der Wendung zum Guten zu arbeiten. Diese Sicht erklärt, warum Kinder so vorbe­haltlos helfen und wir in Krisen­si­tua­tionen – siehe Frankl – zutiefst mensch­lich werden können (aber nicht müssen). Und es erklärt, was uns nach­haltig von maschi­neller Intel­li­genz unter­scheidet, die mit Gött­lich­keit m Sinne Jies wirk­lich gar nichts zu tun hat.

Narziss­ti­sche Krän­kung – und wie geht es weiter?

Es wäre inter­es­sant zu beob­achten, was mit Ke Jie in den nächsten Jahren passiert. Es könnte sein, dass er aufgrund seiner trau­ma­ti­schen Nieder­lage eine Kehrt­wende macht, genau dieses Mensch­liche bei sich entdeckt. Ist jede Entwick­lung der Persön­lich­keit auch Folge einer vorhe­rigen Irri­ta­tion. Liegt unter dem Panzer der sozia­li­sierten Iden­tität doch oft auch noch das Ursprünglche, Natür­liche, Kind­liche.

Was Jie erlebt hat, ließe sich aber auch als narziss­ti­sche Krän­kung bezeichnen, womit wir bei Punkt 1 ange­langt sind.

Der Mann ist zutiefst in seinem Selbst­bild erschüt­tert. Er sieht den eigenen Spiegel nicht mehr. Sucht er einen neuen Spiegel? Oder sucht er die Selbst­er­kenntnis in anderen? Das ist der Unter­schied – und der zweite Weg ist der zu Selbst­tran­szen­denz.

In dieser Arbeits­welt wird sich das Schicksal Ke Jies millio­nen­fach wieder­holen, wenn man so will also eine narziss­ti­sche Krän­kung auf gesell­schaft­li­chem Level. Die Pandemie, die wir aktuell erleben, beschleu­nigt nur die Tendenzen, die ohnehin da waren. Roboter werden nicht krank, das sieht man jetzt umso mehr.

Alle, die sich über compu­ter­ähn­liche Intel­li­genz im eigenen Mensch­sein defi­niert haben, werden Mühe haben, ein adäquates Spie­gel­bild in einer künf­tigen Welt zu finden. Diese Krän­kung führt bei einigen zu dem Wunsch, selbst Gott in einem anderen Sinn als bei Jie zu werden, nämlich Gott der Unsterb­lich­keit – das beschreibt das Bild des Homo deus nach Yuval Noah Harari. Das Holo­gram meiner Lieben, dem ich nach dem Tod begegne? Die compu­ter­ge­schaf­fene Kopie des Genies, das nun ewig lebt?

Wenn sich nicht mehr jeder in sich selbst spie­gelt, ist die Zukunft eine Befreiung

Doch genü­gend andere werden nicht nach Unsterb­lich­keit, sondern nach Verbun­den­heit und damit nach Selbst­tran­szen­denz streben, weil diese glück­li­cher macht – und Gott­­sein-Wollen am Ende einsam. Sie werden ihre Talente nutzen und aufrüt­teln, auch wenn sie gerade jetzt enorme Grenzen erleben, Feind­se­lig­keit und Spal­tung. Sie werden dennoch Macht und Einfluss auf ihre Weise für eine Welt nutzen, in der nicht mehr jeder sich selbst spie­gelt.

Viele Denker haben sich mit der Frage beschäf­tigt, ob Menschen einen freien Willen haben oder nicht. Es ist eine müßige Frage: Sie haben ihn, und sie haben ihn nicht. Sie haben ihn dann, wenn sie jetzt und heute zwischen Möglich­keiten zu Werden entscheiden. Und sie haben ihn nicht, weil sie geprägt sind durch ihre und unsere Geschichte und Biologie – und den natu­ra­lis­tisch geprägten Glauben an eigene Begren­zungen.

Revival der Geis­tes­wis­sen­schaften

In den vergan­genen Jahr­zehnten herrschte eine natu­ra­lis­ti­sche Sicht auf die Welt vor, die Pandemie rückt diese wieder in den Vorder­grund. Wichtig ist, was Natur­wis­sen­schaftler sagen — siehe Leuphana.

Die Geis­tes­wis­sen­schaften erklären — doch als Erklär­wis­sen­schaften verloren sie konti­nu­ier­lich an Ruf, vor allem aufgrund ihrer gering schei­nenden wirt­schaft­li­chen Verwert­bar­keit. Immer noch müssen sich Geistes-und Sozi­al­wis­sen­schaftler recht­fer­tigen, das Bild vom taxi­fah­renden Sozio­logen ist gera­dezu einze­men­tiert in unseren Köpfen.

Doch geht es in Zukunft nicht mehr um die Art wirt­schaft­li­cher Verwert­bar­keit der vergan­genen Jahre, sondern um Verwert­bar­keit im Sinne einer Zukunfts­ge­stal­tung. Und Zukunfts­ge­stal­tung ist stets sprach­lich, stets erklä­rungs­ba­siert, die Domäne der Geis­tes­wis­sen­schaften, die Narra­tive schafft. Ich möchte es in Analogie an die Bibel sagen: „Und Gott erschuf den Menschen und dieser die Sprache und damit seine Welt“. Und nein, ich bin weit entfernt davon, ein bibel­treuer Mensch zu sein. Doch etwas christ­liche Demut erscheint mir im Ange­sicht von Aussagen wie der von Jie mehr als ange­bracht.

Verbin­dung statt Tren­nung

Es geht sowieso nicht mehr um die Tren­nung von Diszi­plinen, sondern um deren Verbin­dung. Die Natur­wis­sen­schaften verstehen, die Geis­tes­wis­sen­schaften erklären – warum ist das eine besser als das andere? Wieso muss man sich über­haupt für die eine oder andere Sicht entscheiden? Eine Sowohl-als-auch-Logik ist auch eine Und-und-Logik des Verbin­dens. Ich glaube deshalb, dass die Digi­ta­li­sie­rung ein Revival der Geis­tes­wis­sen­schaften auf einem anderen Level zu Folge haben muss.

Hoffent­lich geht es schnell und schnell genug, um einen Wandel einzu­leiten, der die Zukunft zum Besseren wendet oder besser gesagt, das Schlimmste vermeiden hilft. Mit dem Computer als Werk­zeug und nicht als gött­li­ches Vorbild.

Was das für das Denken und Fühlen prak­tisch bedeutet beschreibe ich in meinem Buch „Minds­hift“.

Beitrags­bild: Shut­ter­stock — Jona­than Lingel

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Steffen Becher 21. August 2019 at 7:08 — Reply

    Sehr guter Artikel. Ich glaube, dass auch viel mit unserer Kind­heit zusam­men­hängt, wo wir oft nicht genug Aufmerk­sam­keit erhalten haben und das dieses einen großen Einfluss auf uns Menschen hat oder haben kann.

  2. laura 25. März 2020 at 12:29 — Reply

    Klasse Artikel und tolle zusam­men­fas­sung. Einige gute Denk­an­stöße waren auf jeden Fall dabei. Finde deinen Blog an sich sehr inter­es­sant. Welche Bücher kannst du zu dem Thema noch empfehlen?

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