Kate­go­rien

Was kann ich im Vergleich zu…? Poten­zi­al­ana­lysen mit Bezugs­gruppen

Published On: 17. Mai 2014Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Stärken-Selb­st­­bilder haben eine große Schwäche: Es gibt immer blinde Flecken, also Bereiche, die Sie nicht sehen. Und Fehl­ein­schät­zungen, Verzer­rungen.  Beispiel: Char­lotte fällt in der Schule alles leicht, Deutsch genau wie Mathe und Natur­wis­sen­schaften, sie kann gar nicht sagen, was sie richtig gut kann.

bezugsgruppen1Fremd­bilder sind genauso fehler­an­fällig. Sie können enorm hilf­reich sein: Ein „Mensch, du bist richtig gut“ von der rich­tigen (weil akzep­tierten) Person kann unheim­lich viel auslösen und sehr nach­haltig beflü­gelnd wirken. Aber Fremd­bilder haben auch blinde Flecken, Bereiche also, die Vertraute, Freunde und Kollegen – und auch Berater! — nicht sehen. Hinzu kommt: Außen­ste­hende neigen dazu, eigene Bewer­tungs­maß­stäbe anzu­setzen (also durch die eigene Brille zu schauen).

Poten­ziale über Vergleiche erschließen

Eine Methode, die ich im Laufe der Jahre für das Karrie­re­coa­ching entwi­ckelt habe, ist die Bezugs­­­gruppen-Poten­­zi­al­a­na­­lyse. Sie funk­tio­niert über einen detail­lierten Stär­ken­ver­gleich anhand einer Bezugs­gruppe – und zwar zunächst jener, in der sich ein Mensch aktuell bewegt. Bezugs­gruppen sind mannig­faltig: Die Herkunfts­fa­milie ist eine, die aktu­elle Familie, die Schule, der Verein, die Kollegen…  Mit Aufstel­lungs­fi­guren lässt sich so eine Bezugs­gruppe noch plas­ti­scher darstellen. Mit Hilfe der Figuren werden Fragen gestellt wie „Wenn du deine Kollegen beob­ach­test, was machst du anders? Wie würde A dich beschreiben?“ usw.  So kommt man auf Stärken, also persön­liche Eigen­schaften sowie Fähig­keiten und Fertig­keiten, die bei einer Person auffällig sind, weil sie ausge­prägter vorliegen als bei anderen in der Bezugs­gruppe (man kann auch mit + und ++ arbeiten). Beispiel Mathe: In ihrer Abitur­klasse gehört Char­lotte zu den besten. Sie lernt wenig und versteht schnell. Vor allem ist sie sehr gut im räum­li­chen Vorstellen, noch besser als der beste Junge in der Klasse (der Karrie­re­coach weiß hier, dass Mädchen durch­schnitt­lich schlechter abschneiden). Das ist schon mal eine Stärke.

bezugsgruppen3Wie viel Prozent am Tag spre­chen Sie?

Welchen Gesprächs­stil im Vergleich zu anderen bevor­zugt eine Person: einen fragenden, erzäh­lenden, argu­men­tie­renden, vermit­telnden…?  „Hack­ord­nungen“ sind auch gute Indi­ka­toren.  Welche der Grup­pen­mit­glieder sind klare Alphas, also von allen aner­kannt, im Mittel­punkt stehend.

Char­lotte sieht sich in der Mitte, sie aufgrund ihrer kogni­tiven Fähig­keiten akzep­tiert. Ein Sozio­gramm, das wech­sel­sei­tige Bezie­hungen sichtbar macht,  kann helfen, solche Bezie­hungen sichtbar zu machen, auch im Arbeits­kon­text. Wie steht Kollege A zu wie B zu A? Welche Situa­tionen beschreiben das Verhältnis? Durch welche Hand­lungen ist A erfolg­reich, durch welche B?

situationChar­lotte liest viel und weiß mehr als ihre „Bezugs­gruppe“ der Mitschüler. “Wissen im Detail“ ist eine weitere Stärke. In der Gruppe sagt sie nur etwas, wenn sie sicher ist, damit richtig zu liegen. Dann ist sie so gut und so sicher in der Kommu­ni­ka­tion, dass selten jemand ein besseres Argu­ment hat. Sobald sie sich aber nicht auf Wissen berufen kann, wird sie still und unklar.

Eine  Bezugs­grup­pen­ana­lyse lässt sich auch zur „test­freien“ beruf­li­chen Neu- und Erst­ori­en­tie­rung durch­führen, wie das geht, lernen Teil­nehmer meines Semi­nars Poten­zi­al­ana­lyse.

Hier die Schritte:

1. Legen Sie die Bezugs­gruppe und Stärken (en) – zunächst eine – fest.

  • Beispiel: Bezugs­gruppe Kommi­li­tonen, Stärke: schrift­li­ches Ausdrucks­ver­mögen
  • Leit­frage: Worin sind Sie besser als die Bezugs­gruppe?

2. Wählen Sie die entspre­chende Stärke aus und betrachten Sie Situa­tionen, in denen sich die Stärke zeigte:

  • Leit­frage: welche konkreten Beispiele und Belege gibt es dafür? (hier schrift­li­ches Ausdrucks­ver­mögen)

3. Bringen Sie die Stärke mit Vergleichs­gruppen in Bezie­hung, in denen die Kompe­tenz beruf­lich zum Tragen kommen könnte

  • Leit­frage: Wo und in welchen Berei­chen lässt sich die Stärke beruf­lich nutzen? (hier ist es sehr sinn­voll, dass der Karrie­re­coach konkrete Vorstel­lungen von Anwen­dungs­be­rei­chen hat und diese als Anre­gung einbringt)

Was sind eigent­lich Poten­ziale?

Abschlie­ßend noch ein paar Sätzen zu Poten­zialen: Hier handelt es sich nicht einfach um eine Stärke, sondern eine Stärke, hinter der die entspre­chende Moti­va­tion steht, die Stärke weiter zu entwi­ckeln.  Es mag sein, dass eine Stärke noch in den Kinder­schuhen steckt, entschei­dend ist der Wille, daran zu arbeiten. Dafür braucht ein Motiv.

Char­lotte hat ein über­durch­schnitt­li­ches räum­li­ches Vorstel­lungs­ver­mögen, aber sie möchte nicht in Berufen arbeiten, wo dieses Anwen­dung fände (Bauin­ge­nieur, Konstruk­tion etc.).  Sie möchte lieber argu­men­tieren und den Umgang mit Worten verfei­nern. Sie hat gelernt, dass ihr das die meiste Aner­ken­nung bringt.  Schon ist da ein Motiv. Und aus der Stärke kann im passenden Umfeld jetzt mehr werden. In einem kogni­tiven Test wie Geva jedoch wäre Char­lottes Beweg­grund unter den Tisch gefallen. Bei der Analyse mit RIASEC oder BIS, die auf Selbst­ein­schät­zung beruhen, wäre mögli­cher­weise keine klare Tendenz sichtbar.

Mehr zu diesem Thema im Selbst­lern­kurs “Klar­heit über mich” sowie weitere Hinter­gründe im E‑Book “Karrie­re­coa­ching”. Die prak­ti­sche Anwen­dung lernen Sie in der Karrie­re­ex­per­ten­aka­demie.

Dieser Zusam­men­hang ist immer gegeben: Motiv-Stärke-Poten­­zial. Poten­ziale brau­chen Treib­stoff. Und das sind die Motive.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Anne-Kathrin Staudt 21. Mai 2014 at 10:51 — Reply

    Ich bin auch davon über­zeugt, dass Bezugs­gruppen ein wesent­li­cher Faktor sind um zu wissen wie die Stärken und Schwä­chen einer Person im Vergleich zu anderen Personen einzu­ordnen sind.
    Bei der Auswahl von Analysen oder Tests sollte daher immer darauf geachtet werden, das diese mit Bezugs­gruppen arbeiten.
    Ein zentraler Bestand­teil zum Beispiel des OPQ von CEB ist, das Kandi­daten mit ihrer aktu­ellen Ebene im Unter­nehmen, mit der Branche und mit der Region vergli­chen werden.
    Zudem sollte natür­lich klar sein, welche Fähig- und Fertig­keiten jemand für genau diesen Job in diesem Unter­nehmen mitbringen sollte.
    Daher kann ich Ihnen nur zustimmen und hoffe auf weitere span­nende Artikel von Ihnen.

  2. Mathias 27. Mai 2014 at 21:36 — Reply

    Sich mit anderen zu verglei­chen ist eine gute Möglich­keit um die eigenen Stärken und Schwä­chen zu ergründen. Das ist eine inter­es­sante Analy­se­mög­lich­keit, die Sie hier beschreiben. Vielen Dank für den Ratschlag.

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