Kate­go­rien

Was sind meine Stärken? Entde­cken Sie Ihre Stärken jetzt

Published On: 20. Februar 2016Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

ballet-999802_1280Erin­nern Sie sich, wann Sie zum ersten Mal gespürt haben, was Sie können – und was nicht? Mit sieben, acht Jahren stellte sich heraus, dass ich es als Ballett­tän­zerin nicht weit bringen würde. Für diese Erkenntnis brauchte es genau einen Versuch, sich bei Schwa­nensee die Beine zu verbiegen. Judo und Karate erwiesen sich als ebenso wenig poten­zi­al­träch­tige Felder. Ich hatte schlicht Angst, über die Schulter geworfen zu werden und zitterte bei jedem Kampf. So kam ich über den orangen Gürtel und einige Knie­ver­let­zungen nie hinaus…

Was konnten Sie als Kind und junger Erwach­sener?

Musik – Leiden­schaft, aber keine Bega­bung. Ein Auftritt als Back­ground­sän­gerin verlief so, dass mich danach keiner fragte, ob ich das noch mal mache. Und Kunst? Leid­lich: Ich konnte die psyche­de­li­schen Cover von Kate Bush abzeichnen… Meine Noten — durch­schnitt­lich. Ich las vor Deutsch­ar­beiten die Inhalts­ver­zeich­nisse von Goethe und Grass und schrieb mit Vier­tel­wissen eine zwei oder drei. Ich glaube, das ist meine heutige Lebens­in­ter­pre­ta­tion, mir fehlte der Sinn, die Antwort auf die Frage, wozu das alles gut sein soll. Dass sich der Satz des Pytha­goras für Maler­meister eignet, die berechnen wollen, wie weit die Leiter von der Wand entfernt stehen muss, habe ich erst lange nach der Schul­zeit kapiert.

guitar-1139397_1280Mein Sohn ist musi­ka­li­scher, spielt Cello und Klavier und kompo­niert eigene Stücke. Warum hat er andere Stärken entwi­ckelt? Ich denke es lag vor allem daran: Wir haben das geför­dert. Wir haben es nicht nur seiner Entschei­dung über­lassen. Bei mir war das anders: Niemand hat mir rein­ge­redet; ich habe immer alles selbst entschieden. Das fördert sicher Selbst­stän­dig­keit bei Menschen, die mit Selbst­stän­dig­keit umgehen können. Es kann aber auch zu Desori­en­tie­rung führen. Heute hätte ich mir gewünscht, dass man mich stärker geführt, mich mehr zur Wieder­ho­lung, mehr zum Auspro­bieren aufge­for­dert hätte. Ein bißchen mehr wohl­wol­lender Druck hätte nicht geschadet.

Wenn ich mir heute Führungs­si­tua­tionen ansehe, ist es mit dem wohl­wol­lenden Druck genau dasselbe: Es gibt Menschen, die können sich ihren Rahmen selbst setzen, andere müssen das lernen. Das hat nicht nur mit dem Umfeld zu tun. Es kann auch nicht jeder alles im glei­chen Tempo, zur glei­chen Zeit. Erzie­hung muss genau wie Führung immer beim indi­vi­du­ellen Menschen ansetzen. Und Laissez-faire ist im Sinne von Stär­ken­ent­wick­lung ein Holzweg: Auch die, die von alleine laufen, profi­tieren davon, wenn ihnen ab und zu mal jemand Feed­back gibt und eine (neue) Rich­tung weist.

persoenlichkeitMein Persön­lich­keits­bild, das Sie in der Grafik sehen, ist an den New Big Five von Dan McAdams orien­tiert und es zeigt, warum Menschen­füh­rung so wichtig ist: Weil sich Stärken eben nicht nur von selbst entwi­ckeln, sondern letzt­end­lich auch immer wieder neue Inter­pre­ta­tionen des Jetzt und der Vergan­gen­heit sind. Es gibt sehr einfache Stärken-Inter­pre­­ta­­tionen – „ich bin kreativ!“ – und durchaus komple­xere. Es gibt auch viele kontra­pro­duk­tive Stär­ken­in­ter­pre­ta­tionen. „Ich bin eben so“, ist hoch gefähr­lich. Es spie­gelt ein stati­sches Welt­bild, das mit Entwick­lung nichts mehr zu tun hat. Manche Persön­lich­keits­tests stützen diese stati­sche Sicht, auch die Astro­logie.

Mehr Führung heißt Stärken in Bewe­gung setzen

Unter reiner Frei­wil­lig­keit werden nur wenige ihre Stärken entwi­ckeln. Das Anti­au­to­riäre meiner Gene­ra­tion hat eben auch viele Menschen mit Frage­zei­chen zurück­ge­lassen. Zu viel Frei­heit, zu viele Möglich­keiten machen letzt­end­lich auch unfrei: Das sehe ich heute viel­fach, wenn es um Berufs­wahl geht. Ein klares Wort der Eltern, mehr Lenkung würde allzu viel Rum-Eiern und Suche nach dem Perfekten, dem ewigen Glück­zu­stand am Ende des Lernens ein Ende setzen. Damit meine ich nicht rein­reden!

Kinder, Jugend­liche und Erwach­sene brau­chen Führung im ursprüng­li­chen Sinne des Wortes, nach dem Führung bedeutet „in Bewe­gung setzen“. All die Laissez-faire-Eltern setzen aber nichts in Bewe­gung. Sie sagen „alles ist gut, Kind entscheide, wir machen alles mit. Haupt­sache du bist glück­lich.“ Das sie so manchmal auch das Gegen­teil errei­chen, wem ist das schon bewusst?

Wie, also auf welche Weise, man jemand in Bewe­gung setzt, hängt stark von dessen Reife und Motiven ab (über Motive habe ich hier geschrieben). Je stärker die Persön­lich­keit und desto mehr intrin­si­sche Moti­va­tion da ist, desto weniger direkte Einfluss­nahme wird nötig sein. Je schwä­cher, unsi­cherer und halt­loser ein Mensch, desto wich­tiger ist eine direkte Einfluss­nahme. Nicht im Sinne von Heli­ko­ptern, die sorgen­voll und selbst unfähig zur Klar­heit und eigenen Meinungs­bil­dung über den Kindern schweben, sondern im Sinne von Führung zur Selbst­füh­rung.

Stär­ken­ent­wick­lung ist auch Führung zur Selbst­füh­rung

Das beob­achte ich auch heute noch im Coaching, das eben auch Führung zur Selbst­füh­rung ist. Es gibt Persön­lich­keiten, die ich viel stärker zu einer Lösung führen muss als andere. Da braucht es mehr Feed­back, klarere Aussagen, eindeu­ti­gere Ratschläge… Bei starken, reifen Persön­lich­keiten genügen Impulse und die rich­tigen Fragen. Das wird oft miss­ver­standen: Coaching war ursprüng­lich Coaching für Führungs­kräfte, die eigent­lich reif sein sollten (was sie nicht immer sind). Nicht-Führungs­­­kräfte oder solche, die zufällig in eine Führungs­rolle geraten sind, also nicht aufgrund ihrer Führungs-Stärken, brau­chen oft mehr Klar­heit.

Entschei­dend sind auch die Motive als innere Wegbe­reiter für Stärken. Was würden Sie tun, wenn sie kein Geld verdienen müssten, sie niemand gefallen wollten und Dinge einfach nur so aus sich heraus machten? Was ist Ihr Raum der freien Gestal­tung? Mein Raum der freien Gestal­tung war immer mit Worten gefüllt. Ich schreibe diesen Blog so frei­willig wie ich früher Geschichten geschrieben habe. Ich verän­dere meinen Stil, verbes­sere meine Ansprache und Leser­zen­trie­rung, arbeite an mir, auch mit Ihrem Feed­back. Das ist mein Raum der freien Gestal­tung.

wassindmeinestaerkenStärken, das ist eine Botschaft meines Buchs „Was sind meine Stärken?“, kommen nicht fertig auf die Welt – man muss sie entwi­ckeln, mit Hilfe von Wissen über Motive, aber auch durch Einfluss­nahme und Hilfe von außen. Dafür muss man sie erst einmal erkennen. Oft helfen andere sehr dabei. Doch Stärken kann nicht jeder sehen, sondern nur jemand, der eine Stärke auch als Stärke schätzt, weil sie in seinem „Welt­bild“ veran­kert ist. Menschen auf unter­schied­li­chen Entwick­lungs­stufen miss­ver­stehen sich jedoch leicht. Egoismen und Eigen­nutz dürfen den Blick nicht trüben.

Die Rela­ti­vi­täts­theorie der Stärken

Stärken sind relativ zu anderen Menschen. Sie defi­nieren sich über Unter­schiede, über Abwei­chungen, über das Über­durch­schnitt­liche, das auf der anderer Stelle einer dualen Welt­sicht auf der anderen Seite auch das Unter­durch­schnitt­liche sein muss. Jemand, der selbst wenig Fantasie hat, empfindet jemand mit blühendem Ideen­wachstum leicht als anstren­gend. Ist er nicht selbst­re­flek­tiert, lehnt er diese Stärke oft sogar unbe­wusst oder offen ab. Seine Tendenz wird sein, die Stärke zur Mitte zu entwi­ckeln — oder sogar wegzu­coa­chen.

Es ist ein wenig wie Frem­den­hass. Wir mögen nicht, was anders ist. Je stärker die Anders­ar­tig­keit, desto größer die Ableh­nung. Deshalb suchen Menschen in ihren Jobs immer Umfelder, in denen Menschen mit ähnli­chen Stärken sind. Da sind auch scheinbar fort­schritt­liche Konzepte nicht vor gefeit: Es gibt im New-Work-Kontext eine Tendenz, zwar äußere Diver­sität zu suchen, jedoch innere Gleich­heit zu präfe­rieren. Wenn beispiels­weise dieje­nigen ausge­grenzt werden, die Mittags nicht mit Essen gehen und sich damit auch weigern, sich in der Gruppen zu sozia­li­sieren, dann wird in Wahr­heit keine echte Unter­schied­lich­keit zuge­lassen.

Stärken brau­chen Respekt

Seitdem mein Sohn und ich neulich im Zug Hamburg-Köln dem Gespräch zweier junger Lehrer zuge­hört haben, die sich vier Stunden über Schüler unter­hielten, die sie nicht mochten und Dinge sagten wie „Die Arbeit von X schaue ich mir gar nicht an, den mag ich nicht, der kriegt gleich eine 4“ habe ich eine Vision: Ich würde das Stärken-Schätzen und Poten­zi­al­ent­de­cken gern Lehrern vermit­teln — das wäre mir ein echtes Anliegen! Wie wichtig es ist, unvor­ein­ge­nommen auf andere zu schauen, zeigt ein klas­si­sches psycho­lo­gi­sches Expe­ri­ment: Der Rosen­­thal-Effekt. Wenn Lehrer denken, Schüler würden sich beson­ders gut entwi­ckeln, bekommen sie eine höhere Aufmerk­sam­keit und ihnen wird mehr zuge­traut. Sie entwi­ckeln sich dann auch besser – obwohl vorher fest­stand, dass ihre Leis­tungen sogar unter dem Durch­schnitt lagen. Merke: Vieles ist Inter­pre­ta­tion. Kein anderes Phänomen hat so große Auswir­kungen auf das Selbst­bild – und damit auch auf die Voraus­set­zung, Stärken zu entwi­ckeln, die Moti­va­tion,

Am Montag starte ich hier meine Blog­pa­rade zum Thema Stärken. Schon mal vormerken.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. line Knie­stedt 22. Februar 2016 at 9:57 — Reply

    Hallo Svenja,

    wie passend, dass ich heute über Ihren Beitrag gestol­pert bin.
    Auf dem Heimweg von einer tollen Veran­stal­tung gestern Abend, hatten wir ähnliche Themen:
    Wir hatten eine Doku über Glenn Gould, den begna­deten Pianisten, gesehen und danach die Diskus­sion darüber, wie man seine Stärken/Talente findet, ausbaut oder woher sie über­haupt kommen.
    Gould selber war natür­lich ein Ausnah­me­ta­lent, wurde aller­dings aber auch schon sehr früh von seiner Mutter geför­dert und in diese Rich­tung “geschubst”.
    Ich sehe es also so ähnlich wie Sie.
    Ein wich­tiger Punkt, der mir beson­ders gut gefällt ist, dass man sich nicht mit “Ich bin ebenso” selbst in den Still­stand begibt.
    Und wie heißt es so schön beim Sport: “hard work beats talent when talent doesn’t work hard”.

    Viele Grüße aus Leipzig
    Aline

  2. […] diesen Fall musste ich denken, als ich im neuen Buch von Svenja Hofert über den Fisch­teich­ef­fekt las. Sie sagt: „Menschen entwi­ckeln sich oft […]

  3. […] Im Gegenzug schaue ich immer neid­voll auf die Menschen, die struk­tu­riert arbeiten und komplexe Daten analy­sieren können. Das liegt mir nämlich über­haupt nicht. Aber ist das nicht viel mehr wert? Vor allem in der Wirt­schaft? Ich würde sagen: Es kommt auf den Job drauf an! Aber auch das habe ich erst mit der Zeit gelernt. Wenn Sie also nicht 20 Jahren warten wollen, bis bei Ihnen der Groschen fällt, empfehle ich Ihnen Svenja’s Buch. Sie zieht dieses „Stärken Ding“ nämlich von vorne auf. Was ist eigent­lich eine Stärke, warum ist Stärke nicht gleich Talent, was sagt die Psycho­logie zum Thema Stärken, warum sind Stärken relativ zur Umwelt und wie kann ich sie entwi­ckeln. Und dann kommt das Beste: Svenja Hofert lädt zur Stärken-Entde­­ckungs­­­reise ein. Sie hat 50 Stärken iden­ti­fi­ziert  und im Stär­ken­Na­vi­gator beschrieben. Dabei unter­scheidet sie grob in Denker, Lenker, Kommu­ni­kator, Manager und Künstler. Sehr schön finde ich den Praxis­bezug. Neben einer kurzen Umschrei­bung der eigent­li­chen Stärke sortiert Svenja diese Stärke auch in den Arbeits­alltag ein. Welche Art von Jobs gibt es für diese Stärke, wie agiert jemand mit dieser Stärke im Team, wie kann man sich weiter­ent­wi­ckeln und welche bekannten Persön­lich­keiten hatten/haben diese Stärke. Svenja hat dazu auch einen „Einlei­tungs­blog­ar­tikel“ geschrieben, den ich sehr empfehlen kann: „Entde­cken Sie Ihre Stärken jetzt“. […]

  4. Chris Wei 16. November 2019 at 15:17 — Reply

    Vielen Dank für diesen Beitrag, samt Schau­bild. Mein innerer Durch­bruch zur Frei­heit kam erst, als ich anfing mich komplett auf meine Stärken zu besinnen. Es ist schon unheim­lich, was für eine Kraft dahinter steckt. Ich habe dafür einige Persön­lich­keits­tests gemacht, z.B. auch Strengths­finder und Strengths­pro­file, die mir da beide weiter­ge­holfen haben.
    LG von Vertriebs­wiki
    Chris

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