Kate­go­rien

Weg mit den Kompe­tenzen, her mit der Frei­heit des Denkens: Was die Zukunft der Arbeit wirk­lich braucht

Published On: 27. November 2016Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Haben Sie nicht auch oft das Gefühl, dass die falschen Menschen auf zentralen Posi­tionen sitzen, während die rich­tigen verkannt werden? Perso­naler und Experten sind blind. Sie reden von Kompe­tenzen, arbeiten fleißig an denkenzukunftderarbeitKompe­tenz­mo­dellen und versu­chen alles in Sche­mata zu pressen, die begrenzen anstatt zu befreien. Immer wieder lese ich von Kompe­tenzen für die Zukunft der Arbeit und bin erschreckt, dass niemand sieht, dass es darum doch gar nicht geht. Wenn sich Denken ändert, passt sich auch das Handeln an — Kompe­tenz­ent­wick­lung ist damit in der jetzigen Form gar nicht mehr nötig. Meine These: Wir müssen aufhören, Menschen so zu nehmen wie sie sind. Wir müssen sie zur Frei­heit entwi­ckeln, schon in der Schule. Denn das Denken, das wir für die Zukunft der Arbeit brau­chen, kann im derzei­tigen System nicht entstehen. Es ist zu sehr auf Anpas­sung, zu sehr auf Repro­duk­tion und zu wenig auf Philo­so­phie und Refle­xion ausge­richtet. Von der Startup-Kultur des Silicon Valley bis zu den Konzernen: Wie im Indus­trie­zeit­alter sind wir immer noch darauf ausge­richtet, Menschen in Abhän­gig­keit zubringen und zu  halten. Eigene Wert­maß­stäbe können so gar nicht erst entstehen.

Dieses neue Denken, das die Voraus­set­zung dafür ist, mit den künf­tigen Heraus­for­de­rungen produktiv umgehen zu können, sieht so aus:

  1. Es ist Kontext-bewusst: Menschen die kontext-bewusst sind, begreifen, dass Umfeld, Situa­tionen und Personen die Wahr­neh­mung beein­flussen – ihre eigene und die anderer.
  2. Es ist Reali­­täts-Aktua­­li­­sie­­rend: Menschen, die Reali­­täts-aktu­al­­si­s­ie­­rend sind achten auf das, was ihre Wirk­lich­keit ausmacht und aktua­li­sieren diese aufgrund neuer Erfah­rungen, z.B. ohne frühere Stand­punkte zu vertei­digen und zu recht­fer­tigen.
  3. Es ist Selbst-aktua­­li­­sie­­rend: Menschen, die Selbst-aktu­al­­sie­­rend sind, sehen sich selbst nicht als statisch an, sondern erkennen laufende Entwick­lung, die frühere Annahmen inte­grieren, aufgeben  oder neuordnen kann.
  4. Es ist eigenen Maßstäben folgend: Menschen mit eigenen Maßstäben folgen diesen, auch wenn niemand sie kontrol­liert oder über­prüft (denn es sind ja die eigenen). Sie haben einen eigenen Willen, der unab­hängig ist von einer Kultur und Umwelt.
  5. Es ist zutiefst anneh­mend: Tole­ranz ist weniger als Akzep­tanz und Wert­schät­zung weniger als Annehmen. Menschen, die annehmen, müssen zunächst wahr­nehmen — sich selbst, andere und die Natur  in ihrer Viel­falt und mit Wider­sprü­chen.
  6. Es ist frei­heit­lich orien­tert an anderen: Menschen, die beiden Pole Auto­nomie und Zuge­hö­rig­keit vereinen, besitzen ein starkes Gemein­schafts­ge­fühl, erleben zwischen­mensch­liche Bezie­hungen tief und bedeu­tungs­voll, ohne je abhängig zu sein.
  7. Es ist Konstrukt-bewusst: Menschen, die Konstrukt-bewusst sind, wissen nicht nur, sondern verstehen auch, dass es keine objek­tive Wahr­heit gibt, sondern sich jeder Mensch seine Wahr­heit und auch Welt konstru­iert. Dazu gehört eine Bewusst­heit für die Bedeu­tungs­ge­bung von Sprache.

Sie wollen solche Menschen erkennen? Wenn man diese Menschen beob­achtet, so fallen folgende Aspekte auf:

  • Sie thema­ti­sieren ihre Wahr­neh­mungen: Solche Menschen verhalten sich spontan, in dem sie ihre eigenen Wahr­neh­mungen thema­ti­sieren und ausspre­chen, wobei sie den anderen im Blick halten und ange­messen kommu­ni­zieren.
  • Sie konzen­trieren sich bei gleich­zei­tigem Blick auf sich und andere auf das Problem: Es geht darum, Heraus­for­de­rungen zu nehmen, nicht sich selbst zu bestä­tigen, Ansprü­chen zu genügen oder Verpflich­tungen zu entspre­chen.
  • Sie können allein- und bei sich sein: Solche Menschen erleben unab­hängig von Kate­go­rien wie Intro­ver­sion oder Extra­ver­sion Allein­sein als ange­nehm. Sie genießen eine Privat­sphäre.
  • Sie handeln entspre­chend eigener Maßstäben: Solche Menschen greifen ein, wenn eigene Maßstäbe verletzt werden. Und sie treffen konse­quente Entschei­dungen.
  • Sie können mit philo­so­phi­schem Denken etwas anfangen: Solche Menschen sind philo­so­phi­scher, in dem Sinne, dass ihre Erklä­rungen verschie­dene Schichten beinhalten und diese zu ordnen suchen.
  • Sie sind schöp­­fe­risch-kreativ: Solche Menschen sind krea­tiver, ideen­rei­cher, weil sie Neues (auch aus dem Alten) gene­rieren können.
  • Sie denken dialek­tisch: Solche Menschen sind bemüht, Gegen­sätze aufzu­lösen und zu vereinen. Sie erkennen bereits, dass auch Gegen­sätze wie etwa Flexibel/Strukturiert in Wahr­heit eins sind.
  • Sie zeigen sprach­liche Gewandt­heit: Solche Menschen können sich komplex ausdrü­cken ohne kompli­ziert zu werden. Sie haben einen großen und viel­schich­tigen Sprach­schatz.

katalysatorenZusam­men­fas­send sind diese Menschen Kata­ly­sa­toren, weil sie Verän­de­rung wirk­lich voran­treiben können. Das Dilemma:  Das können keine 25jährigen Perso­nal­re­fe­renten erkennen, die all das (noch) gar nicht denken können. Ein solches Verhalten kann nur erkunden und wahr­nehmen, wer es auch denken kann. Ob das die Abschaf­fung der Perso­nal­ent­wick­lung bedeutet, wie derzeit Niels Pflä­ging verlangt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sollte es die Abschaf­fung nichts­nut­ziger Kompe­tenz­mo­delle und komple­xi­täts­re­du­zie­render Tests bedeuten — jeden­falls, wenn es darum geht, Führungs­kräfte einzu­stellen.

Meine Über­sichten orien­tieren sich an huma­nis­ti­schen und entwick­lungs­psy­cho­lo­gi­schen Ansätzen wie dem von Abraham Maslow, Lawrence Kohl­berg und Robert Kegan. Ich habe diese erwei­tert, konkre­ti­siert und neu geordnet.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Chris­toph Schlachte 27. November 2016 at 15:40 — Reply

    Hallo, das klingt nach einer guten Umge­bung, wo Menschen so handeln können und dürfen. Auch gut, wenn diese so geför­dert werden und so das eigene Unter­nehmen weiter entwi­ckeln können.

    Wenn ich an die Unter­nehmen wie die Deut­sche Bank und VW denke, da habe ich den Eindruck, dass kriti­sche und konstruk­tive Meinungen wenig gefragt ist. Profit und Rendite muss geleis­tetet werden.

    Unter­nehmen sind auch sehr fokus­siert auf Auto­ma­tismus in Struk­turen und Prozessen. Da sind andere Meinungen nicht will­kommen; sicher auch weil Zeit und Ressourcen fehlen, um damit sinn­voll umzu­gehen. Niels Pflä­ging meint auch, dass in Unter­nehmen die Theorie X eher im Alltag umge­setzt wird; vor allem wenn es schwierig ist oder Druck herrscht. Dann ist Theorie Y eine schöne “Schau­seite”. Leider wird das von Mitar­bei­tern und Führungs­kräften auch bemerkt.

    Erleben das Mitar­beiter und auch Führungs­kräfte, dann folgt recht schnell Frust, Dienst nach Vorschrift und am besten für den konstruk­tiven Mitar­bei­tern ein Wechsel in ein Unter­nehmen, die gezielt solche Mitar­beiter will und diesen Raum gibt. Kenne Unter­nehmen, die das schätzen; leider nicht so wirk­lich viele. Es gibt Zuver­sicht, dass das über die Jahre mehr wird. Mir gefällt unter anderem die dm-drogerie märkte und auch die Sparda Bank München. Eine coole Initia­tive: http://bit.ly/2gz5akC

    Davon darf aus meiner Sicht mehr passieren; viel­leicht wird das über die nächsten Jahre ein zwei­stel­liger Anteil von Unter­nehmen, die auch Mitar­beiter orien­tiert sind und einen Nutzen für das Gemein­wohl verfolgen.

    Herz­liche Grüße

    Chris­toph Schlachte

  2. Katha­rina 1. Dezember 2016 at 7:31 — Reply

    Guten Tag, der Artikel spricht mich sehr an und gibt mir zu denken. Einen Gedanken aller­dings verstehe ich nicht. Warum ist Akzep­tanz weniger als Tole­ranz? Wenn ich etwas tole­riere “ertrage” ich es. Das ist für mich nur das abso­lute Minimum des Mitein­an­ders. Akzep­tanz wäre da schon ein Stück weiter. Da schwingt immerhin mit, dass ich mich oder meine Meinung nicht unbe­dingt besser finde und einen anderen Menschen und eine andere Meinung wirk­lich akzep­tiere und nicht nur ertrage. So zumin­dest war bisher mein Verständnis dieser Begriffe. Bin sehr gespannt auf eine Erläu­te­rung.
    Herz­liche Grüße
    Katha­rina

    • Svenja Hofert 1. Dezember 2016 at 12:37 — Reply

      Hallo Katha­rina, das war ein Dreher, Sie haben natür­lich voll­kommen recht: Akzep­tanz ist MEHR als Tole­ranz. Habe es korri­giert — vielen Dank und herz­liche Grüße Svenja Hofert

  3. […] Einen Tag nach dem wevent hat Svenja Hofert auf ihrem Blog einen inter­es­santen Beitrag veröf­fent­licht, der sich kritisch mit diesem Thema ausein­ander setzt. „Weg mit den Kompe­tenzen, her mit der Frei­heit des Denkens: Was die Zukunft der Arbeit wirk­lich brauc…“ […]

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