Kate­go­rien

Wenn Sie ein Raum wären… wie sähen Sie dann aus?

Published On: 18. Oktober 2014Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Welches Tier sind Sie – eher Löwe oder Katze? Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Blume…. Rose oder Nelke? Solche Fragen sind gemeinhin bekannt. Man sollte sie besser nicht in Vorstel­lungs­ge­sprä­chen stellen. Doch zur Stim­mungs­ab­frage sind sie durchaus geeignet.

Aber wie sähen Sie aus, wenn Sie ein Raum wären? Dass das auch ein sehr anre­gen­dens Gedan­ken­spiel ist, darauf haben mich zwei Impulse gebracht: die kürz­lich in Trai­ning aktuell abge­bil­deten Coachingräume einiger Kollegen — und die Frage eines Marken-Profi­­lers. Dieser inter­viewte mich, um mehr über über einen Kollegen zu erfahren. Wir kreisten lange wie die Adler um das Opfer. Nein, auf keinen Fall wäre „er“ ein Club­raum mit fetten Leder­ses­seln. Niemals grün mit Aqua­rell­bil­dern! Um Gottes willen nicht gemüt­lich!

Als ich mir die Coachingräume in Trai­ning aktuell ansah, war ich zunächst irri­tiert. Spontan am natür­lichsten fand ich einen Raum mit Tisch zum Arbeiten. Diese Coachin­ge­cken, die so gemüt­lich daher kommen, zwei Sessel mit Funzel­licht, wären dagegen nicht so meins. Ich mag es clean und sehr pur, je weniger im Raum ist, desto besser. Daran erkennt man: Wie und wo man sich wohl­fühlt, ist indi­vi­duell sehr verschieden. Und lernt: Der Raum sollte zur Persön­lich­keit seines Bewoh­ners und Besit­zers passen – und nicht nur gefallen.

Ist Ihr Raum karg oder voll?

Betrachten wir den Raum von verschie­denen Seiten, zunächst einmal sozi­al­psy­cho­lo­gisch. Räume sagen viel aus über Habitus, Herkunft, Status­ori­en­tie­rung. Nicht ohne Grund pflegt Jung von Matt seit Jahren sein voll ausge­stat­tetes Durch­schnitts­zimmer, „Deutsch­lands häufigstes Wohn­zimmer“. Im Moment helles Holz, das ändert sich, war mal Eiche. So wächst die bürger­liche Mitte auf. Und oft fühlt man sich im Vertrauten wohl. Räume sagen also etwas über die Vergan­gen­heit aus — mit der man aber auch gebro­chen haben kann.

Auch eine Haltung spie­geln sie. „Zu mir kommen Leute, denen es der Hoch­glanz nicht so wichtig ist“, verriet neulich ein Kollege. „Die wollen ihr Geld in Bera­tung inves­tieren, nicht in Over­head und teure Räume“. Dafür gibt es eine Klientel. Aber auch für die Vari­ante mit dem Over­head. Wenn Sie Ihren eigenen inneren Raum betrachten, fragen Sie sich, ob darin Platz ist für Status­sym­bole. Und wenn ja für wie viele und welche. Sind diese dezent wie ein Boss-Jackett oder fallen sie auf wie eine Jaeger­Le­Coultre?

Hat Ihr Raum eine Uhr? Und wenn ja welche?

Wo wir bei Uhren sind. Tragen Sie eine? Ich habe keine einzige Uhr. Eine Rado wurde mir mal geschenkt, sie wurde Diebesgut. Es tut mir nicht weh. Die Welt der Dinge ist mir nicht wichtig. Aber ich bin durchaus marken­be­wusst. Wenn dann eher ein Desi­gner­stück oder Design gemixt mit Noname. Und wenn ein Desi­gner­stück dann etwas im Bauhaus­stil, clean, klare Formen. Man sollte nicht erkennen, dass es Marken­ware ist. Es sollte neutral sein wie die Schweiz. Ein biss­chen wie Tarnung, nichts offen­sicht­lich „raus­hängen“ lassen. Auch daraus kann man jetzt seinen Teil des Psycho­gramms basteln. Markenuhr, Desi­gner­möbel, Ikea oder ganz was anderes: Wie ist das bei Ihnen? Was spie­gelt Ihr innerer Raum? Und wo wollen Sie ihn zeigen? Auch wenn Sie kein Coach sind, können Sie das: auf Ihrem Bewer­bungs­foto, im Lebens­lauf­de­sign, auf der Website…

Welche Farbe hat Ihr Raum?

Farb­psy­cho­logie ist keine offi­zi­elle wissen­schaft­liche Diszi­plin, doch schon Goethe faszi­nierte die Welt der Farben; er erfand den Farb­kreis. Ich finde ich die Sicht auf Farben inter­es­sant in diesem, unserem Zusam­men­hang. Welche Farbe hat Ihr Raum? Im Moment liebe ich kalte Farben, grau, blau, blau­grün, grau­braun – und dazu bonbon­rosa und pink! Beim Lüscher­test, 1947 von Max Lüscher als Persön­lich­keits­test entwi­ckelt und in seiner Wissen­schaft­lich­keit ziem­lich umstritten, steuere ich immer das grün­pe­trol an, das wäre objektiv-refle­xives Denken. In meinem Raum hätte ich aber lieber weiß, weil Farbe ablenkt. Ebenso Schnörkel. Viel­leicht weil das Objek­ti­vität erst möglich macht? Welche Farbe ist Ihre? Und wo soll man sie sehen oder nicht?

Welches Bild hängt in Ihren Raum?

Bilder sagen mehr als Worte – auch über Menschen. Ich finde oft selt­same Bilder schön: Die Plas­tik­fla­sche auf schwarzem Asphalt, Schuhe, die aus dem Fenster hängen oder im Schlamm versinken. Ich mag das Häss­liche in schöner Umge­bung. Es sollte aber klar sein, grafisch. Struk­turen sind wichtig. Aber sie dürfen unklar sein. Auch im Leben. Viel­leicht ist es das, was meine Bild­wahl auswählt. Wie ist das bei Ihnen? Sollen alle Ihre Bilder sehen, oder ist neutral für Sie besser? (Wenn Sie Zahn­arzt sind, empfehle ich Ihnen, nicht zu viel Inneres nach außen zu kehren.)

Welche Bücher stehen bei Ihnen im Raum?

Bücher sind in meinem Raum sehr domi­nant. „Haben Sie alle gelesen?“ fragen viele, die nicht wissen, dass zuhause noch mal zehn Mal so viele stehen. Es gibt Bücher, die ich nie, nie wegwerfen würde, Die geniale Alice Miller etwa, deren Bücher 10 Umzüge über­standen haben. Diese Art zu denken, diese Art zu schreiben! Keiner der Autoren von heute kommt da heran. Finde ich…. Bücher sind wohl das deut­lichste Marken­zei­chen. Welche lieben Sie? Sollen andere das wissen? Bücher sind ein Spiegel der Seele, erst recht Lieb­lings­bü­cher.

Wie groß ist Ihr Raum?

Es gab eine Zeit, da hatte ich ein Faible für kleine, geschlos­sene Räume, Räume wie Höhlen. Das ist ganz anders heute. Es kann nicht groß genug sein, muss offen sein. Einen Altbau mit seinen kleinen Fehlern wie manchmal offenen Leitungen, würde ich jedem Neubau vorziehen. Und Sie? Wo fühlen Sie sich wohl? Ist das auch der Ort für Ihre Kunden?

Der Raum und Ihre Marke Ich

Können Sie sich selbst als Raum nun besser vorstellen? Wie groß ist er, welche Farben hat er, welche Bilder hängen in ihm, was macht seinen Charakter insge­samt aus? Versu­chen Sie das einmal in bis zu fünf Adjek­tiven zu beschreiben. Wenn Sie als Coach oder Berater einen Raum haben oder eröffnen, geben Sie ihm Ihren Charakter und orien­tieren Sie sich nicht an anderen. Ein Raum mag nicht schön sein, aber Charakter spie­geln. Hier muss ich an die gute alte, leider verstor­bene Vera Birken­biel denken. Wie sie da saß in einem Video, inmitten von Teebeu­teln und herr­li­chem Chaos, das hatte Charakter. Wenn ich mir einige der gestylten Coachingräume ansehe, so fehlt mir  das Indi­vi­du­elle oft — aber mögli­cher­weise bin ich das, denn unter meinen Begriffen ist auch “indi­vi­duell”.  Ich finde: Wer Mustern folgt, verliert sich Charakter. „Ich mag die kleinen Fehler“, habe ich dieser Tage getwit­tert. Sich diese zuzu­ge­stehen, genau das macht manchmal den Unter­schied. Oder Marke­ting­tech­nisch ausge­drückt: ist Teil des Marken­kerns.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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