Kate­go­rien

Wie Affen im Zirkus: Warum viele Mitar­beiter und Manager dres­siert werden – und wie Sie sich befreien könnten

Published On: 6. März 2016Cate­go­ries: Psycho­logie der Verän­de­rung

Halten Sie auch wie Mutti Merkel die Hände bei Präsen­ta­tionen immer im posi­tiven Bereich, zur Schale geformt? Kommen Sie sich dabei auch so blöd vor wie ich, die eine natür­liche Neigung zu schnellen Bewe­gungen hat? Wir sind doch alle dres­siert! Dres­siert von Leuten, zum Beispiel Rhetorik-Experten, die alle Stärken glatt­schleifen, von Ecken und Kanten befreien und zur Mitte hin entwi­ckeln wollen.

Gestern habe ich mir einen schönen, schlichten Youtube-Vortrag von “Denkwerkzeuge”-Autor Gerhard Wohland ange­schaut. Herr Wohland sah nicht sonder­lich gestylt aus, vom Typ durchaus kantig. Der Vortrags­stil war weit weg von perfekt, die Schrift auf dem Flip­chart kaum leser­lich. Trotzdem war ich gefes­selt! Mir tat dieser Vortrag  gut. Aus genau zwei Gründen:

  • Da hatte jemand wirk­lich einen Inhalt zu vermit­teln (vorher hatte ich in 10 andere Videos bekannter Speaker auf dem Podium von Gedan­ken­tanken rein­ge­klickt und jedes nach zwei Minuten entnervt zuge­macht, weil die schöne Drama­turgie nicht über Inhalts­leere hinweg­täu­schen kann).
  • Das alles wirkte ganz natür­lich — eben Stärken-orien­­tiert.

Ich hatte mir die Videos ange­schaut, weil ich dem Thema Stärken und Emotionen und damit auch der Frage „was ist authen­tisch?“ weiter auf die Spur kommen wollte. Und zufälllig sprach Wohl­land auch über den Wider­spruch von Wert/Emotion auf der einen und Verhalten auf der anderen Seite, auf den ich hier weiter eingehen möchte.

Werte, Emotionen und Stärken gehören zusammen

Werte, Emotionen und Stärken stehen in unmit­tel­barer Verbin­dung. Sie sind ein einge­spieltes Trio. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten: Wer Stärken lebt, lebt auch seine posi­tiven Emotionen aus und handelt entspre­chend seiner Werte!

Das wirkt positiv und ener­ge­ti­sie­rend auf das Verhalten. Viel posi­tiver als würde man nur gelerntes Verhalten “ausüben”. Weil das so ist, dürfen wir Coachs und Menschen­ent­wickler nie beim Verhalten ansetzen, sondern müssen immer bei den Emotionen beginnen. Wir sollten wissen, wie eng Emotionen mit Werten verflochten sind. Und uns klar darüber sein, dass sich Verhalten, aber keine Emotionen und Werte lehren und trai­nieren lassen.

Stolz als Werte­schlüssel

Fragen Sie sich, worauf Sie stolz sind, kommen Sie Werten auto­ma­tisch auf die Spur. Stolz ist eine Emotion, die beruf­lich sehr rele­vant ist. Sind Sie stolz auf Ideen? Auf Menschen, die Sie entwi­ckelt haben? Darauf, dass Sie etwas einge­spart haben? Besser sind als Kollege X? Die elemen­tare Emotion Stolz entspringt einem Motiv — dazu hier mehr — , ist aber auch gesell­schaft­lich und fami­liär geprägt. Wenn jemand stolz darauf ist, fleißig gear­beitet zu haben, so resul­tiert das einer­seits aus der teils gene­tisch veran­lagten Persön­lich­keit, ist aber andrer­seits auch seine Umwelt-Prägung. Diese Emotion bleibt stabil resis­tent gegen Einflüsse von außen, etwa Verhal­tens­schu­lungen.

Ein Manager, der Freude daran hat, über die Zukunft, neue Ideen und Entwick­lungen nach­zu­denken, wird wahr­schein­lich stolz auf seine Stra­te­gien und Konzepte sein. Stra­­tegie-Denken und Zukunfts­ori­en­tie­rung gehen Hand in Hand. Das lässt sich auf die Big Five zurück­führen: Menschen mit hoher “Offen­heit für Neues” entwi­ckeln viel leichter die Stärken Stra­tegie und Vision als Menschen, die hier im Mittel­feld stehen oder auf der anderen Seite (also eher beim Fest­halten und der Routine). Das Beschäf­tigen mit Neuem, mit Ideen und Fantasie macht den Offenen Freude! Freude ist eine Emotion, wie auch Inter­esse an der Entde­ckung. Unsere Emotionen sind stark — deshalb ist es anstren­gend und schwer gegen sie zu arbeiten.

Kompe­tenz­schu­lung ist Affen-Dressur!

Artistic clown Stärken sollen aber nicht anstren­gend sein, sondern leicht fallen. Deshalb docken sie immer harmo­nisch an Emotionen an und werden stark und stärker, wenn sie Werten entspre­chen. Aber was, wenn das beruf­liche Umfeld etwas Anderes erwartet? Dann droht die Kompe­tenz­schu­lung! Frauen, die sich für Führungs­po­si­tionen bewähren sollen, werden in solchen Trai­nings Schritt für Schritt umge­mo­delt und zum Affen gemacht. Sie sollen beispiels­weise „Biss entwi­ckeln“. Das üben sie in Rollen­spielen und werden dadurch viel­leicht im Moment auch „besser“ im Sinne des erwünschten Verhal­tens. Aber nicht dauer­haft! Und zum Wohl­be­finden trägt das schon gar nicht bei.

Das antrai­nierte Bissig-Sein bereitet keinen Spaß, viel­leicht macht es sogar Angst, mögli­cher­weise erzeugt es das Gefühl von Unsi­cher­heit. Man schult in Unter­nehmen “soziale” Kompe­tenzen und Verhalten viel­fach wie die Merkel-Hand­­schalen-Bewe­­gung. Dabei wäre Dialog und Refle­xion, zum Beispiel nach David Bohms „Tiefer Dialog“ (nach dem Buch „Der Dialog: Das offene Gespräch am Ende der Diskus­sionen“) viel sinn­voller. Aber auch risi­ko­rei­cher. Es würde das Ende der Dressur bedeuten. Wer das riskiert, meint es mit “Augen­höhe” wirk­lich ernst.

Im Moment bekommen die Firmen lauter trai­nierte Affen. Das sehe ich jetzt gerade bei agilen Kompe­tenzen, die alle Firmen ihren Mana­gern lehren wollen. Massen­haft werden hier Zirkus­tiere dres­siert, die koope­rativ sein sollen, ohne an den Wert Koope­ra­tion zu glauben. Die zukunfts­träch­tige Ideen fördern sollen, ohne sich selbst für Zukunfts­themen zu inter­es­sieren. Oder, die sich menschen­ori­en­tiert verhalten sollen, ohne sich wirk­lich für Menschen zu inter­es­sieren.

Augen­höhe ohne Affen­trai­ning

augenhoehetweetFreitag habe ich mir den Augen­hö­he­­Wege-Film ange­sehen. Mir sind vier Dinge dabei aufge­fallen, die ich getwit­tert habe, unter anderem die Aussage der „Elbdudler“, dass sie viel­leicht deshalb so erfolg­reich sind, weil sie keine Manage­ment­li­te­ratur gelesen haben. Da ist was dran. Die meisten Manage­ment­ex­perten haben von Psycho­logie keine Ahnung. Sie unter­liegen dem Irrglauben, dass alles schulbar sei. Und natür­lich verkaufe ich als Autor mehr Bücher, wenn ich sugge­riere, ich könnte lauter Affen trai­nieren und jeder Affe könnte erfolg­reich sein. Da der Zirkus­auf­tritt am Ende bisweilen gelingt, sehen sich viele bestä­tigt – alles kann prima evalu­iert und der Erfolg vermessen werden. Wie wenig Bestand das hat, lässt sich erst erkennen, wenn man mit einem Abstand von Jahren darauf­schaut. Aber dann verspricht schon der nächste, dass sein Zirkus­affen-Trai­­ning Erfolg hat….

Wo muss man ansetzen? Bei den Emotionen! Eine Führungs­kraft, die es begeis­tert, wenn Menschen sich entwi­ckeln, wird auch ohne viele Schu­lungen Menschen gut moti­vieren können. Sie braucht nur Impulse. Authen­ti­sches, auf Stärken  basie­rendes Verhalten ist immer Verhalten, dass der eigenen emotio­nalen Land­schaft entspricht. Was bringt es Menschen Koope­ra­tion beizu­bringen, die Koope­ra­tion gar nicht denken können? Nichts. Der Effekt ist wie eine Ad-hoc-Nach­richt an der Börse. Er wirkt kurz – auf Sicht von Jahren hat er keinen Wert.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Martin Barto­nitz 7. März 2016 at 9:33 — Reply

    klasse Artikel!

    ich hatte währen des Films auch genau diesen Fakt gewit­tert 😉

    Ich las mal, dass der Begriff Manager für die Ausbil­dung von Zirkus­leuten verwendet wurden. In der Manege werden dres­sierte Tiere vorge­führt. Täte passen …

    Viele Grüße
    Martin

  2. […] Wie Affen im Zirkus: Warum viele Mitar­beiter und Manager dres­siert werden – und wie Sie sich befre… von Svenja […]

  3. Patrick Haas 9. März 2016 at 9:12 — Reply

    Stimmt…in vielem! Wichtig ist eine stär­kere Fokus­sie­rung an Gefühl (Emotionen) und nicht zu sehr an der Kogni­tion. Wie sagen neuer­dings Neuro­wis­sen­schaftler? “Unser Gefühls­zen­trum ist die Eintrittstür für unseren Verstand.”
    Nicht Anpas­sung ist gefragt, sondern Orien­tie­rung an den eigenen Stärken, die es zu pflegen und zu hegen gilt. Und da, Svenja Hofert, stol­pere ich über Ihre Nega­tiv­wer­tung von “Kompe­tenz­schu­lung”. Warum? Für mich münden Stärken in Kompe­tenzen. Und wenn diese Stärken trai­niert, verfei­nert werden, ist das für mich Kompe­­tenz-Schu­­lung. Und mögli­cher­weise gehört auch dazu, das Über­trie­bene an Stärken etwas “zurück­zu­nehmen”. Bspl. Wer eine hohe Stärke in der Kommu­ni­ka­tion hat, neigt mögli­cher­weise dazu, zum “Schwätzer” zu werden. Will sagen, Stärken sind auch immer in einen äusseren Kontext (Situa­tion, Unter­nehmen, Gesell­schaft) einge­bunden, die dem Ausleben und Einbringen von Stärken mögli­cher­weise Regeln vorgeben und Grenzen setzen, was auch bedeutet, dass Authen­ti­zität in reiner Form bzw. nur Orien­tie­rung an den eigenen Gefühlen/Emotionen sehr schnell in egois­ti­sches Verhalten mündet. Ein dras­ti­sches Bspl.: Ein Mann sieht eine Frau, die ihm spontan gefällt, sich eine starke posi­tive Emotion bildet, die zu der Regung führt, diese Frau anzufassen…aber unge­fragt angrap­schen geht eben nicht!

    • Svenja Hofert 9. März 2016 at 9:53 — Reply

      Hallo Herr Haas, dann habe ich das nicht gut genug erklärt in der Abgren­zung der Begriffe. Verhal­tens (Kompe­­tenz-) Schu­lung kommt NACH Werte­wandel. Wenn der Werte­wandel erst erfolgt, ist diese oft gar nicht nötig. Meine These ist die: Ohne Werte­wandel nutzt Kompe­tenz­schu­lung nichts. Gerade das von Ihnen zitierte Beispiel macht das sehr deut­lich. Natür­lich haben Stärken zwei Seiten und in einer hohen Ich-Reife (ab inte­grierte Stufe nach Loevinger) ist die imple­men­tiert. D.h. ich bin viel­leicht ein Einzel­kämpfer habe aber Koope­ra­tion als Wert. Wichtig ist, dass es keine Intro­jekte sind. Darum geht es mir… ist aber Stoff für ein Buch das zu erklären und nicht so einfach zu verstehen. LG Svenja Hofert

  4. Peter M. 13. Juli 2016 at 0:35 — Reply

    Wie gelingt ein Werte­wandel, vor allem hin zu Werten, die denen zahl­rei­cher Mitar­beiter in ihrem Innersten völlig zuwider laufen? Spontan fällt mir da nur ein, entspre­chend (viele und stra­te­gisch wich­tige) Köpfe auszu­wech­seln…

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