Kate­go­rien

Wie Profis Vorstel­lungs­ge­spräche führen, und wie Bewerber das Wissen dazu nutzen

Published On: 10. Oktober 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Es gibt sinn­lose Fragen und sinn­volle. Fragen, hinter denen etwas steckt – und solche die einfach mal so losge­feuert werden. Fragen ist nicht gleich Fragen – und gutes Fragen ist eine hohe Kompe­tenz. Eine Kompe­tenz, die für Perso­naler fast schon über­le­bens­wichtig ist: Sie wollen die Wahr­heit heraus­finden, dem Gegen­über auf den Zahn fühlen, um Fehl­ent­schei­dungen zu vermeiden.

Über die unter­schied­li­chen Arten Inter­views zu führen, habe ich bereits mehr­fach geschrieben, zuletzt hier in der Karrie­re­bibel. Neben Fragen wie der berüch­tigten Frage nach den Stärken und Schwä­chen, gibt es auch verschie­dene Frage­tech­niken, also Methoden, um etwas heraus­zu­finden, etwa zirku­lie­rendes Fragen (ein Thema wird immer wieder aufge­griffen und von allen Seiten beleuchtet) oder verflüs­si­gendes Fragen (abso­lute Aussagen werden in rela­tive umge­deutet, etwa „arbeitet immer genau“ à in welchen Situa­tionen und wann einmal NICHT). „Was sind Ihre Schwä­chen“, ist keine Methode, sondern eine eins-zu-eins-Frage.  Aus der Antwort darauf lässt sich im Grunde nur ablesen, ob der Bewerber vorbe­reitet ist oder nicht. Ist er das, hat er eine der Grund­re­geln begriffen, die auch Perso­naler gelernt haben sollten, nämlich

  1. dass es kein gut oder böse gibt, sondern nur ein passt oder passt nicht und zwar zu Aufgabe, Team und Unter­neh­mens­kultur,
  2. dass alles eine Frage des rich­tigen Maßes ist.

Und der ange­mes­senen Vokabel. Nehmen wir das Beispiel „genau sein“ und betrachten wir es rund­herum:

Genau sein 1 (im Detail)

Exakt, gewis­sen­haft, alles im Blick haben

Das nega­tive Gegen­teil: schlampig sein

Nicht genau hinschauen, ungenau sein

Der andere Pol: Mit Blick auf das Wesent­liche (Heli­ko­pter)

Fokus­siert, 80% im posi­tiven Sinn

Das nega­tive Gegen­teil des anderen Pols: Grob

Ungenau, unvoll­ständig

Sie sehen sofort: Je zwei Aussagen sind positiv und negativ. Und: Jede Aussage hat einen gegen­über­lie­genden Pol. So wird es kaum Lektoren geben, die einer­seits einen sehr guten Blick für das Wesent­liche (die Struktur) haben und überaus genau sind. Es wird so auch nur wenige Bewerber geben, die genauso geeignet für detail­ori­en­tierte Quali­täts­ar­beit wie für den großen Blick voraus­set­zende Unter­neh­mens­stra­tegie sind. Viel­leicht keine.

Es hilft, sich das und im Zuge dessen diese Unter­schei­dung bewusst zu machen, das gilt für Perso­naler und Bewerber. Perso­naler können so spitzer fragen und Bewerber konkreter antworten.

Dabei hilft ein Anfor­de­rungs­profil. Profes­sio­nelle Perso­naler haben ein solches Anfor­de­rungs­profil indi­vi­duell ausge­ar­beitet und passende Fragen dazu. Das heißt auch, sie wissen, worauf ihre Frage zielt.

Bewer­bern kann das Wissen um dieses Anfor­de­rungs­profil helfen, sich besser vorzu­be­reiten. Im besten Fall gibt die Stel­len­an­zeige einen klaren Anhalts­punkt, wonach gesucht wird, sowohl was Erfah­rungen betrifft als auch was Kompe­tenzen angeht. Leider ist das oft nicht so. Eine Kundin fragte ein Unter­nehmen in einem umge­kehrten Vorstel­lungs­ge­spräch, wozu es in dem Job denn die Eigen­schaft „Team­fä­hig­keit“ defi­niert habe. „Oh, das haben wir im Text­bau­stein“, war die Antwort. So sollte es natür­lich nicht sein, der Bewerber wäre hier durch­ge­fallen. Gegen wir also davon aus, dass alles gut vorbe­reitet ist. Dann gibt es einen Frage­bogen, der ähnlich aussehen kann wie der im Bild (dieser kann als Vorlage bei Kexpa herun­ter­ge­laden werden):

anforderung

  • Es sind drei bis fünf Kompe­tenzen defi­niert, die anhand einer Skala bewertet werden können.
  • Es ist klar ausge­sagt, was auf der einen Seite steht und was auf der anderen.
  • Um die Einschät­zung weit­ge­hend zu objek­ti­vieren, sind die Aussagen so formu­liert, dass jeder sie versteht. Ein anderer Perso­naler müsste also zu glei­chen Ergeb­nissen kommen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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4 Kommen­tare

  1. Stefan Nette 10. Oktober 2014 at 16:49 — Reply

    Der Inter­view­bogen ist sicher­lich ein gutes Mittel, ich lege auch Wert darauf dass einer in den Gesprä­chen genutzt wird.

    Aber eine 100% Deckungs­gleiche Einschät­zung ist mir noch nicht unter gekommen, nah dran sicher. Aber ein anderer Perso­naler wird meist dennoch nicht überall zum glei­chen Schluss kommen. Egal wie klar defniert die Fragen sind, die Antworten bekannt sind und wie Objektiv die Teil­nehmer versu­chen zu sein… Wer felsen­fest von sich behauptet Objektiv zu sein macht mir Angst. Ich versuche objetktiv zu sein, aber beein­flussen lassen wir uns am Ende ja sowieso schon von dem unter­schwel­ligsten “Klein­vieh” und bekannt­lich macht das Mist. Wie wir auch sehr schön bzgl. der Bewer­bungs­fotos beschrieben, ein guter Perso­naler weiß darum dass es Faktoren gibt die keine Aussa­ge­kraft haben, aber seine Meinung beein­flussen können.

    Viel­leicht gehört das auch ein biss­chen zum Lebens­poker… 😉

    • Svenja Hofert 10. Oktober 2014 at 20:04 — Reply

      klar, Herr Nette, wahr­schein­lich ist mit mehr Erfah­rung auch weniger Frage­bogen nötig. Niemand ist objektiv, mit 100 Frage­bögen und 100 Tests nicht — und wahr­schein­lich dann erst recht nicht. Aber ich fände es super, wenn man einfach mal Begriffe runter­bricht, auf das was gemeint ist, z.B. mit team­fähig oder kreativ. Das bezieht sich nicht nur auf das Vorstel­lungs­ge­spräch sondern auch auf Mitar­bei­ter­be­wer­tungen. LG und schönes Wochen­ende Svenja Hofert

  2. Susanne Gamm 11. Oktober 2014 at 17:12 — Reply

    Ich habe schon häufig fest­ge­stellt, dass die mir gegen­über sitzenden Perso­naler nicht gut vorbe­reitet sind, dies aber von einem Bewerber erwarten. So kommen Fragen, die über­flüssig sind, weil es im Lebens­lauf steht. Ich habe darauf hinge­wiesen, dann musste erst einmal nach­ge­sehen werden.
    Oder: Anwort auf meine Frage, “wofür denn Englisch erfor­der­lich sei”: Wo das stehen würde, man musste erst einmal selbst in die Ausschrei­bung schauen. Antwort ähnlich wie oben im Artikel: die Auschrei­bung sei kopiert und die Anfor­de­rung dann wohl nicht gelöscht.
    So viel also zur Vorbe­rei­tung der Perso­naler.

    Es gibt aber auch sehr gut vorbe­rei­tete, die den Lebens­lauf nicht nur gelesen haben, sondern sogar richtig durch­ge­ar­beitet haben. Das sind dann die span­nenden Gespräche.
    Schöne Grüße
    Susanne Gamm

  3. der große Zampano 13. Oktober 2014 at 10:41 — Reply

    ein paar allge­meine Betrach­tungen:

    Ich würde mich für den Anfang auch schon freuen, wenn die mich “ausfra­gende Person” ein zumin­dest etwas Fach­kenntnis besitzen würde. Oder wenn dies nicht der Fall ist, dann doch bitte einmal vor dem Gespräch die persön­li­chen Kompe­tenzen durch Recherche sichten und verstehen würde. Meis­tens ergeben sich aus der Unkenntnis des sog. Perso­nalers sehr schwierig Situa­tion. Dann nämlich, wenn man sich als Kandidat zB. als Lügner (eigene Erfah­rung) bezeichnen lassen darf, nur weil der Herr bzw. Frau Perso­naler keine Ahnung von den poten­ti­ellen Fähig­keiten des Kandi­daten hat. Dies ist bei mir ein Haupt­grund für die meisten Ableh­nungen, auch wenn ich nicht bis zum Gespräch gekommen bin. Ebenso ist auch die Frage inter­es­sant, wie denn ein Perso­naler die Wahr­heit heraus­finden will, wenn er doch auf dem Fach­ge­biet der Ausschrei­bung keine Ahnung hat und ledig­lich auf pseu­do­psy­cho­lo­gi­sche Hilfs­kon­struk­tionen bei den Fragen ange­wiesen ist?

    Darüber hinaus kenne ich eben­falls die Situa­tion, dass mein Gegen­über hektisch in den Unter­lagen sucht, weil er sich nicht mit meiner Bewer­bung beschäf­tigt hat. Dies ist meiner Meinung nach ein Armuts­zeugnis.

    Meiner Meinung nach und aus eigener mehr­ma­liger Erfah­rung gibt es oft auch ein weiteres Problem für eine schwie­rige Inter­view­si­tua­tion beim Vorstel­lungs­ge­spräch. Dies tritt insbe­son­dere dann auf, wenn die “der Perso­naler” weniger quali­fi­ziert ist als der poten­ti­elle neue Arbeit­nehmer. Dann wird auf biegen und brechen versucht einen Makel am Bewerber zu finden. Dann geht es nicht darum was der Kandidat dem Unter­nehmen an Nutzen bringen könnte, sondern nur darum das Ego des Perso­nalers künst­lich aufzu­werten.

    Ein wirk­lich profes­sio­nelles Gespräch, so muss ich zugeben, habe ich noch nicht erlebt.

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