Kate­go­rien

Wir- und Ich-Kulturen: Warum Holländer so nette Leute und Deut­sche oft Karrie­reau­tisten sind

Published On: 20. November 2011Cate­go­ries: Führung

Das Wetter allein kann der Grund nicht sein. Warum liegt der Quotient für die beruf­liche Zufrie­den­heit in Holland bei 80, in Deutsch­land aber nur bei 64% — und damit am Ende der euro­päi­schen Skala? Diese Frage stellte ich mir beim Blick auf eine neue Studie von Linkedin.com, aufbe­reitet unter anderem bei Media-Treff. Ist es die Gute-Laune-Menta­­lität? Bekommen wir hier­zu­lande doch leicht den Eindruck, unser Nach­bar­land bestünde nur aus jeder­zeit fröh­li­chen Hollän­dern wie Linda de Mol oder Sylvie van der Vaart?

Der Dieter als Holländer

Kann sich jemand Dieter Bohlen als Holländer vorstellen? Eher nicht: Seine Scherze verlören schon durch den Dialekt an Schärfe. Diese Schärfe, meist über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus­schie­ßend und jenseits eines weisen Lebens-Sarkasmus liegend, ist sehr deutsch.  Mögli­cher­weise ein Grund dafür, dass unser Humor, der sich auch im bitter­bösen Stefan Raab spie­gelt, kein mediales Exportgut ist.

Berufs­op­ti­misten versus Zweifler

Doch was hat das jetzt mit der Realität im Arbeits­leben zu tun? Ich behaupte: Eine Menge.  In den letzten Jahren beriet ich einige nieder­län­di­sche Kunden, die in deut­schen Firmen arbei­teten; und umge­kehrt. Ich hatte nie so viel Freude wie mit den Nieder­län­dern. Sie waren immer opti­mis­tisch, immer offen, immer positiv und begeis­tert dabei, Tipps anzu­nehmen (während Deut­sche gerne alles in Frage stellen: “geht das? wirk­lich? mein Freund sagt…”).

Arbei­teten sie in deut­schen Firmen, klagten sie öfter über Anpas­sungs­schwie­rig­keiten. Schon in den Vorstel­lungs­ge­sprä­chen war Verstän­di­gung nicht nur eine sprach­liche Frage. Das fröh­liche „Wir“ und die legere Haltung (von der Körper­hal­tung zum Outfit) irri­tiert den bisweilen stock­steifen Deut­schen.

Ein Lob auf das WIR

Holland und Deutsch­land — beides sind indi­vi­dua­lis­ti­sche West-Kulturen. Doch: Während den Nieder­länder ein offenes und fröh­li­ches Wesen kenn­zeichnet, der seinen Indi­vi­dua­lismus auch mit anderen ausleben kann (siehe Sylvie), ist der Deut­sche bisweilen durch eine Beto­nung des “Ich” in Abgren­zung zum Wir geprägt (Veto­recht Bohlen bei Das Super­ta­lent). Unter Team­ar­beit versteht er gemein­same Kanti­nen­be­suche, bei denen zwei über einen Kollegen lästern. Der Glauben, dass die Unter­nehmen von Teams spre­chen, aber in Wahr­heit streb­same Karrie­reau­tisten nach oben beför­derten, hält sich in deut­schen Landen beharr­lich. Die Job-Anfor­­de­rung Team­fä­hig­keit, ist in 90% aller deut­schen Anzeigen ein Platz­halter für das große weite Nichts an Bedeu­tung. Das erschüt­tert gerade junge Berufs­ein­steiger, die sich bei der Formu­lie­rung ihrer Anschreiben noch den Kopf darüber zerbre­chen, wie sie ihre Wir-Orien­­tie­rung verbal beweisen können.

Hilfe, Karrie­reau­tisten

Jüngere Leute, die überall vom Wandel der Arbeits­welt lesen, stellen sich selbst mehr vom Berufs­leben vor, als sich älteren Kollegen unter­zu­ordnen, deren Karrie­re­anker „Sicher­heit“ lautet, was mehr oder weniger auto­ma­tisch zu einem Dienst nach Vorschrift-Verhalten führt und in einen offen­sicht­li­chen Karrie­reau­tismus führt. Auch bei denen, die Karriere machen mit Besitz­stands­wahren verwech­seln.

Entsetzt stellt die durch Projekt­ar­beit geprägte Jugend fest, dass in deut­schen Firmen die Karrie­­re­au­­tisten-Stra­­tegie „Infor­ma­tionen abschotten“ eine bewährte  und höchsto­berst gedeckte Methode ist. Austausch und Mitein­ander: da reden wir drüber, wenn die Perso­nal­ab­tei­lung zuguckt — aber unter uns ist das uner­wünscht. Gleich­zeitig herrscht in der konser­va­tiven deut­schen Normal­firma das typisch west­liche Gleich­heits­denken: Hier­ar­chien sind da, aber akzep­tiert sind die Oberen nicht. Das erlaubt es jedem, Vorge­setzte insge­heim für blöd zu halten und die Entschei­dungen von oben für bekloppt.

Gegen die Obrig­keit

Die Ursache für dieses Verhalten mag auf eine heid­ni­sche Prägung und den germa­ni­schen und galli­schen Kampf gegen die Obrig­keit der Römer zurück­zu­führen sein. Der Schlaue, siehe Asterix, ist immer ein Underdog. Sein Glau­bens­satz: “Cheffe muss es formal­tech­nisch geben, aber ich weiß es im Grunde besser.”

Das Einzel­kämp­fertum aller­dings kann nicht allein auf die Germanen zurück­zu­führen sein. Ich sehe es als die Folge einer jahre­langen Fron­tal­kultur, deren schick­sals­hafter Lauf in der bundes­deut­schen  Schule, und hier vor allem im bundes­deut­schen Gymna­sium begann. Inso­fern dürfte ordent­lich Wind in die Unter­nehmen kommen, wenn die Team­lerner, die derzeit an Schulen und Unis groß­werden, in die Unter­nehmen kommen.  Beim letzten Eltern­sprechtag konnte ich an so einer ollen staat­li­chen Schule live bewun­dern, was Statio­nen­lernen heißt: Lehrer go home. Chef go home — eine logi­sche Konse­quenz, mit der sich deut­sche Firmen wohl ebenso bald ausein­an­der­setzen müssen wie mit der Forde­rung nach echter Gemein­schaft statt Läster­runde.

Alt auf neu

Viel Unzu­frie­den­heit entsteht gerade in tradi­tio­nellen deut­schen  Unter­nehmen, weil alt auf neu trifft. Der Kontrast ist in Deutsch­land größer als bei unseren Nach­barn, weil es bei uns immer schon weniger „wir“ und mehr „ich“ gab. Die konkur­renz­ori­en­tierte Ich-Kultur ist eine des Infor­ma­ti­ons­ver­de­ckens, Ellen­bo­gen­bo­xens, Selbst­dar­stel­lens und stän­digen Suchens nach dem eigenen Vorteil. Als Leis­tungs­af­fi­nität inter­pre­tieren das einige. „Wir-Kulturen“ wie die hollän­di­sche sind keines­wegs weniger leis­tungs­ori­en­tiert, aber messen im Unter­schied zu uns den Erfolg auch am gemein­samen Ergebnis. Das führt mögli­cher­weise direkt dazu, dass sich die Menschen wohler fühlen – und beruf­lich glück­li­cher sind. Und jetzt raten Sie mal, wer zufrie­dener mit seinem Leben ist: Sylvie van der Vaart oder Dieter Bohlen?

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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9 Kommen­tare

  1. Chris­toph Burger 21. November 2011 at 15:49 — Reply

    Wer in einer Firma arbeitet, in der es drunter und drüber geht … wo die linke Hand nicht weiß, was dir rechte tut … wo ein Chef den nächsten jagt … wo es hinten und vorne an Mate­rial und Ressourcen fehlt … wo Tyrannen und Duck­mäuser den Mitar­bei­ter­stamm bilden — ist Übel­lau­nig­keit eine gesunde Reak­tion auf die Zustände. Oder? Gute Laune als per se das Beste anzu­preisen, halte ich für verfehlt. Umge­kehrt ist Unzu­frie­den­heit ein hervor­ra­gender Antrieb für effek­tive Verän­de­rungen.

  2. Svenja Hofert 21. November 2011 at 23:12 — Reply

    Stimmt, Kollege. Aber wollen wir nicht alle lieber in einer Athmo­sphäre arbeiten, in der es um über­ge­ord­nete Ziele, Gemein­sam­keiten, Gerech­tig­keit und Fair­ness geht? Ist doch klar, dass das die Laune hebt. Und schön wär´s, wenn das Gegen­teil auto­ma­tisch Verän­de­rungs­be­reit­schaft auslöste… kann auch direkt into Schock­starre führen. LG Svenja Hofert

  3. Chris­toph Burger 22. November 2011 at 11:02 — Reply

    Wenn Unzu­frie­den­heit auto­ma­tisch zu Verbes­se­rungen führen würde, müsste ich keine Bücher darüber schreiben — da haben Sie natür­lich völlig Recht 🙂

  4. Wilhelm Zorem 22. November 2011 at 23:17 — Reply

    Schon wieder dieser senti­men­tale Unsinn von Frei­be­ruf­lern, die nie ein rich­tiges Unter­nehmen von innen sehen. Die einzige Aufgabe eines Teams ist es, ein soziales oder tech­ni­sches Re-Engi­­nee­ring umzu­setzen, indem die Anzahl der Alter­na­tiven erhöht wird. Dies funk­tio­niert nicht mit weich gespülten Dogma­ti­kern. Die neuen Lern­me­thoden in Schulen und Unive­ri­täten sind dafür da, um die Anzahl der Abitu­ri­enten und Studenten zu erhöhen. Wir können die Gefühls­men­schen nicht mehr in die Haupt­schule abschieben. PS: Woher wollen Sie wissen, wie zufrieden Dieter Bohlen oder Silvie van der Vaart sind?

  5. Jonas Merker 3. September 2015 at 22:12 — Reply

    es ist und bleibt eine EGO Berufs­welt. In vielen Jahren habe ich erlebt, wie in den Teams die Leute gegn­über dem Chef Ihren Team­geist predigen, insge­samt aber Ihren nächsten Karrie­re­sprung im Visier haben. Leis­tungs­ge­sell­schaft, Wett­be­werb, Kapi­ta­lismus fördert nunmal Egoisten. Jeder will gesehen werden, Aufmerk­sam­keit erregen und nicht zuletzt Geld haben, entweder als Anner­ken­nung oder um sich mate­ri­elle Wünsche zu erfüllen. Wenn man sich die Manager und Führungs­kräfte anschaut, kann man sehen, dass nicht die grössten Kuschel‑, Sozial‑, Team-Typen dort sitzen, sondern “karrie­re­geile”, “geld­geile” Ego Narzissmus Charak­tere.

  6. Vincent wiemer 27. Juni 2017 at 21:59 — Reply

    Danke für diesen super Artikel !! Hat mir echt mein Abend versüßt ???? …lach alles 100 % wahr …ich will hier auch nur noch weg…bin echt ange­ekelt von diesem stock­steifen altmo­di­schen Spie­ßertum …die Nieder­lande sind der Hammer ..Deutsch­land war ok bis zu Wiedervereinigung…wir sind leider stehen geblieben seitdem (haben uns meiner Meinung nach sogar in Stein­zeit zurück­ent­wi­ckelt) soviel Mut verdient mein Lob und meine Anerkennung…leider gibt es hier in Deutsch­land einfach zu viel welt­fremde igno­rante Arro­ganz …Goldbye Deutsch­land die Menschen hier hassen sich außerdem viel zu sehr unter­ein­ander …man darf aber auch nicht außer acht lassen, dass Deutsch­land kein souve­räner Staat ist u die Nieder­lande eine Monar­chie die sind uns nicht nur kultu­rell und sozial um Licht­jahre voraus !! adieu Tschüss ciao auf Wieder­sehen

  7. Jan Alberts 11. August 2017 at 12:33 — Reply

    Habe 30 Jahre in DE gear­beitet, ich bin Nieder­laender, gute Erfah­rungen mit sowohl Personal als Kunden gehabt. Die NL manager sind knup­pel­hard und du bekommst mit ein lachendes Gesicht ein Tritt im Arsch. Die Deut­schen sind Korrekt, gruend­lich und humaner wie die Hollaender.
    Tschuss.

  8. stefan 8. August 2018 at 22:22 — Reply

    Leider kann ich Jan Alberts nur zustimmen. Ich arbeite seit 5 Jahren in NL und habe auch Arbeits­er­fah­rung in Deutsch­land als Manager. In NL ist mehr Schein als Sein. Das deut­sche System ist am Ende Effek­tiver.

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