Kate­go­rien

Zukunft der Bewer­bung: Visualize.me im Karrie­­re­­blog-Test

Published On: 17. September 2011Cate­go­ries: Führung

Die alte Bewer­bung auf Papier hat ausge­dient – und die Online-Bewer­­bung ist wie Bio-Diesel: auch nicht besser und partiell sogar schlechter. Wie bewirbt man sich denn dann in Zukunft? In unre­gel­mä­ßigen Abständen schi­cken mir Marketer Links auf Ange­bote, auf denen sie etwas “lagern”, was sie als ulti­ma­tive Bewer­bungs­mappe der Zukunft verstanden wissen wollen.  Doch was ist an einem PDF mit Deck­blatt, das zur Abwechs­lung mal direkt im Netz liegt und per Klick verfügbar wird, inno­vativ?  Ich finde: Rein gar nichts, das ist Geld­schnei­derei.

Das Grund­pro­blem der derzei­tigen Bewer­bung sehen viele Bewerber, gerade aus modernen Berufen und Bran­chen so:

  • Die chro­no­lo­gi­sche Aufbe­rei­tung wird modernen Lebens­läufen mit häufigen Wech­seln, Kombi­na­tionen von Ausbil­dungen und auf unter­schied­li­chen Ebenen erwor­benen Erfah­rungen nicht gerecht.
  • Mit den sozialen Netz­werken kam auch der Trend zu mehr Natür­lich­keit im Foto. Das gestylte deut­sche Portrait­foto mitten auf einem Deck­blatt oder oben rechts passt da viel­fach nicht mehr rein.
  • Alle Welt sagt, Krea­ti­vität sei der Wett­be­werbs­vor­teil unserer west­li­chen Welt – und bei Bewer­bungen sollen wir weiter formal und ideenlos bleiben?
  • Und das wich­tigste: Wir haben überall unsere Daten in sozialen Netz­werken und sehen nicht ein, die noch 20 Mal woan­ders einzu­pflegen, um uns zu bewerben.

Und das ist die Sicht­weise des Perso­nalers:

  • Ich hab nur wenig Zeit, ich skimme eher als dass ich lese. Der normale CV ist aber nichts für Skimmer, man muss sich damit beschäf­tigen.
  • Ich kann die Rele­vanz der Infor­ma­tionen nur sehr bedingt abschätzen, wenn chro­no­lo­gi­sche Darstel­lung Kennt­nisse und Erfah­rungen über­la­gert.
  • Die Komple­xität des Wissens, gerade in wissens­ori­en­tierten Berufen, kann in klas­si­schen CVs nicht mehr­ab­ge­deckt werden. Aber 23 Seiten Projekt­über­sichten will ich auch nicht lesen.

Klar vor diesem Hinter­grund, dass alle Welt gebannt auf ein Tool wartete, das die Bewer­bung revo­lu­tio­nieren soll: Visualize.me.

Es über­setzt den Lebens­lauf in eine Info­grafik. Der Ansatz ist zeit­gemäß: schnelles Erfassen schon vorin­ter­pre­tierter Infor­ma­tionen. Und die Umset­zung? Via Face­book hatte  ich gefragt, wer das Tool für meinen Blog auspro­bieren möchte. Gemeldet haben sich die Social Media Spezia­listin Ina Stein­bach, der Blogger Jan Thomas Otte und der Social Media Storyteller Chris­tian Spließ. Auch ich habe expe­ri­men­tiert – und musste erst mal meinen Mozilla aufrüsten, denn Sie brau­chen die neuesten Browser-Versionen.  Internet Explorer funk­tio­niert nicht. Weiterhin sollten Sie wissen, dass sich Visualize.me die Daten aus Linkedin.com holt. Sie brau­chen also dort einen Account, kann auch der kosten­lose sein.

1. Der erste Eindruck:

Ich finde mich in meiner Zeit­leiste über­haupt nicht wieder. Wie die DSAK (ein SAP-Arbeits­­k­reis) da rein kommt? Ich ahne nur, dass ich das mal dazu­ge­fügt habe aufgrund meiner Verbin­dungen zum BVSI e.V. Das sieht nach Arbeit für mich aus. Lasse ich lieber!

  1. Arbeiten am Profil

Oho, das kostet Zeit — sagt auch Ina Stein­bach. Sie hat 40 Minuten in ihr Profil inves­tiert und schreibt, dass da noch viel mehr Aufwand nötig wäre, bis das steht, wie sie es haben möchte. Der Umgang mit Umlauten sei auch nicht ganz unkom­pli­ziert. Und die Info­gra­fiken schneiden Wörter ab.

Nicht so toll an dieser Darstel­lung finde ich, dass die Prak­tika so domi­nieren und die Tätig­keiten danach so unter­gehen. Dabei weiß ich, wie kompe­tent und erfolg­reich Frau Stein­bach ist. Das sieht man so nicht. Die Darstel­lung, die Chris­tian Spließ gewählt hat, besitzt schon mehr Dynamik. Es kommt zum Ausdruck, dass er viel gemacht hat, aber irgendwie ist es auch ein wenig wirr:

 

Aber Visualize.me kann nicht nur den CV — das High­light sind die Darstel­lungen der Skills und Inter­essen (rechts Chris­tian, unten Ina, darunter Thomas): 

 

Fazit:  Der Visualize.me-Lebenslauf ist frisch und modern, die Entwick­lung steckt aber noch am Anfang. Bis Ihr CV perfekt aussieht, müssen Sie einiges an Zeit inves­tieren — und die gestal­te­ri­schen Möglich­keiten sind noch begrenzt.  

Wie verwendet man das Ganze? Zu befürchten ist, dass mindes­tens in den großen Unter­nehmen, die HR-Abtei­­lungen weiterhin einen klas­si­schen Lebens­lauf brau­chen. Vor allem die Firmen mit Online-Formu­laren möchten Bewerber-Daten bei sich im System haben. Die Frage ist also, ob es über kurz oder lang Schnitt­stellen zu unter­neh­mens­ty­pi­scher Bewer­ber­soft­ware gibt. Bis dahin: Eher ein nettes Spaß-Tool.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Dr. Eva Reich­mann 18. September 2011 at 10:56 — Reply

    Tja, Menschen sind eben nicht in Statis­tiken und Grafiken pressbar — das würde ich da jetzt raus­lesen. Gut so!
    Und den Perso­na­lern möchte ich Folgendes mit auf den Weg geben: wenn für so etwas, wie die Beschäf­ti­gung mit einem Indi­vi­duum, keine Zeit ist, ist die Perso­nal­ab­tei­lung unter­be­setzt. Oder die falsche Person für Perso­nal­aus­wahl verant­wort­lich. Die rich­tigen Mitar­beiter auswählen bedeutet, dass man sich intensiv damit beschäf­tigen muss. Ein Mensch ist etwas wert — und das bedeutet, dass ich auch seine Unter­lagen wert­schätzen muss und mich damit beschäf­tigen.
    Menschen sind keine Roboter, zu denen man eine in Statis­tiken und Grafiken über­führ­bare Produkt­be­schrei­bung liefern kann.
    Freut mich, dass das tool nicht gut ist — ich für meine Person möchte nicht in Grafiken visua­li­siert werden.

  2. Lars Hahn 18. September 2011 at 11:52 — Reply

    Visualize.me versucht m.E. durchaus gelun­gene krea­tive Einzel­bei­spiele von Leben­läufen zu stan­dar­di­sieren. So nach dem Motto: “Ein jeder kann was Buntes ablie­fern”.

    Ich hatte es getestet und bei mir sah das zuge­ge­be­ner­maßen ziem­lich lang­weilig aus.

    Soooo kreativ wird der Lebens­lauf nicht, nur weil ein paar Charts, Bild­chen oder ähnli­ches vorhanden sind.

    Dazu gehört dann ggf. viel­mehr, sich inten­sive Gedanken über Kompe­tenzen, Fähig­keiten und inter­es­sante Stories aus meinem Leben zu machen. Und erst anschlie­ßend geht es an die anspre­chende Darstel­lung.

    Da sind dann prof­fes­sio­nelle Karrie­re­be­rater und Berufs­planer hilf­rei­cher als ein IT-Tool. Denn Indi­vi­dua­lität gibt’s eben nicht von der Stange!

  3. Thomas Hoch­ge­schurtz 18. September 2011 at 14:38 — Reply

    Das Problem ist real (“gute” Lebens­läufe sind heute keine Auto­bahnen mehr ohne Ausfahrten und Rast­höfe).
    Die Idee des Tools gut. Eine graphi­sche Darstel­lung des CV, wie z. B. bei Frau Stein­bach, hätte mir bei der Durch­sicht von Bewer­bungs­sta­peln sehr geholfen.
    Die Ausfüh­rung ist nicht hilf­reich: Ob ich ein zwei­di­men­sio­nales Blatt ausdrucke oder am Monitor sehe — ich sehe da keinen Unter­schied.
    Eine Bewer­bung bleibt eine Arbeits­probe und somit höchst indi­vi­duell. Wer es anders haben will, bitte. Am Ende hat jedes Unter­nehmen die Mitar­beiter, die es verdient — auch durch seinen Auswahl­pro­zess!

  4. Svenja Hofert 18. September 2011 at 19:38 — Reply

    Ja, alle zusammen haben recht: Die Kunst ist es, das Wesent­liche heraus­zu­ar­beiten — und das kann eigent­lich gar nicht mit einer Stan­dard­vor­lage gehen. Trotzdem sehe ich es wie Thomas Hoch­ge­schurtz: Das Visu­elle erleich­tert die Wahr­neh­mung auf einen Blick. Ich habe viel mit sehr erfah­renen Menschen zu tun und bin manchmal erschlagen von dem Detail­reichtum der CVs (ob diese im Lebens­lauf stehen oder sich erst im Gespräch zeigen). Viele Perlen entdeckt man erst bei der Suche danach. Deshalb wird es wohl auch in Zukunft um eine indi­vi­du­elle Aufbe­rei­tung der Infor­ma­tionen gehen — eine durchaus immer anspruchs­voller werdende Aufgabe. Danke an die Kommen­ta­toren und LG SH

  5. bewer­bung deck­blatt 15. Oktober 2013 at 11:05 — Reply

    Ich mag deine Infor­ma­tionen wirk­lich seine sehr inter­es­sant und toll, hilfs­be­reit für viele, die versu­chen rechten Formiat .….….…

  6. Dana Schu­bert 11. Juni 2014 at 18:03 — Reply

    Ich weiss, ich bin etwas spaet dran, aber ich fande den Beitrag sehr inter­es­sant und habe die Visu­­lize-Seite auch gleich auspro­biert. Da ich mich gerade auf mein Bewer­bungs­ver­fahren vorbe­reite, suche ich nach indi­vi­du­ellen Bewer­bungs­wegen und sozu­sagen alles, was meine Bewer­bung in — guter — Erin­ne­rung laesst. Meine Karriere war bisher recht strin­gent, daher ist die Darstel­lung auch klar. Was denkt sich aber ein Perso­naler bei einer solchen Darstel­lung?

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