Kate­go­rien

𝐋𝐢𝐟𝐞 𝐂𝐨𝐚𝐜𝐡𝐬, “𝐝𝐢𝐞 𝐋𝐞𝐛𝐞𝐧 𝐫𝐞𝐭𝐭𝐞𝐧”. Eine Branche am Abgrund.

Published On: 18. November 2024Cate­go­ries: Aktuell, Coaching

In letzter Zeit nehmen die unge­wollten Begeg­nungen mit Life Coaching erschre­ckend zu. Waren es vor einigen Jahren noch verein­zelte Groß­ver­an­stal­tungen einer Hand­voll Star-Coaches, findet man die Prediger der Heils- und Sinn­ver­spre­chen jetzt überall in Social Media. Sie ziehen mit ihren mani­pu­la­tiven Groß­ver­an­stal­tungen und raffi­nierten Geschäfts­mo­dellen den Begriff “Coaching” in den Abgrund ziehen.

Ein Posting zu dem Thema bei Linkedin erreichte bis jetzt 500 Likes und fast 30.000 Aufrufe. Viele berich­teten von eigener Erfah­rung, von der Mani­pu­la­tion und dem Druck der durch die Gruppe entsteht.

Muster Life-Coaching mit Heils­ver­spre­chen

  • Reiße­ri­sche Verspre­chen von Heilung, Sinn, Selbst­liebe, Erfolg: Dahinter steckt Reli­gi­ons­er­satz, Ideo­logie und Sektie­rerei
  • Haupt­kom­pe­tenz Vertrieb & Moti­va­tion: Die Typen (leider fast ausschließ­lich männ­lich) haben keine Ausbil­dung jenseits der “Schule des Lebens” — scheint niemand zu inter­es­sieren
  • Fokus auf kollek­tiver Dynamik: Sie lieben Groß­ver­an­stal­tungen, neuer­dings an geheimen Orten
  • Für jeden passend: Die Preise sind auf Jeans-Niveau, machbar für jede/n.

Was passiert da? Wie kann es sein, dass Menschen so unkri­tisch sind? Erst einmal: Was dort verkauft wird ist sicher kein Coaching. Es bewegt sich immer auf dem schmalen Grat zwischen posi­tiver Beein­flus­sung und nega­tiver Mani­pu­la­tion — mit mehr oder weniger großer Tendenz zu letz­terem.

Opfer: Menschen auf der Suche

Wenn Menschen auf der Suche nach eigenen Werten sind, sind sie beson­ders anfällig. Wenn sie über­for­dert sind, suchen sie nach dem Einfa­chen. Wir sehen das überall. In der Politik. Aber eben auch im Coaching. Echtes Coaching wäre Arbeit an einem selbst, würde bedeuten, selbst Vorstel­lungen zu entwi­ckeln. Es ist leichter, einem Guru zu folgen als an sich zu arbeiten. Der Gral ist attrak­tiver als das eigene Ich.

Wer auf solche Ange­bote anspringt, weiß oft noch nicht, wer er oder sie ist: Denn: Die eigene Suche fällt zusammen mit einer bestimmten Phase der eigenen Entwick­lung, die dadurch gekenn­zeichnet ist, dass man die alten, fami­liären Prägungen abstreift. Die Frage “wer bin ich wirk­lich?” herrscht vor. Es gibt also eine tiefe Verun­si­che­rung, Klar­heit wird im Außen gekauft. Anfällig sind außerdem Menschen, die sehr anfällig für kollek­tive Emotionen und Sugges­tion — sind und sich wenig abgrenzen können.

Diese Coaches wirken dort, wo wir früher die Reli­gion, den Gott oder die Götter hatten — und nun eine Leer­stelle vorfinden. Die Sicher­heit, die 3. Instanz, die mir die Rich­tung gibt, sie fehlt. Mir ist die Kirche da deut­lich lieber, wäre sie nicht genauso orien­tie­rungslos…

Was mich entsetzt: Vielen von diesen Menschen­fän­gern ist es gelungen das Internet rein von Kritik an sich selbst zu halten. Man findet nichts! Das kann verschie­dene Gründe haben.

Warum es kaum Kritik an den Groß­­ver­­an­stal­­tungs-Life-Coachs gibt:

  • Die Menschen sehen die Schuld bei sich, wenn das Verspre­chen nicht aufgeht.
  • Der Commu­­nity-Charakter macht das Ausscheren schwer.
  • “Aussteiger” wollen keine Nest­be­schmutzer sein.
  • Kritik wird sofort anwalt­lich bekämpft.

Denkt nicht, dass das Menschen sind, die bewusst täuschen. Sie glauben selbst daran. Das macht sie nicht weniger gefähr­lich. Das sprü­hende Charisma kann und darf inspi­rieren. Das Problem sind auch nicht die psychisch gesunden Teil­neh­menden, die ein wenig Inspi­ra­tion suchen und sich abgrenzen können.

Eine Kommen­ta­torin, die selbst an einer derar­tigen Veran­stal­tung teil­ge­nommen hat, schrieb bei Linkedin folgendes:

Schluss­end­lich war es eine andere Form der Butter­fahrt, statt Heiz­de­cken waren es die nach der Halb­zeit zuneh­mend pene­trant an einen heran­ge­tra­genen, sehr teuren Upgrade­pro­gramme, natür­lich immer mit Groß­grup­pen­for­maten und vor allem viel “Gedöns”, heißt lauter Einpeit­sch­musik, kollektiv ange­ord­netem Herum­hopsen usw. Habe mich mit Schau­dern abge­wendet. Und mich nur noch gewun­dert.

Über die entwick­lungs­psy­cho­lo­gi­sche Dimen­sion infor­miert mein Buch “Hört auf zu coachen”.

Und sonst: Bitte seid vorsichtig. Bleibt miss­trau­isch und kritisch.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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