Kate­go­rien

0,3 Prozent: Wie unwahr­schein­lich Einla­dungen auf Vorstel­lungs­ge­spräche wirk­lich sind – und an welchen Schrauben Sie drehen können

Published On: 1. September 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

„Ich passte 100% und wurde nicht einge­laden“, so höre ich oft von Bewer­bern, die das gar nicht glauben wollen. Wo doch alle vom Fach­kräf­te­mangel reden. Mit diesem Artikel gebe ich Ihnen einen kleinen, anonymen Einblick  in Bereiche und tatsäch­liche Bewer­ber­zahlen. Die Zahlen habe ich entweder direkt von Personen, die dort zum Gespräch waren oder von den Perso­na­lern bzw. aus ihrem Umfeld. Namen nennen möchte ich natür­lich nicht.

  • Projekt­stelle bei einer beliebten NGO: 1.200 Bewerber
  • Posi­tion im Pres­se­be­reich bei einer namhaften Insti­tu­tion: 3.000 Bewerber
  • Marke­ting­po­si­tion bei einem Touris­mus­ver­band: 350 Bewerber
  • Kauf­män­ni­sche Leitungs­po­si­tion bundes­weit: zwischen 70 und 800 Bewerber (höhere Zahlen in Groß­städten und bei Marken­un­ter­nehmen)
  • Marke­ting Leitungs­funk­tion bundes­weit zwischen 150 und 1.500 Bewerber (höhere Zahlen bei Marken­un­ter­nehmen, in Groß­städten und vor allem Fast Moving Consumer Goods)
  • Controller in Hamburg: 280 Bewerber
  • Brand Manager in Hamburg: 800 Bewerber

Ich publi­ziere die Zahlen, nicht um zu scho­cken, sondern um zu rela­ti­vieren. Natür­lich gibt es auch Jobs mit 30 Bewer­bungen und noch weniger. Doch gerade in beliebten Berei­chen und in den Groß­städten ist die Bewer­ber­zahl immer noch sehr hoch, was durchaus auch an sehr allge­mein gehal­tenen Anzeigen liegt, in denen sich viele wieder­erkennen. Immer wieder erlebe ich es aber auch, dass Bewerber zu viel erwarten oder denken, wenige Bewer­bungen reichten aus, um eine Stelle zu bekommen. Das ist nicht (mehr) so. 100 Bewer­bungen und mehr sind oft nötig, um am Ende einen Job zu bekommen. Das ist eine einfache Wahr­schein­lich­keits­rech­nung: Bei 100 Bewer­bungen ist die statis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit, einge­stellt zu werden bei ein Prozent, die einge­laden zu werden viel­leicht bei 10. Bei 1000 schrumpft das Verhältnis auf  0,1 bzw. 1%. Oft ist Auswahl ein Glücks­spiel. Etwas „Bekanntes“ und (scheinbar) Vertrautes im Lebens­lauf wirkt beispiels­weise Wunder. Deshalb haben es Bewerber mit namhaften Unter­nehmen im Gepäck erheb­lich leichter — sofern die namhaften Unter­nehmen positiv asso­zi­iert sind.

MS Office

MS Office

Ange­nommen Sie bewerben sich auf Jobs, auf die sich im Durch­schnitt 100 Personen bewerben. Regiert König Zufall, brächte Ihnen das eine Einla­dung. Mit gezielten Maßnahmen können Sie es aber schaffen, zu den besten zehn Prozent zu gehören.

 

 

Ich zeige Ihnen, an welchen Schrauben Sie drehen können:

  • Die Schraube Unter­la­gen­op­ti­mie­rung: Kaum 10% der Bewer­bungen sind wirk­lich verwertbar, sagen mir Perso­naler. Sie haben also eine Schraube an der Sie drehen können – die der Opti­mie­rung. Bewerben sich 300 Personen, so schaffen Sie es durch Top-Unter­lagen unter die besten 30.
  • Die Schraube Visi­bi­lity: Je öfter ich jemand sehe, desto eher ist er/sie mir vertraut. Wer es also schafft, gesehen zu werden, erhöht seine Chancen. Noch mehr gilt das, wenn man eine Bewer­bung bekommt und sagt „den kenne ich“, beispiels­weise von Twitter oder aus einem Blog. Die Popu­la­rität darf aber auch nicht zu groß sein, VIPs stellt keiner ein.
  • Die Schraube Türöffner: Gibt es jemanden, der Ihren Namen ins Spiel bringt? Das ist besser als jede Unter­la­gen­op­ti­mie­rung, wobei Sie auch diese nicht vernach­läs­sigen sollten. Mit Kontakt, jemanden, auf den man „hört“, kommen Sie immer unter die ersten fünf – auch bei 3000 Konkur­renten.
  • Die Schraube Gehalt: Manche wollen es billig. Dummer­weise sieht man das nicht im Inserat wie in Öster­reich. Dort sind Mindest-Gehalts­an­­gaben verpflich­tend (und es ist ein guter Tipp für Deut­sche, sich da mal umzu­schauen). Manche nehmen aber auch nur Bewerber ernst, die richtig teuer sind. Mir erzählte ein Kunde, dass er unten durch war, nachdem klar geworden war, dass er im vorigen Job keine 200.000 Euro verdient hat. Die Spannen für Leitungs­po­si­tionen sind ohnehin enorm: zwischen 60.000 und 250.000 EUR ist vieles drin, wenn in der Anzeige steht „Leiter Marke­ting“ (CMO), „Leiter IT“ (CIO), „kauf­män­ni­scher Leiter“ (CFO), „Leiter Recht und Personal“ (CRO und CHRO) o.ä. (hier gibt es übri­gens Muster für CEO-Bewer­­bungen). Nur Vertriebler können sich meist höher einsor­tieren.

Es gibt auch Schrauben, an denen sich nicht drehen lässt. Viel­leicht heißen Sie wie der Sohn das Perso­nalers oder waren auf der glei­chen Grund­schule – schon sind Sie einge­laden. Viel­leicht heißen Sie aber auch so wie der geschasste Onkel – und schon sind Sie raus. Manche mögen keine schwarz­weißen Bilder und andere finden zu viel Selbst­be­wusst­sein unsym­pa­thisch (während wieder andere genau das gut finden). Lassen Sie diese Schrauben stecken. Sie können nicht daran drehen.

Diese Macht haben nur Perso­naler – durch konkre­tere Stel­len­an­zeigen (hier über ehrliche Joban­zeigen), darüber habe ich hier bereits geschrieben. Sagt doch bitte, wenn ihr ausschließ­lich Bewerber aus der Kunst­stoff­in­dus­trie wollt! Verratet doch, wenn Projekt­lei­tungs­er­fah­rung mit Teams größer als 30 Personen Bedin­gung sind. Oder welche Ausbil­dungs­ab­schlüsse erwartet werden. Vor allem sagt doch bitte, was ihr zahlt – das würde ganz viele Probleme lösen. Jemand der 5.000 EUR im Monat verdienen möchte, wird sich nicht auf Stellen mit 2.000 bewerben. Dabei könnte man so viel Geld sparen! Und so viel Frust.

Über mich

SBereits seit 1998 schreibe ich Karrie­re­rat­geber, seit dem Jahr 2000 betreibe ich “Karriere & Entwick­lung” für Outpla­ce­ment und Karrie­re­coa­ching. 2004 grün­dete ich meinen ersten Online-Shop, aus dem 2012 Kexpa wurde, 2011 mein Portal Karriereexperten.com. In diesem Jahr kam die Karrie­re­ex­per­ten­aka­demie dazu: verschie­dene Weiter­bil­dungen zur Profes­sio­na­li­sie­rung der Methoden und Vorge­hens­weisen im Karrie­re­coa­ching.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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11 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 1. September 2014 at 12:52 — Reply

    Naja, gaaanz so ist das ja nicht. Viele Mittel­ständler klagen nicht ganz zu unrecht über zurück­ge­hende Bewer­ber­zahlen. So kenne ich viele klei­nere unbe­kannte Unter­nehmen, die “nur” 30 Bewer­bungen bekommen.

    Geht man von Deiner o.g. 10%-Quote der guten Bewer­bungen aus, gehöre ich dort mit einer passenden guten Bewer­bungen schon mal zu den Top 3.

    Blöd ist nur, dass die meisten Bewerber sich auf Stellen unbe­kannter Unter­nehmen gar nicht bewerben.

    Drum mein Tipp:
    Wenn schon klas­si­sche Bewer­bung, dann Ausschau halten nach “Hidden Cham­pions” und anderen No-Name-Unter­­nehmen. Im Internet, beson­ders bei XING kann man prima Recherche betreiben.

    • Svenja Hofert 1. September 2014 at 13:24 — Reply

      beim Fall­bei­spiel kauf­män­ni­sche Leitung waren 70 Unter­grenze — und das bei Mittel­ständ­lern in mittel­großen Städten. Ja, es kommt auf den Namen an (je größer, desto mehr), aber auch auf den Bereich. Und da gibt es ganz klar ein deut­li­ches Über­an­gebot… Mir sind auch Stellen bekannt mit nur 8 oder 9 Bewer­bungen — da sind die Ausschrei­bungen aber dann schon viel spezi­eller. Aber dein Tipp ist super, kann ich noch Your­firm ergänzen, auch gut für Recherche.
      LG Svenja

  2. Claudia Cech 19. September 2014 at 9:22 — Reply

    Sehr geehrte Frau Hofert
    Gehalts­an­gaben in Stel­len­aus­schrei­bungen sind in Öster­reich zwar seit 2011 gesetz­lich verpflich­tend vorge­schrieben, jedoch hat sich in der Praxis einge­bür­gert, dass ledig­lich das Mindest­ge­halt (laut Kollek­tiv­ver­trag) ange­geben wird, mit dem vagen Zusatz, dass Über­zah­lung unter bestimmten Voraus­set­zungen möglich ist. Zur Orien­tie­rung für Bewerber sind diese Angaben absolut unge­eignet. Nach unserer Erfah­rung nützen nur wenige Unter­nehmen die Chance, sich hier als Arbeit­geber zu profi­lieren und offen und ehrlich zu präsen­tieren.
    Die ursprüng­liche Idee war, mehr Trans­pa­renz am Arbeits­markt zu schaffen und die Gehalts­schere zwischen Männern und Frauen zu verrin­gern – dieses Ziel wurde eindeutig verfehlt.
    Übri­gens „vergessen“ viele Kolle­gInnen aus Deutsch­land diese Angaben für Ausschrei­bungen in Öster­reich zu machen – das kann im Ernst­fall zu Abmah­nungen und Strafen bis zu 360,00 € führen.
    Sonst kann ich nur bestä­tigen, was Sie in Ihrem Artikel ausführen, die Chancen auf Einla­dungen zu Bewer­bungs­ge­sprä­chen steigen dras­tisch mit gut aufbe­rei­teten Unter­lagen. Leider sind – zumin­dest in Öster­reich – die Bewer­bungs­schreiben und vor allem die Lebens­läufe meist keine Visit­karte für den/die Bewer­berIn. Da gilt es noch viel Aufklä­rungs – und Über­zeu­gungs­ar­beit zu leisten.
    Beste Grüße aus Wien!
    Claudia Cech

    • Svenja Hofert 19. September 2014 at 13:47 — Reply

      Liebe Frau Cech, Danke schön für das Feed­back aus direkter Quelle. Schade, eigent­lich wäre es eine super Sache gewesen. Beim Betrachten der Anzeigen ist mir aller­dings schon aufge­gangen, dass hier viel­fach am unteren Ende gepo­kert wird und das “Anker” bewusst niedrig gesetzt wird. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass der Effekt nicht so gut ist wie gewünscht. Danke Ihnen, herz­liche Grüße Svenja Hofert

  3. […] Karrie­re­be­ra­terin Svenja Hofert die Konkur­renz­si­tua­tion für Bewerber in ihrem sehr lesens­werten Artikel „0,3 Prozent: Wie unwahr­schein­lich Einla­dungen auf Vorstel­lungs­ge­spräche wirk­lich sind – und […]

  4. […] Quelle: 0,3 Prozent: Wie unwahr­schein­lich Einla­dungen auf Vorstel­lungs­ge­spräche wirk­lich sind – und an we… […]

  5. Sven 21. Juni 2016 at 12:35 — Reply

    Und dann gibt es Unter­nehmen, die dann angeb­lich als Grund für Absagen schreiben (auch wenn nur ein Text­bau­stein ist), dass sie eine uner­wartet hohe Anzahl von Bewer­bungen bekommen haben (und das sind eher Kleinst­un­ter­nehmen).

    “Manche wollen es billig”. Wollen das nicht alle Firmen haben? Mich haben schon Firmen ange­rufen, nachdem ich mich beworben habe, wo ich nennen sollte, was meine unterste Grenze wäre und dann noch sagten, so viel würden die Mitar­beiter, die bei denen anfangen würden, nicht verdienen.

    Da ich von der Firma nichts mehr gehört habe, denke ich das Thema ist durch. Hoher Lohn bedeutet nicht auto­ma­tisch, dass man sich inter­es­sant macht.

    Auch in Belgien und zum Teil in Spanien findet man so unge­fähre Gehalts­an­gaben in den Kontakt­an­zeigen, während man sich hier in Deutsch­land in der Regel (ich lag auch schon mal recht gut), meis­tens vorbei “tippt” und das schon einmal ein Minus­punkt in der Bewer­bung darstellt.

  6. […] 0,3 Prozent: Wie unwahr­schein­lich Einla­dungen auf Vorstel­lungs­ge­spräche wirk­lich sind – und an we… […]

  7. […] Bewer­bungen sind, verdeut­li­chen die Zahlen, die die Karrie­re­be­ra­terin Svenja Hofert auf ihrem Blog aufge­listet hat. So haben sich auf eine Stelle in einer beliebten NGO 1.200 Kandi­daten beworben, […]

  8. […] Bewer­bungen sind, verdeut­li­chen die Zahlen, die die Karrie­re­be­ra­terin Svenja Hofert auf ihrem Blog aufge­listet hat. So haben sich auf eine Stelle in einer beliebten NGO 1.200 Kandi­daten beworben, […]

  9. AS. 8. März 2019 at 12:42 — Reply

    Defi­nitiv kein leichtes unter­fangen. Vor allem wenn man einen Türki­schen Namen trägt. Trotz dem so hoch­ge­lobten Gleich­be­hand­lungs­ge­setz. Das gilt für Jobs und für Wohnungen. Der markt ist hart umkämpft und Die Bewerber Anzahlen hoch. Und auch auf Noten wird geschaut. Also keine Gleich­be­hand­lung auch wenn das gerne so darge­stellt wird. Manche haben noch das Glück mit dem Vitamin B. Hat natür­lich mit viel Glück zutun und wie man sich selbst Präsen­tieren kann.

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