Kate­go­rien

Der Gender Career Gap oder: Das Recht des Mannes auf ein karrie­re­freies Leben

Published On: 1. April 2012Cate­go­ries: Führung

„Du musst erfolg­reich sein“, mahnen die Lehrer, haben aber nicht ohne Grund einen Job gewählt, in dem Erfolg bei maxi­maler Gehalts­si­cher­heit (noch) eher indi­vi­duell defi­niert werden kann. „Du musst etwas studieren, mit dem Du Geld verdienen kannst“, sagen immer noch viele Eltern, in erster Linie zu ihrem Sohn. So wachsen Jungs auf mit der Vorstel­lung schon früh bei der Berufs­wahl daran denken zu müssen, dass später nicht der Spaß an der Arbeit zählt, sondern des Geld.

Neben einem Ungleich­ge­wicht bei der Bezah­lung – viel Geld für Männer­jobs, vor allem Inge­nieure, wenig für weib­lich geprägte Tätig­keiten — hindern Scheren im Kopf uns daran, so zu leben, wie wir möchten. Brav sieht der Ingenieur‑, IT- oder Manager-Fami­­li­en­­vater dabei zu, dass seine Frau in Keramik macht oder mit den Einkünften aus ihrem Büro-Teil­­zeitjob die eigenen Klamotten finan­ziert. ER darf sich eine radi­kale Neuori­en­tie­rung, anders als die Frau, nicht leisten.  Das geht soweit, dass Frauen drohen, ihre Männer zu verlassen, wenn sie (zum Beispiel) statt dem Banker-Gehalt  ein Künst­ler­ho­norar nach Hause bringen. Frauen, zumal jene in klas­si­schen Rollen, sehen es auch nicht gern, wenn der Mann das Risiko einer Exis­tenz­grün­dung eingeht. Ich empfinde das als unge­recht gegen­über Männern.

Nicht Gender Pay Gap - Gender Career Gap

Wir beschweren uns über den Gender Pay Gap und versu­chen verzwei­felt und dennoch weit­ge­hend vergeb­lich, Mädchen dazu zu bewegen, sich endlich für Natur­wis­sen­schaften zu begeis­tern. Wir sehen dabei nicht, dass nicht weitere Girls Days die Begeis­te­rung für solche Themen anheizen werden, sondern vor allem eins: Der Vollzug der Gleich­be­rech­ti­gung auch das Mannes.  Das bedeutet: Auch er muss die Wahl haben dürfen und, wenn er denn möchte, auf Karriere verzichten können.  So wie auch Mädchen, denen aber ein sinn­erfülltes Berufs­leben noch viel eher zuge­standen wird.

Es geht somit nicht um die scheinbar zemen­tierten 23% Gehalts­ab­stand, sondern darum, einmal eine Sicht­weise umzu­kehren: Nicht nur die Frau wird benach­tei­ligt, sondern auch der Mann.  Er darf Karriere für sich nicht als ein in erster Linie sinn­volles Berufs­leben defi­nieren. Eine Frau dagegen schon.

Vier Gründe, warum wir jedem die freie Berufs- und Karrie­re­wahl lassen müssen:

  1. Wir sind zu reich, um nur für Geld zu arbeiten

Um es auf die Maslow­sche Bedürf­nis­py­ra­mide zu über­tragen: Mädchen strebten öfter direkt auf die vorletzte Stufe, Jungs fingen öfter unten an. Doch das verän­dert sich, Stich­wort Karrie­re­ver­wei­ge­rung junger Männer. Ich sehe es auch in meiner Bera­tung: Themen verän­dern sich in den letzten 2,3 Jahren. Sinn wird wich­tiger.

Eigent­lich klar, in einem Land voll Über­fluss: Ohne Sinn ist alles Unsinn. Sinn­volle Bran­chen haben die höchsten Bewer­ber­zahlen. Auf den Hitlisten der belieb­testen Unter­nehmen erscheinen Fraun­hofer, Max Planck, das Auswär­tige Amt oder Google und Micro­soft – aber niemals Ergo oder Allianz.

Etwas Sinn­volles zu tun, hat heute einen anderen Stel­len­wert als vor 50, 60 Jahren. Das liegt an einem allge­mein gestie­genen Selbst­wert­emp­finden – und an unserem Reichtum. Aber Sinn­volles wird, jenseits von Fraun­hofer und Google, immer schlechter bezahlt als Sinn-Freies. Würden sich trotzdem noch mehr Menschen für Sinn und gegen Geld entscheiden, gerieten die „Sinn­losen“ unter den Druck, sinn­voll zu werden. Wir sehen erste (hilf­lose, da rein kommu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tierte und nicht im Innern begin­nende) Versuche bei der aktu­ellen Werbe­kam­pagne der Ergo und sogar bei KIK.

2. Die Arbeit nimmt zu viel Zeit an, um nur gemacht zu werden

Wer mehr als acht Stunden unzu­frieden arbeitet, wird krank. Burnout ist in kurzer Zeit zu einem akzep­tierten gesell­schaft­li­chen Phänomen geworden. Es ist zulässig geworden, sich über­lastet zu fühlen. Noch höre ich zu oft, dass den Menschen, die etwa wegen Burnout in einer Klinik landen, geraten wird, aus Sicher­heits­er­wä­gungen am Job – der krank gemacht hat — fest­zu­halten. Doch Durch­hal­te­pa­rolen und Argu­mente wie „sei froh, dass du über­haupt Arbeit hast“ werden seltener.

3. Die Ego-Intel­­li­­genz steigt

Die Arbeits­welt der Vergan­gen­heit war auf einem nied­rigen allge­meinen Selbst­wert aufge­baut. Guenter Dueck hat kürz­lich in seinem Buch “Profes­sio­nelle Intel­li­genz” verschie­dene Intel­­li­­genz-Arten beschrieben. Die Ego-Intel­­li­­genz fehlte. Das ist für mich die Fähig­keit, Chancen zu suchen und zu nutzen, war unter­ent­wi­ckelt. Das frühere System aus Abhän­gig­keiten konnte nur funk­tio­nieren, weil Menschen diese Fähig­keit nicht hatten, sondern es gewohnt waren, dass man ihnen Chancen gab, also sie steu­erte. Durch wert­schät­zende Erzie­hung und ein verän­dertes gesell­schaft­li­ches Bewusst­sein wandelt sich das in Teilen. Die Beschnei­dung von Auto­nomie und unsin­nige Macht­spie­le­reien werden nicht mehr einfach hinge­nommen. Auch das führt zur vermehrten Suche nach Sinn.

4. Das Geschlechter-Verständnis ändert sich

Part­ner­schaften basierten im letzten Jahr­hun­dert und auch heute noch weit­ge­hend auf Abhän­gig­keiten. Dahinter stand, unaus­ge­spro­chen, das Äqui­va­lent zum längst eben­falls brüchigen Gene­ra­tio­nen­ver­trag, den Part­ner­ver­trag, der seitens des Mannes so aussah: „Ich gebe dir finan­zi­elle Sicher­heit und damit gesell­schaft­liche Aner­ken­nung, du darfst dich in der Familie selbst reali­sieren.“  (was ist aber anderes, als der Frau den Vorzug der vorletzten Stufe einzu­räumen?)

Das ist immer seltener so, mit nach­weis­li­chen Folgen, wie etwa der, dass Männer immer seltener eine klas­si­sche Aufstiegs­kar­riere anstreben.

In Zeiten des Umbruchs führt dies zu einigen Verwir­rungen. Welche Rolle hat ein Mann, wenn er nicht mehr für die Bröt­chen sorgt? Wie muss eine Frau bei der Berufs­wahl umdenken, wenn nicht mehr nur sie einen sinn­vollen Beruf suchen darf?

Darüber spreche ich in der nächsten Woche mit Hans-Georg Nelles von Väter und Karriere.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Claudia Hümpel 1. April 2012 at 16:10 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    genau so ist es! Leider gibt es viel zu viele Frauen, die genau so unter­wegs sind und dann nach 20 Jahren Ehe und Fami­li­en­ar­beit fest­stellen, dass sie nicht ihr Leben geführt haben sondern ledig­lich das Abzieh­bild eines Lebens, das andere von ihnen erwarten.
    Genauso viele Männer stellen leider nach 20 Jahren Ehe und einem Leben als Haupter­nährer fest, dass sie nichts über ihre Kinder wissen, viele schöne Dinge versäumt haben, suchen sich eine neue (jüngere) Frau, bekommen noch einmal Kinder, mit denen sie dann alles das machen, wozu sie vorher vor lauter Arbeit und Karrie­re­streben keine Zeit hatten.
    Wie viel besser ist es doch, sich gemeinsam auf den Weg zu machen und eine echte Part­ner­schaft zu führen, bei der jeder seine Ideen und Vorstel­lungen von Arbeit, Karriere, Familie, Part­ner­schaft einbringen und mit Unter­stüt­zung des anderen dann auch umsetzen kann. Im Sinne einer echten Work-Life bzw. Work-Life-Family-Balance.
    Ich glaube, dass sich da bereits schon in der Gene­ra­tion Y, aber insbe­son­dere auch danach einiges an Rollen­bil­dern und Verhal­tens­mus­tern ändert!
    Herz­liche Grüße
    Claudia Hümpel

  2. Burk­hard Reddel 1. April 2012 at 18:23 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    ja leider ist in meiner Altersgruppe(über 50) das Rollen­bild noch sehr gefes­tigt. Das erlebe ich immer wieder bei der suche nach einer modernen Part­nerin. Dir frauen in meinem Alter suchen bewußt oder unbe­wußt immer noch nach dem Ernährer und der abge­si­cherten finan­zi­ellen Sicher­heit. Da ich das als hartz4 Empfänger nicht bieten kann, klappt das natür­lich nicht mit der Part­nerin. Ich habe zwar einige mensch­liche Quali­täten, aber die zählen nicht. Viel­leicht bin ich gezwun­ge­ner­maßen auch durch viele Reflek­tie­renden Gedanken und meine Situa­tion zu “Modern” für die Frauen in meinem Alter.

    Das 2te ist, meine Eltern haben mir in meiner Erzie­hung mitge­geben, muck bloß nicht auf und arbeite gut und fried­lich und möglichst lange an einem einzigen Arbeits­platz. Aus heutiger Sicht auch eine Fehl­ein­schät­zung, die mir das Gegen­teil einer Berufs­kar­riere einge­bracht hat.
    ICh habe also heute an 2 Fronten zu kämpfen, als “Arbeits­loser Single” also als Arbeit­loser und als Single 😉
    Tja und dann noch moderner Mann?????

    Das wird schwierig. Äußerst schwierig.

    nach­denk­liche Grüsse

    B.RE

  3. Lars Hahn 2. April 2012 at 17:11 — Reply

    Genau: Männer haben zwar bisweilen (immer) noch höhere Karrie­re­chancen. Aber die Verein­ba­rung von Familie und Beruf ist für viele moderne Männer von heute eben auch ein heraus­for­derndes Thema. Karrie­re­pla­nung für den Mann sieht dann eben oft auch ganz anders aus als vor 50 Jahren.

    Mein persön­li­ches Karrie­re­ziel ist es zumin­dest, Familie und Beruf zu verbinden. Insbe­son­dere im Zusam­men­spiel zwischen meiner Karriere und der meiner Frau 😉

    Sie als frei­be­ruf­liche Sängerin, ich als ange­stellter Geschäfts­führer: Beide aufge­hend im Beruf, verschie­dene Arbeits­zeiten, Kinder­be­treuung, Klinke in die Hand geben.
    Das ist eine stän­dige Jonglage. Aber auch eine nette Heraus­for­de­rung. Familie und Kinder­ent­wick­lung mitzu­er­leben ist etwas, das kein Incen­tive und kein Bonus ersetzen kann.

  4. Erich Feld­meier 2. April 2012 at 17:21 — Reply

    ein super tref­fender Artikel. Das zentrale Dilemma unserer Gesell­schaft, Sinn für Diver­sity, Gemein­wohl oder Egoismus..

    “Die Unzu­frie­den­heit berufs­tä­tiger Frauen hat mich auch über­rascht” hat z.B. Susanne Seyda fest­ge­stellt
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/SusanneSeyda_iwkoeln_de

    Das Karriere-Dilemma, leider unge­löst:
    “…dass die Fami­li­en­ver­hält­nisse der Spit­zen­ma­nager, auch der jüngeren, immer noch sehr tradi­tio­nell sind”
    http://ed.iiQii.de/gallery/VictimsOfGroupThink/MarkusPohlmann_oekonomische_eliten_de

    Auch die Demo­gra­fi­sche Forschung berichtet, dass sich bisher erheb­lich weniger als erwartet geän­dert hat:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/TraditionalisierungsSchub_demografische_forschung_org

    Das Rollen­bild ist z.T. recht fest­ge­fahren:
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/FestesRollenbild_wikipedia_org

    Mehr auch bei Geist & Gegen­wart:
    http://www.geistundgegenwart.de/2012/03/manner-cliquen-bis-zur-fruhrente.html
    http://www.geistundgegenwart.de/2011/11/vater-werden-ist-nicht-schwer.html
    ich freue mich auf den Kommentar von HGN.

  5. Svenja Hofert 3. April 2012 at 12:19 — Reply

    Danke für die vielen tollen Kommen­tare. Es ist erstaun­lich wie viel “männ­liche” und auch weib­liche Unter­stüt­zung dabei war, auch unter den Twit­te­rern. Machen wir doch das beste draus: auf in eine flexible part­ner­schaft­liche Karrie­re­welt, in der jeder sein Ding machen darf. LG Svenja Hofert

  6. […] bleiben eng begrenzt. Ist das nicht unge­recht? Darüber veröf­fent­lichte ich Sonntag einen viel beach­teten Artikel und sprach in der Folge mit Hans-Georg Nelles vom […]

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