Kate­go­rien

Was will die Gene­ra­tion Y? Inter­es­sante Sachen machen!

Published On: 6. Juli 2012Cate­go­ries: Führung

Vor kurzem habe ich hier über das Buch „Weib­lich, jung, flexibel“ von Feli­citas Pomme­re­ning gespro­chen. Es geht darin um die vielen Optionen, die junge Menschen heute haben und die frus­trie­renden Erleb­nisse bei der Suche nach einem sinn­vollen Job, der einen noch etwas Luft für Frei-Zeit lässt. Ist die Arbeits­welt wirk­lich so desil­lu­sio­nie­rend, wie in dem Buch beschrieben? Ein Zwie­ge­spräch zwischen Pomme­re­ning und mir.

Woher kommt es, dass so viele junge Leute nicht richtig wissen, was Sie wollen?

FP: Darüber habe ich schon viel nach­ge­dacht… und ich stelle immer  gerne die Gegen­frage: Woher soll man denn wissen, was man will? Woher  wissen Andere das? Das erscheint mir fast rätsel­hafter.  Bei mir war es so: Ich wollte Jour­na­listin werden. Aber dann hat mir  die Arbeits­rea­lität nicht gefallen und von da an war ich ratlos…
SH: Es gibt nur wenige Menschen, die schon in jungen Jahren wissen, was sie wollen. Das war früher nicht anders. Ich denke, dass es deshalb schwie­riger geworden ist, weil wir mehr sehen und für möglich halten. Ist das was für uns? Ist mehr für uns drin? …Das Leben ist  eine Reise, das Berufs­leben auch. Und wie bei einer Reise kann man  sich entscheiden, einfach drauf­los­zu­ziehen oder sich für das jeweils nächste Ziel entscheiden. Es ist nicht nötig, gleich einen Plan für alles zu machen. Mit Blick auf das jeweils nächste Ziel, den nächsten Schritt, ist vieles einfa­cher. Man kann z.B. sagen, im nächsten Job möchte ich XY lernen oder die oder jene neue Erfah­rung machen.

Ist die Arbeits­welt ernüch­ternd?

FP: Ja, das finde ich schon — zumin­dest habe ich es so erlebt. Ich habe mehrere Berufs­felder auspro­biert und war oft enttäuscht. Ich  muss aber auch zugeben, dass ich wohl mit den falschen Erwar­tungen an Vieles range­gangen bin. Ich war mir nicht bewusst, dass man sich fast  überall erstmal hoch­ar­beiten muss, bevor man etwas Inter­es­santes machen darf. Der Einstieg ist eigent­lich immer lang­weilig oder  über­for­dernd… auf jeden Fall unschön. Ich finde das schade. Muss es wirk­lich so sein?
SH: Die Sache mit den Erwar­tungen trifft es. Die Firmen sind auf das neue Selbst­be­wusst­sein der Gene­ra­tion Y nicht einge­stellt. Sie erwarten mehr Anpas­sung und Dank­bar­keit für die Jobs, das kennen sie so. Gerade Frauen meiner Gene­ra­tion “opferten” sich gern als Assis­tentin. Die Jungen, so meine Einschät­zung, werden das nicht mehr so tun. Woher also kriegen die Männer in Zukunft ihre Assis­ten­tinnen? Firmen sind nicht darauf einge­stellt, dass Sinn schon so früh eine Rolle spielt — die Sinn­suche fing früher erst in meinem Alter an — und erst recht nicht, dass die Leute so viel hinter­fragen. Früher ging es im Job  eben nicht so sehr darum, etwas Inter­es­santes zu machen und Hoch­ar­beiten war selbst­ver­ständ­lich etwas, das länger dauert. Mit Spiral Dyna­mics lässt sich das erklären: Die Werte der  Gene­ra­tion Y sind teils schon gelb, die Firmen leben das aber nicht.  Trotzdem bin ich ziem­lich sicher, dass es einen Bereich zwischen lang­weilig und über­for­dernd gibt, und zwar für jede und jeden. Nur muss man dazu suchen.

Warum betrifft das Suchen und Nicht-Finden vor allem Frauen?

FP: Ich glaube, dass Frauen schneller nach dem Sinn in ihrem Handeln  fragen. Und da viele Jobs heut­zu­tage wenig sinn­voll erscheinen, Fangen sie an, auf die Suche zu gehen. Aber das, was die meisten suchen, gibt es da draußen kaum: Eine sinn­volle Tätig­keit, die anspruchs­voll ist aber nicht zu viel Zeit raubt — diese Kombi­na­tion
ist selten.
SH: Das ist der wesent­liche Unter­schied zu den jungen Männern, den ich sehe. Die jungen Männer wollen auch zuneh­mend Sinn und immer weniger die  klas­si­sche Führungs­kar­riere, defi­nieren ihn aber teils anders. Am Tech­no­lo­gie­fort­schritt mitzu­wirken, faszi­niert tenden­ziell mehr Männer. Ich bin nicht sicher, warum das so ist. Die nahe­lie­gende Erklä­rung wäre die Erzie­hung und die fehlenden fami­liären Vorbilder.
Wir finden nun mal selten Mütter, die SAP-Bera­­te­rinnen sind.

Warum stellen sich gerade junge Frauen im Vorstel­lungs­ge­spräch so auf ihr Gegen­über ein, dass sie sich selbst unkennt­lich machen? Sie haben das in Ihrem Buch sehr tref­fend beschrieben.

FP: Das muss Erzie­hung sein. Frauen erkennen oft ihren eigenen Wert nicht — und selbst wenn sie es tun, dann kehren sie das nicht nach  außen. Sie wollen nett sein und gemocht werden. Bei Männern ist das anders. Sich selbst stark darzu­stellen, gehört zum Selbst­ver­ständnis  und wird auch nicht abge­straft. Wissen Sie, da ist mir gerade erst so was passiert: Als Autorin muss ich mich ja im Moment viel selbst  darstellen. Da hat mir doch tatsäch­lich ein Mann gesagt, ich wirke so  ‘über­eifrig’. Ha! Was meinen Sie, hätte der das auch einem Mann  gesagt? Frauen sollen nett und zurück­hal­tend sein. Und viele haben das verin­ner­licht.
SH: Es ist wirk­lich so, dass Macht- und/oder selbst­be­wusste Frauen solche
Adjek­tive häufiger hören. Die Frau ist über­eifrig, der Mann engagiert. Intel­li­genz wird bei Männern bewun­dert, bei Frauen hat man immer noch Angst davor. Wohl kein Zufall, dass in Talk­shows außer Sarah Waren­knecht, Chris­tine Lagarde und Gertrud Höhler keine intel­li­genten Frauen vorkommen. Naja, neuer­dings noch Anke Domscheit-Berg. Gibt es wirk­lich so wenig Frauen, die etwas zu sagen haben? Oder steckt das von Ihnen beschrie­bene Über­­eifrig-Phänomen dahinter, also eine verzerrte Wahr­neh­mung?

Zum Vorstel­lungs­ge­spräch. Ich kann nicht bestä­tigen, dass  Männer ihren Wert eher erkennen, da sehe ich täglich Gegen­bei­spiele. Männer können sich sogar noch schlechter verkaufen. Und beide Geschlechter denken genau gleich falsch, nämlich „was erwartet der andere denn von mir?“, um sich darauf einzu­stellen. Der Schuss geht natür­lich nach hinten los. Wer sich an den Erwar­tungen anderer ausrichtet, ist nicht
authen­tisch und findet schon gar nicht, was er oder sie will. Einen Unter­schied gibt es aber: Frauen richten sich eher an Erwar­tungen aus, um zu gefallen, Männer um erfolg­reich zu sein.

Versperren die vielen Möglich­keiten den Blick auf das Wesent­liche?

FP: Ich glaube, das ist eine Typ-Frage. Ich kenne Leute, die immer  das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Sie gucken sich dauernd um — nach anderen Stellen, nach anderen Wohnungen… was auch immer. Für solche Leute wäre es glaube ich fast besser, sie hätten nicht so viele Möglich­keiten.
SH: Das sind die bei Bas Kast (“Ich weiß nicht was ich wollen soll”) beschrie­benen Maxi­mierer. Die stehen sich oft selbst im Weg. Maxi­mierer sind nicht bereit, Opfer zu bringen. Mir fällt eine Kundin ein, die vor sechs Jahren eine Garantie wollte, dass eine bestimmte Weiter­bil­dung ihr den Wunschjob brächte. Ich hab gesagt, die Garantie sei sie selbst. Das wollen Maxi­mierer nicht gern hören. Aber genau so ist es. Man muss ein Risiko eingehen und anfangen an sich zu arbeiten, und da scheiden sich die Wege von erfolg­rei­chen Selbst­ver­wirk­li­chern und Maxi­mie­rern, die alles zum Null­tarif wollen.

Ist das geis­tes­wis­sen­schaft­liche Studium das Problem? Zieht es gerade Orien­tie­rungs­lose an? Was könnte man tun?

FP: So würde ich es nicht formu­lieren. Ich glaube eher, dass die Abitu­ri­enten falsche Vorstel­lungen von diesen Studi­en­gängen und von dem Jobs danach haben. Sie sagen: “Ich will was mit Medien machen.” Oder: “Etwas Krea­tives”. Aber was sie dann konkret erwartet, enttäuscht sie am Ende. Ich finde sehr gut, dass es Programme gibt, mit denen man versucht, junge Mädchen auch an andere Berufe heran­zu­führen — an tech­ni­sche und natur­wis­sen­schaft­liche Felder. Und ich finde die Studi­en­gänge an den
FHs gut, die schon näher an der beruf­li­chen Realität dran sind.
SH: Leider wirken die Girls Days und anderen Programme nur sehr bedingt. Was das Prak­ti­sche angeht, so befür­worte ich eher eine breite Basis, auf der man sich spezia­li­siert. Es gibt ganz unter­schied­liche Typen und hier macht unser Bildungs­system durch verschie­den­ar­tige Ange­bote durchaus Fort­schritte:  Die einen sind mit einer wissen­schaft­li­cheren und brei­teren Heran­ge­hens­weise besser bedient, die anderen profi­tieren von einer prak­ti­schen Heran­füh­rung wie im dualen Studium. Es gibt viele Wege nach Rom, man muss nur sein Rom finden. Dafür muss man sich aber kennen. Und sich selbst Kennen­lernen kann man am besten während man arbeitet, im Zweifel lieber irgendwas als nichts. Muss nicht mal vergütet sein.

Was schreiben Sie als Nächstes?

FP: Ich habe gerade verschie­dene Projekte parallel laufen… aber ich beschäf­tige mich auf jeden Fall auch weiter mit Arbeits­themen. Was wir beruf­lich machen — oder mit uns machen lassen — bestimmt ja im Endef­fekt, wie wir leben. Das finde ich sehr span­nend und ich glaube,  dass wir da noch viel ändern und besser machen können.

SH: Dabei wünsche ich viel Erfolg!

Die nächste Lesung findet am 20. Juli in Dresden statt, im Kinder­laden Bambini um 20 Uhr, präsen­tiert von: FLEXPERTEN — das Job- und Infor­ma­ti­ons­portal für flexi­bles Arbeiten.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Gilbert 6. Juli 2012 at 23:35 — Reply

    Schönes Gespräch! “Ich habe mehrere Berufs­felder auspro­biert und war oft enttäuscht. Ich muss aber auch zugeben, dass ich wohl mit den falschen Erwar­tungen an Vieles range­gangen bin.” Das ist inter­es­sant! Ich sehe das auch täglich auf der Arbeit. Und sicher müssen sich die Firmen da auch umstellen (und machen es ja zwangs­läufig). Trotzdem sind dieses Anspruchs­denken und die Luft­schlösser für mich oft rätsel­haft. Ich meine, das kommt auch daher, dass Berufs­ein­steiger Y weniger Zeit hatten, sich vorher ein Bild zu machen, auch schon mal zuvor “enttäuscht” zu sein. Einmal enttäuscht reicht ja oft, um die Täuschung zu erkennen. Irgendwie gehört so ein Reality Check eben auch zur Profes­sio­na­lität. Bei mir wollen Berufs­ein­steiger nach einem Jahr Team­leiter werden und sind enttäuscht, wenn ich denen sagen, dass sie da erst noch eine Menge lernen müssen, das man dazu Erfah­rung braucht, um die anderen, die man da leiten will, auch nicht kaputt zu spielen. Also: Es ist nicht nur Selbst­be­wusst­sein, sondern auch Selbst­über­schät­zung. Die sagen mir dann auch so Sachen wie: “Aber das haben die mir auch der Wirt­­schafts-Uni doch verspro­chen, dass ich sofort ins Manage­ment einsteige, wenn ich den Abschluss habe.” Das muss zwangs­läufig bei 80% zur Enttäu­schung führen.

    • Hallo Gilbert,
      inter­es­sant, dass sie diese Erfah­rungen machen. In meiner Welt ist es grad umge­kehrt: Ich beob­achte so viel, wie die Leute ihren eigenen Wert unter­schätzen. Sich nicht trauen, gegen Über­stunden aufzu­mu­cken. Sich nicht trauen zu sagen, was sie wirk­lich wollen. Oder auch einfach: Nein, das mache ich nicht mit. Es herrscht so eine große Angst vor Arbeits­lo­sig­keit und Unsi­cher­heit, dass viele junge Leute sich nur noch wegdu­cken und Ja-sagen.
      Machen Sie solche Erfah­rungen auch?
      Viele Grüße,
      Feli­citas Pomme­re­ning

      • Gilbert 14. Juli 2012 at 0:13 — Reply

        Hallo Feli­citas Pomme­re­ning,

        ja solche Erfah­rungen mache ich auch. Das ist sicher stark abhängig von den Persön­lich­keits­merk­malen und dem Umfeld, in dem sie aufge­wachsen und gebildet sind, wie Svenja Hofert unten sagt. Aber die typi­schen Vertreter der Gene­ra­tion Y sind eben genau anders, als Sie es beschreiben — sie ducken sich nicht und sagen nur ja, wenn sie auch ja meinen. Ist mir sympa­tisch.

        Den Artikel zur Intui­tion muss ich noch lesen. Freu mich drauf.

  2. Svenja Hofert 7. Juli 2012 at 11:46 — Reply

    Hallo Gilbert, ja, da ist auch eine Menge Selbst­über­schät­zung dabei. Viel­leicht hat es auch damit zu tun, dass zumin­dest die “Bildungs­bürger” in Fami­lien mit stabilen und guten Bindungen aufwachsen, in denen es keinen Anlass gibt, Selbst­zweifel zu entwi­ckeln. Selbst­zweifel sind aber nunmal ein großer Motor für die Entfal­tung von Talent. Oder anders ausge­drückt: Wenn es mir emotional sehr gut geht, muss ich meine Anstren­gungen nicht auf andere Felder verla­gern. Hinzu kommt die Über­schät­zunge der Intui­tion, dazu mein nächster Beitrag:
    Man meint intuitiv Dinge zu können und ist dann sehr verwun­dert, wenn die Fremd­ein­schä­zung ganz anders ist. Deshalb gehört ein ordent­li­cher Check der Stim­mig­keit von Selbst- und Fremd­bild auch dazu. Es gibt verkannte Talente — aber auch Talente, die sich für welche halten, aber keine sind. LG Svenja

  3. […] sehr gut nach­voll­ziehen kann. Über ihre Ansichten zur modernen Arbeits­welten disku­tiert sie hier mit der Karriere-Expertin Svenja […]

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