Kate­go­rien

Kreativ-Pisa — oder was Klima­an­lagen mit Problem­lö­se­kom­pe­tenz zu tun haben

Published On: 2. April 2014Cate­go­ries: Karriere
Apfel auf Gabel spicken - Problem gelöst, MS Office

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testinterfaceViel­leicht brau­chen Sie dann keinen Pisa-Test mehr absol­vieren, in dem Sie unsin­nige Dinge tun wie: aus einem Katalog das billigste Möbel­stück raus­su­chen müssen, im Fahr­kar­ten­au­to­maten die güns­tigste Karte ziehen, einen MP3-Player oder eine Klima­an­lage ohne Beschrif­tung bedienen. Allen diesen Aufgaben gemein: Es fehlen Infor­ma­tionen, und die 15jährigen Schüler aus der ganzen Welt sollten selbst die Lösung raus­finden.

Pisa hat wieder mit einer neuen Studie, datiert 2012, gerade erst veröf­fent­licht zuge­schlagen. Problem­lö­se­kom­pe­tenz nennt sich die getes­tete Diszi­plin, und sie soll mit Krea­ti­vität zu tun haben. Experten-These dahinter: “Wer beim krea­tiven Problem­lösen gut abschneiden will, muss offen für Neues sein, müsse Zweifel und Unge­wiss­heit zulassen und es wagen, intuitiv vorzu­gehen”. Nun liegen wir krea­tiven Deut­schen ausge­rechnet hinter den Asiaten — wie also konnten wir so “loosen”?

Intuitiv das güns­tigste Möbel­stück raus­su­chen? Klima­an­lage im Blind­flug bedienen? Wie ich mit die Aufgaben so durch­lese, frage ich mich, welche Experten diese Übungen zusam­men­ge­stellt haben und warum Spuren­lesen im austra­li­schen Dschungel nicht dazu gehört. Und ob die Kompe­tenz, Probleme dieser Art zu lösen, irgend­etwas über Krea­ti­vität aussagt oder viel­mehr schlichtweg einen Mini-IQ-Test west­li­chen Denk­mus­ters verkör­pert.

Wie intel­li­gent ist rumschrauben? Ich erin­nere mich, wie wir einst näch­te­lang versucht haben, auf einem Kreuz­fahrt­schiff die unbe­schrif­tete Klima­an­lage lahm zu legen. Wir haben schließ­lich ein Kabel durch­ge­klemmt, sehr zum Ärger der Besat­zung. Zweifel und Unge­wiss­heit, ob das Vorhaben gelingen kann, waren eindeutig dabei. Vor allem aber ein gewisser prak­ti­scher Zwang: Das Ding nervt furchtbar. Und wenn etwas furchtbar nervt, findet man Wege, es auszu­schalten. Im Grunde reicht da ein IQ von 75. Und die Krea­ti­vität ist äußerst objekt­be­zogen und bezieht sich auf das Über­leben in einer indi­vi­dua­lis­ti­schen Kultur in der Gäste wie wir Sonder­wün­sche haben. Produktiv und kreativ im Sinne eines höheren gesell­schaft­li­chen Nutz­werts ist das nicht.

pisaUnter anderem weil aktu­elle Problem­lö­sungs­mo­ti­va­tion und Lösung so eng mitein­ander verzahnt sind,  habe ich Zweifel, ob die Aussage dieser Pisa-Forschung so reprä­sen­tativ ist. Letzt­end­lich handelt es sich um haus­halts­nahe Tüfl­ter­auf­gaben, die prak­ti­sche kogni­tive Intel­li­genz abfragen, wie man sie auch im Inge­nieurs­wesen häufiger findet. Deshalb wundert es mich nicht, dass Jungen besser abschneiden. Das tun sie immer bei solchen Aufgaben.

Aber sagt das was aus über Krea­ti­vität? Kann jemand, der Klima­an­lagen lahm­legt, auch Kreuz­fahrt­schiffe ohne solche surrenden Kälte­monster erfinden? Ist einer, der die billigste Karte findet, auch so kreativ-klug, grund­sätz­liche Fragen der Mobi­lität zu lösen? Kann man also aus diesem Vergleich der Nationen auf irgend­etwas anderes schließen, als darauf, dass es Deutsch­land nur schafft, die prak­ti­sche Intel­li­genz seiner Schüler bis auf Mittelmaß zu entwi­ckeln – um 20% seiner Kinder dumm zu lassen?

Ich finde nicht. Und Sie?

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. Patrick Haas 2. April 2014 at 22:22 — Reply

    Hallo,

    ich disku­tiere schon lange nicht mehr über diesen PISA-Blöd­­sinn. Es gibt sinn­vol­leres, wenn man sich mit Schule, mit Bildung auf positiv konstruk­tive Weise beschäf­tigen will. Z. B. die Initia­tive “Schule im Aufbruch”.

    Beste Grüße

  2. Chris­tian 9. Mai 2014 at 15:09 — Reply

    Nach meiner Meinung wird viel zu sehr über das Ergebnis eines solchen Tests geschrieben und disku­tiert und dabei das wich­tigste ausser Acht gelassen: Ist mein Kind glück­lich?
    Muss es einen solchen Test bestehen um glück­lich zu sein oder es als Erwach­sener zu werden?
    Und das ist doch das wich­tigste, oder?

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