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Die Brille der anderen
Im Sommer malte mein Sohn einen auf den Kopf stehenden Fußballspieler. Ich fand das sehr kreativ, zumal er eine gute Erklärung für den Kopfstand hatte. Die Lehrerin aber legte die Bewertungskriterien mit ihrem individuellen Maßstab an: ordentlich malen benotete sie besser als kreativ sein. Mein Sohn bekam eine drei.
Leider ist den wenigsten Lehrern bewusst, dass sie ihre Schüler durch die Brille der eigenen Persönlichkeit und Glaubenssätze betrachten. Genausowenig wie den Chefs. Es ist ihnen vielfach nicht bewusst, warum sie bestimmte Mitarbeiter positiv bewerten und andere negativ. Siehe Anne Will gestern: Der eine Vorgesetzte definiert knallharte Disziplin und Unterwürfigkeit als Wert an sich („auch ich habe drei Jahre gebuckelt“), der andere Lockerheit und eigene Meinung („meine Sekretärin, wir duzen uns, sagt mir öfter klar, so geht´s nicht – Dirk Rossmann).
Wenn ich die Zielvereinbarungen selbst großer Unternehmen sehe, spiegeln sich dort die unterschiedlichsten Brillen, hinzu kommen die einzelnen Brillen der Abteilungsleiter. Manche Angestellte stehen da nur ratlos dazwischen. Sie fragen sich: Wie kann es sein, dass ich SO gesehen werde? Ein Beispiel: Durchsetzungsfähigkeit. Ein autoritärer Chef deutet höfliches, diplomatisches Verhalten als Weichlichkeit. Ein kollegialer, beziehungsorientierter Chef interpretiert eine klare Gangart als „zu hart“. Ein selbstsicherer Chef findet es gut, dass ein Mitarbeiter seine Meinung direkt sagt. Ein weicherer, mit indirekterem Stil wird denselben Menschen vielleicht als „konfrontativ“ empfinden.
Wer sich dessen selbst bewusst ist, kann auch sein eigenes Urteil kritisch hinterfragen. Leider ist den wenigsten klar, dass es unterschiedliche Wege gibt, Führungsaufgaben wahrzunehmen — teilweise hängt ihr Erfolg davon ab, in welchem “System” man sich bewegt. Natürlich muss man mit einem Team von Spezialisten anders umgehen als mit Servicekräften. Aber sogar innerhalb des gleichen Systems können völlig konträre Führungsstile parallel erfolgreich existieren — Hauptsache, die Führungskraft versteht es, Menschen mitzunehmen. Genauso gibt es unterschiedliche Wege Aufgaben zu lösen. Wer aber Menschen bewertet, sollte wissen, welches die Kriterien sind, und was der erwartete Erfolg. Und die eigenen Grenzen und Einschränkungen kennen.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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Lieber Herr Feldmeier, genauso ist es, niemand ist frei davon. Ich denke aber, diese negativen Emotionen bei “abweichendem” Verhalten lassen sich mildern und sogar abstellen. Der erste Schritt dahin liegt darin, sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Vielen Dank für Ihren Kommentar Svenja Hofert
[Die Anderen] durch die Brille der eigenen Persönlichkeit und Glaubenssätze betrachten.
Sehr interessant! und v.a. längst auch wissenschaftlich untersucht, so dass einer Verhaltensänderung eigentlich nichts mehr im Wege stehen sollte:
“Stetig vergleichen Vorgesetzte sowie MA Handlungen, Erfahrungen und Wahrnehmungen anderer Personen mit den eigenen — und das im 100-ms-Takt. Gibt es Unterschiede, löst der so genannte „zentrale Vergleicher” im limbischen System negative Emotionen aus. Folglich bewertet der Vorgesetzte die Leistung seiner Mitarbeiter schlecht, obwohl dies nicht der Fall ist”
http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/OliverStraeter_char_eu
Liebe Frau Hofert,
genauso ist es. Dan Ariely hat ja in seinen zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt, dass:
“Anzuerkennen, wie irrational wir doch sind, hilft, bessere Entscheidungen zu treffen”
Diese Offenheit für Wahrnehmung ist theoretisch einfach, aber im Alltag eben sehr schwer umzusetzen, wie folgender Beitrag zur ‘Kommunikation’ zeigt:
http://ed.iiQii.de/gallery/Science-TheOnlyNews/Biodiversity_pupating_org
Innovative Grüße,
EF
[…] äußerte ich hier meinen Ärger über die Note Drei für einen auf den Kopf stehenden Fußballer, den mein Sohn im Kunstunterricht angefertigt hat. Denn meine Kriterien wären nicht […]