Kate­go­rien

Wenn Küchen­psy­cho­logie sich in der Perso­nal­ab­tei­lung breit macht

Published On: 19. Dezember 2014Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

kücheDer HR-Aufreger der Woche kam von der Deut­schen Bahn, hier eine News von Spiegel Online dazu. Eine Perso­nal­ma­na­gerin äußerte öffent­lich, in einem inzwi­schen zurück­ge­zo­genen Video, dass sie für zahlen­sen­sible Bereiche gern Menschen rekru­tiere, die zwang­haft seien und an einer Angst­stö­rung leiden. Diese seien super pedan­tisch und könnten nachts nicht schlafen, wenn mit den Zahlen etwas nicht stimme. Im Kopf hatte sie wohl die “Grund­formen der Angst” von Fritz Riemann und den para­no­iden Typ (harm­loser: den Dauer-Typ). Gibt es viel­leicht wirk­lich eine Verbin­dung von Zwangs­stö­rung und dahinter liegender Persön­lich­keits­ten­denz und Beruf? Oder ist das alles Unsinn?

“Zahlen­men­schen zwang­haft zwang­haft”

Controller, Buch­halter, Revi­soren, Finan­cial Analysts: Wir haben die unter­schied­lichsten Persön­lich­keiten kennen gelernt. Sind sie psychisch insta­biler in die zwang­hafte Rich­tung (darauf spielt die Perso­nal­ma­na­gerin an)? Die, die mir im Gedächtnis geblieben sind, waren es nicht. Im Internet konnte ich auch keine Studien finden, die auf eine Häufung para­no­ider Störungen im Bereich Finance hindeuten. Zu vermuten ist ledig­lich, dass die Big-Five-Eigen­­schaft Gewis­sen­haf­tig­keit im zahlen­nahen Bereich etwas ausge­prägter ist als in anderen Berufen. Der Controller-Wiki defi­niert “Gewis­sen­haf­tig­keit” jeden­falls explizit als Anfor­de­rung. Risi­ko­aaf­fi­nität ist bei Leuten, die das Geld zusam­men­halten sollen, wohl auch nicht so gefragt. Aber sich im Bett schlaflos hin- und herwälzen, weil die Zahlen nicht stimmen, wie es die DB-Mana­­gerin formu­lierte  – das ist sicher keine spezi­fi­sche Control­ler­krank­heit.

“Vertriebler sind Viel­redner und Schnacker”

Der viel redende Vertriebler – der running Gag auch neulich auf einem Seminar mit HRlern. „Oh, der redet und redet und redet“, erzählt eine über ihren Chef. Da ist wohl etwas dran: Vertriebler sind öfter extro­ver­tiert, was mit einem erhöhten Mittei­lungs­be­dürfnis einher­gehen kann, aber nicht muss. Vertriebler sind auch etwas seltener nach­­den­k­­lich-selb­st­­z­wei­­felnd (also emotional oft stabil-robuster). Einige Studien sagen Vertrieb­lern auch eher eine mitt­lere bis nied­rige Offen­heit für neue Erfah­rungen nach – sie müssen das Rad nicht neu erfinden und wollen es auch gar nicht. Trotzdem, ich werde nie jenen stillen Vertriebler vergessen, der alle anderen mit seinen Erfolgen über­trumpfte. Andrer­seits habe ich öfter eher intro­ver­tierte Vertriebler beraten, die sich in ihren Teams wie Fremd­körper fühlen. Vor allem, wenn sie viel lesen und sehr neugierig sind (also eine ausge­prägte Offen­heit für neue Erfah­rungen haben). Die Aussage “extra­ver­tierter als andere Berufs­gruppen” hat also wohl einen wahren Kern, das sagt auch die Wissen­schaft. Auch “weniger offen” scheint zu stimmen, siehe hier.

“Marke­ting­leute sind Krea­tive, die Details nicht inter­es­siert”

Geis­tige Flexi­bi­lität oder auch “flüs­siges Denken” ist der Quell für Krea­ti­vität jenseits der Aqua­rell­ma­lerei. Flexible Menschen können impro­vi­sieren, ohne Plan agieren, expe­ri­men­tieren. Im Riemann-Modell ist das der Wech­­se­l­o­ri­en­­tiert-hyste­ri­­sche Charakter. Logisch, dass jemand, der extrem flexibel ist, wohl kaum sehr struk­tu­riert sein kann? Nicht unbe­dingt. Viele Flexible sind in einigen Lebens­be­rei­chen durchaus struk­tu­riert. Sie können auch penibel sein. Von Flexi­bi­lität auf Struk­tur­lo­sig­keit und mangelnde Detail­ori­en­tie­rung zu schließen ist also zu kurz gedacht. Hierzu finde ich keine Studien, die Praxis sagt aber: Es gibt viele Marke­ting­leute, die sehr im Detail verhaftet sind und einige wenige, die beides können: das große Ganze formen und das Detail sehen.

“ITler sind alles intro­ver­tierte Nerds”

Da ich lange IT-nah gear­beitet habe, kann ich sagen: Das ist Quatsch. Man kann nicht mal sagen, dass ITler beson­ders offen für neue Erfah­rungen sind — was man erwarten würde in so einem hoch­dy­na­mi­schen Bereich. Wird der ITler nicht immer wieder gefor­dert, verküm­mert seine Neugier — auch an neuer Technik — genauso wie die aller anderen Berufs­gruppen… Was die Intro­ver­sion betrifft wäre meine Vermu­tung, dass sich Extros und Intros die Waage halten, selbst in Berei­chen wie Program­mie­rung.

“Manager sind alle irre”

Manager haben bisweilen eine ähnliche Persön­lich­keits­struktur wie Krimi­nelle: es können Psycho­pa­then sein. Denn eine Eigen­schaft präde­sti­niert sie beson­ders für Top-Etagen: “Psycho­pa­then bleiben cool, wenn sie unter Druck stehen. Sie sind furchtlos, char­mant und gewis­senlos”, sagt Kevin Dutton hier. Psycho­pa­then finden sich im Riemann-Modell wieder als schi­zoide Distanz­typen. In der Tat finden sich vor allem in den höheren Führungs­etagen mehr Menschen mit extre­meren Charakter, wie diverse Studien belegen. Das liegt daran, dass sie oft einen extremen Leis­tungs­ehr­geiz entwi­ckeln und aufgrund der “Störung” nicht so viel Rück­sichten nehmen.

Fazit: Küchen­psy­cho­logie hat immer einen wahren Kern, der oft sehr klein und manchmal etwas größer ist. Das macht sie nicht zu einer adäquaten Entschei­dungs­grund­lage im Recrui­ting. Jeder, der Menschen profes­sio­nell einschätzt und beur­teilt, sollte vor allem auch sich selbst immer wieder in Frage stellen — und die Modelle, die er/sie kennt. Denn ob Riemann, MBTI oder Big Five: Die ange­bo­tenen Schub­laden machen es scheinbar leicht. Man sollte wissen, dass diese Abkür­zungen fürs Gehirn bieten, die letzt­end­lich in die Irre führen und einem Menschen nicht gerecht werden.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

One Comment

  1. Lars Hahn 19. Dezember 2014 at 20:31 — Reply

    Oh gotto­got­to­gott!

    Ich bin zahlen­af­finer, IT-taug­­li­cher Vertriebs-/Mar­ke­­tin­g­­mann mit Manage­ment­auf­gaben.
    Zwang­haft, hyper­kom­mu­ni­kativ, ober­fläch­lich, nerdig und irre!

    Na dann, schöne Weih­nachten!

    :-)))

Leave A Comment