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Wenn Küchenpsychologie sich in der Personalabteilung breit macht

Der HR-Aufreger der Woche kam von der Deutschen Bahn, hier eine News von Spiegel Online dazu. Eine Personalmanagerin äußerte öffentlich, in einem inzwischen zurückgezogenen Video, dass sie für zahlensensible Bereiche gern Menschen rekrutiere, die zwanghaft seien und an einer Angststörung leiden. Diese seien super pedantisch und könnten nachts nicht schlafen, wenn mit den Zahlen etwas nicht stimme. Im Kopf hatte sie wohl die “Grundformen der Angst” von Fritz Riemann und den paranoiden Typ (harmloser: den Dauer-Typ). Gibt es vielleicht wirklich eine Verbindung von Zwangsstörung und dahinter liegender Persönlichkeitstendenz und Beruf? Oder ist das alles Unsinn?
“Zahlenmenschen zwanghaft zwanghaft”
Controller, Buchhalter, Revisoren, Financial Analysts: Wir haben die unterschiedlichsten Persönlichkeiten kennen gelernt. Sind sie psychisch instabiler in die zwanghafte Richtung (darauf spielt die Personalmanagerin an)? Die, die mir im Gedächtnis geblieben sind, waren es nicht. Im Internet konnte ich auch keine Studien finden, die auf eine Häufung paranoider Störungen im Bereich Finance hindeuten. Zu vermuten ist lediglich, dass die Big-Five-Eigenschaft Gewissenhaftigkeit im zahlennahen Bereich etwas ausgeprägter ist als in anderen Berufen. Der Controller-Wiki definiert “Gewissenhaftigkeit” jedenfalls explizit als Anforderung. Risikoaaffinität ist bei Leuten, die das Geld zusammenhalten sollen, wohl auch nicht so gefragt. Aber sich im Bett schlaflos hin- und herwälzen, weil die Zahlen nicht stimmen, wie es die DB-Managerin formulierte – das ist sicher keine spezifische Controllerkrankheit.
“Vertriebler sind Vielredner und Schnacker”
Der viel redende Vertriebler – der running Gag auch neulich auf einem Seminar mit HRlern. „Oh, der redet und redet und redet“, erzählt eine über ihren Chef. Da ist wohl etwas dran: Vertriebler sind öfter extrovertiert, was mit einem erhöhten Mitteilungsbedürfnis einhergehen kann, aber nicht muss. Vertriebler sind auch etwas seltener nachdenklich-selbstzweifelnd (also emotional oft stabil-robuster). Einige Studien sagen Vertrieblern auch eher eine mittlere bis niedrige Offenheit für neue Erfahrungen nach – sie müssen das Rad nicht neu erfinden und wollen es auch gar nicht. Trotzdem, ich werde nie jenen stillen Vertriebler vergessen, der alle anderen mit seinen Erfolgen übertrumpfte. Andrerseits habe ich öfter eher introvertierte Vertriebler beraten, die sich in ihren Teams wie Fremdkörper fühlen. Vor allem, wenn sie viel lesen und sehr neugierig sind (also eine ausgeprägte Offenheit für neue Erfahrungen haben). Die Aussage “extravertierter als andere Berufsgruppen” hat also wohl einen wahren Kern, das sagt auch die Wissenschaft. Auch “weniger offen” scheint zu stimmen, siehe hier.
“Marketingleute sind Kreative, die Details nicht interessiert”
Geistige Flexibilität oder auch “flüssiges Denken” ist der Quell für Kreativität jenseits der Aquarellmalerei. Flexible Menschen können improvisieren, ohne Plan agieren, experimentieren. Im Riemann-Modell ist das der Wechselorientiert-hysterische Charakter. Logisch, dass jemand, der extrem flexibel ist, wohl kaum sehr strukturiert sein kann? Nicht unbedingt. Viele Flexible sind in einigen Lebensbereichen durchaus strukturiert. Sie können auch penibel sein. Von Flexibilität auf Strukturlosigkeit und mangelnde Detailorientierung zu schließen ist also zu kurz gedacht. Hierzu finde ich keine Studien, die Praxis sagt aber: Es gibt viele Marketingleute, die sehr im Detail verhaftet sind und einige wenige, die beides können: das große Ganze formen und das Detail sehen.
“ITler sind alles introvertierte Nerds”
Da ich lange IT-nah gearbeitet habe, kann ich sagen: Das ist Quatsch. Man kann nicht mal sagen, dass ITler besonders offen für neue Erfahrungen sind — was man erwarten würde in so einem hochdynamischen Bereich. Wird der ITler nicht immer wieder gefordert, verkümmert seine Neugier — auch an neuer Technik — genauso wie die aller anderen Berufsgruppen… Was die Introversion betrifft wäre meine Vermutung, dass sich Extros und Intros die Waage halten, selbst in Bereichen wie Programmierung.
“Manager sind alle irre”
Manager haben bisweilen eine ähnliche Persönlichkeitsstruktur wie Kriminelle: es können Psychopathen sein. Denn eine Eigenschaft prädestiniert sie besonders für Top-Etagen: “Psychopathen bleiben cool, wenn sie unter Druck stehen. Sie sind furchtlos, charmant und gewissenlos”, sagt Kevin Dutton hier. Psychopathen finden sich im Riemann-Modell wieder als schizoide Distanztypen. In der Tat finden sich vor allem in den höheren Führungsetagen mehr Menschen mit extremeren Charakter, wie diverse Studien belegen. Das liegt daran, dass sie oft einen extremen Leistungsehrgeiz entwickeln und aufgrund der “Störung” nicht so viel Rücksichten nehmen.
Fazit: Küchenpsychologie hat immer einen wahren Kern, der oft sehr klein und manchmal etwas größer ist. Das macht sie nicht zu einer adäquaten Entscheidungsgrundlage im Recruiting. Jeder, der Menschen professionell einschätzt und beurteilt, sollte vor allem auch sich selbst immer wieder in Frage stellen — und die Modelle, die er/sie kennt. Denn ob Riemann, MBTI oder Big Five: Die angebotenen Schubladen machen es scheinbar leicht. Man sollte wissen, dass diese Abkürzungen fürs Gehirn bieten, die letztendlich in die Irre führen und einem Menschen nicht gerecht werden.
Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewigkeit. Ich coache bei Veränderung, spreche über das, was Veränderung mit uns macht und berate an Weggabelungen. Als Unternehmerin habe ich immer wieder erfolgreich gegründet, aktuell meine Akademie der Veränderung.
Weiterdenken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktueller, etwas pointierter, etwas tiefsinniger und pragmatisch vorausschauend.
Vielleicht kennen wir uns…
… aus dem Bücherregal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.
Als Kolumnistin schrieb ich DER SPIEGEL oder WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psychologen-Fachblatt „Wirtschaftspsychologie aktuell“ eine regelmäßige Kolumne. Man findet meine Interviews zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.
Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonntagskolumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abonnenten gehöre ich zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren auf dieser Plattform.
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Oh gottogottogott!
Ich bin zahlenaffiner, IT-tauglicher Vertriebs-/Marketingmann mit Managementaufgaben.
Zwanghaft, hyperkommunikativ, oberflächlich, nerdig und irre!
Na dann, schöne Weihnachten!
:-)))