Kate­go­rien

Alters­dis­kri­mi­nie­rung bei der Bewer­bung: Fakten und Tatsa­chen sowie 11 Maßnahmen dagegen

Published On: 24. April 2016Cate­go­ries: Karriere

Entschei­dend für die Bewer­ber­aus­wahl eines Unter­neh­mens ist dessen gelebte Kultur.  Es ist nicht der Perso­naler — ihm sind oft selbst Hände gebunden sind. Die Kultur zeigt sich an der Antwort auf eine Frage: Wie wird Diver­sity inter­pre­tiert? Hier lässt sich dann weiter diffe­ren­zieren: Gibt es einen offenen Umgang mit Diver­sity in all ihren Facetten? Oder wird Diver­sity im Sinne der jewei­ligen Kultur ausge­legt, bezieht sie sich also auf Geschlecht, LBGT und den ethni­schen Hinter­grund, oder auch auf das Alter? Sucht man mehr vom Glei­chen oder will man bewusst eine Durch­mi­schung?

Lieber mehr vom glei­chen — das gilt auch für die jungen und modernen

Smiling peopleSo viel steht fest: Diver­sity ist selbst von denen, die diesen Begriff kennen und hoch­halten, höchst unter­schied­lich gelebt. Die Diver­­­sity-Inter­pre­­ta­­tion ist unter­neh­mens­kul­tu­rell geprägt: So gibt es junge, moderne, inter­na­tio­nale Firmen mit New-Work‑, Startup- oder Medi­en­flair, in denen die Ange­stellten problemlos offen homo­se­xuell oder lesbisch sein dürfen, aber über 55 und moti­viert bei der Arbeit? Das lieber nicht. Die schein­bare gelebte Offen­heit ist also nicht weniger pseudo und unehr­lich wie in einem konser­va­tiven Indus­­trie-Betrieb, in dem der Inge­nieur eine Familie erfindet, weil er sonst gefühlt nicht dazu gehören würde.

Man könnte böse sagen: Alter schützt vor Joban­ge­boten…

Selbst ein Migra­ti­ons­hin­ter­grund wirkt nicht so einschrän­kend wie das Alter. Er erschwert unserer Erfah­rung nach eher den Einstieg – im weiteren Berufs­ver­lauf ist er weniger rele­vant. Auch moderne Unter­nehmen verhalten sich in diesem Punkt auf ihre eigene Art höchst konser­vativ. Sie laden ältere Bewerber noto­risch nicht ein. Schon das „du“ in der Stel­len­an­zeige scheint oft als abschre­ckende Maßnahme konzi­piert zu sein. Nicht einmal habe ich erlebt, dass eine Du-Firma Ü‑50 einge­laden hat. Die Absagen waren selt­sa­mer­weise immer per Sie.…

CV anonymeKollege Bernd Slag­huis stieß diese Woche dazu ein altes Thema wieder neu an: Die anonyme Bewer­bung. Ich hatte 2010 und 2012 darüber­ge­schrieben. Ich halte die anonyme Bewer­bung für einen, wenn auch kleinen Baustein auf dem Weg zu mehr regu­lierter Gerech­tig­keit.

Das Thema ist so aktuell wie nie und es ist höchst poli­tisch – gerade hat Schäuble die Rente mit 70 gefor­dert. Das wird die Diskus­sion weiter anheizen. Und das ist gut so: Zwar haben sich die Grenzen nach oben verschoben, ist heute ein Bewer­­bungs-Alter von 45 eher akzep­tabel und werden selbst 55jährige einge­laden (2003 war das nicht so) – in dieser Alters­gruppe geht aber alles viel schlep­pender und manchmal stockt es ganz. Die Regel ist einfach: Je älter, desto schwie­riger. Das ist ja auch nach­voll­ziehbar. Ich brauche nur mich selbst zu befragen: Würde ich jemanden einstellen, der nur noch wenige Jahre bleibt? Würde ich einem Bewerber eine Chance geben, bei dem ich vermute „nicht so schnell, nicht so fit am Computer“? Vor allem wenn ich sonst die Wahl habe? Nein, dann vermut­lich nicht.

Alle müssen mitziehen, nicht nur der Perso­naler

Papier ist geduldig. Ich kann im Absa­ge­brief immer schreiben, dass ein anderer passender quali­fi­ziert war. Säße dieser Bewerber aber im Vorstel­lungs­ge­spräch, strahlte Zuver­läs­sig­keit, Souve­rä­nität und Kompe­tenz aus, würde ich eher über das Alter hinweg­sehen. Viel­leicht muss ich dann aber noch andere über­zeugen. Und hier reißt manchmal die Kette ab. Ich erlebe es, dass Bewerber einge­laden wurden, es dann aber nicht bis zur Unter­schrift schafften. Unter der Hand bekomme ich das eine oder andere Mal die Info, dass es die interne Diskus­sion aufgrund des Alters gewesen ist. Der Perso­naler oder die Fach­kraft ist darüber nicht selten selbst betrübt. Aber agiert in einem, in seinem System. Und das System muss sich ändern. Bekannt­lich geht das nur dann von innen, wenn es der Über­le­bens­si­che­rung dient. Ist dies nicht der Fall — also überall dort wo es defi­nitiv keinen Fach­kräf­te­mangel gibt und das sind die meisten -, hilft nur Zwang.

hands-545394_640Nichts­des­to­trotz bleiben Einstel­­lungs-Chancen nach einem persön­li­chen Gespräch größer. Und genau das ist der Grund, aus dem ich die anonyme Bewer­bung für wichtig halte. Das Weglassen des Geburts­da­tums – die optio­nale Geburts­­da­­tums-Erwäh­­nung im Zeugnis sollte übri­gens verboten werden — erzeugt Alters­schwan­kungen von +/-5 Jahren. Und es sind sehr wich­tige +/-5 Jahre. 48 oder 51, 53 oder 59 sein – das ist in der Bewer­bung ein großer Unter­schied. Die anonyme Bewer­bung würde die Diskri­­mi­­nie­rungs-Proble­­matik nicht lösen, aber sie würde es Unter­nehmen schwerer machen. Reine Frei­wil­lig­keit, das sehen wir bei allen Themen, auch der Frau­en­quote, führt nicht weiter.

In der Tabelle habe ich einmal die Unter­schiede in den Einla­dungs­quoten nach Berei­chen je nach Alters­stufe und Berufs­sparte aufge­führt. Das ist nicht empi­risch, da unsere Fall­zahlen zu klein sind, aber es sind Erfah­rungs­werte:

  Alters­gruppe bis 40 Jahre Alters­gruppe bis 50/55 Jahre Alters­gruppe über 50/55 Jahre
Stan­dar­di­sierte Tätig­keiten, z.B. Sach­be­ar­bei­tung (ohne Zeit­ar­beit) 30–50% 20–30% 5–10%
Tätig­keiten, die hohes Spezi­al­wissen oder entspre­chende Spezi­al­kon­takte erfor­dern (Wissens­aufbau 5–6 Jahre und mehr) >50% >50% >50%
Bereiche mit Bewer­ber­zahlen über 30 pro Ausschrei­bung und Kennt­nis­an­for­de­rungen von 2–3 Berufs­jahren, (Marke­ting, Personal, klass. Control­ling, PR etc.) 15–20% 10% Unter 10%, teils 0

Was tun? 11 Maßnahmen gegen Alters­dis­kri­mi­nie­rung für Posi­tio­nie­rung, Stel­len­aus­wahl, Jobsuche und Bewer­bung

  1. Iden­ti­fi­zieren Sie ein beruf­li­ches Feld entspre­chend Ihrer Stärken und Persön­lich­keit. In meinem Buch „Was sind meine Stärken?“ stecken viele Anre­gungen dazu. Extra­ver­tier­tere Personen können auch im Alter noch über einen Wechsel in den Vertrieb nach­denken. Intro­ver­tierte mögen viel­leicht etwas im Back­ground lieber und können sich für Stellen nach­qua­li­fi­zieren, für die es aktuell zu wenig Bewerber gibt, etwa Perso­nal­sach­be­ar­bei­tung.
  2. Stärken, die im Alter wachsen, sind rein statis­tisch diese: Zuver­läs­sig­keit (Gewis­sen­haf­tig­keit nimmt auch bei zuvor lege­reren Charak­teren zu), Ausge­gli­chen­heit (Extra­ver­sion und damit viel­leicht extreme Abwechs­lungs­lust nehmen ebenso ab wie starke Intro­ver­sion), Konflikt­fä­hig­keit (extrem verträg­liche Menschen entwi­ckeln z.B. Stra­te­gien, sich durch­zu­setzen).
  3. Glei­chen Sie aus, was fehlt. Wenn Sie SAP, Power­point oder Excel nicht richitg gut können, lernen Sie es. Ich stelle fest, dass viele Bewerber sich über­schätzen bzw. unter­schätzen, was man doch noch alles lernen kann und muss um beispiels­weise Projekte gut zu orga­ni­sieren.
  4. Suchen Sie alters­ge­rechte Stellen. Schätzen Sie, wie viele Bewerber sich für eine Posi­tion vermut­lich eignen. Fragen Sie sich, ob jemand mit 30 Jahren den Job genauso ausüben kann wie jemand mit 50. Je mehr kommu­ni­ka­tive Aspekte dazu kommen, je eher persön­liche Reife wichtig ist, desto weniger eignet sich ein jüngerer Mensch. Denken Sie immer daran. Die Stärke des älteren Menschen ist seine persön­liche Reife. Posi­tio­nieren Sie sich entspre­chend in Anschreiben und Lebens­lauf, heben Sie also hervor, was Sie mehr haben als andere.
  5. Fragen Sie sich, ob Sie wirk­lich noch so viel verdienen müssen, wie in der letzten Posi­tion. Lassen Sie sich auch von der Renten­ver­si­che­rung ausrechnen, wie welche Einzah­lung wirkt. Erfah­rungs­gemäß machen die letzten Jahre den Kohl nicht fett, wirken oft sogar gar nicht mehr auf die Höhe der Rente. Aber natür­lich, das even­tuell folgende Arbeits­lo­sen­geld redu­ziert sich, falls Sie größere Abstriche machen.…
  6. Manchmal ist es hilf­reich ist, das Thema Alter direkt anzu­spre­chen anstatt das Datum möglichst zu kaschieren. Es führt dem Auswäh­lenden die Tatsache direkt ins Bewusst­sein und könnte so etwas wie ein schlechtes Gewissen auslösen. Ich probiere das gerade mit einigen Bewer­bungen aus. Mal sehen, ob der Effekt spürbar ist.
  7. Persön­liche Kontakte sind immer gut. Lassen Sie Ihr Netz­werk vorfühlen, Empfeh­lungen ausspre­chen und gehen Sie direkt in die Unter­nehmen, um „hallo“ zu sagen. Das funk­tio­niert vor allem bei klei­neren Firmen gut.
  8. Bieten Sie Probe­ar­beit an, wann immer es möglich ist.
  9. Beziehen Sie befris­tete Stellen mit ein. Sie geben Ihnen viel­leicht die Chance, mit einem Betrieb vertraut zu werden oder etwas Neues zu lernen.
  10. Lehnen Sie Perso­nal­ver­mittler nicht komplett ab, wie das viele Ältere tun. Ja, Arbeit­neh­mer­über­las­sung und Zeit­ar­beit ist auf den ersten Blick nicht schön. Auf den zweiten kann es eine Chance sein. Genau hinsehen ist wichtig. Am Ende es Berufs­leben muss man manchmal ähnliche Maßnahmen ergreifen wie ganz am Anfang wenn man keinen Ideal-Lebens­­lauf hat.
  11. Bewerben Sie sich eher in kleinen und mitt­leren Firmen. Große Konzerne stellen auch Ältere ein, doch oft nur wenn diese hoch­qua­li­fi­ziert sind, das bedeutet in der Regel tech­nisch quali­fi­ziert.

 

 

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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12 Kommen­tare

  1. […] karriereblog.svenja-hofert_altersdiskriminierung-bei-der-bewerbung-fakten-und-tatsachen-sowie-11-mas… […]

  2. Volker von Berg 25. April 2016 at 14:02 — Reply

    Der Bericht zeigt genau die Situa­tion die aktuell in der Arbeits­welt exis­tiert. Am Beispiel ” Vertriebs­jobs” spie­gelt sich dies wieder.
    Man kann noch so gute Zeug­nisse und Erfolge haben und man kann genau auf das Jobprofil, welches gesucht wird passen. Man bekommt ab Mitte 50 entweder gar keine Rück­mel­dung von Unter­nehmen, was eine boden­lose Frech­heit ist . Wo ist hier die Ethik der Unter­nehmen ? Man bekommt sofort eine Absage, da man (zwar wird das nicht erwähnt), zu alt ist und man nur noch junge unter oftmals unter 40, das schlimmste aber, fast nur noch mit Studium, mit Berufs­er­fah­rung gesucht ( wo sollen diese die Berufs­er­fah­rung denn her haben ??).
    Ein persön­li­ches Gespräch indem man die Vorteile der eigenen Person darstellen kann, gibt es schon gar nicht. Lebens­läufe werden teils gar nicht mehr gelesen.… Was sollen Personen, die heute 50- 55 sind und die erst mit 67 in das Renten­alter gehen, d.h. noch über 12 Jahre arbeiten muessen, denn noch machen ? Die 11 Tips sind zwar gut gemeint, aber man bekommt ja noch nicht einmal einen Job der eine nied­rige Quali­fi­ka­tion bedeutet, da man über­qua­li­fi­ziert ist. Die Statis­tiken der Bundes­agentur zeigen zwar mehr sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tige Stellen in dem Bereich über 55, aber die Statistik zeigt nicht wie das Einkommen dieser Personen, dras­tisch nach unten geht, derweil man dann bei längerer Arbeits­lo­sig­keit irgend­einen Job annehmen muss, damit man nicht in Hartz IV fällt. Das sind Tatsa­chen.

  3. Sandro 26. April 2016 at 11:32 — Reply

    Schöner Beitrag, ich habe selbst eine Bekannte die mit 50 Jahren noch einen neuen Beruf ergriffen hat, 3 Jahre Ausbil­dung und anschlie­ßend noch den Meister. Das fand ich sehr beein­dru­ckend und ich denke das ist ein gutes Beispiel wie man sich selbst im Alter noch weiter entwi­ckeln bzw. neu entde­cken kann.

  4. Anna Mann 27. April 2016 at 17:14 — Reply

    “Manchmal ist es hilf­reich ist, das Thema Alter direkt anzu­spre­chen anstatt das Datum möglichst zu kaschieren. Es führt dem Auswäh­lenden die Tatsache direkt ins Bewusst­sein und könnte so etwas wie ein schlechtes Gewissen auslösen. Ich probiere das gerade mit einigen Bewer­bungen aus. Mal sehen, ob der Effekt spürbar ist.”

    Ich hoffe, dass Sie bei Gele­gen­heit über die Ergeb­nisse berichten werde.

  5. Anonym 4. Mai 2016 at 11:32 — Reply

    […] […]

  6. Achim 17. Mai 2016 at 17:48 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    Sie treffen den Nagel absolut auf den Kopf: fast jede größere Firma wirbt mit Diver­sity aber konkret ist damit oft “nur” eine gewisse Gender­för­de­rung, Betriebs­kin­der­garten und — viel­leicht — Einstel­lung mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund gemeint. Ihre Beispiele spre­chen mich sehr an. Seit längerem fordere ich im Bekann­ten­kreis schon dass es analog zur Frau­en­quote eine Alters­quote geben muss. Ähnlich der Bewer­bung ohne Alter wird das keine finale Lösung sein aber zumin­dest eine gewisse Chance für die Gen 50+. Ich habe extrem:-) keine Lust bis 67/70 — immerhin noch knapp 20 Jahre — in prekären Arbeits­ver­häl­nissen mich zu bewegen. Die Alters­quote müsste — bei non-compli­­ance — steu­er­liche oder Abga­ben­kon­se­quenzen haben. Viel­leicht stellen dann die “jungen” Recruiter auch fest, dass die “alten” gar nicht so “schlecht” sind wie diese befürchten.
    [Eine These von mir ist warum es Ältere in Unter­nehmen schwer haben einge­laden zu werden: die “Bestands-Älteren” die in den Betrieben schon lange auf ihren Posten sitzen spielen ihre nahezu Unkünd­bar­keit aus und zeigen eine Blocka­de­hal­tung im Alltag. D. h. sie sind nicht immer Neue­rungen aufge­schlossen, damit machen diese es natür­lich den jungen HR’lern nicht leicht. Das kann dann dazu führen dass HR sich sagt “ich hole mir doch nicht noch mehr Probleme ins Haus”).

    Zum Thema ein Job mit weniger Gehalt und idR weniger Verant­wor­tung: Ich war zuvor Manager und könnte mir vorstellen auch “nur” als Controller zu arbeiten.Dieser Gedanke ist ABSOLUT nicht zu vermit­teln. Angeb­lich — so wird mir unter­stellt — können ehema­lige Führungs­kräfte “nur” koor­di­nieren und orga­ni­sieren. Die junge Recrui­terin zeigt damit dass sie wirk­lich­keits­fremd ist: solche “nur” Orga-Jobs gibt es nicht: selbst als Mgr/Direktor sitzt man noch an Spreadsheets und “freut” sich über SAP etc. Sicher es wäre eine gewisse Umge­wöh­nung, aber was würde eine (worst case) 2–3 Monate längere Einar­bei­tung schon bedeuten, wenn ich dafür länger auf dem Job bleibe als ein Anfangs­dreis­siger, der noch Karriere machen will und zügig weiter will?

    Zum Thema “Suchen Sie klei­nere Unter­nehmen”. Wird auch gerne empfohlen z. B. im Mittel­stand etc. sich zu bewerben. Das hat — bis jetzt — zumin­dest bei mir noch nicht geklappt, weil das ängst­liche Scheu­klap­pen­denken der Perso­naler (obwohl die dort älter sind) dazu führt dass diese nur Bewerber wollen mit Mittel­stands­er­fah­rung oder Produk­ti­ons­er­fah­rung. Das ist echt eine Chall­enge als Ex-Konzern-MA vom Mittel­stand als akzep­tabel wahrg­nommmen zu werden. So viele Vorur­teile.

    Noch­mals Danke für den gut formu­lierten und duch­dachten Artikel. Ich musste sogar- so traurig es eigent­lich ist — “Alter schützt vor Joban­ge­boten” schmun­zeln …

    Falls Sie antworten können, hätte ich noch eine Frage zu Punkt 6. Beziehen Sie dies auf das Anschreiben oder — falls der Glücks­fall eintritt — auf das Gespräch? Wie thema­ti­siert man das?

    Ich versuche meine Mobiliät/Flexibilität/geistige Lern­fä­hig­keit indi­rekt zu trans­por­tieren via der Nennung dass ich ein MBA Programm abso­li­vere — das ist, das gebe ich gerne zu, viel anspruchs­voller als ich je dachte und ich habe sehr viel gelernt, aber für die “Inter­­view-Quoten­s­tei­­ge­rung” hat es nichts gebracht (vermut­lich noch mehr Über­qua­li­fi­zie­rung oder Angst der einstel­lenden Chefs).

    Freund­liche Grüße in den hohen Norden
    Achim

    • Chris 2. November 2016 at 16:01 — Reply

      Lieber Achim Sie irren sich gewaltig.

      Auch wir Deut­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die viel­leicht exoti­sche Namen und ein entspre­chendes Aussehen haben können, kriegen nichts geschenkt.

      Wir werden immer noch diskri­mi­niert. Wir haben mal aus Spass vor einigen Jahren uns um Stellen und Prak­tika in großen Unter­nehmen beworben.

      Fakt war, die Kommi­li­to­ninnen aus Eritrea und der Türkei hatten deut­lich schlech­tere Chancen trotz besserer oder ähnli­cher Noten und Erfah­rung und Anschreiben.
      Das ist grausam.

  7. Anna 6. Juni 2016 at 12:01 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    danke für diesen wich­tigen Artikel. Folgende Aussage hat mich doch gewun­dert: “Die Regel ist einfach: Je älter, desto schwie­riger. Das ist ja auch nach­voll­ziehbar. Ich brauche nur mich selbst zu befragen: Würde ich jemanden einstellen, der nur noch wenige Jahre bleibt? Würde ich einem Bewerber eine Chance geben, bei dem ich vermute „nicht so schnell, nicht so fit am Computer“? Vor allem wenn ich sonst die Wahl habe? Nein, dann vermut­lich nicht.”
    Obwohl Sie ja in Ihrem Artikel den Umstand beklagen, danke dafür!, dass ältere Bewerber benach­tei­ligt sind, kommen Sie hier zu der Aussage, dass Sie selbst als Entschei­derin auch eher jüngere Bewerber einstellen würden, wenn Sie die Wahl hätten. Ich kann Ihre Argu­mente nicht nach­voll­ziehen. In dem Absatz, der dem zitierten Absatz voraus geht, beziehen Sie sich auf Bewerber zwischen 45 und 55, schreiben, dass nun sogar (!) 55jährige zu Vorstel­lungs­ge­sprä­chen einge­laden werden. Und hier sagen Sie, ich würde vermut­lich einen Bewerber nicht einstellen, dem nur noch wenige Jahre bleiben. Gehen wir von der Rente mit 70 aus, bleiben dem 55jährigen noch 15 Jahre Arbeits­leben! Der jüngere Bewerber, den Sie einstellen, wird Ihnen kaum so lange erhalten bleiben, weil aktu­elle Unter­su­chungen gezeigt haben, dass gerade jüngere AN häufiger den Job wech­seln, um sich zu verbes­sern. Also hätten doch Unter­nehmen gerade mit der Einstel­lung von älteren AN die Chance, sich Mitar­beiter einzu­kaufen, die dem UN länger erhalten bleiben. Und die Vermu­tung, dass ein älterer Bewerber nicht so fit oder schnell am Computer ist, lässt sich ja durch entspre­chende Tests sicher über­prüfen. Ich bin jetzt 52 Jahre alt und finde es sehr schade, dass es offen­sicht­lich so ist, dass der Diver­­­sity-Gedanke den Aspekt Alter (und eine entspre­chende Diskri­mi­nie­rung) außen vor lässt, nicht qua Defi­ni­tion, aber so, wie Diver­sity momentan gelebt wird. Ich denke, dass alters­ge­mischte Teams ein großer Gewinn für Unter­nehmen sein können, natür­lich gegen­sei­tige Wert­schät­zung und die Lern­be­reit­schaft aller Betei­ligten voraus­ge­setzt. Da gibt es noch eine Menge an Über­zeu­gungs­ar­beit zu leisten. Ich hoffe, dass Sie diese Diskus­sion weiter im Blick­feld behalten und begleiten.

    Freund­liche Grüße
    Anna

    • Svenja Hofert 7. Juni 2016 at 9:46 — Reply

      Hallo Anna, danke für Ihren Kommentar. Entschei­dungen sind nicht rational, bei mir nicht und bei niemand anderem. Deshalb habe ich das genau so geschrieben — ich bin nicht frei von Heuris­tiken und Biassen. Und ich sehe auch die Perspek­tive eines Arbeit­ge­bers. Es ist nicht meine Art mich als fehler­freier Besser­wisser aufzu­spielen, und dazu gehört es eben auch offen und frei zu denken und verschie­dene Perspek­tiven einzu­be­ziehen. Nicht nur die eine: so ist es richtig. Die gibt es nämlich nicht. LG Svenja Hofert

  8. Chris 2. November 2016 at 16:06 — Reply

    Das ganze System ist proble­ma­tisch. Es wird so getan, als seien die älteren Menschen selbst schuld für ihre Misere

    ich war Prak­ti­kant in einem großen Unter­nehmen und Bewerber über 40 wurden sofort aussor­tiert. Alle Bewer­bungen von denen die ich gesichtet habe später, ergaben, sie waren weder aus der Mode, noch uner­fahren usw.

    alles entsprach dem Zeit­geist doch unser Unter­nehmen wollte sie nicht haben.

    Und das kann leider jeden treffen, der über einem bestimmten Alter ist. ich habe um die 300 Bewer­bungen in 9 Monaten gesehen von Leuten, die studiert haben astreine Zeug­nisse hatten und in Unter­nehmen gear­beitet haben, die entweder ins Ausland verla­gert wurden oder insol­vent wurden usw.

    Das neue tolle Wort EMPLOYABILITY ist auch so eine tolle Sache, damit soll erreicht werden, dass alle Arbeit­nehmer Verant­wor­tung über­nehmen und sich trotz Berufs­tä­tig­keit weiter­bilden usw.

    auch das wird nix nützen. In den Bewer­bungen waren viele die Projekt­ma­nage­ment oder ein MBA Studium neben dem Beruf absol­viert haben und dennoch will man sie nicht mehr

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