Kate­go­rien

Am besten wirst du….reich. Oder: Die Gehalts­­pro­­gnosen-Lüge

Published On: 19. April 2012Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

Gerade brachte das Deut­sche Institut für Wirt­schaft in Berlin eine neue Studie heraus. Man erstellte ein Top-10 der Best­ver­diener je nach Studi­en­rich­tung und unter­schied das auch noch nach Geschlecht. Mehrere Zeitungen und Online-Portale griffen gestern das Thema auf. Der gene­relle Tonus: komplett unkri­tisch.

Leider ist die Studie beim DIW noch nicht online (jeden­falls konnte ich sie nicht finden…help? ;-)), denn die zitierten Zahlen lassen tausend Fragen offen. Was etwa ist mit Verdienst gemeint? Kaum eine Zeitung fügte hinzu, dass es sich hierbei um Netto-Zahlen handelt. Nur aber was bitte ist Netto? Ein indi­vi­du­eller Wert, da abhängig von der Steu­er­klasse. Könnten die zitierten Frauen also viel­leicht verhei­ratet gewesen sein und deshalb weniger netto vom brutto haben? Nur so ein Gedanke.

Die simpelste Empfeh­lung findet sich im Berliner Kurier: „Junge Frauen, die viel Geld verdienen wollen, sollten Zahn­me­dizin studieren. Sie gehen mit 15,50 Euro Netto-Stun­­den­­lohn nach Hause, wer „nur“ Medizin studiert, darf sich über 13,36 Euro netto freuen.“ Hallo, was ist das denn für ein gefähr­li­cher Rat? Und: Wenn Selbst­stän­dige dabei sind, wie sollte dann mit einem Netto-Wert gerechnet werden können?

Außerdem: Was bedeutet netto auch unter der Maßgabe, dass mehr als ein Drittel aller Ärzte selbst­ständig sind (400.000 gibt es, 125.000 sind selbst­ständig, siehe Destatis) — und unklar, ob diese mitbe­rück­sich­tigt wurden?  Weiter geht es mit Selt­sam­keiten aus der Studie, dieses Mal FAZ: „Die Fächer Finanzen und Versi­che­rungen liegen mit 10,29 Euro auf Platz 7, gefolgt von der beliebten Betriebs­wirt­schafts­lehre mit einem Stun­den­lohn von glatt zehn Euro. Rang 9 wird von der Natur­wis­sen­schaft belegt, Biolo­ginnen verdienen laut DIW 9,95 Euro. Den letzten Platz der Top 10 belegt der Uni-Studi­en­­gang Anglistik mit 9,81 Euro.“ Man beachte: den geringen Unter­schied zwischen den Zahlen. Sowie die Tatsache, dass Rech­nungs­wesen und Finanzen eine Spezia­li­sie­rung der Betriebs­wirt­schafts­lehre sind.

Und dieser Satz ärgert mich beson­ders: „Bei den Frauen ist es eine Ausbil­dung im Bereich Marke­ting und Werbung, die auf lange Sicht im Durch­schnitt ein höheres Gehalt einbringt als so mancher Studi­en­gang. Während Frauen mit einer Berufs­aus­bil­dung in dieser Branche im Durch­schnitt 9,54 Euro verdienen, bekommt eine studierte Infor­ma­ti­kerin im Durch­schnitt nur 9,32 Euro.“ Das kann schlichtweg gar nicht sein, es wider­spricht komplett dem, was wir hier seit 12 Jahren sehen. Natür­lich verdienen Infor­ma­ti­ke­rinnen weit über­wie­gend mehr, erst recht wenn man Werbung von Marke­ting trennt und sich die Bereiche mal getrennt anschaut — und Fach- und Führungs­kräfte trennt.

Nun lassen Sie uns einfach mal spaßes­halber rechnen: bei einer 40-Stunden-Woche verdiente der Anglist pro Monat 1.569.60 EUR. Je nach Steu­er­klasse liegt er damit bei ca. 3.000 EUR brutto im Monat; es gibt Schlim­meres, z.B Friseur­ge­hälter. Noch auffäl­liger sollte sein: Das sind 30, 40 Euro Unter­schied zum Betriebs­wirt. Kaufen wir uns davon doch ein halbes T‑Shirt.

Selbst wenn die Zahlen die rich­tige Rich­tung weisen: Was bitte sagt das über die Zukunft? Immerhin können wir darüber nach­denken, dass die Zahn­pflege immer besser wird, der Repa­ra­tur­be­darf geringer, der nied­riger dotierte Zahn­pfle­ge­be­darf höher und sich dadurch der Bedarf in dieser Diszi­plin mindes­tens stark verschiebt. Goldene Zeiten sind passé, sagt mir eine befreun­dete Zahn­ärztin. Und wir hatten in letzter Zeit auffäl­lige viele Dottores, die in die Wirt­schaft wollten. Es bilden sich weiterhin seit einiger Zeit Discount-Zahn­ärzte. Ich glaube deshalb nicht, dass der Zahn­arzt dauer­haft ein Porsche-Beruf bleibt.

Fazit: Es ist grob fahr­lässig, von der Vergan­gen­heit auf die Zukunft zu schließen. Dass es jetzt so ist oder/und gestern so war, heißt lange nicht, dass es in Zukunft so bleibt. Hier liefert eine andere, online verfüg­bare, Unter­su­chung des DIW das Argu­ment, die nicht ganz so gerne und leicht zitiert wird wie die obige. Diese bezieht sich auf die Einkom­mens­ent­wick­lung in Deutsch­land: „Die Einkom­mens­un­gleich­heit in Deutsch­land hat seit der Jahr­tau­send­wende signi­fi­kant zuge­nommen. Zwar liegt Deutsch­land im Niveau im Mittel­feld aller OECD-Länder, doch die Spanne zwischen Arm und Reich öffnet sich hier­zu­lande über­durch­schnitt­lich schnell. Immer mehr junge Erwach­sene arbeiten im Nied­rig­lohn­sektor, nicht einmal jeder Zweite schafft inner­halb von fünf Jahren den Aufstieg auf ein höheres Einkom­mens­ni­veau.“

Wir lesen.… seit der Jahr­tau­send­wende. Und nun fragt euch mal, was in 10 Jahren — in einer Welt, die ständig an Tempo zunimmt — Aussagen wert sind, die heute auf der Basis eines Blicks auf gestern getroffen worden sind?

Ach ja, ein bißchen Werbung darf in meinem sonst werbe­freien Blog erlaubt sein. Am besten wirst du Arzt gibt ein paar fundier­tere Prognosen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. Chris­toph Burger 19. April 2012 at 10:24 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    ein glän­zender Artikel! Mir kam beim Studieren der DIW-Studie immer etwas komisch und wider­sprüch­lich vor — jetzt weiß ich auch, was! Darüber hinaus­ge­hend machen Sie sehr richtig auf den Unter­schied von Rück­blick und Prognose aufmerksam — ein sehr wich­tiger Aspekt!

    Viele Grüße,
    cb

  2. Franz-Peter Staudt 19. April 2012 at 10:43 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    da stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Mein Eindruck ist, dass es sich viele Jour­na­listen und Autoren sehr einfach machen, und versu­chen mit Horror­mel­dungen und pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Ratschlägen Auflage zu machen bzw. “Klicks” zu erzielen.
    Was für einen Sinn macht es sich nach einer heutigen Gehalts­ta­belle zu orien­tieren, wenn man nicht die notwen­digen Kompe­tenzen für den Beruf mitbringt? Natür­lich will jeder viel Geld verdienen. Das kann und wird er auch. Aber nur, wenn er neben einer guten fach­li­chen Ausbil­dung auch entspre­chende Kompe­tenzen / Fähig­keiten mitbringt.

    Als posi­tives Beispiel sehe ich hier die SIBE (http://www.steinbeis-sibe.de/start/)., eine Tocher der Stein­beis Hochschule.(Ich hoffe, dass dies jetzt keine Werbung ist.) Hier müssen Bewer­be­rInnen für ein MBA-Studium ein Kompe­tenz­test erfolg­reich absol­vieren. Im Studium selbst wird zudem großer Wert auf die Aus- und Weiter­bil­dung von Kompe­tenzen gelegt.

    Mein Fazit hierzu:
    Ein gutes Einkommen hat, wer erfolg­reich ist. Erfolg­reich ist, wer Spaß hat. Spaß hat, wer seine Kompe­tenzen / Stärken ausleben kann.

    Herz­lichst, Ihr
    Franz-Peter Staudt

  3. Svenja Hofert 19. April 2012 at 12:43 — Reply

    danke, Herr Burger, bin wirk­lich gespannt darauf, was WIRKLICH in der Studie steht. LG Svenja Hofert

  4. Svenja Hofert 19. April 2012 at 13:13 — Reply

    Hallo Herr Staudt,
    vielen Dank für die sehr gute Ergän­zung. Es ist absolut richtig, dass Spaß und Persön­lich­keit entschei­dend sind. So kenne ich Fälle, in denen die Gehälter von Anglisten die von Zahn­me­di­zi­nern deut­lich über­schreiten 😉 Und Stein­beis empfehle ich auch gern, gute Erfah­rungen. herz­li­chen Dank und Grüße an Sie Svenja Hofert

  5. Lars Hahn 19. April 2012 at 22:08 — Reply

    Mir kamen die Stun­den­sätze alle­samt auch recht blöde vor. Sugge­riert wird, als wenn für BWLer, Biolo­ginnen, Anglisten und Infor­ma­ti­ke­rinnen bald der Mindest­lohn EUR 7,50 einge­führt werden müsse. Brutto und Netto fällt beim Eifer des Wort­ge­fechts schon gar nicht mehr auf.
    Übri­gens haben nach der obigen Regel verhei­ra­tete Männer in der Regel die höchsten Stun­den­löhne. Hab ich wieder mal Glück…
    Unbe­dacht nur, dass dann in der Regel auch die “Güter­ge­mein­schaft” funk­tio­niert. Meine Frau und ich addieren zukünftig einfach unsere Stun­den­sätze, schon dürften wir bei weit über 20 Euro liegen.
    Zahlen­ab­sur­di­täten…

  6. Mirjam 22. April 2012 at 10:55 — Reply

    Hallo,

    inter­es­santer Artikel, zudem ich mich noch im Studium befinde.
    Ich habe die Studie gefunden: http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.395810.de/12–13.pdf

    Viel Spaß 😉

    Grüße
    Mirjam

    • Svenja Hofert 22. April 2012 at 17:18 — Reply

      super, danke, schaue ich mir mal an. herz­liche Grüße Svenja Hofert

  7. Svenja Hofert 23. Januar 2013 at 16:57 — Reply

    Dazu bitte auch hier rein­lesen: http://bit.ly/144ZTFw

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