Kate­go­rien

Ausge­kocht: Das Süpp­chen der Karriere-Docs zieht nicht mehr

Published On: 19. September 2011Cate­go­ries: Führung

Ein Abschluss in einem ange­sagten Fach mit Top-Noten, Spit­zen­eng­lisch plus Team­fä­hig­keit und die Karrie­re­welt steht Ihnen offen? Ein Mythos, wie folgendes Beispiel zeigt.

„Ach ich weiß auch nicht, was ich machen soll“, klagt Frau Ludwig. Ihre Stimme schnarrt tonlos. „Viel­leicht will ich die Gele­gen­heit nutzen, um den MBA an der Columbia Univer­sity zu machen. Oder ich steige doch wieder direkt ein, irgendwo.“ Die junge Frau vor mir bringe ich nicht mit einem MBA in den Staaten zusammen. Und sie passt auch nicht zu ihrem Berufs­profil, das auf meinem Schreib­tisch liegt. Nach einem BA-Studium war Frau Ludwig fünf Jahre für ihren Arbeit­geber in China, Indien und den USA aktiv. Dann hatte sie Pech: Eine Umstruk­tu­rie­rung riss sie mit und spülte sie ins Outpla­ce­ment. Jetzt sitzt die groß­ge­wach­sene Blon­dine mit hängenden Schul­tern ratlos vor mir und stellt fest: „Ich weiß, ich müsste mal drin­gend in Columbia anrufen. Das wollte ich schon letzte Woche tun.“

Guter Vorsatz? Natür­lich sollte Frau Ludwig drin­gend in Columbia anrufen.

Doch dazu ist sie gar nicht in der Lage. Energie- und orien­tie­rungslos treibt sie schon seit Wochen dahin. Und so geht es weiter: Immer wieder bespre­chen wir ganz konkrete Schritte. Dessen unge­achtet tritt sie beharr­lich auf der Stelle. Wenn sie die letzten Jahre so gelebt hätte, wäre sie auf ihren Reisen aus schierer Träg­heit unter­wegs verloren gegangen. Ich stelle mir vor, wie sie in New York erwartet wird, aber einfach irgendwo in Heathrow sitzen geblieben ist. Traurig und kraftlos wie ihr verges­sener Koffer, der endlos in der Gepäck­aus­gabe des Termi­nals kreist. Nein, sie muss noch vor wenigen Wochen ganz anders gelebt haben.

Die  Zeit davor hatte sie immer etwas, was ihr heute fehlt: Klare Vorgaben.

Dafür tauge ich als Berater nicht. Ich kann ihr nicht drohen, sie durchs Examen fallen zu lassen. Und auch der Hinweis auf die  Geschäfts­lei­tung entfällt. Nein, jetzt kommt es auf Frau Ludwig selbst an, auf ihre eigene Entschluss­kraft. Und die liegt ohne Druck von außen nahe null. Unfähig, sich selbst Ziele zu setzen, torkelt Frau Ludwig schließ­lich mehr in den nächsten Job, als dass sie ihn sucht. Das sind schlechte Vorzei­chen für die weitere Karriere.

„Herr Dr. Karriere, viele ambi­tio­nierte junge Leute würden gerne später mal Vorstand eines Unter­neh­mens werden. Wie haben Sie das geschafft?

Was würden Sie aufstre­benden Nach­wuchs­leuten empfehlen?“ Dr. Karriere streicht sich das tadellos rasierte Kinn, zupft die Krawatte zurecht und sagt: „Fleiß ist wichtig, gute Noten und ein klares Ziel“. Darauf lehnt er sich in die weiche Leder­pols­te­rung seines Chef­ses­sels und wartet entspannt auf die nächste Frage. „Herr Dr. Karriere, was ist, wenn das Ziel unter­wegs verloren geht, wie bei Frau Ludwig?“ „Entschul­digen Sie, wer ist Frau Ludwig?“ „Eine der vielen jungen Führungs­kräfte, die auf der Strecke bleiben. Wie funk­tio­nieren Karrieren in der Zukunft?“ Dr. Karriere: „???“

Okay, er wird antworten. Bestimmt wird er schöne Worte antworten; er findet immer schöne Worte. Aber was kann er sagen? Der passende Spruch dazu: „Prognosen sind heikel, beson­ders wenn sie sich auf die Zukunft beziehen“. Frau Ludwig arbei­tete brav ab, was ihr die Karriere-Docs empfohlen haben. Doch sie schei­terte. Was aber hilft, wenn es die gängigen Empfeh­lungen nicht sind? Wie lauten die Erfolgs­re­geln für die Zukunft?

Die alten Rezepte, nach denen  Dr. Karriere sein gelun­genes Karrie­re­süpp­chen kochen konnte, taugen nicht für die Zukunft.

Ein Grund wohnt in der Natur des Menschen. Frau Ludwig hat ihn vor Augen geführt. Die lang­jäh­rige Forde­rung der Unter­nehmen nach Best­noten, Spit­zen­eng­lisch und maxi­maler Wendig­keit hat Frau Ludwig bestens erfüllt. Aber es fehlte ihr an Entschluss­kraft. Diese braucht es einer­seits, um die eigene Karriere voran zu treiben. Ande­rer­seits ist sie in Führungs­jobs gefragt. Auch die Unter­nehmen sehen klar, dass sich mit einem Mitar­bei­ter­en­semble aus Vorgabe-Empfän­­gern im Wett­be­werb nicht punkten lässt.

Woher, so frage ich mich, sollen die jungen Menschen mit den Turbo-Lebens­­­läufen ihre Origi­na­lität nehmen?

Schließ­lich haben sie ihr bishe­riges Leben auf Zeug­nis­noten, auf Team­fä­hig­keit und Sprach­fer­tig­keit ausge­richtet. Charak­ter­bil­dung? Dafür war keine Zeit. Denn wer zu sich kommen will, der muss mitunter auch mal durch­hängen. Er muss sich dann aus eigener Kraft wieder aufrichten. Es ist unver­zichtbar, Irrwege gegangen zu sein. Und zurück­ge­funden zu haben. Auch gele­gent­li­ches Anecken gehört zu einer selbst­be­wussten Persön­lich­keit.

Das eben ist die Quadratur des Kreises. Eine gut geölte Arbeits­ma­schine (Fach­wissen, Sprach­kenntnis und Sich-einfügen-können) und die Persön­lich­keit mit Charakter (Entschluss­kraft, persön­liche Stärke, Ecken und Kanten) passen schlecht in ein und denselben Menschen. Will ich das eine errei­chen, muss ich stre­ber­haft lernen. Will ich das andere sein, sind abhängen, anecken und hinter­fragen nötig. Die eigen­stän­dige Persön­lich­keit braucht Irrwege und Trödel­phasen.

Wenn Sie die Wahl haben, Ihrem Gefühl, Ihrer Aben­teu­er­lust und Neugier zu folgen: Bedenken Sie die Konse­quenzen. Aber beachten Sie: Äußere Vorgaben erfüllen, aber die Persön­lich­keit vernach­läs­sigen, ist eine schlechte Wahl! Prägen Sie lieber Ihren Charakter und verletzen Sie dafür einmal eine alte Karrie­re­regel.

Doch nun wird´s ernst. Wie fit sind Sie? Kennen Sie die Gesetze der alten Karriere-Docs? Und wenn Sie noch mehr wissen wollen: Wie enga­giert sind Sie über­haupt beruf­lich im Vergleich zu anderen? Streben Sie eher in Rich­tung einer konven­tio­nellen Karriere oder einer alter­na­tiven Vari­ante? Viel­leicht sind Sie auch ein Typ für die Selb­stän­dig­keit? Diese Fragen beant­worte ich Ihnen, wenn Sie meinen Karrie­re­test ausfüllen. Sie können ihn hier herun­ter­laden. Ihre persön­liche Antwort erhalten Sie im November, wenn alle Bögen vorliegen. Viel Spaß beim Ausfüllen!

P.S. Zeit­auf­wand circa 15 Minuten, verlosen von Bücher­gut­schein / Büchern unter den Teil­neh­mern. Bera­ter­kol­legen können später den Test mit Auswer­tungs­ver­fahren erhalten. Das Angebot gilt nur bei Rück­sen­dung bis 15.10.2011 an cb@christophburger.de. Auswer­tung erfolgt anonym, die Rück­mel­dung ist nur bei Angabe einer Email-Adresse auf dem Bogen möglich).

Seien Sie gespannt auf das Buch von Karrie­re­ex­perte Chris­toph Burger, das im Früh­jahr 2012 erscheint.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Wilhelm Zorem 21. September 2011 at 18:46 — Reply

    Welches Geschäfts­mo­dell verfolgen Berater, die ihre Klienten in die Selb­stän­dig­keit beraten? Karriere ab 40 Jahren gemacht. Bis dahin kann Frau und Mann Familie gründen, Haus bauen, Kontakte machen und die rich­tige Postion suchen.

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