Kate­go­rien

Ausland? Ach, bleiben Sie doch besser zu Hause

Published On: 14. Dezember 2010Cate­go­ries: Führung

Heute Nacht bekam ich die Mail eines Kunden, der derzeit im Ausland lebt, in einem aufstre­benden Land in Südost­asien.  Er bat mich, in meinem Blog doch einmal das Thema „Bewerben aus dem Ausland, um zurück nach Deutsch­land zu kommen“ aufzu­nehmen, weil er sich über die Hürden geär­gert hat, die deut­sche Unter­nehmen für deut­sche Bewerber im Ausland aufstellen. Das mache ich gern, denn der Fall, den er schil­dert, wundert mich nicht – seine Geschichte ist alles andere als ein Märchen.

Mein Kunde hat das gemacht, was man so machen sollte, wenn man Manage­ment studiert hat und eine inter­na­tio­nale Karriere lockt.  Er hat sich für einen längeren Arbeits­auf­ent­halt in einem aufstre­benden Land entschieden, in das nicht jeder geht (wie z.B. im Moment nach Vietnam oder in ein afri­ka­ni­sches Land). Nicht etwa im Rahmen eines Erasmus-Programms oder ähnli­cher orga­ni­sierter Rahmen, sondern eigen­in­itiativ, mit Stra­tegie dahinter, zwei Jahren in einem Handels­un­ter­nehmen und abge­schlos­senem Studium in der Tasche.

Doch anstatt mit offenen Armen aufge­nommen zu werden,  stellen die Unter­nehmen Hürden auf. Vor Ort, in dem Land, in dem er derzeit lebt, hatte er sich bei der lokalen Gesell­schaft der Firma vorge­stellt. Die waren sehr angetan und vermit­telten den Kontakt nach Deutsch­land. Um die Hürden möglichst niedrig zu legen, bat der junge Mann an, ein erstes Vorstel­lungs­ge­spräch mit der deut­schen Mutter über Skype oder Telefon zu führen. Für den Flug nach Deutsch­land wollte er sogar anteilig die Kosten über­nehmen.

Die Reak­tion: So etwas ginge ja gar nicht. Es gäbe nur ein einziges Assess­ment Center und erst recht keine Sonder­ter­mine für jemand, der sich im Ausland aufhält. Er solle sich doch nächstes Jahr wieder bewerben.Der Bewerber hat all das, was Firmen wünschen. Zumin­dest das, was sie so in ihre Anfor­de­rungs­pro­file schreiben.

Manchmal beschleicht mich die Vermu­tung, dass zu viel Flexi­bi­lität und „Köpf­chen“ gar nicht so gern gesehen sind. Sie erin­nern sich an meine Uschi aus Herne? Je größer Unter­nehmen sind, desto forma­lis­ti­scher denken und handeln sie. Wie passt das zusammen mit unserer Arbeits­welt der Zukunft?

Eine ähnliche Geschichte passierte einem Geschäfts­führer, der drei Jahre in den USA arbei­tete. Als er wieder nach Deutsch­land wollte, schei­terte auch er an der Flexi­bi­lität. Skype? Kennen wir nicht! (das war vor rund einem Jahr) Extra einfliegen? Selbst für Geschäfts­führer offenbar kein Weg zum Vorstel­lungs­ge­spräch! Sich auf einem Flug­hafen treffen, die Welt ist groß? Dieser Gedanke, den er vorge­schlagen hatte, wurde als gera­dezu verrückt aufge­fasst. Ich könnte die Liste weiter­schreiben: Die Bewer­berin, die aus der Schweiz nicht einge­laden wurde, weil man  niemand von so weit her wollte. Der Bewerber aus London, der sich “doch lieber vor Ort” nach einem neuen Job umschauen sollte…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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6 Kommen­tare

  1. Karin 14. Dezember 2010 at 10:22 — Reply

    Hallo,
    gerade fand ich den Link auf Twitter.
    Nach 40 Jahren Leben in Frank­reich, könnte ich einiges zu der Liste hinzu­fügen.
    Als ich in Toulouse für deut­sche Zeit­ar­beits­un­ter­nehen aktiv wurde, erkannte ich auch den Unter­schied zur fran­zö­si­schen Zeit­ar­beit. Dieser findet seinen Ursprung erst einmal in der Arbeits­kultur und den juris­ti­schen Aspekten.
    In Frank­reich werden die Agen­turen für Zeit­ar­beit zum Beispiel wie primi­tive Bouti­quen geführt, in denen die Ange­stellten ohne jede Ausbil­dung sitzen und warten auf die Ware, die da kommt, den Arbeit­nehmer. Dies ist nur ein Beispiel.
    Rein sach­lich gesehen kommt es oft gar nicht zum wahren Kontakt zwischen Kandi­daten und Arbeit­ge­bern, wenn gering ausge­bil­dete Perso­naler zuerst die Kandi­daten empfangen und aussor­tieren. So verschwindet dann ein Mensch mit hervor­ra­genden Kompe­tenzen aus der Liste.
    Wenn ich bei Ihnen lese, wie Ihr Kunde abge­wim­melt wurde, könnte ich mir das Szenario der kleinen Büro­maus, die sich wie ein HR-Manager fühlt, schon vorstellen.
    Die Annä­he­rungs­phase ist nach dem Bewer­bungs­schreiben das entschei­dende Moment, das vorbe­reitet werden sollte.
    Noch ein Tipp: In kleinen Unter­nehmen sitzen die Geschäfts­führer länger im Büro als die Sekre­tä­rinnen. Instal­lieren Sie sich mit Ihren Unter­lagen geogra­fisch in der Nähe des Büros. Ab 17 Uhr sollten Sie dann anrufen und sich persön­lich vorstellen, mit der Bemer­kung, dass Sie gleich mal rüber­kommen könnten.

  2. Markus 24. Januar 2011 at 16:05 — Reply

    Hallo,
    das was Sie schreiben kann ich voll und ganz bestä­tigen. Ich habe ein Jahr als inter­na­tio­naler Controller in einer Toch­ter­ge­sell­schaft eines deut­schen Konzerns in Saudi Arabien gear­beitet. Ich hatte keine Sorgen eine neue Beschäf­ti­gung zu finden nachdem die Reinte­gra­tion ins Mutter­haus aufgrund der Krise schei­terte, schließ­lich spielt man als Expat in der Regel in der oberen Hier­ar­chie­stufe mit. Fach­liche Voraus­set­zungen waren gegeben und ich habe mich während der Zeit im Ausland auch fort­ge­bildet.

    Tatsäch­lich stieß ich im Bewer­bungs­pro­zess auf unglaub­li­chen Wieder­stand bei den Unter­nehmen. Leider sind das auch nicht nur Konzerne, die als unfle­xibel gelten, sondern gerade auch Unter­nehmen die Flexi­bi­lität, Offen­heit und Moderne im Einfüh­rungs­text der Stel­len­an­zeige propa­gieren. Ich hatte oft den Eindruck ich schei­tere an der Perso­nal­ab­tei­lung weil sie ohne ein persön­li­ches Gespräch die Bewer­bung über­haupt erst nicht an den Entschei­dungs­träger weiter­reicht. Bei zwei klei­neren Unter­nehmen (wo die Bewer­bung direkt an den Entschei­dungs­träger verschickt wird) fand sich auch eine Bewer­bungs­al­ter­na­tive.

    Da ich nicht ständig aus dem Ausland nach Deutsch­land reisen kann hatte ich eine Woche Urlaub und wollte in dieser Gespräche führen. Über­rascht und enttäuscht hat mich ganz beson­ders, dass es sogar an der Flexi­bi­lität der Termine, einer selbst­ver­ständ­li­chen Etiquette, schei­terte.
    Bei einem Unter­nehmen, bat ich meine Bewer­bung vor Bewer­bungs­schluss zu betrachten damit wir, falls Inter­esse besteht, in meiner Urlaubs­woche ein Gespräch führen können, aber natür­lich war das nicht möglich.
    Ein anderes mal schlug ich vor ein Tele­fon­in­ter­view im Vorfeld zu führen um erst dann, sofern sich das gegen­sei­tige Inter­esse bestä­tigt, zum Bewer­bungs­ge­spräch anzu­reisen — die Antwort: Leider sieht der Bewer­bungs­pro­zess kein Tele­fon­in­ter­view vor.

    Letzte endlich kam ich nach Deutsch­land zurück, war 3 Monate arbeitslos und fand dann erst vor Ort einen Job.

  3. Svenja Hofert 24. Januar 2011 at 18:17 — Reply

    Hallo Markus, danke für den Super-Kommentar und die Offen­heit, das hier zu schil­dern! Das wird hoffent­lich einige der Perso­nal­ver­ant­wort­li­chen mal so richtig “anstupsen” und zum Nach­denken bringen. liebe Grüße Svenja Hofert

  4. Tom G. 22. Juli 2013 at 8:55 — Reply

    Danke fuer Ihren offen­her­zigen Artikel. Ich bemuehe mich nach 6 Jahren Aufent­halt in Gross­bri­tan­nien momentan auch um einen neuen Job in Deutsch­land. Ich bin hier noch bis Ende August in einer Voll­zeit Stelle im Kunden­dienst Buero des groessten Super­marktes des Landes beschaef­tigt. Anfang August 2007 bin ich als Hartz IV Empfaenger nach meinen Theo­logie Studium hier her gezogen. Das Arbeitsamt hatte mich dahin­ge­hend ermu­tigt und es mir erlaubt fuer die Jobsuche meinen “Jahres­ur­laub” zu nutzen. Inner­halb von 1,5 Wochen hatte ich einen Arbeits­platz und bin der Firma den letzten 6 Jahren treu geblieben. Nun wuerde man glauben 6 Jahre treue Arbeit, Auslands­er­fah­rung, Kunden­dienst mit Hilfe von Brief, Emails, Telefon und den soge­nannten sozialen Medien wuerde Kunden­dienst­leis­tern in Deutsch­land attraktiv erscheinen. Statt dessen scheint es mir so, als haetten sie Angst vor dem Bewerber aus dem Ausland. Ich hoffe ich finde noch was, denn ich ziehe aus fami­liaeren Gruenden wieder nach Deutsch­land. Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden und heirate in Deutsch­land. Es ist besser fuer uns beide, wenn ich sie nicht aus ihrer Umge­bung reisse.

    Aller­dings mache ich es mir auch nicht leicht, bewerbe ich mich doch im Raum Chem­nitz / Zwickau. Viel­leicht nicht das beste Gebiet fuer einen Neuan­fang in Deutsch­land. Aber ich gebe die Hoff­nung nicht auf.

  5. Tom G. 22. Juli 2013 at 8:56 — Reply

    Viel­leicht koennen sie meinen letzten Kommentar doch bitte ohne Angabe der Webseite veroef­fent­li­chen? Das waere gut! Danke

  6. Tom G. 22. Juli 2013 at 8:57 — Reply

    Viel­leicht koennen Sie meinen letzten Kommentar doch ohne Angabe der Webseite veroef­fent­li­chen? Das waere gut! Danke

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