Kate­go­rien

Bei Biologie fast auf dem Niveau von 2003: Der Arbeits­markt für MINT-Akade­­miker

Published On: 23. September 2014Cate­go­ries: Führung

Immer mehr studieren. Auch die Inge­nieur­wis­sen­schaften haben regen und zuneh­menden Zulauf, bei den Natur­wis­sen­schaften verbes­sert sich die Nach­frage. Doch wird der Arbeits­markt alle Jung-Akade­­miker auffangen können? 2013 berich­tete die Arbeits­amts­sta­tistik „Gute Bildung – gute Chancen. Der Arbeits­markt für Akade­mi­ke­rinnen und Akade­miker der Bundes­agentur für Arbeit“ von einem teil­weisen Stel­len­rück­gang bei Akade­mi­ker­jobs bei über­ra­schen­der­weise mehr Stel­len­zu­gängen für Geis­tes­wis­sen­schaftler. Ist das ein Zeichen, dass der Markt sich dreht? Im ersten Teil habe ich mir dazu meine eigenen Gedanken gemacht und heraus­ge­funden, dass Arbeit­geber Geis­tes­wis­sen­schaftler z.B. suchen, die Boxspring-Betten verkaufen, was nun nicht zu den Traum­jobs zählen dürfte. In diesem, zweiten Teil stehen Details zu den einzelnen Studi­en­gängen im Inge­nieur­wesen und den Natur­wis­sen­schaften im Mittel­punkt sowie indi­vi­du­elle Einschät­zungen und Prognosen. In einem dritten Teil wird es um Wirt­­schafts- und Sozi­al­wis­sen­schaftler gehen.

akademikerMeine Eintei­lung folgt der der Arbeits­agentur. Eine Beson­der­heit ist hier zu beachten: Es zählt der ausge­übte Beruf, nicht der erlernte. Das heißt, ein Psycho­loge, der in der Infor­matik arbeitet, wird als Infor­ma­tiker erfasst und nicht als Psycho­loge. Dies ist ein wich­tiges Detail — vor allem für Studi­en­gänge, die nicht in Berufe führen. Und das ist vor allem bei den Wirt­schafts­wis­sen­schaften, den Natur­wis­sen­schaften und den Sozial- und Gesell­schafts­wis­sen­schaften der Fall, einge­schränkt bei Jura. Einen Trend, in andere Funk­tionen — oder eine Arbeits­welt “ohne Beruf” — zu gehen, gibt es meiner Beob­ach­tung nach auch in der Medizin. Selbst Inge­nieure verlassen ihre ange­stammten Berufe, wobei der Inge­­nieur- ebenso wie der Arzt- und Anwalts­beruf ledig­lich in vertriebs­nahen Feldern Zulauf von Absol­venten anderer Fächer bekommt. Ein weiteres Detail: Einige Berufs­gruppen speisen sich zu erheb­li­chen Teilen aus Selbst­stän­digen. Wie stark das Einkom­mens­ge­fälle inner­halb dieser Gruppen ist, zeigt die Statistik nicht. Meine Erfah­rung dazu: Frei­be­ruf­liche Infor­ma­tiker erwirt­schaften leicht Jahres­ein­kommen über 100.000 EUR zu erwirt­schaften, im Bereich Redak­tion, Design und auch PR sind dagegen schon 50.000 EUR eher von Top-Verdie­­nern zu erwarten.

Inge­nieure allge­mein – fast eine Million gibt es

Der Zahl erwerbs­tä­tiger Inge­nieur­fach­kräfte ist deut­lich gestiegen. „Rund 965.000 Erwerbs­tä­tige verfügten 2012 nach Angaben des Statis­ti­schen Bundes­amtes über einen Studi­en­ab­schluss als Inge­nieur in den betrach­teten Tätig­keits­fel­dern.“ Es gibt also immer mehr Inge­nieure, deren Situa­tion über­wie­gend gut ist, doch man höre: „Die Zahl der Arbeits­losen ist zwar gegen­über dem Vorjahr gestiegen. Dennoch bewegte sich die Arbeits­lo­sig­keit auf Voll­be­schäf­ti­gungs­ni­veau.“ Die Gesamt­quote der Arbeits­losen beläuft sich so auf zwei bis drei Prozent – das ist insge­samt wenig und weniger als in nicht-akade­­mi­­schen Jobs. Dennoch bleibt ein Zuwachs im Vergleich zu 2012, der wenn auch auf nied­rigem Niveau, deut­lich ist. Auch die Zahl der Stel­len­mel­dungen bei der Bundes­agentur war 2013 im Inge­nieurs­be­reich rück­läufig, ein Fünftel weniger als 2012.

Im Einzelnen:

Maschinen- und Fahr­zeug­technik

Inge­nieure der Maschinen- und Fahr­zeug­technik sind unter­schied­lich gefragt. In Ostdeutsch­land gibt es keine Engpässe, in West­deutsch­land laut Bericht „Anzei­chen für Fach­kräf­te­mangel“, und vor allem in Thüringen, Bayern, Baden-Würt­­te­m­­berg bereits akuten Fach­kräf­te­mangel. Hierzu sollte man wissen, wie Fach­kräf­te­mangel defi­niert wird: Fach­kräf­te­mangel besteht dann, wenn Stellen länger als im Durch­schnitt (laut Institut für Arbeits­markt­for­schung 56 Tage) unbe­setzt bleiben und es weniger als 150 Arbeits­lose pro 100 Joban­ge­bote gibt und/oder wenn es weniger Arbeits­lose als gemel­dete Stellen gibt. Nun ist „länger als im Durch­schnitt“ eine schwie­rige Aussage, denn die Such­zeit kann auch von den Arbeit­ge­bern verur­sacht sein, die sich mit den vorhan­denen Bewer­bern nicht zufrieden geben oder sich so lange Zeit lassen, bis gute Bewerber weg sind.

Fakten 2013:

  • 115.000 Beschäf­tigte
  • Minus 26% Stellen
  • + 3.300 Arbeits­lose (+16%)

Mecha­tronik, Energie- und Elek­tro­technik

Die Arbeits­markt­si­tua­tion für Experten der Mecha­tronik, Energie- und Elek­tro­technik ist gut. Aller­dings ist die Frage, ob dies auch perspek­ti­visch so bleibt, wenn IT und Elek­tro­technik weiter verschmelzen. „Darüber hinaus kann von einer zuneh­menden Verla­ge­rung vom Berufs­feld Elek­tro­technik hin zur (Tech­ni­schen) Infor­matik ausge­gangen werden“, formu­lieren die Statis­tiker. Meine persön­liche Erfah­rung: Wer nicht im arbeits­tei­ligen Produk­ti­ons­um­feld und auch nicht im Vertrieb tätig werden möchte, hat keine große Auswahl an inter­es­santen und sinn­stif­tenden Arbeits­an­ge­boten. Und das ist manchmal auch ein Aspekt bei der Jobsuche. Die Verfüg­bar­keit von Jobs allein ist es nicht.

Fakten 2013:

  • 85.000 Beschäf­tigte
  • Minus 20% Stellen
  • + 3.200 Arbeits­lose (+14%)

Techn. Forschung, Entwick­lung, Produk­tion

Dieses Berufs­feld ist ein Sammel­be­cken für vieles, Wirt­schafts­in­ge­nieure sind zuge­ordnet. Der reine Blick auf die Zahlen irri­tiert erst einmal: plus 16% Arbeits­lose. Aller­dings beru­higen die Autoren gleich: „Der Anstieg ist aber nicht gleich­zu­setzen mit schlech­teren Arbeits­markt­chancen, denn auch die Zahl der beschäf­tigten Inge­nieure dürfte deut­lich zuge­nommen haben.“ Trotzdem, diese 6.900 müssen ja irgendwie als Arbeits­lose regis­triert worden sein. Vergleicht man die Zahlen, liegt das Niveau deut­lich nied­riger als 2003, aber etwa auf dem Niveau von 2006. Meine persön­liche Erfah­rung: Bei Wirt­schafts­in­ge­nieuren stelle ich zuneh­mend erheb­liche Unter­schiede in der Quali­fi­ka­tion fest. Während einige auch konkret tech­ni­sche Inhalte lernen, bekommen andere maximal einen kleinen Einblick. Mögli­cher­weise auch deshalb fällt Wirt­schafts­in­ge­nieuren der Berufs­ein­stieg vergleichs­weise schwerer als Voll-Inge­­nieuren – aber immer noch leichter als Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lern.

  • 330.400 Beschäf­tigte
  • Minus 24% Stellen
  • + 6.900 Arbeits­lose (+20%)

Archi­tektur und Bauin­ge­nieur­wesen

Dieser Bereich hängt tradi­tio­nell extrem an der Bauwirt­schaft, unter­liegt also größeren Schwan­kungen in oft klei­neren Zyklen. Sowohl Archi­tekten als auch Bauin­ge­nieuren ging es in den letzten Jahren beruf­lich besser. Die Studie­ren­den­zahlen steigen indes auch. Letzt­end­lich ist dies der einzige Inge­nieurs­be­reich, in dem der Stel­len­zu­lauf 2013 noch weiter gestiegen und nicht geschrumpft ist. Meine persön­liche Erfah­rung: Eher unpro­ble­ma­tisch in der letzten Zeit. Archi­tekten und Bauin­ge­nieure sind teils auch kompa­tibel. Schwerer fällt es, so nehme ich es wahr, z.B. Stadt­pla­nern. Selbst­stän­dige Archi­tekten, das sind etwa die Hälfte, haben es oft nicht leicht am Markt zu über­leben.

  • 126.400 Beschäf­tigte
  • Plus 4% Archi­tekten und plus 6% Bauin­ge­nieure
  • + Arbeits­lose (+4 und 2%)

Infor­matik

Ein Riesen­feld ist die Infor­matik, das auch immer weiter wächst und mit den Inge­nieur­wis­sen­schaften verschmilzt. Die Arbeits­lo­sig­keit ist gene­rell niedrig, auch wenn sie im Jahres­ver­gleich gestiegen ist. Aber Achtung: In die Infor­­matik-Gruppe fallen auch Ange­stellte, die in diesem Feld arbeiten, aber viel­leicht kein fach­spe­zi­fi­sches Studium haben. In der Teil­gruppe derje­nigen mit mindes­tens vier­jäh­rigem fach­spe­zi­fi­schem Studium ist die Arbeits­lo­sig­keit womög­lich auch deshalb am nied­rigsten (zwei statt drei Prozent insge­samt für diesen Bereich).

Inter­es­sant ist die recht hohe Quote der Selbst­stän­digen, die man nur zwischen den Zeilen liest. So unter­scheidet die Arbeits­agentur Erwerbs­tä­tige und Beschäf­tigte. Beschäf­tigte sind sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­lich regis­triert, Erwerbs­tä­tige nicht unbe­dingt. Schaut man sich die Diffe­renz zwischen Erwerbs­tä­tigen (335.000) und Beschäf­tigten (195.000) an, kommt man auf 140.000, die offen­sicht­lich selbst­ständig sind.

Meine persön­liche Erfah­rung: Viele ITler arbeiten als Free­lancer im Projekt­ge­schäft, oft weil man hier deut­lich mehr verdienen kann als ange­stellt. In der IT gibt es immer noch mehr Quer­ein­steiger als bei den Inge­nieuren (die quasi quer­ein­steig­er­frei sind). Ob man einen Job findet oder nicht, hat ganz entschei­dend mit der Aktua­lität der Kennt­nisse zu tun. Ein Quali­fi­ka­ti­ons­up­date wirkt nirgendwo so schnell und sicher wie hier.

  • 335.000 Erwerbs­tä­tige, 195.000 Beschäf­tigte
  • Minus 6% Stellen
  • + 26.500 Arbeits­lose (+23%)

Natur­wis­sen­schaften

Bei den Biologen sieht es nicht ganz so gut aus.

Bei den Biologen sieht es nicht ganz so gut aus.

Bei den Natur­wis­sen­schaften wird leider nicht diffe­ren­ziert zwischen (bezogen auf Chancen am Arbeits­markt) „guten“ (Physik, Mathe, Chemie) und „bösen“ (Biologie, Geologie) Fächern. Theo­re­ti­sche Physiker dürften es am Arbeits­markt grund­sätz­lich leichter haben als Biologen. Aller­dings studieren fast 30 Prozent aller Natur­wis­sen­schaftler Biologie – das Fach domi­niert deut­lich. Der Zuwachs bei den Arbeits­losen fällt ähnlich wie das Minus an Stellen deut­lich zwei­stellig aus. Wobei dies nach Fächern diffe­ren­ziert zuun­gunsten der Biologie und zugunsten von Mathe und Physik ausfällt. Bei den Biologen war 2013 annä­hernd der Arbeits­lo­sen­stand von 2003 erreicht! Meine persön­liche Erfah­rung: Biologen haben es schwer. Aber auch andere Natur­wis­sen­schaften sind keine Selbst­läufer, was auch der Blick auf die Zahlen zeigt: 476.000 sind nach Studium Natur­wis­sen­schaftler, aber nur knapp die Hälfte nach Tätig­keit. Darin spie­gelt sich: Ähnlich wie Sozial- und Geis­tes­wis­sen­schaftler müssen sich Natur­wis­sen­schaftler nach dem Studium orien­tieren, suchen sie keinen Studium-typi­­schen Job wie Aktuar.

  • 476.000 Erwerbs­tä­tige nach Studium, 195.000 nach Tätig­keit.
  • Minus 18% Stellen
  • + 10.600 Arbeits­lose (+17%)

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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One Comment

  1. Jörg 25. September 2014 at 15:00 — Reply

    Da ist wieder das Märchen vom Fach­kräf­te­mangel!
    Ich suche als staat­lich geprüfter Tech­niker seit März.
    Komisch dass ich im Bereich Maschi­nenbau und Fahr­zeugbau, sowie in der Entwick­lung und im Testing nicht genommen werde.
    Absol­venten will keiner! Und wenn dann zum Gehalt eines Mecha­ni­kers.

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