Kate­go­rien

Bera­tung: Warum das Syste­mi­sche so viele über­for­dert und das zentrale Dilemma des Karrie­re­coa­chings

Published On: 2. Juli 2016Cate­go­ries: Aktuell

Eines meiner frühen Lieb­lings­bü­cher war „Am Anfang war Erzie­hung“ von Alice Miller aus dem Jahr 1983.* Am Anfang war Erzie­hung, denn die hat uns Berater gelehrt, uns selbst zurück­zu­nehmen. Ja, einige syste­­misch-konstruk­­ti­­vis­­ti­­sche Ansätze machten uns zu einer fragenden Hülle, die einem klar ausdif­fe­ren­zierten Regel­system zu folgen hat. Die Bera­ter­per­sön­lich­keit soll in den Hinter­grund treten. Dies scheint ein extremer Kontrast zu einer bunten, scheinbar von Dogmen freien Coach-Szene, die ihren Klienten beispiels­weise per Video „Erfolg“ und „Beru­fung“ verspricht und für mein Empfinden dabei nied­rigste Bedürf­nisse antrig­gert. Ich nenne sie mal als Abgren­zung zur „seriösen“ syste­mi­schen Szene Fantasy-Coachs. Bei diesen Fantasy-Coachs muss man sich zum Beispiel „bewerben“, um über­haupt gecoacht zu werden. Sie nehmen fanta­sie­volle Tages­sätze und leben bevor­zugt an einem schönen Ort irgendwo in der Welt, weil sie sich ja komplett selbst verwirk­licht haben und genau das könne jeder..

Das andere ist oft nur inhalt­lich anders, die Struktur bleibt gleich

Apfel Frucht Birne Birnen Äpfel Früchte Obst in einer Reihe Freisteller freigestellt isoliertSeit dieser Woche ist mir klar, dass beides, das so unter­schied­lich und gegen­sätz­lich scheint, auf der glei­chen Entwick­lungs­ebene liegt, nämlich E5 nach Loevinger (siehe zur Erläu­te­rung von mir hier): Man hat ein Rezept und wendet es an. Da ist dieser nur schein­bare Gegen­satz, der eine Einheit ist. Er fiel mir schon auf, als ich in jungen Jahren befreundet mit einem Mitglied der DKP war, der plötz­lich in die rechte Szene rutschte. Der Unter­schied ist nur inhalt­lich, die Struktur ist dieselbe – die Hand­lungs­logik. Kurzum: Ich wechsle vom Apfel zur Birne, aber bleibe beim Obst. Die Hand­lungs­logik ist wahl­weise dogma­­tisch-regel­o­ri­en­­tiert oder missio­na­risch-welt­an­­schau­ungs­­s­pe­­zi­­fisch.

Warum seit dieser Woche? Ich habe mir den Zerti­fi­zie­rungs­work­shop zum IE-Profil von Thomas Binder gegönnt, 4 Tage in Berlin am schönen Wannsee. Mit ganz tollen Leuten und einem sehr authen­ti­schen und fundierten Trainer, der sich sein ganzes Leben nur diesem Thema gewidmet hat. Kein Dampf­plau­derer, kein Verkäufer.

Die Antwort auf eine Lücke

Warum ich mich dazu entschieden habe? Das Thema Ich-Entwick­­lung bzw. Iden­ti­täts­ent­wick­lung schien mir die Antwort auf viele Fragen zu bieten. Die Antwort, die ich mit posi­tiver Psycho­logie, mit Motiv­for­schung und mit Persön­lich­keits­theo­rien einfach nicht bekommen habe. Auch die inte­grale Schule, die sich um Ken Wilber formiert und Ausläufer Rich­tung Spiral Dyna­mics und „biopsy­ch­os­zialen“  bis hin zu buddhis­ti­schen Gedanken hat, war mir nach ersten Berüh­rungs­punkten bald wieder suspekt. Allein schon aufgrund einiger Diskus­sionen, die ich um Netz verfolgte. Ich fragte mich: Wie können sich Menschen, Anhänger der glei­chen Rich­tung so perfide und in Schwarz-/Weiß-Denken verhaftet, anpö­beln – zeigt nicht gerade das Schwarz-Weiß-Denken? Was es ja eigent­lich nicht sein sollte. Bei Agilität war es genauso.: Wie kann man etwas an sich so sinn­voll Prozess- und Ziel­ori­en­tiertes so skla­visch und dogma­tisch leben?

Das zentrale Dilemma des Karrie­re­coa­chings

sunblinds-235961_1920Nichts erklärte auch das zentrale Dilemma des Karrie­re­coa­chings, das ein entwick­lungs­psy­cho­lo­gi­sches ist: Wer den Ruf nach Verän­de­rung spürt und beruf­liche Neuori­en­tie­rung sucht, flieht teil­weise aus einem zu engen Korsett, oft aber auch vor seiner eigenen Weiter­ent­wick­lung. Das habe ich so viel­fach erlebt und es hat mich immer wieder in Konflikte gebracht, vor allem wenn ich es mit Privat­zah­lern zu tun habe. Der Wunsch seine Beru­fung zu finden, ist manchmal das Gefühl, dass der alte  Anzug des Berufs­le­bens zu eng geworden ist, aber oft auch nichts anderes als die Flucht davor, sich den Dingen zu stellen. Das ist wie das Beenden von Bezie­hungen, wenn diese zu viel fordern. Dann kündigen viele Menschen Job- oder Paar­be­zie­hung auf oder fühlen diesen Impuls und suchen Karrie­re­coa­ching. Oft wäre die Lösung aber nicht die beruf­liche oder persön­liche Verän­de­rung, sondern das Weiten des Blicks. Oder das Herauf­schieben von Jalou­sien, die die Aussicht verhängen.

Ich will einmal ein Beispiel nennen, damit Sie meine Gedanken besser nach­voll­ziehen können:

Peter ist Vertriebs­ma­nager. Er hat eine offene und direkte Art, die er an sich selbst sehr schätzt. Immer wieder gerät er mit seinen Vorge­setzten anein­ander. Er versteht nicht, dass diese ihn nicht verstehen und das direkte keine Lösung ist. Er wird unglück­lich und denkt, er müsse seine Beru­fung finden. Mit diesem Anliegen kommt er zu uns. Wir merken sein Schwarz-Weiß-Denken. Wir versu­chen den Blick zu weiten, wir konfron­tieren und er kann den Impuls annehmen. Aber dann kommt er nicht mehr zu den Folge­ter­minen.

Im Zerti­fi­zie­rungs­work­shop brachte Thomas Binder die Formel von Schultz von Thun: Entwick­lung ist Wert­schät­zung + Konfron­ta­tion, also E=W + K. Das hat mir dieses Dilemma noch einmal sehr deut­lich gemacht. Es tritt nicht nur im Privat­kun­den­be­reich auf, sondern auch in der Arbeit mit Firmen und mit Coachs, etwa auch in unserer Weiter­bil­dung Team­works­PLUS. Viele sind nur auf der Seite der Wert­schät­zung verhaftet. Sie sehen es nicht als ihre Aufgabe an, auch mal wach­zu­kit­zeln.

Wir haben gelernt, uns eindi­men­sional zu verhalten

Wir haben in der syste­mi­schen Bera­tung gelernt, das Lösungs­system des Kunden anzu­spielen, viel­leicht haben wir auch Coun­­sel­­ling-Ansätze aufge­nommen und etwas Huma­nismus dazu erworben. Gerade die deut­sche syste­mi­sche Schule scheint mir oft extrem dogma­tisch. Wir dürfen uns selbst nicht eingeben. Wir denken, alle Ressourcen, Themen zu lösen und sich zu entwi­ckeln, lägen im Kunden und nirgendwo sonst. Das ist auch richtig, aber erst wenn man es konse­quent denken kann, also als ganz­heit­li­ches Bild und mit dem Blick für Zusam­men­hänge, die weit über die eigene Person hinaus­gehen und die Welt als konstru­iert begreifen. Und genau das können die meisten zwar intel­lek­tuell erfassen, aber nicht mit dem Herzen.

Ressourcen akti­vieren bedeutet manchmal eben auch, sich in die Hand­lungs­logik des Kunden zu denken und aus dieser heraus, Impulse zu geben. Ich führte schon Bera­tungen durch, als ich keine Ahnung hatte, was syste­misch eigent­lich ist. Ich war huma­nis­tisch geprägt. Meine Bera­tungen wurden schlechter — im Sinn von weniger wert­voll für den Kunden -, als ich mir die Zurück­hal­tung GENERELL zu eigen machte. Ich fing an, nichts mehr von mir einzu­geben und nur noch nach Ressourcen auf der anderen Seite zu fahnden. Das ist eine Heran­ge­hens­weise, die dem Gros der Karrie­re­be­ra­tungs­kunden – die sich übli­cher­weise zwischen E4 bis E6 bewegen — wenig hilft.

Viele Menschen können entweder-oder viel­leicht verstehen, aber für sich nicht denken

Irgendwie spürte ich schnell, dass ich damit am Ende weniger erreichte als vorher. Manche Kunden brau­chen Regeln, genaue Anwei­sungen, ein klares „so oder so nicht“, Eindeu­tig­keit in der Empfeh­lung. Dabei muss ich selbst nicht dogma­tisch werden. Also baute ich die bera­tenden Elemente wieder ein und mache seitdem das, was mir meine Intui­tion eingibt.

Damals begriff ich, dass Karrie­re­coa­ching etwas ganz Anderes ist als Busi­ness Coaching – allein schon durch die Situa­tion in der der Kunde sich befindet. Es geht oft um eine funda­men­tale, die ganze Lebens­welt betref­fende Verän­de­rung. Karrie­re­coa­ching ist deshalb zwangs­läufig ganz­heit­li­cher und oft sogar exis­ten­ziell. Als ich das verin­ner­lichte, wuchs die Idee zu meiner Weiter­bil­dung im Karrie­re­coa­ching. Meine Mission ist es seither, Karrie­re­coachs für die Selbst­or­tung zu sensi­bi­li­sieren. Nicht jeder kann jedem Kunden den glei­chen Nutzen stiften.

Berater müssen reifer sein als ihre Kunden

Der Coach selbst muss in seiner eigenen persön­li­chen Entwick­lung etwas weiter sein als der Klient. Das wusste ich schon vor dieser Weiter­bil­dung in Entwick­lungs­psy­cho­logie. Nun kann ich es noch klarer und konkreter fassen. Es bedeutet, dass der eine mit Work­shops für Schüler und Studenten gut aufge­hoben ist und der andere sich auch mit exis­ten­zi­ellen Sinn-Themen beschäf­tigen kann. Aber unterm Strich sollten Berater mindes­tens in der so genannten „eigen­be­stimmten“ Phase sein, das ist die Loevinger-Ebene 6. Mit stei­gender Komple­xität braucht ein Klient eher eine Berater-E7 (rela­ti­vie­rend) oder E8 (syste­misch). Davon gibt es, wie ich jetzt lernen konnte, aber nur sehr wenige — auch unter den mehr­fach und viel­fach ausge­bil­deten. Und manchmal schleicht sich bei mir ein Verdacht ein: viel­leicht manchmal gerade unter diesen? Denn es gibt immer eine Entwick­lung in die Höhe, die Breite und die Tiefe. Die in die Höhe hat mit Reife zu tun, die in die Breite UND in die Tiefe mit Wissen. Mit Reife wären wir wieder beim Obst.

Viel­leicht erkennt man Personen, die reif sind am ehesten daran, dass sie nicht das eine oder andere für richtig und die Wahr­heit halten. Dass sie sich und ihre Tools nicht um jeden Preis verkaufen. Auf einer bestimmten Ebene kann die Arbeit mit einfa­chen Tests wie dem DISG® hilf­reich sein, da sie der Wahr­neh­mung von Unter­schied­lich­keit dienen, auf einer anderen ist der MBTI® trotz aller Kritik erhel­lend, da er dem glei­chen Ziel dienend eine größere Komple­xität abbildet. Die Arbeit mit Motiven macht Sinn, wenn Menschen reifer sind und schon viel Anderes gemacht haben.  Die Beschäf­ti­gung mit Stärken wie in meinem Buch „Was sind meine Stärken?“ wiederum kann auf jeder Entwick­lungs­stufe mit unter­schied­li­chem Inhalt erfolgen, sie kann einfach und komplex sein. Oder anders ausge­drückt: Man kann damit fast alle Entwick­lungs­stufen abholen.

Sie sehen nicht, dass sie nicht sehen

Es gibt indes Berater auf Entwick­lungs­stufen, die ihre einge­setzten Tests oder auch „syste­mi­sches Coaching“ nur als „Tool“ inter­pre­tieren. Sie sehen beispiels­weise nicht, dass Dialektik (die Lehre von den Gegen­sätzen und deren Aufhe­bung) und Epis­te­mo­logie – Erkennt­nis­theorie – oft noch tiefer gehen als syste­mi­sche Ansätze.  Oder das das Syste­mi­sche für prak­ti­sche Arbeit oft zu wenig huma­nis­tisch ist. Kurzum: Sie sehen nicht, dass sie die Wahr­heit nicht gepachtet haben, weil diese viel­schichtig ist. Und sie sehen auch nicht, dass sie nicht sehen. Das sind wieder die Jalou­sien vorm Kopf.

Eins ist mir noch mal klarer geworden: Menschen, die Menschen entwi­ckeln, haben eine große Verant­wor­tung – auch sich selbst zu entwi­ckeln. Viele, die in einer „Schule“ zuhause sind laufen Gefahr, nur von einer Selbst­be­stä­ti­gung zur nächsten zur laufen. Damit vermin­dern sie Nutzen, den sie anderen stiften können. Neugier und Offen­heit ist deshalb etwas, was sich jeder immer bewahren sollte. Und so wundert es nicht, dass die einzige Korre­la­tion zur Ich-Entwick­­lung in den Big Five dieje­nige zur Offen­heit für neue Erfah­rungen ist…

 

*Wie ich dazu komme den Titel “Am Anfang war Erzie­hung” auf dieses Thema zu über­tragen, will ich gern erläu­tern. Ich bin bekannt für meine Gedan­ken­sprünge und wer mitspringen will, sei hier abge­holt: Alice Miller fordert in dem Buch einen weit­ge­henden Verzicht auf Erzie­hung. Das ist auch meine These hier: Ich halte die syste­mi­schen Erzie­hungs­maß­nahmen für nicht förder­lich. Miller bezieht in dem Buch Stel­lung gegen die gewall­tä­tigen Erzie­hungs­maß­nahmen des 18., 19. und frühen 20. Jahr­hun­derts. Natür­lich werden Berater nicht gewaltsam erzogen, doch ist das Prinzip der Ausrich­tung an dem einen Wahren und Rich­tigen — hier der erzie­he­ri­schen Haltung des “man muss es einprü­geln” —  struk­tu­rell nicht weit entfernt vom hier Beschrie­benen.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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2 Kommen­tare

  1. […] Gerade die deut­sche syste­mi­sche Schule scheint mir oft extrem dogma­tisch. Wir dürfen uns selbst nicht eingeben. Wir denken, alle Ressourcen, Themen zu lösen und sich zu entwi­ckeln, lägen im Kunden und nirgendwo sonst. Das ist auch richtig, aber erst wenn man es konse­quent denken kann, also als ganz­heit­li­ches Bild und mit dem Blick für Zusam­men­hänge, die weit über die eigene Person hinaus­gehen und die Welt als konstru­iert begreifen. Und genau das können die meisten zwar intel­lek­tuell erfassen, aber nicht mit dem Herzen.  […]

  2. Julia Neuhoff 4. Juni 2017 at 20:42 — Reply

    Liebe Frau Hofert,

    welch wunderbar diffe­ren­zierter und ehrli­cher Artikel in dem doch so über­lau­fenen Dschungel von Fanta­sy­coa­ches (wie Sie es so schön nennen). Er erin­nerte mich sehr an eines meines Lieb­lings­sprich­wörter (sinn­gemäß): “Klug ist nicht der, der alles weiß, sondern der weiß, was er er nicht weiß.”
    Zuzu­geben etwas nicht zu können oder zu wissen, oder schlicht, dass jemand anderes auch “gut” ist, ist für mich eine der größten mensch­li­chen Stärken. Das eigene Ego zurück­stellen und jemand anderem Raum geben.
    Inter­es­sant finde ich auch die Fach­li­te­ratur, auf die Sie verweisen! Da werde ich mal etwas weiter­lesen.
    Herz­liche Grüße
    Julia Neuhoff

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