Kate­go­rien

Berufs- und Studi­en­ziel­fin­dung: Warum es so schwer ist, die rich­tige Tür zu finden und wir Schlüs­sel­er­leb­nisse viel mehr als Tests brau­chen – ein persön­li­cher Erfah­rungs­be­richt

Published On: 3. Februar 2019Cate­go­ries: Karriere

Was ist der rich­tige Beruf, das passende Studium? Es sollte zur Persön­lich­keit passen. Iden­ti­fi­ka­tion mit einer Gruppe ermög­li­chen — „da gehöre ich hin“. Das setzt voraus, dass man dort ando­cken kann. Heißt: Es fällt leichter mit einer gewissen Ähnlich­keit. Wenn alle gut in Infor­matik sind, nur ich nicht, bringt mir das Miss­erfolgs­er­leb­nisse. Das Selbst­be­wusst­sein sinkt.  Einige wenige Menschen drehen dann auf und sagen „jetzt erst recht“. Die meisten drehen ab. Wenn alle viel über ihre Gefühle und Gott und die Welt reden, nur ich habe die Quan­ten­me­chanik im Kopf, fühle ich mich im falschen Film.

Inter­essen sind dennoch bei der ersten Berufs­ori­en­tie­rung oft weniger wichtig, wenn sie nicht ganz eindeutig in eine Rich­tung zielen. Der Physiker Carlo Covelli wusste, was sein Lebens­thema war, auch wenn es sich erst Mitte 20 auf die „Zeit“ verdich­tete. Bei vielen Schü­lern und Studenten ist das Lebens­thema höchst vage und noch lange nicht in Sicht.

Inter­essen sind nur für wenige Menschen eindeutig ziel­füh­rend

Die Korre­lativ zwischen Inter­essen-Berufs­­­wahl und beruf­li­cher Zufrie­den­heit ist niedrig. Wer dort arbeitet, wo sein Inter­esse zu Hause ist, kann ganz schnell desil­lu­sio­niert ist. Ich kann Essen lieben, bin dadurch aber noch lange kein Koch, wenn die Eigen­schaften und auch Leiden­schaften nicht zu diesem Beruf passen. Soweit zur Psycho­logie der Berufs­wahl.

Studi­en­ergeb­nisse stützen diese Thesen, meine Erfah­rung bestä­tigt sie. Da Menschen keine stati­schen „Zustände“ sind und sich immer weiter­ent­wi­ckeln, sollte man unbe­dingt auch persön­liche Reife einbe­ziehen bzw. mit dieser rechnen. Eine reife Persön­lich­keit wird eher eigene Maßstäbe und Werte verwirk­li­chen wollen als eine unreife. Jetzt kommt aller­dings die Krux: Reifung braucht Erfah­rung. Sie ist ein Prozess, der in jedem Alter statt­finden kann, wahr­schein­li­cher aber in jungen Jahren und sehr wahr­schein­lich beson­ders geför­dert durch schwie­rige Erleb­nisse. Es kann also nicht Sinn und Zweck sein, diese einem Kind abnehmen zu wollen.

Was aus jemand werden kann, sieht man – wenn über­haupt — nur rück­wärts­be­trachtet

Über all das kann man als Fach­frau fröh­lich fach­sim­peln. Richtig ernst wird es, wenn der eigene Sohn seinen Eintritt ins Leben finden soll und diese Kennt­nisse im persön­li­chen Umfeld ange­wendet werden wollen. Da merke ich, wie schwer mir wird. Was für eine Verant­wor­tung! Und was, wenn ich falsch liege?

Da kommt dann noch dazu, dass ich sehr wohl weiß, dass ich nicht wirk­lich falsch liegen kann: Erstens müssen meine Empfeh­lungen auf frucht­baren Boden fallen.

Und zwei­tens kann ich nur Punkte im Möglich­kei­ten­raum zeigen. Das ist mein Bild dafür: Jeder hat viele, viele Möglich­keiten, viel mehr als wir alle sehen und wir selbst noch dazu. Doch die eine Möglich­keit führt zur anderen: Haben wir zu früh auf eine Möglich­keit gezeigt, die ex post betrachtet nicht die beste war, kommt schnell der Gedanke an vertane Chancen.

Ex post weiß man es immer besser

Das kenne ich von mir: Vom Typus spricht bei mir ex post betrachtet viel für eine wissen­schaft­liche und wissen­schafts­nahe Tätig­keit. Aber ist der Weg den ich gegangen bin, nicht viel inter­es­santer? Das ich nicht das optimal zu mir passende gewählt habe, war also rück­wärts­be­trachtet ein Segen. Denn es gibt auch das Unter­neh­me­ri­sche in mir, viel­leicht ist es genauso stark.

Übri­gens ist das ein Beispiel für Komple­xität. Diese lässt sich immer nur rück­wärts analy­sieren. Berufs­wahl ist komplex. Heute viel­leicht sogar mehr noch als damals.

Intel­li­genz zählt… doch wie viel?

Mein Sohn macht dieses Jahr Abitur. Vor drei Jahren habe ich bei Karrie­re­fuchs Hamburg von Hannae Tomi­naga, die einst bei mir im Karrie­re­ex­perten Seminar Teil­neh­merin war, seinen IQ testen lassen. Ganz bewusst mit dem IST-2000, der keine konkreten IQ-Werte auswirft, wenn man diese nicht haben will. Davon halte ich nämlich nichts. Das liegt zum Teil an einem Schlüs­sel­er­lebnis, dass ich selbst mit 17 hatte. Im Fach Erzie­hungs­wis­sen­schaften machten wir einen Kurz-IQ-Test. Neben mir saß jemand, dessen IQ in diesem Kurz­test unter 100 lag (ja, unse­riö­ser­weise wurden die Ergeb­nisse in „das entspricht etwa“ über­setzt, ein abso­luter Anwen­der­fehler. Außerdem testet man nicht in der Gruppe). Ich war pein­lich berührt, denn damit kann man eigent­lich kein Abi machen, sagte der Pädagoge und zeigte eine Über­sicht mit Korre­la­tionen.  Ja, pädago­gisch war dieses Expe­ri­ment völlig daneben. Aber spricht man von prägenden Erleb­nisse, so gehört dieses zu meinen.

Je jünger, desto schwie­riger die Selbst­ein­schät­zung

Mein Sohn jeden­falls schnitt im IST-2000 über­durch­schnitt­lich bei Sprache, Logik und einem Teil der Mathe­auf­gaben ab. Leicht unter­durch­schnitt­lich – Vergleichs­gruppe Gymna­si­asten — war er bei räum­li­chem Vorstel­lungs­ver­mögen. Das entspricht weit­ge­hend meiner selbst gefühlten „Leis­tungs­kurve“, obwohl ich außer diesem Kurz­test nie einen rich­tigen gemacht habe — und es deshalb nur vermuten kann. Doch man merkt im Laufe der Studien-und Berufs­jahre auch ohne Test, wo man besser abschneidet, schneller ist oder nicht so gut ist, einfach am Vergleich mit anderen. Jeden­falls mit einem realis­ti­schen Selbst­bild. Das aller­dings ist schon nicht selbst­ver­ständ­lich: Manche über­schätzen sich, anderer unter­schätzen ihre Leis­tungen.

Junge Menschen sind unsi­cherer in der Selbst­ein­schät­zung

Je jünger Menschen sind, desto weniger unter­schied­li­ches Feed­back haben sie bekommen und desto wahr­schein­li­cher ist, dass Selbst- und Fremd­bild ausein­an­der­klaffen. Und das passiert leicht. Beispiels­weise reicht es, Mädchen vor einem Mathe­test bewusst zu machen, dass sie Mädchen sind – schon gibt es schlech­tere Test­ergeb­nisse. Das nennt sich Priming, und solche Effekte haben natür­lich ebenso Einfluss auf Entschei­dungen. Und wirken sowohl auf Selbst- als auch auf das Fremd­bild. Da kann es leicht sein, dass man in sein Selbst­bild aufnimmt, was objektiv schlicht nicht stimmt.

Mein Berufs­leben hat mir aller­dings öfter die Beschei­ni­gung gelie­fert, dass ich bei der Schät­zung von Größen­ver­hält­nissen falsch liege. Viel­leicht war ich immer geprimt. Mögli­cher­weise ist es aber Folge einer Selbst­be­stä­ti­gungs­ten­denz. Viel­leicht aber auch ein Fakt. Und noch wahr­schein­li­cher beides und vieles mehr. Wir unter­schätzen die Zahl der Varia­blen. Und Berufs­wahl ist nicht kompli­ziert, sie ist komplex.

Das Ausschluss­prinzip ist leichter

Da bei meinem Sohn aber auch keinerlei Inter­esse für Konstruk­ti­ons­be­rufe besteht, konnten wir Archi­tekt und Inge­nieur zumin­dest vorläufig ausschließen. Ich sage bewusst vorläufig, denn zum Zeit­punkt des Tests war er 15 – und da kann sich viel ändern, so wie übri­gens das ganze Leben. Nur ist die Wahr­schein­lich­keit einer Verän­de­rung im jungen Alter eben deut­lich höher.

Nun gibt es Tests und die Lebens- und Schul­praxis – da mag es bei einigen einen Gap geben. Die sehr guten verbalen Fähig­keiten machten sich bei meinem Sohn aber schon früh in der Schule bemerkbar: In Deutsch, Reli­gion und überall, wo man schreiben und schrei­bend analy­sieren muss, schnitt er meist besser ab als der Durch­schnitt. Auch bei wech­selnden Lehrern.

Frage der Fragen: Woher kommt Talent?

Aber woher kommt das? Fragt man sich, was mehr prägt: Gene oder Kontext, wäre mein persön­li­cher Schluss daraus: Offenbar der Kontext, denn sowohl mein Mann als auch ich hatten und haben immer schon viel mit Sprache zu tun. Wir sind beide auf jeweils unter­schied­liche Art logisch-analy­­tisch (ich intuitiv, mein Mann senso­risch) und können gut mit Sprache umgehen. Die Wissen­schaft spricht von einer Gen-Umwelt­­­kor­­re­la­­tion. Die Gene brau­chen ein entspre­chendes Umfeld um sich zu entfalten. Nichts „wächst“ im leeren oder (intel­lek­tuell) hohlen Raum.

Das Schul­prak­tikum: Wich­tiges Schlüs­sel­er­lebnis

Zwei Jahre vergingen. Im Schul­prak­tikum hatte mein Sohn die Chance (Danke, Jutta für dein Vitamin B!) bei IBM Watson ein Prak­tikum als Data Scien­tist zu machen. Das war ein Treffer. Das vorhe­rige Schü­ler­prak­tikum in einer Rechts­an­walts­kanzlei dagegen weniger.

In der Kanzlei merkte der Sohn, dass ihm das doch zu konser­vativ war und er keine Lust hatte, sich mit Schei­dungs­an­ge­le­gen­heiten oder klein­ka­riertem Streit um Garten­tore zu beschäf­tigen.

Schul­prak­tika halte ich für eine sehr wich­tige Gele­gen­heit, die selten gut und bewusst genutzt werden. Wenn ich zurück­denke, waren meine Schlüs­sel­er­leb­nisse eher Feri­en­jobs nach dem Abitur, in denen ich jeweils hoff­nungslos schei­terte.

Feed­back zeigt, wer man ist

In einem Job sollte ich beispiels­weise Arznei­mittel für Firmen zusam­men­stellen, auf Basis von Bestel­lungen. Ich war langsam, ungenau und hatte keine Lust mit den Kolle­ginnen über Cora-Hefte zu schna­cken. Man schmiss mich raus. Das passierte mir noch zwei Mal. Mein persön­li­ches Fazit und das meiner Umwelt war, dass ich gänz­lich unge­eignet für jede Art von Service und Assis­tenz war. „Träum­erle“ nannte mich eine Fili­al­lei­terin einmal und in gewisser Weise war das auch ein Schlüs­sel­er­lebnis. Andere nannten das weniger char­mant „Denk­ma­schine“. Viel­leicht hätte ein Test schneller ange­zeigt, dass meine Persön­lich­keit nicht gut mit Jobs harmo­niert, in denen man logis­tisch oder struk­tu­rie­rend oder sehr detail­ori­en­tiert tätig ist. Die Erfah­rung aber war eindeutig prägender.

Berufs­prak­tikum: Die grobe Rich­tung klärt sich scheinbar

Mit dem Prak­tikum bei IBM hatten wir jeden­falls eine grobe Rich­tung ausge­macht – Infor­matik oder Wirt­schafts­in­for­matik. Denn klar wurde spätes­tens da auch: Ein Nerd ist er nicht. Mehr der analy­sie­rende Typ, der gern fach­lich und fakten­ba­siert kommu­ni­ziert.

Aber es gibt einen weiteren beruf­lich rele­vanten Aspekt: Mein Sohn ist ein guter Musiker, hat ein feines Gehör, spielt seit zehn Jahren Cello. Und er ist kreativ. Beispiels­weise hat er ein eigenes Geschichts-Karten­­spiel entwi­ckelt und designt.

Als diese Stärke sicht­barer wurde, kamen mir Zweifel an der Fach­wahl. Zwar räumte er in der Ober­stufe oft die besten oder zweit­besten Noten in Mathe­klau­suren ab, aber unter Mathe­ge­nies wäre er schnell abge­hängt.

Der kommu­ni­ka­tive Aspekt wurde auch sicht­barer. Seit kurzem coacht er mich bei meinen Youtube-Video­­ver­­­su­chen und wir wollen jetzt mit besserer Ausstat­tung den nächsten Schritt gehen. Als ich merkte, wie gut er dabei ist, Themen mit mir heraus­zu­ar­beiten und Inhalte zu fokus­sieren, fragte ich mich, ob das nicht auch eine Rich­tung sein könnte.

Unsere Test­la­wine: Von Keirsey bis Geva und RIASEC

Also habe ich ihn einer Test­la­wine unter­zogen. Ich kann die MBTI-Typen meiner Kunden oft sehr schnell erkennen. Ehe hier Protest kommt: Mir ist klar, dass es ein Typen­in­di­kator und kein Test ist, das also Präfe­renzen abge­fragt werden. Die sich ändern können. Ich habe mehrere MBTIs, Insights und Keir­seys absol­viert und war immer ein sehr deut­li­ches N (also intuitiv). Weniger klar ist das das T und das J. Mein Sohn wie auch ich sind aber eher intro­ver­tiert – und zwar im Sinne C.G. Jungs der Ener­gie­ba­lance. Den Stereotyp des stillen und zurück­hal­tenden Intros erfüllen wir nicht. Das ist mir sehr wichtig: Intro­ver­sion erkennt man nicht am Verhalten, sondern an den Bedürf­nissen. Da irren sich auch profes­sio­nelle Coaches oft noch sehr.

So vermu­tete ich, dass er ein Guar­dian — ISTJ — sein müsse. Das stimmte, das Ergebnis im Keirsey (ähnliche MBTI) gab mir also noch mal Sicher­heit — und war für ihn inter­es­sant. Es erklärte nämlich unter andere auch die funda­men­talen Unter­schiede zwischen uns.

Ich zitiere Wiki­pedia:

N – intuitiv: „Der intui­tive Geist verlässt sich stärker auf seinen sechsten Sinn, also auf die Inter­pre­ta­tion und den Gesamt­zu­sam­men­hang. Er achtet eher auf das Ganze als auf dessen Teile und ist eher zukunfts- und Möglich­kei­ten­ori­en­tiert. Er steht außerdem mit Krea­ti­vität in Verbin­dung in Form einer besseren Fähig­keit zu diver­gentem Denken.“

Und S:

S‑sensorisch: „Der senso­ri­sche Geist gewichtet die „Rohdaten“ bzw. unmit­tel­baren Eindrücke am höchsten. Er ist detail­ori­en­tiert und exakt im Verar­beiten von konkreter Infor­ma­tion sowie im Begreifen des Hier und Jetzt. Es wird davon ausge­gangen, dass Senso­riker etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Bevöl­ke­rung ausma­chen.“

Inter­es­siere ich mich für Möglich­keiten oder Details und das Jetzt?

Diese Unter­schiede merke ich in der Zusam­men­ar­beit mit Kollegen – und diese mit mir — , aber auch im Alltag mit ihm immer wieder. Dabei frage ich mich aller­dings, ob sie aus einem natür­li­chen Abgren­zungs­wunsch entstanden sein könnten. Schließ­lich habe ich unzäh­lige Male erlebt, dass in der Phase der ersten Neuori­en­tie­rung (siehe Karrie­re­le­bens­phasen) plötz­lich etwas bis dahin „Abge­spal­tenes“ heraus­will. Folgt man einer psycho­lo­gi­schen Theorie, hat jeder alles in sich, verteilt es nur auf verschie­dene Iden­ti­täten (siehe Drei-Welten-Modell der Syste­miker) und unter­schied­li­chen Lebens­zeiten. Ist es also viel­leicht ein Unbe­wusstes „wenn ich schon keine Geschwister habe, von denen ich mich abgrenzen kann, dann wenigs­tens von meiner Mutter“?

Daraus ergeben sich unter­schied­liche beruf­liche Präfe­renzen, einen Beruf macht es noch nicht. Doch auch Präfe­renzen sagen etwas darüber aus, wie jemand mit einem Arbeits­um­feld umgehen wird. In der Arznei­mit­tel­firma hätte mein Sohn anders als ich wohl einen guten Job gemacht.

Geva-Test: Ein sehr lücken­hafter „Kurz-IQ“

Aber immer noch fehlt etwas für eine Entschei­dung. Soziales Jahr? Fände ich gut, will er aber nicht. Er will loslegen. In der Not frisst der Teufel Fliegen und deshalb habe ich auch einen (drei Stunden dauernden) Geva-Test machen lassen. Davon halte ich nicht viel: erstes aufgrund eigener Ergeb­nisse (die sehr daneben lagen) und zwei­tens aufgrund der Erfah­rung mit Kunden, die hier eine unpas­sende Empfeh­lung erhalten hatten. Drit­tens ist nach drei Stunden jeder genervt. Es werden so viele Mosa­ik­teil­chen getestet, dass zwar viel zusam­men­kommt, das einzelne Teil­chen aber dünn und brüchig ist.

Im Geva-Test schloss er z.B. bei Konzen­tra­tion unter­durch­schnitt­lich ab, wobei ich immer wieder sehe, dass das Gegen­teil der Fall ist. In Mathe waren die Ergeb­nisse schlechter als im IQ-Test. Mir scheint, dass ist der Kürze der Aufgaben geschuldet. Sprach­lich aller­dings war er wieder einmal über­durch­schnitt­lich. Und auch in Sachen Logik lag er deut­lich rechts überm Balken.

Die Berufs­emp­feh­lungen dagegen enttäu­schend: IT-Syste­m­­kauf­­mann ist nicht das, was er machen möchte. Wir denken eher an Digi­tale Forensik oder etwas im Bereich Krimi­na­listik oder Secu­rity. So speziell sind die Empfeh­lungen des Tests aber nicht: Da war neben Wirt­schafts­in­for­matik und Psycho­logie noch Compu­ter­lin­gu­istik dabei. Darüber werden wir mal nach­denken.

Noch mehr Tests für die Berufs­fin­dung

Weiter geht’s´. Völlig daneben lag der Berufs­in­ter­es­sent­test (BIS). Ganz oben stehen da Lebens-und Nahrungs­mittel und als Empfeh­lung werden gastro­no­mi­sche Berufe abge­leitet. Das passt gar nicht. Nur weil jemand gern kocht und isst, muss (und will) er kein Koch werden. Moderne Berufe und Tätig­keiten wie program­mieren oder Video­schnitt und Bild­be­ar­bei­tung sind gar nicht dabei, so dass es schon bei der Daten­basis hakt.

Aufschluss­rei­cher der RIASEC nach John Hollande, mit dem ich immer schon viel gear­beitet habe. Er wird auch „Strong inte­rest inven­tory“ genannt und ist wissen­schaft­lich weit mehr ange­sehen als der MBTI. Hier gibt es zahl­reiche Korre­la­ti­ons­stu­dien mit den Fünf-Faktoren-Inven­­taren NEO-PI‑R und NEO-FFI oder auch dem eben­falls gebräuch­li­chen 16PF.

Erwar­tungs­gemäß ist die soziale Ader gering ausge­prägt. Das Inter­esse im RIASEC liegt bei „conven­tional“ und „entre­pre­neu­rial“ im über­durch­schnitt­li­chen Bereich.  Conven­tional ist begriff­lich viel­leicht etwas irre­füh­rend: Es meint orga­­ni­­sie­­rend-struk­­tu­rie­­rende Tätig­keiten.

Letzt­end­lich bestä­tigen alle Tests vor allem noch­mals einen Ausschluss: Sicher kein Medi­ziner, eindeutig kein Inge­nieur und auch kein Natur­wis­sen­schaftler. Alles andere ist ein großes Viel­leicht. Das ist übri­gens ganz typisch bei der Berufs­wahl in diesem Alter. Deshalb geben Eltern so viel Geld aus, damit ein Berater ihnen den Umgang mit dieser Komple­xität abnimmt. Besser wäre, diese auszu­halten.

Das Wich­tigste, die Erfah­rung fehlt

Es fehlt nämlich etwas Entschei­dendes: Die Erfah­rung. Nach meinen Erleb­nissen beim Jobben, entschied ich mich für ein Prak­tikum in einem Heil­päd­ago­gi­schen Kinder­garten. Ich hatte Riesen­spass in der Arbeit mit Autisten – doch in Sachen Kümmern und Pflegen war ich eine ausge­wie­sene Null. Meine unbe­wussten Ziele führten mich woan­ders hin. So achtete ich nicht auf diesen bei diesem Beruf so Wich­tigen Aspekt des Versor­gens, sondern war mit dem intel­lek­tu­ellen Verstehen beschäf­tigt.

Später arbei­tete ich neben dem Studium in einem Haus für Erwach­sene mit geis­tiger Behin­de­rung. Ich merkte, wie mich der direkte Kontakt über­for­derte, ich aber immerzu wissen wollte, warum es zu den Behin­de­rungen gekommen war, welche Perspek­tiven sie haben und welche neuen Förder­mög­lich­keiten es gibt. Ich war da ganz anders als die ange­stellten Sozi­al­päd­agogen. Und so spürte ich deut­lich, dass ich nicht zu ihnen gehören würde. Kein Test hätte das so zeigen können, denn mein selbst wahr­ge­nom­menes Inter­esse zu der Zeit war eher ein soziales.

Die Erkenntnis kommt durch Erfah­rung

Dass ich ein unter­­neh­­me­risch-forschendes Inter­esse hatte (RIASEC I und E), konnte ich erst in Worte fassen als ich spürte, dass auch mein von vielen wahr­ge­nom­menes Talent, das Schreiben, mich nicht in die rich­tige Rich­tung führte. Ich vermute, auch meine Kreuze im RIASEC wären damals anders ausge­fallen als heute.

Ich machte ein Volon­ta­riat und merkte, dass ich keine Auftrags­schrei­berin bin und dieser Beruf schon von daher nichts für mich ist. Ich schrieb, um die Welt und Themen zu verstehen – aber nicht, weil mir jemand ein Thema gegeben hat. Hatte ich etwas verstanden, wurde es lang­weilig. Sobald ich aber etwas schreiben musste, was vorge­geben war, so konnte ich es nicht. Bei der münd­li­chen Kommu­ni­ka­tion ist es ebenso. So ist es für mich fast unmög­lich, zwei Mal dasselbe Trai­ning durch­zu­führen. Ich opti­miere laufend, anstren­gend für meine Kollegen, gut für Qualität und Stoff­ent­wick­lung.

So schreibe ich typi­scher­weise drauflos und struk­tu­riere meine Gedanken beim Schreiben und auch Reden. Intui­tives extra­ver­tiertes Denken nach C.G. Jung.

Ich weiß nicht, ob ein Test mir geholfen hätte, früher klar zu sehen. Ich weiß nur eins und das sehr sicher: Berufs­ori­en­tie­rung ist ein sehr komplexes Feld. Und sie ist ein Prozess, der nie wirk­lich abge­schlossen ist, denn wir lernen das ganze Leben über uns dazu. Die orga­ni­sa­tio­nale, profes­sio­nelle und private Iden­tität bedingen sich gegen­seitig. Un dam Ende geht nichts geht dabei über beruf­liche Schlüs­sel­er­leb­nisse und konkrete Erfah­rungen. Und so gern ich meinem Sohn weniger posi­tive — also oft eben prägende — Erleb­nisse ersparen würde, so sehr weiß ich, dass er sie auch braucht.

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Beitrags­foto: Von Alberto Andrei Rosu — Shuttstock.com

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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