Kate­go­rien

Berufs­ori­en­tie­rung: Warum das Schü­ler­prak­tikum für die Katz ist und was viel besser wäre

Published On: 13. Januar 2015Cate­go­ries: Führung

Paul drehte Däum­chen, Alex­ander hing bei Daddy in der Bank ab und verdödelte die Flat­rate fürs Smart­phone. „Immerhin, am Ende bekam Klara sogar einen Einkaufs­gut­schein“, kommen­tiert Papa das Schü­ler­prak­tikum leicht ironisch. 14 Tage sollen auch Gymna­si­asten die Berufs­welt kennen­lernen, wenn sie 14 Jahre alt sind. Ein Jahr vorher müssen sie sich bewerben. Und das Drama nimmt seinen Lauf…

Ich bin in diesem Fall selbst betroffen. Mein Sohn soll auch so ein Prak­tikum machen. Nichts ist schwie­riger, als eigene Kinder zu beraten. Was mir norma­ler­weise leicht fällt – erkennen, welche Stärken jemand hat, und wo diese gut ando­cken und wachsen können –; hier versage ich auf ganzer Linie. Dabei weiß ich, wie gut es jungen (und auch älteren) Menschen tut, wenn ein Impuls zu einer Idee wächst. „Meinst du wirk­lich, ich kann das? Ich würde das können?“ Es ist groß­artig, wenn jemand einen Ball auffängt, dem man ihm/ihr zuspielt. Zum Entsetzen der Familie, aber aus meiner Sicht begründet, brachte ich die Juris­terei ins Gespräch – und die stieß beim Sohn wirk­lich auf frucht­baren Boden. Danach “was mit Finance”: welcher 13jährige schaut sonst schon Börsen­nach­richten?

Schü­ler­prak­ti­kanten sind beliebt wie Schweiß­füße

Nur finden Sie mal ein Schü­ler­prak­tikum in einer Kanzlei, am liebsten, klar, bei einem Straf­ver­tei­diger oder bei Gericht. „Maximal Amts­ge­richt“, nordeten mich die Richter-Bekannten aus groß­el­ter­li­cher Ecke ein. Versuch gewagt – Absage, unfreund­lich und kalt, nicht kind­ge­recht. Zu dem Termin wäre das nicht möglich. Dabei sollte doch in der Kommune, in der die Schule ist, ein einheit­li­cher Termin für alle auf dem Plan stehen? Die müssten sich doch zumin­dest in den Insti­tu­tionen die zwei Wochen im Kalender ange­stri­chen haben? Offenbar nicht.

Ok, ich merke; es wird  zumin­dest nicht leicht: Wir finden kein Gericht, und auch die mir direkt oder um Ecken bekannten Straf­ver­tei­diger reißen sich nicht um Schü­ler­prak­ti­kanten. Manche haben es versucht mit diesen sehr jungen “Mitar­bei­tern”, aber es war leider … naja. Ist klar, oder?.… Ich kenne eine Reihe Vertrags- und Verkehrs­rechtler, mit etwas Über­zeu­gung…? Aber da schüt­telt Sohn den Kopf. Versteh ich, man will ja nicht nur Papier und Para­grafen sehen. Schwie­riges Feld.

Mittel, die ich sonst ablehne

Ich greife in der Not zu Mitteln, die ich eigent­lich ablehne. Das verpflich­tende Berufs­pro­filing (anschei­nend lukra­tive Einnah­me­quelle für den Heraus­geber) war schon mal keine Hilfe, auch wenn es groß ange­priesen wurde, und das Arbeitsamt den Kindern etwas von Bäckern erzählt hat und wie man Bewer­bungen schreibt. Viel­leicht findet sich doch noch ein anderer Ansatz, eine andere Idee für ein Prak­tikum. Schü­ler­prak­tika müssen ja nicht in das Feld führen, indem man arbeiten will. Ich schlage die Polizei vor. Oh, ne, das machen alle!

Gemeinsam absol­vieren wir Tests, u.a. bei Berufsprofiling.net, von der ZEIT empfohlen. Die kombi­nieren Inter­es­sen­tests und Poten­zi­al­ana­lyse. Vom Ergebnis erhoffe ich mir aus Erfah­rung wenig, aber vom Dabei­sitzen und Fragen­be­ant­worten die eine oder andere Erkenntnis.  Es war gut, dass ich 70 Minuten dran geblieben bin, denn nur deshalb kann ich ziem­lich sicher sagen, dass dieser Test nicht beson­ders viel taugt. Fragt sich, warum das die ZEIT nicht bemerkt hat.

Das Haupt­in­ter­esse meines Sohnes waren eindeutig Rechts­themen, danach Finanzen. Im Ergebnis, als Empfeh­lung, wurden Rechts­wis­sen­schaften jedoch nicht empfohlen, sondern BWL. Über­haupt finden sich in diesem Bericht ebenso wie dem von Geva und anderen nur die bekannten “Haupt”-Fächer. Wirt­schafts­jura z.B. oder neuere Fächer tauchen nicht auf. Nicht mal der Hinweis, dass man z.B. Sport­in­ge­nieur­wesen studieren könnte oder Medi­zin­technik. Oder dass es Berufs­aus­bil­dungen wie den Milch­tech­no­logen gibt. Ich habe spaßes­halber bei Berufs­pro­filing auch den Inge­nieur­test gemacht – hier wäre die Chance zur Diffe­ren­zie­rung der Vorschläge da gewesen! Letzte Woche hatte ich über die Fort­schritte der Digi­ta­li­sie­rung geschrieben – hier wäre viel zu tun.

Was wird da vergli­chen? Höchst unklar.

leistungDer kogni­tive Teil des Tests ermit­telt u.a. Offen­heit für Neues, Gewis­sen­haf­tig­keit und Leis­tungs­mo­ti­va­tion. Leis­tungs­mo­ti­va­tion messen? Mit 13? Wenn jemand in diesem Alter merkt, dass er/sie mit mini­malem Aufwand eine zwei bekommt, steckt er norma­ler­weise nicht maxi­malen Fleiß in eine eins. Das ist, nun ja, alters­spe­zi­fisch. Ob das einfließt – indem man 13jährige auch nur mit dieser Alters­gruppe vergleicht? Mir scheint: nein.

Da ich die Fragen gesehen habe und über Grund­wissen in der Test­kon­struk­tion verfüge, wundere ich mich sehr. Infor­ma­tionen, welche Items da über­haupt in welches Konstrukt einfließen – Puste­ku­chen. Auf meinen Sohn haben die Ergeb­nisse insge­samt eine ungüns­tige Wirkung. Er schimpft laut über die vergeu­dete Zeit. Ich weise darauf hin, dass die über­durch­schnitt­liche Problem­lö­se­kom­pe­tenz ja auch schon mal ein Anhalts­punkt ist. Nur welcher: Ob da jetzt aber der Matri­zen­test maßgeb­lich war oder der rein mathe­ma­ti­sche Teil? Das lässt sich nirgends erfahren. Gar nicht berück­sich­tigt wird der verbale Teil, der uns mindes­tens 15 Minuten gekostet hat – solches Über­gehen finde ich schwierig, wenn sich jemand für so einen Test, kostenlos hin oder her, so viel Zeit nimmt. Dann muss man bitte auch sagen, welche Bereiche nicht in die Auswer­tung kommen. Und zwar bevor man den Test beginnt.

Was zum Teufel bedeutet unter­­neh­­me­risch-planend?

Die ganze Aufbe­rei­tung ist schwierig. 1. Platz: Unter­­neh­­me­risch-planend. Meinem Sohn sagt das ganze Test­ergebnis nichts; er versteht es nicht.

berufprofilingAls zweite Empfeh­lung kommen die Finanzen, als dritte: Was Krea­tives. Man hatte nach Hobbies gefragt, und eines ist in der Tat Musik. Aber: Auch hier wird keine krea­tive Berufs­emp­feh­lung gegeben, sondern die Klas­siker einfach aufge­zählt: Innen­ar­chi­tektur, Gestal­tung, Gold­schmied etc. Kein Spie­le­de­si­gner? Kein einziger digi­taler Beruf? Für mich ist klar, dass der Poten­zi­al­teil vom Inter­es­sen­teil getrennt ist, die Berufs­emp­feh­lungen also rein auf dem Ankreuzen der Inter­essen beruht — ob das auch ohne Test­wissen deut­lich wird, bezweifle ich. Es könnte also der Eindruck erweckt werden, die Empfeh­lungen beruhten auf Erkennt­nissen des kogni­tiven Teils (der Übungen). Dem ist nicht so.

Aber auch die Verar­bei­tung der Inter­essen ist nicht klar: Ich sehe, dass das Thema Recht da nicht rein­ge­flossen ist. Nach Politik und Geschichte wurde erst gar nicht gefragt. Auch nicht nach Program­mier­in­ter­esse und digi­talen Themen.

MINT-Kompe­­tenz spielte in dem Test übri­gens keine Rolle. Wieso eigent­lich nicht? Wieso gab es keine Berufs­emp­feh­lungen in dieser Rich­tung? Keine einzige Frage, ob Inter­esse am Program­mieren besteht! Wer beklagt sich da bitte über das Desin­ter­esse an MINT? Die Themen der Zukunft der Arbeit finden in den Inter­es­sen­tests nicht statt, kommen also auch nicht auf die Studien- und Berufs­emp­feh­lungs­listen.

Program­mier­in­ter­esse: Wird gar nicht abge­fragt

Und nun? Ach ja, das leidige Prak­tikum.  „Wenn du gar nicht weiter­kommst, dann schick ihn zu uns“, sagen Bekannte mit Firma. Nun gut, ich kann die Jungs auch bei mir abhängen lassen. Das kann ja wohl nicht der Sinn sein? Spie­le­firmen inter­es­sieren ihn sehr. Viel­leicht bewerben wir uns jetzt da.…

Wenn mich jemand fragen würde, ach ja: irgend­wann in der Rente gehe ich viel­leicht doch in die Bildungs­po­litik, da hätte ich so viele Ideen! Es ist doch so, dass die meisten nach dem suchen, was sie ohnehin schon kennen oder was anfassbar ist (wie Mode). Viel wich­tiger wäre es doch, schon in der Schule Arbeits­be­reiche kennen­zu­lernen, die einem verschlossen sind! Und die man deshalb NICHT inter­es­sant findet, weil da gar kein Bezug zu da ist! Das wäre so ungleich effi­zi­enter als dieses Schü­ler­prak­tikum, das keiner richtig will…

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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15 Kommen­tare

  1. Uwe Mock 13. Januar 2015 at 9:10 — Reply

    Liebe Svenja,

    auch bei mir landen Anfragen für Schü­ler­prak­tika — und zwar aus ganz Deutsch­land. Erst durch die Anfragen erfahre ich die Termine. Wie sollte ich sie sonst erfahren? Es mag sein, daß einzelne Kommunen einheit­liche Termine haben (ich weiß nicht, ob das so ist!). Ich bekomme diese Termine aber nicht mitge­teilt, und ich wüßte auch nicht, wo ich sie erfahren könnte. Abge­sehen davon dürfte es zumin­dest in den Bundes­län­dern unter­schied­lich sein. Soll jede Firma zum Schul­jah­res­be­ginn in allen 16 Bundes­län­dern nach­fragen, wann die Schü­ler­prak­tika geplant sind, und dann alle Termine für mögliche Inter­es­senten frei­halten? Nicht wirk­lich…

    Auch eine Absage ist eine Lern­erfah­rung.

    • Uwe Mock 13. Januar 2015 at 12:16 — Reply

      Ich habe mal gegoo­gelt und bei gutefrage.de die Infor­ma­tion gefunden, daß jede Schule den Zeit­raum für das Schü­ler­prak­tikum selbst fest­legen kann.

      Bei Audi habe ich für den Standort Ingol­stand 4 Termin­an­ge­bote gefunden, für den Standort Neckar­sulm 3 Termine. Die Polizei Baden-Würt­­te­m­­berg bietet sage und schreibe 8 Termine an.

      Viel Spaß beim Anstrei­chen im Kalender… 😉

      • Svenja Hofert 13. Januar 2015 at 13:34 — Reply

        Hallo Herr Mock, Danke­schön für die Info. Dann sollte das geän­dert werden, damit sich die örtli­chen Insti­tu­tionen auf einheit­liche Termine einstellen können. Zumin­dest im regio­nalen Umfeld sollte das doch möglich sei. LG Svenja Hofert

    • Svenja Hofert 13. Januar 2015 at 13:45 — Reply

      Hallo Herr Mock, da gebe ich Ihnen 100% recht, das wäre Aufgabe der Schule. Das Prak­tikum darf auch nur im Umkreis statt­finden, zumin­dest ist das so bei uns. Und örtliche Insti­tu­tionen sollten sich auf Termine einstellen können. Absage: Voll­kommen klar, ist ein Lear­ning — das ist nicht der Punkt. Finde ich auch gut, dass man das erlebt. LG Svenja Hofert

  2. Angela Raab 13. Januar 2015 at 10:41 — Reply

    Liebe Frau Hofert,
    Ihren Beitrag kann ich leider nur in Teilen unter­stützen. Ja — die von Ihnen beschrie­benen Berufs­ori­en­tie­rungs­tests sind weit weg von den Reali­täten und filtern nur spezi­elle Berufs­felder. Das hier drin­gendst Über­ar­bei­tungen ange­bracht wären, steht außer Frage. Letzt­lich ist dies auch der Tenor Ihres Beitrags.

    Aber dennoch halte ich das Schü­ler­prak­tikum durchaus für wert­voll. Natür­lich kann es sein, dass einige Unter­nehmen immer noch nicht die Chance erkannt haben, quali­fi­zierten Nach­wuchs einen Einblick in mögliche Berufs­felder zu geben. Aber ich glaube doch, dass sich dies nur noch wenige Unter­nehmen erlauben und selbst wenn — es gibt ja immer schlauere Wett­be­werber.

    Ich weiß defi­nitiv von einer Viel­zahl von Schü­lern, die inter­es­sante Prak­ti­kan­ten­plätze gefunden haben und sich während dieser Zeit intensiv mit dem jewei­ligen Berufs­bild ausein­ander setzen konnten. Wichtig waren für die Schüler dabei jeweils auch, Infor­ma­tionen zu bekommen, wo und welche Ausbil­dungs­mög­lich­keiten es über­haupt gibt. Diese Möglich­keit sollte man den Schü­lern auch nicht nehmen. Deswegen plädiere ich weiterhin eher für die Auswei­tung dieser Schü­ler­prak­tika. Viel­leicht hängt es auch ein wenig an der Region (bei uns eher länd­lich), bei denen Schulen jeweils stark mit den ange­sie­delten Unter­nehmen koope­rieren. Es wäre eher Öffent­lich­keits­ar­beit der Schulen gefragt, um Unter­nehmen auf Chancen im Nach­wuchs­kräf­te­be­reich hinzu­weisen, die sich durch gut durch­ge­führte Prak­tika ergeben können.

    • Svenja Hofert 13. Januar 2015 at 13:42 — Reply

      Hallo Frau Raab, ich sage ja nicht, dass das Prak­tikum grund­sätz­lich falsch ist. Es ist die Art, wie das Thema ange­gangen und einge­bunden wird. Es muss verwoben sein mit viel mehr Infor­ma­tionen über den Arbeits­markt. Und 14 ist für Abitu­ri­enten, die mit höherer Wahr­schein­lich­keit Wissens­ar­beiter werden, aus meiner Sicht zu früh. Wie es im Moment ange­gangen wird, führt es dazu, dass man dahin guckt, wo man sowieso hinschauen würde. Die Arbeits­welt heute findet zu großen Teilen am Computer statt, d.h. im Büro. Das ist für Jugend­liche aber höchst lang­weilig, zumal sie kaum an wirk­lich inter­es­sante Themen heran­ge­lassen werden. Kaum einer unserer Klienten erin­nert sich an Lear­nings aus seinem Schü­ler­prak­tikum. Gut, da könnte man argu­men­tieren: Wer darüber schlauer geworden ist, taucht hier nicht auf. Einige hat es verwirrt, das Wissen über die Arbeits­welt hat es dagegen kaum oder sogar gar nicht erhöht. LG Svenja Hofert

      • Angela Raab 14. Januar 2015 at 10:09 — Reply

        Liebe Frau Hofert,
        da gebe ich Ihnen durchaus recht. Es muss sehr viel mehr und trans­pa­renter kommu­ni­ziert werden. Vor ein paar Jahren gab es bei uns mal eine Initia­tive von ansäs­sigen Unter­nehmen, die eine kleine Broschüre für die Schulen heraus­ge­bracht haben. Darin wurden die verschie­denen Berufs­aus­bil­dungen, die bei ihnen machbar sind, vorge­stellt. Da waren auch sehr inter­es­sante Berufe dabei, auf die man nicht so eben kommt. Und ich nehme auch bei der Prak­ti­ka­durch­füh­rung wieder verstärkt die Schulen in die Pflicht. Es muss schon kontrol­liert werden, ob das Prak­tikum seinen Sinn erfüllt hat.
        Mfg Angela Raab

  3. Mathilda 13. Januar 2015 at 11:33 — Reply

    Ich habe mit 15 oder 16 auch ein Schü­ler­prak­tikum zur Berufs­ori­en­tie­rung am Gymna­sium machen müssen. Damals habe ich mich für ein Jura­stu­dium inter­es­siert und insge­samt 4 klei­nere Kanz­leien in der Umge­bung ange­schrieben. Wenn ich mich recht erin­nere, kamen 2 Absagen und 2 Zusagen, von denen ich gleich das Erste genommen habe. Ein sehr freund­li­ches Tele­fon­ge­spräch, ich war ja so nervös, und dann 1 Woche Prak­tikum. Die Woche war sehr ruhig, ich konnte ein wenig in Akten rein­schauen und durfte die Anwälte zu Gericht begleiten und bei einer Anwältin im Erst­ge­spräch mit einem Mandanten dabei sein. Der Vorteil der kleinen Kanzlei und der Auto­fahrten zu den Gerichts­ter­minen bzw. dem Kaffee trinken in einer kurzen Pause war, dass ich viel Gele­gen­heit hatte, Fragen zum Berufs­bild und zum Studium zu stellen. Das habe ich — soviel man das mit 15 eben kann — auch genutzt. Nach dem Prak­tikum wusste ich zwar immer noch nicht, dass man als Jurist auch in einem Unter­nehmen (und im Prinzip überall) arbeiten kann (das hätte mir mal jemand sagen sollen!), aber ich wusste, dass es mir deut­lich zu viel Papier­kram und Schreib­tisch­ar­beit war. Zu viel Para­gra­phen, zu wenig Mensch. Trotz mancher eindeu­tiger Fehl­ein­schät­zung des Berufs­bildes war diese Beob­ach­tung, die ich aus dem Prak­tikum mitge­nommen habe, für mich genau die rich­tige. Daher sehe ich die Schü­ler­prak­tika wirk­lich als eine Chance — wenn man selbst versucht, dabei auch so viel wie möglich heraus­zu­holen. Ich drücke Ihrem Sohn also für einen guten Prak­ti­kums­platz die Daumen!

    • Svenja Hofert 13. Januar 2015 at 13:35 — Reply

      Hallo Mathilda, Danke­schön für den Kommentar. Das stimmt, kleine Insti­tu­tionen haben den Vorteil, dass man viel fragen kann. Wird schon klappen. Alles Gute 🙂 Svenja Hofert

  4. Silke Bicker 14. Januar 2015 at 0:49 — Reply

    Hallo,

    ich erin­nere mich noch gut an mein Betriebs­prak­tikum. Bei einer Tier­arzt­praxis, die auch den Zoo mitbe­treute, habe ich viel über die Berufe Arzt und ‑helfer/in gelernt. Von den typi­schen “Aufwisch- und Hygie­ne­ar­beiten” bis zu den span­nenden wie bei OPs zugu­cken, klei­nere Labor­tä­tig­keiten ausführen, Hunden die Zähne zu putzen (kostet Tier­halter nach einer OP Aufschlag, den sie oft gar nicht bemerken…). Das erste Mal einen großen Papagei im Hand­tuch im Arm halten, Schild­kröten fest­halten etc.

    Sehr aben­teu­er­lich und faszi­nie­rend. Zwar arbeite ich heute nicht in einer Praxis, habe damals aber viel mitge­kriegt und durfte mit anpa­cken.

    Doch, es gibt sie, die netten Arbeit­geber, die auch Schü­lern während zweier Wochen Betriebs­prak­tika etwas zu tun geben 🙂

    • Svenja Hofert 14. Januar 2015 at 10:06 — Reply

      Hallo, Danke­schön für den Hinweis. Ja Tier­arzt ist natür­lich toll und fassbar. Ähnlich wie viel­leicht Arzt, Umwelt, Forst­wirt­schaft, Bäckerei oder Hand­werk gene­rell. Finde ich ganz toll und hilf­reich. Wenn man es schaffen würde auch digi­tale Themen und Wissens­ar­beit inter­es­sant zu verpa­cken, wäre das klasse. Das sind nun mal die meisten Jobs. Und das geht. Aber nicht in der Form wie aktuell 😉 LG SH

  5. Carolin 14. Januar 2015 at 22:14 — Reply

    Hallo,

    ich kenne mitt­ler­weile beide Seiten und auch wenn mein eigenes Schü­ler­prak­tikum schon mehr als 10 Jahre her ist, habe ich noch gute Erin­ne­rungen daran. Ich bin über drei Ecken im Stadt­ar­chiv Münster gelandet, wo man offenbar mit Prak­ti­kanten nicht viel anzu­fangen wusste.
    Viele meiner Freun­dinnen waren in der Grund­schule, im Kinder­garten oder tatsäch­lich bei Juristen (durften da aller­dings nur Kaffee kochen und kopieren). Also wirk­lich alles Berufe, mit denen man sich im tägli­chen Leben umgeben fühlt. Ich hätte mir von meiner Schule gewünscht, dass auch alter­na­tive Berufs­felder aufge­zeigt werden, aber von der Seite aus gab es gar keine Unter­stüt­zung.
    Traurig zu hören, dass es noch immer nicht anders ist …
    Herz­liche Grüße!

  6. Obst­mann 15. Januar 2015 at 16:32 — Reply

    Mir ist Ihre Welt­sicht zu eng. Auch wenn Ihr Sohn hoch­be­gabt ist, wird er sich keinen Zacken aus Krone brechen, wenn er kein Prak­tikum als “Wissens­ar­beiter” macht. Es gibt jede Menge Stellen bei Dienst­leis­tung, Handel oder Hand­werk, die den jungen Menschen vermit­teln, dass Berufs­leben eben nicht nur am Computer statt­findet. Anwalts­kanz­leien, Agen­turen und Co. sind nicht der rich­tige Platz dafür, zumal den aller­meisten Schü­lern das Hinter­grund­wissen fehlt, um das Prak­tikum nutzen zu können. Aber dass zukünf­tige Ärzte als Pfle­ge­helfer ins Kran­ken­haus gehen, der ange­hende Touris­mus­ma­nager ins Hotel oder Moun­­tain­­bike-Fan ins Fahr­rad­ge­schäft mit ange­schlos­sener Werk­statt — das finde ich absolut sinn­voll.

    • Svenja Hofert 16. Januar 2015 at 19:23 — Reply

      Hallo, nene, der ist nicht hoch­be­gabt 😉 Sie haben absolut recht, der Gedanke ist gut: es muss nicht der konkreten Berufs­ori­en­tie­rung dienen. Dann bitte sollte es aber auch so kommu­ni­ziert werden — mir fehlt die Einbet­tung. Der vorher­ge­hende Berufs­wahl­pass zielt nämlich auf KONKRETE Berufs­ori­en­tie­rung. Die Schüler sollen sich erst analy­sieren und darauf basie­rend ihr Prak­tikum wählen. Ohne das, anders anmo­de­riert, wäre es auch aus meiner Sicht viel besser. Mehr Offen­heit und Entspannt­heit und Auspro­bieren können — dass ist eine Rich­tung, in die man mehr denken sollte. Das muss man den Schü­lern aber sagen; nicht der Fall. Das Projekt beginnt mit dem Berufs­wahl­pass, es folgt ein Termin mit dem Arbeitsamt, dann Prak­tikum. LG SH

  7. Markus Ober­ender 15. Januar 2015 at 20:51 — Reply

    Mir hat mein Schü­ler­prak­tikum damals schon sehr geholfen. Ich habe mich damals für den Beruf des Einzel­han­dels­kauf­manns inter­es­siert, hatte aber keine Vorstel­lung was genau dessen Aufgabe im Unter­nehmen ist. Das Prak­tikum war mein erster Kontakt mit der Berufs­welt und sehr aufschluss­reich.

    Meine dama­ligen Lehrer hatten mir drin­gend abge­raten von dem Prak­ti­kums­platz beim örtli­chen Discounter, da man dort doch nur als billiger “Rega­lauf­füller” miss­braucht wird. Das Prak­tikum war dann auch nicht wirk­lich gut und ich habe nur Regale aufge­füllt. Aber ich hatte einen halb­wegs realis­ti­schen Eindruck von dem Beruf bekommen. Das hat mich dann auch darin bestärkt, das Abitur zu machen und studieren zu gehen.

    Meine Schul­kol­legen haben dagegen über­wie­gend Prak­tika in Berei­chen gemacht, die sie gar nicht inter­es­siert haben. Die sind dann in irgend­wel­chen Büros eine Woche lang herum­ge­sessen und haben sich gelang­weilt.

    Ein Schü­ler­prak­tikum ist schon wichtig. Man sollte aber das auspro­bieren, was einen wirk­lich inter­es­siert. Nur dann macht es Sinn. Wer es nur als “Pflicht­ver­an­stal­tung” sieht, hat natür­lich nichts davon.

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