Kate­go­rien

Berufs­wahl­pass im Test: Wie man Jugend­li­chen Berufs­ori­en­tie­rung richtig schwer machen kann

Published On: 29. August 2014Cate­go­ries: Führung

Gestern kam Herr Sohn mit einer dicken Mappe nach Haus, die gleich in der Ecke landete. „Was ist das?“ frag ich. „Nicht wichtig“, erwi­dert er. Nicht wich­tige Dinge sind meist inter­es­sant, also hole ich mir  die Mappe. Drauf steht Berufs­wahl­pass.

„Hat man uns so mitge­geben“, sagt er.

„Einfach so, kommen­tarlos?“ frage ich, blät­tere durch und drehe um. Bundes­mi­nis­te­rium für Bildung und Forschung. Sämt­liche Kultus­mi­nis­te­rien sind auch dabei.

„Hatte Orchester, keine Ahnung, danach lagen die da.“  

berufswahlpassaußenAha. Was der Druck wohl gekostet haben wird? Und wie viele Experten sich den Kopf zerbro­chen haben? Für: “nimm mal mit”.  Ich recher­chiere Berufs­wahl­pass. Es gibt eine häss­liche Website auf der BWP steht, Berufs­wahl­pass. BWP ist eine wirk­lich sexy und kind­ge­rechte Behör­den­ab­kür­zung, das geht richtig ab… Wahr­schein­lich das Ergebnis langer Gespräche und am Ende ein Kompro­miss.

Ich schlage Regis­ter­karte 2 auf: „Mein persön­li­ches Profil“, steht da. Man soll etwas hinschreiben. Eine Menge Frei­text für Jugend­liche, die kaum etwas mit der Hand schreiben, da es ja Computer gibt. Ich stol­pere über den Begriff “Profil”. Mein Sohn ist 13, sein Wort­schatz beacht­lich. Aber er bleibt 13. Da redet man nicht über Profile. „Was sagt dir das?“ frage ich. „Ich meine, weißt du, was ein Profil ist?“

Er: „Du, wenn du Zeitung liest und ich dich seit­lich ansehe. Dann hast du ein Doppel­kinn.“ Wie nett.

Weiter geht es. Langer Frage­bogen. Ich moti­viere ihn, sich mit mir aufs Sofa zu setzen. Wir gehen diese zwei Seiten Test durch. Da steht: „Problem­lö­se­fä­hig­keit. Kniff­lige Aufgaben lösen macht mir Spaß.“ Dann vier­stu­fige Likert-Skala: trifft voll zu, trifft zu, trifft wenig zu, trifft gar nicht zu.

bwpIch lese eine Frage: „Macht dir kniff­lige Aufgaben lösen Spaß?“

Er: „Nee, gar nicht.“

Nächste Frage: „Krea­ti­vität: Ich habe immer neue Ideen, wie ich Lösungen finden kann. Hast du?“

Er: „trifft manchmal zu.“

Ich kenne mein Kind. Es ist ausge­spro­chen kreativ, wenn es darum geht, bestimmte Dinge zu vermeiden und unge­mein schlag­fertig.  Aber ich würde weder eine Prognose über seine „Problem­lö­se­fä­hig­keit“ noch über seine „Krea­ti­vität“ abgeben wollen – diese Art von Fragen sind einfach nur grober Unsinn, weil man sie erstens situa­ti­ons­ab­hängig betrachten sollten und weil es aus meiner Sicht in dem Alter zu früh ist, sich in solche Kate­go­rien einzu­ordnen..

Schaut man sich danach die viel zu kompli­zierte Auflö­sung an, dann weiß man, dass hier an Kindern und Jugend­li­chen vorbei gedacht wurde. Ich versuche, meinen Sohn zu moti­vieren, den Test zuende zu machen. Er weigert sich nach Frage 10. Öde. Lang­weilig. Will er nicht.

„Würdest du das machen, wenn du das in der Schule tun müss­test?“ frage ich noch im Forschungs­modus.

Er: „Wenn ich muss.“

Und jetzt gehe ich aus dem Forschungs­modus und kann losschimpfen: Sowas von raus­ge­wor­fenem Geld! 13jährige werden und sollen sich nicht auf diese Weise mit Berufs­ori­en­tie­rung beschäf­tigen, erst recht nicht auf der rein kogni­tiven Ebene, die hier ausschließ­lich abge­fragt wird. In der Mappe hinten sind 15- und 16jährige zitiert, die angeb­lich mit dem “Pass” gear­beitet haben, zum Beispiel Bäcker­lehr­linge. Ich glaube auch für diese Alters­gruppe ist das System nicht passend. Welche Experten entwerfen für Kinder und Jugend­liche einen Test mit Begriffen wie „Reflek­ti­ons­fä­hig­keit“? Wie viel didak­ti­sche Kompe­tenz spie­gelt sich denn darin? Oder waren hier wieder mal nur die Theo­re­tiker am Werk?

Und: Was soll das alles? Wollen wir uns Arbeits­ma­schinen heran­ziehen, die sich schon mit 13 Jahren auf Likert-Skalen zur eigenen Persön­lich­keits­ein­schät­zung austoben? Wie valide ist das? Wer hat das getestet? An wem? Wer hat ermit­telt, ob das etwas nutzt? Mit welchem Ergebnis? Und vor allem: Mit welchem Fokus und Ziel?

Ich ärgere mich. „Kompe­tenz­ana­lysen“ soll man in diesem BWP erstellen.  Rück­mel­dung zu Prak­tika soll es auch geben. Dabei liegt ein Beur­tei­lungs­bogen, der so schlecht — da unkon­kret — ist wie die der meisten Unter­nehmen. „Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit“ soll da zum Beispiel bewertet werden. Bei 13, 14, 15, 16 jährigen! Die mit dieser Art Bewer­tung anhand von Wort­hülsen kaum umgehen können.

Nein, ich bin not amused, als Mutter und als Bera­terin.

Es sind diese drei Dinge, die mich an dem Berufs­wahl­pass ärgern:

Da ist erstens die Tatsache, dass wir Kinder immer früher in die Berufs­ori­en­tie­rung zwingen wollen. Wir nehmen ihnen die so wich­tige Zeit der Persön­lich­keits­ent­wick­lung. Schon bei den Noten werden die Kleinen vermessen – und nun sollen auch noch die Soft Skills in Raster gepresst werden? Für wen wird das getan?  Für Arbeit­geber, die nach Fach­kräften schreien!  Lasst doch bitte die Kinder und Jugend­li­chen in Ruhe die Schule zuende machen. Nach dem Abi ist immer noch genug Zeit, sich in Ruhe umzu­sehen – und sich mit Stärken zu beschäf­tigen. Dann aber bitte nicht rein kognitiv. Viel sinn­voller als so ein Pass wäre ein verpflich­tendes Fach “Wirt­schaft”. Und hierzu gehört auch der Arbeits­markt. Es wäre wirk­lich wichtig früh zu lernen, wie Bran­chen sich verän­dern und welche Jobs es gibt, dass diese nicht immer Namen haben usw. Es wäre sinn­voll sich mit Berufs­wegen im histo­ri­schen Vergleich ausein­an­der­zu­setzen. Und mit ethi­schen Fragen sowieso.

Zwei­tens erkenne ich hier eine unsäg­liche Einsei­tig­keit bei der Bewer­tung von Stärken. In den ganzen Frage­bögen geht es nur um Arbeits­fä­hig­keit, nicht ein einziges Mal wird nach musi­schem oder künst­le­ri­schem Talent gefragt. Krea­ti­vität wird in Verbin­dung zu Problem­lö­sung gesetzt – alles arbeits­markt­tech­nisch verwertbar gemacht.

Drit­tens ist da die fehlende Einbet­tung in einen even­tu­ellen Unter­richt oder ein Projekt. Einfach einen Ordner in die Hand zu drücken ist so wie den Girls Day aufzu­rufen, ohne Rahmen und rich­tige Einfüh­rung, ohne Mode­ra­tion und Inter­pre­ta­ti­ons­hilfe. Die Politik will das, machen wir das eben. Was soll da raus­kommen?

Ich hoffe, dass unsere Kinder und ihre Lehrer sich dieser Früh­ori­en­tie­rung wider­setzen. Dass sie sich lieber die Zeit nehme zu reifen.  Und ihre Jugend den wirk­lich wich­tigen Dingen widmen — und das ist ganz sicher nicht die Frage möglichst früh in einen passenden Beruf zu kommen. Denn diese frühen und direkten Wege sind ohnehin veraltet.

Nach­trag: Inzwi­schen habe ich eine Studie gefunden, die sich kritisch mit dem Berufs­wahl­pass ausein­an­der­setzt, wen sie inter­es­siert — hier.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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8 Kommen­tare

  1. @GameEvangelist 29. August 2014 at 13:51 — Reply

    Danke Frau Hofert, super Blog­bei­trag.
    Ich baue gerade mit Part­nern gami­fi­zierte Berufs- und Studien-Bera­­tung auf. Das wird hoffent­lich die Berufs­ori­en­tie­rung revo­lu­tio­nieren. Self-Asse­­ments als Game. Daran hätte ihr Sohn (und viele andere Jugent­liche) sicher mehr Spass 🙂
    Wenn sie nähere Infos möchten, einfach anschreiben.

    • Svenja Hofert 29. August 2014 at 18:33 — Reply

      Hallo, gern weitere Infos @gameevangelist, am liebsten per E‑Mail 😉

  2. […] Gestern kam Herr Sohn mit einer dicken Mappe nach Haus, die gleich in der Ecke landete. „Was ist das?“ frag ich. „Nicht wichtig“, erwi­dert er.  […]

  3. Lars Hahn 2. September 2014 at 4:26 — Reply

    Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit von 13jährigen …

    In meiner frühen Pubertät wurde ich sofort rot, wenn man mich ansprach. Also hielt ich Klappe, auch wenn ich fast platzte. Still war ich. Für ein paar Jahre. Sogar im Unter­richt.

    Glück­li­cher­weise hat sich das wieder rela­ti­viert. 😉

    Soll heißen: Ich seh das genauso. Gut wäre, den Kindern erst einmal die Dynamik der Arbeits­welt zu vermit­teln. “Zeit­ge­schichte der Arbeits­welt” fände ich ein gutes Thema. Das Litho­gra­phen heute weniger gefragt sind, dafür aber SEO-Spezia­­listen, ist aber mögli­cher­weise in den Minis­te­rien noch gar nicht ange­kommen?!

    P.S: Wieso erin­nert mich Dein Artikel so rasant an meinen aktu­ellen?! 😉

  4. Jaaaa, der Berufs­wahl­pass — ein echt leidiges Thema. In meinen Augen auch deshalb, weil die Schulen massiv zum Kauf genö­tigt werden. Denn hinter dem Berufs­wahl­pass steckt.…Bertelsmann. Das waren doch mal die mit dem Buch­club, der heute nicht mehr so gut läuft, oder?

    Im Ernst: Der BWP ist ein Gesamt­kon­zept mit speziell dafür “ausge­bil­deten” Bera­tern, einer höchst profes­sio­nellen Verti­rebs­struktur und — aufgrund der Riesen­auf­lage — einem güns­tigen Preis. Die Schulen kaufen die Dinger massen­weise und sie verfaulen dann im Lager. Denn sie sind für Lehrer (sehr wisen­schaft­lich, verschult und didak­tisch unte­mauert) konzi­piert und gehen am Schüler und am Leben teils weit vorbei.

    Ich habe im Rahmen meiner Arbeit in der Berufs­Ori­en­tie­rung ein inhalt­lich komplet­teres und jugend­freund­li­cher aufbe­rei­tetes Alter­na­tiv­pro­dukt (“Jobna­vi­gator”) entwi­ckelt. Doch ich war preis­lich nicht wett­be­werbs­fähig, weil ich in Klein­auf­lagen gear­beitet habe. Dennoch arbeiten noch heute einige Schulen mit meinem Produkt — weil es sie über­zeugt hat. Denn hier ging es mehr um ein Gesamt­kon­zept zur Selbst­ver­ant­wor­tung und Lebens­ori­en­tie­rung, statt um die “Berufs­Wahl”.

    Und mit der “Orien­tie­rung” im eigenen Leben kann nach meiner Erfah­rung mit über 700 Schü­lern niemals zu früh gestartet werden. Ich schrieb dazu unlängst einen Blog­post auf meinem Blog.…

    • Svenja Hofert 7. September 2014 at 17:07 — Reply

      Hallo Bettina, danke für die Info. Ja, das geht wirk­lich massiv vorbei an allem. Du hast recht, man sollte früh beginnen mit Orien­tie­rung, aber nicht über Tests und Frage­bögen… Auch diese Betriebs­prak­tika sind der Hohn, weil man dort hingeht, wo es ohne viel Aufwand geht — z.B. zu mir ins Büro 😉 LG Svenja

  5. Rein­hard Kröger 30. Januar 2015 at 11:32 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    der Link zur Studie wäre inter­es­sant, funk­tio­niert aber leider nicht mehr.

  6. Dunja 25. August 2016 at 20:56 — Reply

    Vielen Dank für diese Infos hier!
    Ich habe heute die Anwei­sung erhalten für den BWP 5,-€ meiner Tochter (13) mitzugeben…entsprechender Eltern­in­for­ma­ti­ons­abend kommt erst Ende September!
    Leider musste sie schon in der 7.Klasse unter dem Deck­mantel des Fachs “Verant­wor­tung” ehren­amt­lich arbeiten-ich hab meine Bedenken geäu­ßert und versucht andere Eltern mitzuziehen…leider verge­bens. Einige regten sich zwar auch auf, jedoch wollte keiner handeln! “Was kann man da schon machen?” waren die Aussagen!
    Ich finde es so traurig (Eltern und Schul­system) und rede viel darüber mit meiner Tochter. Sie hat viel verstanden und möchte weiter zur Schule gehen…sieht und hinter­fragt halt mehr jetzt…
    So…das wollt ich dazu loswerden.

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