Kate­go­rien

Bewer­bungen im Test: Wer kommt in die engere Auswahl?

Published On: 24. Januar 2011Cate­go­ries: Führung

Ich wollte doch eigent­lich nur ein paar kleine Aufträge vergeben. Für mein Joban­gebot nutzte ich eine Mailing­liste. Inner­halb weniger Stunden hatten sich 40 Bewer­bungen in Outlook versam­melt. Wie bin ich bei der Auswahl vorge­gangen? Wer ist mir aufge­fallen? Dies möchte ich hier beschreiben, weil ich glaube, dass Bewerber und Auftrag­su­chende daraus einiges lernen können.

1. Bild verschreckt. Mindes­tens 20% der Bewer­bungen hatten ein Foto, das mich, ich sag´s mal vorsichtig, irri­tiert hat. Eines war direkt in der Mail einge­bunden. Es hatte so einen komi­schen geka­chelten Hinter­grund und wirkte irgendwie verschnör­kelt.  Schnörkel ist nicht meine Sache, das gefiel mir nicht. Genau das ist der Grund, aus dem ich anonyme Bewer­bungen bevor­zuge: Fotos beein­flussen, und zwar oft auch negativ. Ich will mich aber nicht von Äußer­lich­keiten beein­flussen lassen und auch nicht davon, dass jemand Kevin heißt. Wenn ich manche Bilder sehe, fällt es mir aber schwer, mich vom “Geschmäckle” zu befreien. Also lieber weglassen.

2. Der lange Text. Viele schrieben ellen­lange Briefe. Nach dem 3. Satz hörte ich auf. Wie oft habe ich es gesagt und geschrieben:  Uner­war­tete Anfänge wählen! Keine über­flüs­sigen Sätze! Das ist eine Kunst, die wenige beherr­schen. Es ist doch so: Lange Texte sind einfach, kurze schwer. Kurze bleiben aber sicher besser hängen.

3. Vorbei am Ziel. Eine große Anzahl der Bewerber hatte meine Ausschrei­bung gar nicht richtig gelesen und wollte mir etwas verkaufen, was ich gar nicht nach­ge­fragt hatte. Weg damit.

4. Seri­en­brief. Ein Klick auf die Website des Arbeit- oder Auftrag­ge­bers ist doch so einfach. Trotzdem kommt ein Teil der Bewerber gar nicht erst auf die Idee, die leich­teste aller Recher­chen anzu­stellen. Und  nach­zu­schauen: Bei wem bewerbe ich mich da eigent­lich?

5. Löcher im Text. Warum Outlook bei einigen Mails die Umlaute und Sonder­zei­chen löscht und bei anderen nicht, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben, jeden­falls konnte ich die umlaut­be­freiten Schreiben nicht richtig lesen. Wer den Fehler nun gemacht hat, die Wirkung bleibt gleich: Unpro­fes­sio­nell. Gilt auch für Mail­texte, die als Anhang ankommen.

6. Lauter über­flüs­sige Anhänge. Was soll ich mit einer dicken Mappe? — ärgerte ich mich bei den 5‑Me­­ga­­byte-Mons­­tern, die mir ins Post­fach flat­terten. Gleich alle Zeug­nisse mitschi­cken, mag richtig sein, wenn ich mich als Projekt­leiter bei der Telekom bewerbe, aber bei der Bewer­bung um einen Auftrag will ich möglichst alles auf einen Blick und Klick.

7. Das Bekannte lockt. Den Namen einer Bewer­berin kannte ich bereits; ich hatte posi­tive Asso­zia­tionen. Also öffnete ich die Mail zuerst. Eigent­lich war mir egal, was drin­steht, es waren auch wirk­lich nur drei Sätze. Ich  rief sie an.

Was soll ich sagen? Die Bekannte passte gar nicht 100% und hatte auch nicht die beste Bewer­bung. Doch wenn die Quali­fi­ka­tionen vergleichbar sind, entscheidet letzt­end­lich die Tatsache, ob ich jemand bereits kenne oder nicht. Die ewige Netz­­werk-Geschichte. Ich legte mir eine Nummer 2 und 3 als Ersatz zurecht. Das waren die, die am besten auf mein Bedürfnis einge­gangen waren.

Wahl getroffen — und jetzt Absagen? Jedem einzelnen ein Feed­back geben – Hilfe, schaff ich nicht und meine Assis­tentin ist auch am Limit. Ich gebe es zu: Ich wählte den leich­testen Weg und schrieb eine Absage im BCC: an alle. Scheint zumin­dest eine nette Mail gewesen zu sein, jeden­falls bekam ich einige ebenso nette Antworten. Es sei doch schön, wenn jemand so ehrlich und ohne Stan­dard­flos­keln antworte.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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10 Kommen­tare

  1. sharonah 24. Januar 2011 at 23:21 — Reply

    super Zusam­men­fas­sung! Als lang­jaeh­rige Artbuyerin habe ich hunderte Bewer­bungen von Free­lan­cern gesehen, und bin auch immer wieder erstaunt ueber die leicht­sin­nigen Fehler… Nur eines kann ich nicht unter­schreiben: Bei mir schneiden Bewer­bungen ohne Foto schlechter ab. Also an dieser Stelle wuerde fuer mich eher der Aufruf nach guten Fotos stehen, denn schlechte gehen garnicht.
    Gruss Sharonah

  2. Svenja Hofert 24. Januar 2011 at 23:35 — Reply

    Hallo Sharonah, danke für den Kommentar! Ich finde: Besser gar kein Foto als ein schlechtes. Das ist aber sicher bran­chen- bzw. jobab­hängig. Im Artbuying steht Optik im Zentrum… da ist das Foto ja auch Teil einer Arbeits­probe. Da ist dann nicht die 80-Euro-Reihen­­­fo­­to­­grafie der Bewer­bungs­fo­to­grafen (Quer­format, Zack, Anschnitt…) gefragt, sondern sowas wie künst­le­ri­scher Indi­vi­dua­lismus.
    Wenn ich, sagen wir mal, einen Program­mierer suche, brauche ich diese Form der Arbeits­probe nicht 🙂 liebe Grüße Svenja

  3. burk­hard reddel 25. Januar 2011 at 17:18 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    probiere nochmal einen Kommentar, trotz tech­ni­scher Probleme.
    Finde Ihren Artikel sehr inter­es­sant. Vor Allem, weil er mir mal die andere Seite zeigt und mich zu einigen Verbes­se­run­gesüber­le­gungen bei meinen Bewer­bungen anregte.

    Gruß B.RE.

  4. Svenja Hofert 25. Januar 2011 at 17:33 — Reply

    Hallo Herr Reddel, ich werde noch mal meine Agentur fragen, ob man das Login bei der Kommen­tar­funk­tion erleich­tern kann. Um den Spam­schutz komme ich nicht herum, Sie glauben nicht, wie viel Spam­at­ta­cken ich täglich habe.… Danke für Ihren Kommentar, es freut mich, wenn es weiter hilft, dazu mache ich es! herz­liche Grüße Svenja Hofert

  5. Jasmin Siever­ding 29. Januar 2011 at 11:00 — Reply

    Hallo Frau Hofert,

    vielen Dank für Ihren praxis­nahen Beitrag. Aus eigener beruf­li­cher Erfah­rung möchte ich virtuell Punkt Nr. 3 noch­mals fett, fett, fett hervor­heben. Denn damit fängt alles an (und hört auch schnell alles auf): Der Bewerber kann sich und dem Anzei­gen­er­steller viel Zeit, Mühe und auch Geld ersparen, wenn richtig gelesen wird, was über­haupt verlangt wird. Es ist kein Geheimnis, dass die Muss-Krite­rien ganz oben stehen und es dort selten Spiel­raum gibt.

    Und damit es zu unschönen Mail­an­hängen oder Mail­texten gar nicht erst kommt, empfehlen sich kostenlos runter­lad­bare Programme im Internet, mit denen man schnell und bequem alle Doku­mente zusammen in eine PDF-Datei packen kann.

    Schöne Grüße, Jasmin Siever­ding

  6. Svenja Hofert 29. Januar 2011 at 11:13 — Reply

    Hallo Frau Siever­ding, danke für Ihren Kommentar! Sie haben voll­kommen recht, das Eingehen auf die Anzeige ist entschei­dend, und zwar nicht erst nach drei ellen­langen Absätzen, sondern schnell und direkt am Anfang. herz­liche Grüße und ein schönes Wochen­ende
    Svenja Hofert

  7. Zorem 4. Februar 2011 at 7:49 — Reply

    Gibt es wirk­lich noch Anbieter, die auf eine Ausschrei­bung ohne eine tele­fo­ni­sche Bedarfs­ana­lyse reagieren? Bei Ihnen hat sich scheinbar nicht die erste oder zweite Liga beworben. Ich würde mir Gedanken über die Qualität meiner Ausschrei­bung machen.

  8. Svenja Hofert 4. Februar 2011 at 9:18 — Reply

    Ich verstehe Ihre Anmer­kung nicht. Was meinen Sie genau? Es ging nicht um ein Stel­len­in­serat, sondern um eine Text­an­zeige in einer Mailing­liste. Was das mit Bedarfs­ana­lyse zu tun hat, erschließt sich mir nicht. LG SH

  9. sgullen 15. Mai 2014 at 8:57 — Reply

    Wer kommt in die engere Auswahl? Derje­nige, den man schon kennt. Warum dann eine Ausschrei­bung machen? Ich habe lange im Recrui­ting gear­beitet und war selbst einige Zeit auf Stel­len­suche, und der beste Bewerber ist bei Weitem nicht immer der mit der “schicksten” Bewer­bung. Ausserdem vari­iert dieses Krite­rium je nach Person, die die Bewer­bung erhält, erheb­lich…

    Zu erwarten, dass jeder Bewerber eine 180%ige Bewer­bung schickt, selbst aber mit einer Stan­dard­ab­sage zu antworten (und den Spezi einzu­stellen), ist für einen ernst­haften Bewerber genauso frus­trie­rend wie auf eine ernst­ge­meinte Ausschrei­bung unsau­bere Bewer­bungen zu erhalten.

  10. Dagci 5. Dezember 2014 at 7:37 — Reply

    Hallo Svenja,
    du schreibst, dass ein Foto die Auswahl beein­flusst.
    Wie ist es mit den auslän­di­schen Namen?
    zBsp. Güllüözü oder Uthirattathi oder El-Muttalib
    schon eine Email­adresse für Güllüözü sieht ja wahn­sinnig aus:
    guellueoezue@.…..
    was ist Ihre Meinung dazu?

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