Kate­go­rien

Big5-Test: Nicht zum Kuscheln, aber für den Klar­text

Published On: 1. Juni 2013Cate­go­ries: Mensch & Orga­ni­sa­tion

certifiedErfah­rungs­be­richt

Vor einer Woche habe ich mich für den Einsatz des Big-Five-Reflector-Tests (Big5) zerti­fi­zieren lassen. Den Test hatte ich schon einige Wochen zuvor gemacht, zusammen mit meiner Mitar­bei­terin und Kollegin Ludwig. Jeder von uns hatte ein biss­chen daran zu verdauen.  “Es ist kein Kuschel­test“, sagt der Trainer Tobias vor der Brüggen auch gleich.

Natür­lich weiß ich, dass ich kreativ bin, recht analy­tisch und meine ehrliche Meinung sage, egal ob Vorstand oder Vorar­beiter vor mir steht.  Es wundert also nicht, dass mir Seite 14 in der Auswer­tung – hier geht es um Kompe­tenzen, die sich aus der Persön­lich­keit ableiten —  weit­ge­hend Bekanntes attes­tiert: „Problem­ana­lyse sehr einfach“, „Krea­ti­vität sehr einfach“,  „Führung einfach“, „Verhal­tens­fle­xi­bi­lität sehr einfach“ und „Vision sehr einfach“. Schwer fällt mir z.B. alles, was eine hohe Genau­ig­keit erfor­dert, u.a.  muss ich mich sehr anstrengen, detail­lierte Erklä­rungen zu geben — also schrift­liche und münd­liche Kommu­ni­ka­tion, die ins Detail geht.

Die Kompe­tenzen in der Test­aus­wer­tung sind neben der grafi­schen Darstel­lung eine der Beson­der­heiten dieser Big5-Version von der PI Company.  Aber, so weit so schön die „einfachs“ und “sehr einfachs” sind: dass ich relativ wenig umgäng­lich bin, muss ich wirk­lich verdauen.  Aber.… (es hat Wochen gedauert).… wenn ich mir Situa­tionen vor Augen halte, stimmt es. Sobald ich das Gefühl habe, etwas ist die „Wahr­heit“, werde ich diese über kurz oder lang sagen, egal welche Folgen es auch für mich hat.

Eine nied­rige Umgäng­lich­keit und hohe Offen­heit hat indi­rekt mit Krea­ti­vität und Vision zu tun. Logisch:  jemand, der eigene Vorstel­lungen hat, darf kein allzu großes Anpas­sungs­be­dürfnis haben oder sich an anderen ausrichten wollen. Ich habe neulich ein Inter­view mit Philipp Starck gelesen. Deut­lich, dass hier jemand mit sehr, sehr eigenen Vorstel­lungen ist und ihm andere Meinungen voll­kommen schnuppe sind. Starck würde sicher niemals ein Konzern­mit­ar­beiter… Von völlig schnuppe bin ich aller­dings weit entfernt, immerhin attes­tiert mir der Big5 als Teil­be­reich ein mode­rates Bedürfnis nach Aner­ken­nung.

„Lassen Sie mich mal Ihr Profil raten“, bat ich den Trainer am letzten Freitag im Praxis-Work­­shop. Ich tippte weit­ge­hend richtig, nur bei Umgäng­lich­keit lag ich falsch. Ich dachte, weil es ein netter Kerl ist, tough, aber sympa­thisch, dass er eher eine hohe Umgäng­lich­keit hätte. Ha! Er lag da, wo ich liege! „Mir fällt ein Stein vom Herzen, man merkt es Ihnen nicht an!“ sagte ich. Nein, es ist wahr­lich kein Kuschel­test, aber der Effekt ist: Je mehr man darüber nach­denkt, je mehr man sich konkrete Situa­tionen vor Augen hält und Details, desto stim­miger wird es.

Apropos: Neulich bekam ich einen Auftrag mit dem Zusatz: „Wir möchten, dass Sie uns ein ehrli­ches Feed­back geben, unge­schminkt.“ Die nackte Wahr­heit: Die kann jemand mit nied­riger Umgäng­lich­keit eher besser arti­ku­lieren als jemand mit hoher. Hat also alles seine zwei Seiten. Wenn nicht sogar fünf. Hier noch ein Inter­view mit PI Company dazu.

Warum der Big5?

Der Big5 ist reliabel, valide und  objektiv – und damit auch bei den sehr kriti­schen Psycho­logen akzep­tiert. Ich wollte ein Tool in unserer Bera­tungs­praxis haben, das breit verwendet wird und weit­ge­hend akzep­tiert ist auf Firmen­seite. Meine Kunden sollen damit auch einen objek­tiven Vergleich ihrer Persön­lich­keits­merk­male bekommen, weil der Big5 bei Auswahl­ge­sprä­chen, im Assess­ment Center und bei der Karrie­re­ent­wick­lung eine bessere Basis und mehr Vergleich­bar­keit bietet. Wenn ich z.B. einen Kunden habe, der nur eine nied­rige Leis­tungs­ebene anstrebt, aber in ein Führungs­­­kräfte-Asses­s­­ment-Center geht, hat man im Coaching einen sehr konkreten Ansatz­punkt. Oder: Jemand sieht sich als “geeignet” für Führung, hat aber eine extrem nied­rige Offen­heit und wenig Extra­ver­sion. Möglich, dass das Selbst­kon­zept an der einen oder anderen  Stelle noch einmal hinter­fragt werden muss.

Nach wie vor bin ich von den Reiss Profilen über­zeugt. Sie sind indes ganz­heit­lich orien­tiert und sehr persön­lich. Es gibt jedoch Frage­stel­lungen in der Karrie­re­be­ra­tung, im Outpla­ce­ment und der Kompe­tenz­ent­wick­lung, die eben NICHT ganz­heit­lich sind, sondern eindeutig berufs­be­zogen. Zudem: In Unter­nehmen sind die Reiss Profile eben aufgrund Ihrer Ganz­heit­lich­keit nur bedingt einsetzbar. Hinzu kommt, dass sich eine Eignung für bestimmte Jobs nicht direkt ableiten lässt. Das ist beim Big5 anders. Es ist weit­ge­hend klar, welche Eigen­schaften z.B. ein Key Account Manager in einem bestimmten Umfeld braucht — womit vertrieb­li­cher Erfolg korre­liert, ist sogar nach­ge­wiesen (Extra­ver­sion, nied­rige Umgäng­lich­keit, hohe Gewis­sen­haf­tig­keit).  Übri­gens: Das bis 2007 von uns verwen­dete Bochumer Inventar beruht auf dem Big5.

Sie haben Inter­esse an einem Big5-Profil? Ab sofort ist dieses Teil unseres Ange­bots. Für Firmen erstellen wir, auch im Rahmen des Programms „Unter­neh­mens­wert Mensch“, für das Dipl. Psych. Chris­tiane Ludwig und ich akkre­di­tiert sind, unter­neh­mens­spe­zi­fi­sche Stellen- und Kompe­tenz­pro­file oder nutzen den Big5 im Rahmen der Perso­nal­ent­wick­lung.

Beitrag teilen:

Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

Folgen Sie mir gerne auf Youtube und wenn Sie nichts verpassen wollen auch bei Linkedin.

 

Leave A Comment