Kate­go­rien

Bildungs-Burger: Ein belegtes Seminar und zwei Kurs-Cokes, bitte

Published On: 28. Juni 2012Cate­go­ries: Führung

© Robert Neumann — Fotolia.com

Bildungs-Burger für den kleinen Weiter­bil­dungs­hunger, Copy­right: Fotolia.com

Wir haben ein dickes Problem: Obwohl  aktu­elle Kennt­nisse für Fach­kräfte immer wich­tiger werden, wird Bildung immer weiter priva­ti­siert. Nur das Notwen­digste finan­ziert  heute noch der Staat – Kurse, möglichst billig, schnell aufge­legt und kurz gebraten.

Ich sprach mit Lars Hahn von der LVQ in Mülheim an der Ruhr, die auch ein Firmen­profil bei den Karrie­re­ex­perten haben. Die LVQ hat sich bundes­weit durch die erste von der IHK-zerti­­fi­­zierte Weiter­bil­dung zum Social Media Manager einen Namen gemacht. Ein Kunde, dem ich die Ausbil­dung empfahl, bekam unmit­telbar danach einen Job.  Weiter­bil­dung lohnt sich also – wenn es sie nur noch oft genug geben würde!

Beginnen wir doch mal bei der Defi­ni­tion, bevor wir ans Einge­machte gehen. Du unter­schei­dest zwei Typen von Weiter­bil­dung…

Ja, das eine nenne ich Weiter­bil­dung zur Mängel­be­sei­ti­gung – das ist wie ein Pflaster auf einer Wunde. Dabei gehe ich davon aus, dass ein Mensch nicht die notwen­digen Kennt­nisse besitzt, um einen bestimmten Job auszu­üben. Da ist zum Beispiel die Sekre­tärin, die kein Excel kann. Oder der PR-Manager ohne Social Media-Know-how. Diese Art der Weiter­bil­dung wird teils von Unter­nehmen oder den Arbeits­agen­turen ange­stoßen. Wir Weiter­bilder schließen dann einfach eine Lücke und bieten die Türöffner.

Klar, da macht man einfach einen Abgleich: Der Innen­dienst­mit­ar­beiter braucht nun mal mit 70% Wahr­schein­lich­keit SAP… Das ist einfach. Aber nicht die einzige Form mögli­cher Weiter­bil­dung.

Das andere ist Weiter­bil­dung zur beruf­li­chen Entwick­lung. Das ist sehr viel anspruchs­voller, denn es setzt voraus, dass man sein beruf­li­ches Ziel kennt und weiß, wohin man will. Es ist auch schwie­riger für diese Form der Weiter­bil­dung eine Finan­zie­rung zu bekommen, denn die Arbeits­agentur zahlt zum Beispiel nur, was jemand unbe­dingt braucht.

Wie finde ich denn das rich­tige? Erst mal unab­hängig von der Finan­zie­rung…

Dazu muss ich erst einmal wissen, wo ich hinwill. Ich empfehle jedem, auf die Suche zu gehen. Was inter­es­siert mich, über welche Themen möchte ich mehr erfahren? Ich rate den Menschen zum „syste­ma­ti­schen Kaffee­trinken“ mit Personen, die im ange­strebten Berufs­feld arbeiten oder mit Menschen zu tun haben, die das tun. Am besten erstelle ich dazu eine Liste. Klar muss ich mit dem einen oder anderen Korb rechnen, aber am Ende führt jedes erfolg­reiche Gespräch zu 3–5 neuen Kontakten, denn schließ­lich kennt jeder jemanden, der jemand kennt… Das können übri­gens auch Menschen sein, die ihrer­seits eine Weiter­bil­dung gemacht haben. Ich erin­nere mich an einen Blech­bieger, der neu ins Ruhr­ge­biet kam, um einen Job zu finden, den es anschei­nend nicht gab. Übers „syste­ma­ti­sche Kaffee­trinken“ kam er zu seinem Job: Den ersten Cappu­cino nahm er mit einer Bekannten von mir, die einmal einen Freund hatte, der Blech­bieger war.

Das ist eine schöne Geschichte. Kommen wir mal zu den nicht so schönen Seiten der Weiter­bil­dung. Bildungs­kre­dite gibt es nur bis 36 Jahren und Bafoeg nur fürs Erst­stu­dium… Und die Bundes­agentur für Arbeit lehnt zumin­dest hier in Hamburg aktuell fast alles ab…

Ja, geför­dert wird zurzeit sehr wenig. Es gibt einen Trend nicht nur zur Priva­ti­sie­rung der Bildung über Studi­en­ge­bühren, sondern auch der Weiter­bil­dung. Die Arbeits­agen­turen fördern bundes­weit wirk­lich nur noch bei drin­gender Notwen­dig­keit, die oft sehr eng ausge­legt wird. Das ist ein Problem, denn somit wird Bildung zum Privileg für Menschen, die das Geld oder einen gesi­cherten Arbeits­platz haben. Auch Mitar­beiter in Konzernen sind eindeutig im Vorteil, denn hier wird anders als im Mittel­stand noch viel für Schu­lungen ausge­geben. Werden diese arbeitslos, stehen sie sich besser da! Es gibt zwar immer mehr Initia­tiven wie den Bildungs­check NRW oder auch euren Weiter­bil­dungs­bonus in Hamburg, doch sind diese noch kaum bekannt. Es gibt zudem enge Grenzen nach oben. Größere Maßnahmen  können so kaum finan­ziert werden.

Erin­nerst du dich noch an die Welle der Webde­­si­­gner-Quali­­fi­­zie­rungen vor 10 Jahren? Da wurden Köche zum Screen­de­si­gner gemacht, ich konnte es nicht fassen. Hat man daraus gelernt?

Ja, in der Tat solche Art von Förde­rung gibt es nicht mehr. Aber was derzeit im Trend liegt, ist nicht minder schlimm. Ich beob­achte eine McDo­nal­di­sie­rung der Bildung. Es wird nur noch etwas geför­dert, was gerade gebraucht wird und den aller­schlimmsten Arbei­t­­geber-Hunger stillt, aber nur an der Ober­fläche – wie Fast Food, Weiter­bil­dung mit längerer Perspek­tive gibt es kaum noch. Öffent­liche Förde­rungen bekommt nur, wer es ganz drin­gend braucht. Und nicht, wer damit sein Profil mittel­fristig sinn­voll erwei­tern könnte. So werden meist nicht mehr komplette Maßnahmen, sondern nur noch  Module geför­dert. Das ist sehr schade Gerade die gesell­schafts­po­li­ti­sche und volks­wirt­schaft­liche Aufgabe von Weiter­bil­dung tritt gegen­über rein betriebs­wirt­schaft­li­chem Kalkül in den Hinter­grund. Gerade die Weiter­bil­dung kann nicht allein den Gesetzen des Marktes über­lassen werden.

Die Bundes­agentur für Arbeit scheint das anders zu sehen…

Es gibt dort — gerade unter den Hoch­schul­teams — sehr enga­gierte und aufge­schlos­sene Mitar­beiter, jedoch können die auch nichts tun gegen die Marsch­rich­tung von oben. Die Bundes­agentur kennt fast nur noch 0 und 1. 0 Heißt nicht vermit­telt, 1 heißt vermit­telt.  An Mittel- und Lang­fris­tig­keit denkt kaum jemand mehr. Wir haben ja in manchen Regionen und Bran­chen de facto Voll­be­schäf­ti­gung. Wozu Weiter­bil­dung fragt man sich da?

Sehr kurz­fristig gedacht. Die Menschen tun zu wenig für ihr Profil, wenn sie selbst bezahlen müssen. Das führt dazu, dass sich die Betuchten einen MBA nach dem anderen leisten und die finan­ziell weniger gut ausge­stat­teten stehen­bleiben. Wir sind auch in Sachen Bildung auf dem Weg in die Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft.

Wir haben in Gelsen­kir­chen eine Arbeits­lo­sig­keit von immer noch 13%. Jeder vierte Akade­miker geht nach dem Studium erst einmal direkt in Hartz IV. Auch andere quali­fi­zierte Kräfte hängen nach wie vor in Arbeits­lo­sig­keit fest. Weiter­bil­dung könnte auch das verhin­dern. Aber auch hier gilt natür­lich: Es reicht nicht, etwas zu fördern, die Menschen müssen auch wissen, was sie wollen. Das kann der Staat nicht für sie bestimmen. Es gibt nämlich auch den gleich­zei­tigen gegen­sätz­li­chen Trend zur Förde­rung einer zwei­jäh­rigen Umschu­lung, und zwar für Gering­qua­li­fi­zierte für soge­nannte Mangel­be­rufe. Man hat darüber gelesen, dass Frau von der Leyen jetzt die Schle­­cker-Frauen alle zu Erzie­he­rinnen und Alten­pfle­ge­rinnen machen möchte. Aber dann gilt: Entweder Umschu­lung nach dem aktu­ellen Arbeits­markt­be­darf oder gar keine Weiter­bil­dung. Da wird die Frage der persön­li­chen Fähig­keiten und Bedürf­nisse erst zwei­rangig betrachtet. Erin­nerst Du Dich an den Koch mit Webde­sign?

So werden also alle Alten­pfle­gerin 😉 Nun mal zum Prak­ti­schen. Wie finde ich denn die passende Weiter­bil­dung, ange­nommen, ich gehe vor, wie du vorschlägst und kläre erst mal mein Ziel?

Am besten ich schaue mir an, was es gibt und spreche mit früheren Absol­venten und dem Anbieter. Klas­si­sche Markt­for­schung sozu­sagen, das Internet ist da ja heute sehr hilf­reich.. Auch die Vita der Dozenten sagt einiges aus. Im Social Media Bereich sollte niemand dozieren, der nur 10 Follower bei Twitter hat.

Was sagen Güte­siegel wie die Zerti­fi­zie­rung nach DIN 9001, das von der Stif­tung Waren­test oder Initia­tiven wie Weiter­bil­dung Hamburg?

Letzt­end­lich wenig, denn diese prüfen im Wesent­li­chen die äußeren Bedin­gungen und nicht, was derje­nige im Beruf von seiner Weiter­bil­dung hat. So hat man zwar eine Garantie über pünkt­li­chen Unter­richt, nach­voll­zieh­bare Curri­cula  und akzep­table Räume. Den Nutzen und die Erfolgs­aus­sichten prüfen solche Güte­siegel in der Regel nur indi­rekt. Und eines sollte man nicht außer acht lassen: Es lernt sich beson­ders gut mit Freude und Spaß.

Wir legen bei uns großen Wert auf die Lernat­mospäre: Das gemein­same Lernen der Teil­nehmer in einer Umge­bung, in der auch der Austausch und die Vernet­zung unter­ein­ander großen Raum hat. Gemein­sames Lernen lebt immer noch von guten Dozenten, enga­gierten Mitstrei­tern und netter Betreuung.  Letz­lich ist eben der „mensch­liche“ Faktor – trotz aller E‑Le­ar­­ning-Trends – immer noch einer der Erfolgs­ga­ranten von guter Weiter­bil­dung.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 1. Juli 2012 at 15:29 — Reply

    Genau. Ohne Weiter­bil­dung stagniert es halt oft.
    Übri­gens noch ein Nach­trag: Die Förde­rung von Weiter­bil­dung durch die Arbeits­agentur ist auf dem tiefsten Juni­stand seit Messung der Daten. http://bit.ly/N1Tylt

  2. Chris­toph Burger 3. Juli 2012 at 12:45 — Reply

    Inter­es­santes Inter­view!
    Aber
    “Wir haben in Gelsen­kir­chen eine Arbeits­lo­sig­keit von immer noch 13%. Jeder vierte Akade­miker geht nach dem Studium erst einmal direkt in Hartz IV. Auch andere quali­fi­zierte Kräfte hängen nach wie vor in Arbeits­lo­sig­keit fest. Weiter­bil­dung könnte auch das verhin­dern.”
    — hört sich für mich eher so an, als könnte Mobi­lität das Problem lösen.

  3. Svenja Hofert 3. Juli 2012 at 12:56 — Reply

    Hallo Herr Burger, könnte.… sind Sie mal durch Herne Wanne Eickel gefahren? Trost­lose verlas­sene Gegenden. Es sind schon viele wegge­gangen. Es ist oft eine Frage der Bildung, siehe Meck­pomm und die dort in der Regel männ­li­chen Verbleiber, ob man/frau umzieht. Und, siehe Herne, Duis­burg etc.: wie werden diese Städte aussehen, wenn alle Gutver­diener weg sind (was sie de facto ja eh schon sind)? Was hat das für Auswir­kungen auf die Städte, die dortigen Menschen, die Kultur etc.? Es müssen auch Jobs vor Ort geschaffen werden. LG Svenja

  4. Chris­toph Burger 3. Juli 2012 at 14:12 — Reply

    Hallo Frau Hofert,
    Bildung fällt mir nicht als erster Faktor ein, wenn es darum geht, in trost­losen Gegenden Arbeits­plätze zu schaffen. Dagegen: Wirt­schafts­för­de­rung, Stand­orte attraktiv machen mittels Heben der Lebens­qua­lität etc.
    Schöne Grüße,
    Chris­toph Burger

  5. […] Weiter­bil­dung, Du bist ein Fan von Weiter­bil­dung. Das ist ja bekannt, wir hatten ja bereits das Gespräch zum Bildungs­burger. Wann sollte Deiner Meinung nach jemand über eine Weiter­bil­dung […]

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