Kate­go­rien

Bildungs­burger 2: Besser erst mal eine Lehre, danach kann man sich ein Studium auch kaufen (Streit­ge­spräch)

Published On: 30. Mai 2014Cate­go­ries: Führung

Meine spitze Kolumne über Kauf­stu­dien hat mir viele Protest­mails einge­bracht, ein Nach­klapp findet sich hier. So ganz einver­standen war auch Weiter­bil­dungs­experte Lars Hahn nicht mit meiner These, a.) dass die Ökono­mi­sie­rung zu einer Benach­tei­li­gung von Haus aus schlechter gestellter Menschen führt und b.) dass die Quali­täts­un­ter­schiede in der Bildung, wirt­schaft­lich getrieben, immer größer werden. Bereits vor zwei Jahren hatten wir uns auf einen Bildungs­burger getroffen. Dieses Mal war es eine Bildungs-Zitro­­nentarte und ein doppelter Espresso Macchiato im Café Schmidt.

selfiemitlarsLars Hahn:  Willst du im Ernst eine Lanze für staat­liche Bildung brechen? Das wäre ja die Konse­quenz deiner Aussagen.

SH: Mir ging es darum, darauf aufmerksam zu machen, dass uns das Thema Bildung derzeit entgleitet. Da entsteht ganz viel Mist, was die etablierten Ange­bote – staat­lich wie privat – herun­ter­zieht. Es heißt ja alles Bachelor oder Master. Es ist auch unklar, wer da für was ausbildet. Und die Ursache ist, so meine ich, dass oft wirt­schaft­liche Inter­essen im Vorder­grund stehen. Nicht Bildung. Und auch nicht die Notwen­dig­keiten des Arbeits­marktes. Da frage ich mich: Für was ist ein Studium gedacht? Im Moment werden Studi­en­gänge, die eigent­lich der höheren Bildung dienen und in meinen Augen auch ohne Arbeits­­markt-Verwer­t­­bar­keit eine Berech­ti­gung haben, für den Arbeits­markt „model­liert“. Das kann nicht funk­tio­nieren.

Lars Hahn: Es ist richtig, dass derzeit alle versu­chen, Studi­en­gänge als „berufs­qua­li­fi­zie­rend“ zu kenn­zeichnen, auch solche, die dazu gar nicht geeignet sind. Aber das geschieht von allen Seiten auch bei den staat­li­chen Ange­boten. Ein staat­li­ches Studium ist aber ganz sicher nicht das Gelbe vom Ei. Was ich da schon erlebt habe! Verglei­chende Lite­ra­tur­wis­sen­schaften als Bachelor oder Mix-Studi­en­­gänge aus 10 unter­schied­li­chen Fach­dis­zi­plinen. Alles nur ange­rissen, nichts vertieft. Was soll man da lernen? Das Niveau ist so unter­schied­lich, dass man gar nicht verglei­chen kann. Weder im staat­li­chen noch im privaten Bereich.

SH: Ich finde aber, dass der private, also kommer­zi­elle Bereich der Problem­ver­ur­sa­chende ist. Weil jetzt alle ökono­misch denken, wird alles umett­i­ket­tiert – was letzt­end­lich zu einem enormen Quali­täts­ge­fälle führt. Und weil Eltern denken, staat­lich sei nicht gut, schi­cken sie ihre Kinder auf private Hoch­schulen. Da sind einige gut und etabliert, viele aber nicht. Der Stempel ist aber zuneh­mend „privat = besser“. Und das stimmt nicht. Wie „staat­lich = besser“ auch nicht stimmt. Man muss jeder der 17.000 Studi­en­an­ge­bote genau analy­sieren. Wer soll das machen? Das ist einfach zu viel Angebot!

Lars Hahn: Stimmt. Auch die Perso­nal­ab­tei­lungen sind damit über­for­dert. Das fängt bei selt­samen Namen der Abschlüsse an, führt über die Inhalte und endet beim Anbieter. Was hat eine Person studiert, wenn sie einen Bachelor für „inter­kul­tu­relle Kommu­ni­ka­tion“ hat? Wo kann ich diese Person als Arbeit­geber einsetzen? Und was bitte sagt mir die Hoch­schule, an der sie studiert hat?  Ist die gut? Und der Lehr­stuhl?

SH: Selbst Experten blicken da nicht mehr durch. Die Abitu­ri­enten selbst sind voll­kommen über­for­dert. Die reagieren auf Hoch­glanz­bro­schüren und Versprechen…wie die Eltern. Der freie Markt führt nicht zu einer Verbes­se­rung, sondern zur Verun­si­che­rung. Da lobe ich mir doch das (staat­liche) Institut für Berufs­bil­dung, die den Markt beob­achten und Berufs­bilder über­ar­beiten wenn es nötig ist. Bei Studi­en­gängen gibt es sowas nicht mehr.

Lars Hahn: Es stimmt, da entsteht zu viel, was die Welt nicht braucht. Dabei wäre so wichtig, sich gut zu infor­mieren. Im Bachelor braucht man keine Spezia­li­sie­rung, das wider­spricht schon dessen Anlage als Grund­la­gen­stu­dium. Also machen alle Fächer, die mehr als zwei Diszi­plinen kombi­nieren keinen Sinn. Und alles, was neu ist und seltsam benannt, sollte mit abso­luter Vorsicht betrachtet werden.

SH: Ich hatte hier Absol­venten, die ein Jahr nach dem Studium etwas studiert hatten, was schon wieder abge­schafft war – die zweite Akkre­di­tie­rung ging daneben. Andere merkten erst mit dem Abschluss in der Tasche, dass dieser nicht inter­na­tional aner­kannt war und sie keinen Master im Ausland machen konnten! Und das passiert vor allem, weil mit dieser Bildung Geld zu verdienen ist!

Lars Hahn: Was sie aber nicht per se schlecht macht. Man muss sich doch auch die Frage stellen, wozu Bildung eigent­lich gut ist. Soll sie für den Arbeits­markt vorbe­reiten oder soll sie die Persön­lich­keit bilden? Wir haben während unseres Studiums noch viel Zeit mit Kaffee trinken verwendet!

SH: Oh ja, ich gebe zu, ich habe die Zeit an der Uni wenig mit Lernen verbracht, sondern unter anderem einen Science-Fiction-Roman geschrieben und viel Billard gespielt. Trotzdem war die Zeit einmalig und wichtig, gerade weil da so viel Frei­heit war. Ich hatte beim Einfüh­rungs­kurs zu meinem 2. Studium (übri­gens privat) das Gefühl, dass ich wissen­schaft­li­ches Arbeiten und ein kriti­sches, vernetztes Denken nach wie vor sehr verin­ner­licht habe. Andere, die viel jünger waren, sagten: „Ich habe im Erst­stu­dium nichts gelernt, was nach­haltig wäre.“

Lars: Das liegt aber nicht daran, dass die einen privat und die anderen staat­lich studieren, sondern dass Studieren heute gene­rell ganz anders ist. Man will die Leute gezielt für den Arbeits­markt vorbe­reiten. Aber das klappt eben ganz oft nicht, weil ein erstes Studium eben grad nicht berufs­qua­li­fi­zie­rend sein kann. Und die Qualität driftet soweit ausein­ander, wie das vor 20 Jahren eben nicht war.

SH: Man lässt den Leuten keine Zeit mehr, sie sollen Nach­schub für den Arbeits­markt sein. Auf Teufel komm raus wird selbst verglei­chende Lite­ra­tur­wis­sen­schaft praxis­kom­pa­tibel geredet. Das ist der Punkt, den ich meine! Aber in all dem ist keine Konse­quenz. Wenn man sich wenigs­tens darauf verlassen könnte, dass ein privates Studium besser auf den Arbeits­markt vorbe­reitet als ein staat­li­ches. Teil­weise ist das so: Bei WHU und Buce­rius ist Ruf, Image und spätere Arbeits­markt­lage über­durch­schnitt­lich. Doch es gibt Studi­en­gänge, die bereiten schlechter auf den Beruf vor als es etwa eine Ausbil­dung tun würde. Von außen und ohne Jahre­lange Erfah­rung ist das über­haupt nicht mehr zu diffe­ren­zieren. Auch die Bewer­tungs­por­tale sagen letzt­end­lich wenig aus: Es gibt bei Bewer­tungen immer eine Tendenz, sich den ersten Bewer­tungen anzu­schließen – wenige werden bei durch­schnitt­lich 4 Sternen plötz­lich etwas Schlechtes schreiben, das erfor­dert eine bestimmte Persön­lich­keits­struktur. Und die ersten Bewer­tungen sind meist nach höfli­cher Bitte entstanden. Hinzu kommt, dass sich Gut/schlecht meiner Meinung nach nicht an „gefällt mir“ orien­tieren kann.

Lars: Ich bin sowieso der Meinung, dass es für viele besser sein würde, erst mal eine Lehre zu machen. Nicht jedem, der Abitur hat, liegt ein Studium. Viele würden sicher viel lieber etwas Prak­ti­sches oder gar Hand­werk­li­ches machen. Aber nur weil durch Lehrer, Eltern und Gesell­schaft das Studium gegen­über einer klas­si­schen Berufs­aus­bil­dung immer noch als erstre­bens­wert verkauft wird, lassen sich selbst Leute auf Uni ein, die viel lieber in der Praxis arbeiten würden.

Dabei könnte man später nach einer Ausbil­dung – viel bewusster immer noch studieren: Der zweite Bildungsweg hat viel Charme. Menschen, die ihn gegangen sind, sind oft fester im Sattel als Uni- und Hoch­schul­ab­sol­venten, gleich ob privat oder staat­lich studiert – da entscheidet das einzelne Angebot.

SH: Das sehe ich auch so. Aber der Ruf nach Akade­mi­sie­rung klingt so stark nach, dass es ganz viele abhält. „Wenn ich weiter kommen will, muss ich studiert haben!“ Ja, das ist richtig, die Frage nur: wann passt das Studium? Und was? Ob das einsei­tige Setzen auf die MINT-Fächer auf Dauer die (einzige) Lösung ist bezweifle ich. Jetzt sucht man sogar im Jour­na­lismus nur noch Medi­ziner und Natur­wis­sen­schaftler! Wo bleiben da die Denker, die sich mit gesell­schaft­li­chen Themen beschäf­tigen oder sich mit Laien­augen der Wissen­schaft nähern? Ich finde, man müsste Jour­na­listen, die das nicht gelernt haben, statis­ti­sche Kennt­nisse und das Lesen von Studien bein­bringen, das würde reichen, um einen Gap zu schließen, die eine rein geis­tes­wis­sen­schaft­liche Ausrich­tung hinter­lässt.

Lars Hahn: Ein starkes Argu­ment für ein späteres  privates Studium ist doch auch, dass man es sich dann leisten kann, wenn man im Beruf steht. Was die MINT-Fächer  betrifft, sollte man sich mal die Frage stellen, ob wir auf dem rich­tigen Weg sind mit dieser Schiene. Das läuft auf einen Schwei­ne­zy­klus zu. Einen wirk­lich flächen­de­ckenden Fach­kräf­te­mangel gibt es da nicht. Es ist nur so, dass viele Inge­nieure und Natur­wis­sen­schaftler nicht genau passend für die Stellen in diesem Bereich quali­fi­ziert sind.

SH: De fakto gäbe es keinen Fach­kräf­te­mangel, würde man sich die Leute ausbilden und entwi­ckeln, die z.B. Geis­tes­wis­sen­schaften studiert haben oder die in Jobs gear­beitet haben, die nicht eins zu eins verwertbar sind. Anpas­sungs­qua­li­fi­zie­rungen müssten viel wich­tiger werden, auch auf akade­mi­schen Niveau. Vor allem aber müsste man mal anfangen, Poten­ziale von Menschen zu sehen und nicht nur  Quali­fi­ka­tionen.

Lars Hahn: Hier kann Weiter­bil­dung ganz viel bewirken. Eine Weiter­bil­dung kann auch eine Biologin zu einer vermeint­lich notwen­digen Quali­täts­in­ge­nieurin machen oder gar einen Betriebs­wirt zum „Vertriebs­in­ge­nieur“. Weiter­­bil­­dungs-Insti­­tute könnten auch viel enger mit Arbeit­ge­bern zusam­men­ar­beiten, als viele staat­liche Einrich­tungen. Da ist viel möglich, was mit Weiter­bil­dung zu tun hat. Und die muss vor allem gut sein, ob staat­lich oder privat.

Richtig wichtig: Ob Berufs­aus­bil­dung, Studium oder Weiter­bil­dung: Das muss jeweils zu den Neigungen und zur Persön­lich­keit passen. Deshalb ist es so hilf­reich, vorher mit Menschen zu spre­chen, die in dem Feld tätig sind, auf das mein Studium oder die Weiter­bil­dung (angeb­lich) vorbe­reitet. Quasi per Syste­ma­tisch Kaffee­trinken zur rich­tigen Studi­en­ent­schei­dung.

SH: Dann müsste man noch mal über die Finan­zie­rung unter­halten… Denn lange nicht jeder kann sich das leisten. Firmen bezahlen nur, was ihnen direkt nützt, nicht dem Mitar­beiter. Und die Arbeits­agentur will oft eine Einstel­lungs­zu­sage, bevor sie zahlt und finan­ziert Studi­en­gänge schon mal gar nicht… da beißt sich die Katze in den Schwanz.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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5 Kommen­tare

  1. Lars Hahn 30. Mai 2014 at 12:17 — Reply

    Tolles Foto von uns beiden! Richtig getroffen beim Kaffee­trinken im Café Schmidt.

    Jetzt hast Du ja in der schrift­li­chen Fassung doch das letzte Wort! 😉

    Und machst ein neues Fass auf für einen Folge­ar­tikel oder den nächsten Bildungs­kaffee: Finan­zie­rung von Weiter­bil­dung. Darüber könnte man einen Roman schreiben. Über Bildungs­ge­rech­tig­keit und Chan­cen­gleich­heit aufgrund von Einkommen.

    Ansonsten: Danke für das tolle Gespräch. Daraus kann ja noch mehr werden!

    • Svenja Hofert 30. Mai 2014 at 22:44 — Reply

      Ja, dann lass uns mal loslegen. Und dass mit dem letzten Wort… fragt mal meinen Mann. Das ist eine furcht­bare Krank­heit von mir 😉 LG und bis bald, Svenja

  2. Kommen­tator 4. Juni 2014 at 18:08 — Reply

    Man muss schon zugeben, dass der Artikel bei Spiegel Karriere ausser­or­dent­lich schlecht und einseitig war. Man wünscht sich, dass die Autorin sich das nächste Mal etwas besser infor­miert. Nur zwei Anmer­kungen:

    1) An der privaten Buce­rius Law School schreiben alle Studenten das staat­liche (!) Staats­examen. Da wird kein Studium gekauft.

    2) Sowohl an der Buce­rius als auch an der WHU kann jeder unab­hängig von seinen Finanzen studieren, da Stipen­dien und Darlehen vermit­telt werden, und diese sind nicht an Leis­tung geknüpft (d.h., jeder der den Eintrittstest schafft, bekommt das Darlehen – no matter what). Die Buce­rius Law School hat genau soviel Bafög Empfänger wie eine durch­schnitt­liche staat­liche Univer­sität.

    Natür­lich ist nicht jede private Insti­tu­tion Buce­rius oder WHU. Aber mal die Bucerius/WHU, mal da private FH als Beispiel nehmen, je nachdem, was gerade passt, und dann zu Schluss alle “privaten Hoch­schulen”, die ein “Kauf­stu­dium” vermit­teln, pauschal durch den Kakao zu ziehen, dass ist schlichtweg unaus­ge­wogen.

    • Svenja Hofert 5. Juni 2014 at 11:59 — Reply

      Noch mal: Es ging nicht um diese beiden Schulen, die sind Rand­aspekt. Es ging gene­rell um Ökono­mi­sie­rung und deren Phäno­mene, die zu einem einer­­seits-andrer­­seits führen. Ein wenig mehr Abstrak­tion und weniger Selbst­be­schau und ‑Recht­fer­ti­gung würde der Diskus­sion sicher dienen. Ihre Argu­mente sind keine, die irgend­etwas wider­legen. Natür­lich durch­laufen Sie ein Staats­examen, das ist so gere­gelt, hat aber mit der Kern­aus­sage meines Arti­kels nun null zu tun. Jeder bekommt das Darlehen — es ist also ein Darlehen. Es geht um Geld — relativ eindeutig, nicht wahr? Womit wir beim Stich­wort wären und der eigent­li­chen These.

  3. Taiber Karin 25. August 2014 at 10:23 — Reply

    Sehr schöner Blog­bei­trag den ich durch Zufall entdeckt habe. Er hat mir sehr viel Spaß gemacht zu lesen. Auch der Bericht Karrie­re­pla­nung von Frauen ohne Kinder fand ich Klasse. Weiter so. Liebe Grüße Karin Taiber

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