Kate­go­rien

Blicken Sie in die Glas­kugel oder bauen Sie auf Indi­zien?

Published On: 3. Januar 2012Cate­go­ries: Führung

Ja, ich betei­lige ich mich lustig an dem Progno­sen­hype zum Jahres­wechsel — heute auch in Spiegel Online. Ich bekenne mich schuldig, zu wissen, wie man in den Medien auf „Zitat“ und „Erwäh­nung“ spielt.  Ich — wie viel­leicht auch Sie — nutze die Jahres­wende um in etwas zu schauen, was nicht die Form einer Glas­kugel hat, aber noch ziem­lich leer ist: das neue Jahr. Ist das seriös so rumzu­or­a­keln? Darf man das?

Manches ist nur folge­richtig

Simone Janson hat sich dazu vor ein paar Tagen bezogen auf eine Meldung der Karrie­re­ex­perten geäu­ßert, ein Portal, das ich mitge­gründet habe. Ich gebe Simone, die die Meldung der Experten kommen­tiert, bevor sie sie veröf­fent­licht, voll­kommen recht: “Manches ist nur folge­richtig.” Und was folge­richtig ist, finde ich okay. Denn wer sollte besser folgern können als ein Experte, die idea­ler­weise mehr Infor­ma­tionen zur Verfü­gung hat als ein Laie?

Es stimmt aller­dings: Selbst­stän­dige Berater neigen dazu, Prognosen aufzu­stellen, die das eigene Bera­tungs­ge­schäft beleben. Das nervt und poten­zi­elle Kunden werden das hoffent­lich durch­bli­cken.

Es  ist das Dilemma der selbst­stän­digen Experten, dass sie letzt­end­lich ihre “Wurst” verkaufen müssen und nicht die von anderen. So wie ange­stellte Experten das eigene Unter­nehmen vermarkten und nicht das von anderen.  Poli­tiker die jewei­lige Partei und nicht die andre. Wissen­schaftler ihren Lehr­stuhl oder die Aufmerk­sam­keit des geneigten Science-Publi­­kums für ihre Belange.

Im Grunde kann man keinem trauen.

„Habe Angst vor dem der keine Zweifel kennt”, schrieb Erich Fried. Jawohl.

Trau keinem Experten, egal ob selbst­ständig oder ange­stellt. Frag dich immer, in welchem Kontext er etwas sagt. Frag dich, was er bezwe­cken will. Nehme an, was du gut findest, glaub­haft und folge­richtig — und schmeiss den Rest in die Medi­en­tonne.

Der Experte sieht seine Ausschnitte

Wir Experten sollten uns deshalb selbst nicht so ernst nehmen. Natür­lich sind wir vorbe­lastet (und so lange uns das bewusst ist, sehe ich kein Problem). Unser Augen­merk ist auf das gelenkt, was uns inter­es­siert und in der Bera­tung oder im Trai­ning begegnet.

Ich beschäf­tige mich viel mit der Zukunft der Arbeit, Rework, neuen flexi­blen Modelle etc. Natür­lich bin ich dadurch “verfärbt” und achte bewusst auf Belege für “meine” Thesen. Ich bin inner­lich meilen­weit entfernt vom Berufs­leben einer Super­markt­ver­käu­ferin oder dem des Verwal­tungs­fach­an­ge­stellten.

Der Experte beschreibt Prozesse

Wenn Experten nicht an Selbst­über­schät­zung leiden, wissen sie, dass sie nur das wissen können, was ihnen begegnet. Sie halten sich dann zurück mit sehr konkreten  Äuße­rungen wie “2012 wird die Arbeits­lo­sen­quote unter 2% fallen.”

Wenn sie auf Nummer “seriös” gehen wollen, knüpfen sie in ihrer Rolle als 2012-Orakel an Prozesse an, die bereits länger sichtbar sind.

So mache ich es selbst, und so empfehle ich es auch Kollegen.

Der Experte macht besser keine große Welle

Wenn wir vernünftig sind, geben wir auch zu, dass wir nicht genau wissen, wann aus Entwick­lungen Trends werden. Das tun wir nur, wenn wir sehr spek­ta­kulär sein und beson­ders oft zitiert werden wollen (also zum Beispiel als Neulinge auf dem Bera­ter­markt). Dann prophe­zeien wir zum Beispiel eine Welle der Bildungs­ver­wei­gerer, die 2012 über das Land schwappen wird oder ähnlich Spek­ta­ku­läres.

Man kann sich so einen fulmi­nanten Medi­en­ein­stieg verschaffen. Das Risiko indes wäre groß: Irgend­je­mand könnte  auf die Idee kommen, die Vorher­sagen der vergan­genen Jahre zu verglei­chen. Und dann ist es sogar kontra­pro­duktiv, wenn andere öffent­lich fest­stellen, dass 2012 doch noch über Social Media geredet wurde. )Ich habe einen Experten gelesen, der behaup­tete, niemand würde 2012 mehr über Social Media reden.)

Wir brau­chen Indi­zien

Um vernünf­tige Vorher­sagen treffen zu können, brau­chen wir solche belast­baren Indi­zien. Die ameri­ka­ni­sche Uncol­­lege-Bewe­­gung könnte die radi­kale Bildungs­­­ver­­­wei­­gerer-Prognose unter­malen. Bevor ich daraus aber eine Prognose für Deutsch­land machen kann, muss ich durch­denken, was den deut­schen vom ameri­ka­ni­schen Markt unter­scheidet (z.B. haben eine Ausbil­dung neben dem Studium, die Amis nicht). Ich sollte auf Nach­frage außerdem ein paar deut­sche Bildungs­ver­wei­gerer in meiner Kunden­kartei haben — am besten Studenten, die die WHU abge­bro­chen haben,  nicht wegen schlechter Noten, sondern weil sie die vermit­telte Bildung für nicht praxis­ge­recht halten. Ich habe diese nicht; ergo kann ich die Prognose nicht aufstellen.

Womit wir beim Punkt sind, liebe Frau Janson: Das Indiz ist Basis für die Prognose. Und das Indiz zieht der Experte aus seiner Praxis, sollte er jeden­falls. Jeder Experte sollte Indi­zien benennen können. Jeder Experte sollte sagen können, WIE, also aufgrund welcher Beob­ach­tungen — Indi­zien — er zu seiner Prognose gekommen ist.

Bewege dich in deinem Kompe­tenz­kreis

Er sollte weiterhin seinen Kompe­tenz­kreis kennen und wissen, wo er endet. Nun ist es aber so, dass Experten offen­sicht­lich noch mehr am Selbst­über­schät­zungs­ef­fekt leiden wie Laien.

“Es gibt zwei Arten von Leuten, die die Zukunft vorher­sagen: jene, die nichts wissen und jene, die nicht wissen, dass sie nichts wissen”, schrieb der kürz­lich verstor­bene Harvard-Öknomom John Kenneth Galbraight. Der Berkeley-Professor Philip Tetlock wertete 82.361 Vorher­sagen von 284 Experten aus den Berei­chen Finanzen und Wirt­schaft aus. Deren Prognosen trafen nicht häufiger zu als die eines Zufalls­ge­nera­tors. Auch deshalb tun Experten gut daran, in ihren Prognosen Entwick­lungen aufzu­greifen, die sich fort­schreiben und/oder auf Indi­zien beruhen. Damit liegt man immer richtig, und nie radikal falsch.

Ein Beispiel: Über viele Jahre schon entwi­ckelt sich die Flexi­bi­li­sie­rung von Arbeit. Das geht viel lang­samer als die Markt­durch­drin­gung mit Tablets — aber der fort­schrei­tende Prozess ist da, Indi­zien gibt es zuhauf, auch Beweise. Nun könnte es sein, dass 2012 der Tipping Point erreicht wird, der Punkt, den schon Malcolm Glad­well in seinem gleich­na­migen Buch beschrieben hat — hier wird ein lang­samer Prozess zum Trend. Der Point könnte aber auch erst 2013 einsetzen. Oder gar  nicht, weil es ein schlei­chender Prozess bleiben wird.

Jour­na­listen wollen so viele Einschrän­kungen nicht hören. Das ist das Spiel. Und eine Kunst, sich zwischen den Medi­en­an­for­de­rungen und den eigenen Aussagen so zu bewegen, dass man auch in einem Jahr nicht pein­lich berührt ist, wenn man seine eigenen Zitate liest (oh, Herr Wulff, sie hätten nun wirk­lich wissen müssen wie Medien ticken.…!)

Ich formu­liere meine Prognose mal so: “Es gibt vieles, was darauf deutet, dass 2012 das Jahr der Flexi­bi­li­sie­rung wird.” Dieses Jahr gab es einen Tipping Point für Burnout: Das Thema, das lange brodelte, wurde zum Hype.

Ich führe meine Prognose fort. “… Das wäre eine logi­sche Fort­schrei­bung der Entwick­lung von 2011. Denn wie verhin­dert man Burnout in einer Arbeits­welt, die durch fort­schrei­tende Prozess­op­ti­mie­rung und Stan­dar­di­sie­rung Kern­be­dürf­nisse der Menschen nicht mehr befrie­digt — unter anderem das Bedürnis nach Auto­nomie und Selbst­be­stim­mung? Durch Flexi­bi­li­sie­rung!”

Ob das alles wirk­lich in einen medialen Trend mündet oder sich etwas ganz anderes abzeichnet, dürfte entschei­dend von der konjunk­tu­rellen Lage abhängen. Bleibt es ruhig und die Arbeits­lo­sen­zahlen gemä­ßigt, KÖNNTE die Abschaf­fung der Präsenz­kultur wirk­lich ein Brei­ten­thema werden.

Ich weiß, Jour­na­listen mögen das Wort KÖNNTE nicht. Aber hier steht es jetzt.

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Über Svenja Hofert

Ich bin Expertin für die Arbeits­welt der Gegen­wart und Zukunft, und das schon seit einer halben Ewig­keit. Ich coache bei Verän­de­rung, spreche über das, was Verän­de­rung mit uns macht und berate an Wegga­be­lungen. Als Unter­neh­merin habe ich immer wieder erfolg­reich gegründet, aktuell meine Akademie der Verän­de­rung.

Weiter­denken ist dabei mein Motto: Immer etwas aktu­eller, etwas poin­tierter, etwas tief­sin­niger und prag­ma­tisch voraus­schauend.

Viel­leicht kennen wir uns…

… aus dem Bücher­regal, denn seit 1998 habe ich rund 30 Bücher geschrieben, die in bis zu 8 Auflagen erschienen sind.

Als Kolum­nistin  schrieb ich DER SPIEGEL oder  WELT bilanz, aktuell habe ich beim Psycho­logen-Fach­blatt „Wirt­schafts­psy­cho­logie aktuell“ eine regel­mä­ßige Kolumne. Man findet meine Inter­views zudem im TV sowie in bekannten Medien von ZEIT bis FAZ.

Diesen Blog betreibe ich seit 2006, meinen Podcast gibt es seit 2023. Mit meiner Sonn­tags­ko­lumne WEITERDENKEN bei Substack und mehr als 4.000 Abon­nenten gehöre ich zu den meist­ge­le­senen deutsch­spra­chigen Autoren auf dieser Platt­form.

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3 Kommen­tare

  1. Enrico Brie­gert 4. Januar 2012 at 20:58 — Reply

    Aber ich falle auf die Para­­digma-Falle nicht rein — Spaß ;-).
    Was hilft? Z.B. mal zu einer anderen Tages­zei­tung zu greifen (z.B. taz statt Handels­blatt oder vice versa) oder sich zwingen aktiv nach Gegen­be­weise für seine eigene These zu suchen.

  2. Burk­hard Reddel 5. Januar 2012 at 21:21 — Reply

    Hallo und ein gutes Neues.
    ja auch die Philo­sopie sagt “Ich weiß, daß ich nichts weiß”. Im Grunde können Menschen nur Vermu­tungen anstellen und nie tref­fende Vorher­sagen machen. Und im Grunde ist es psycho­lo­gisch gesehen auch verständlich,daß man alles durch seine eigene gefärbte Brille sieht. Da sind Experten in beidem Menschen und das Gott sei Dank. Solange jeder Experte weiß, daß die eigene Sicht immer gefärbt ist und Orakel immer,wenn sie nach­ge­prüft werden, falsch liegen, ist ja auch alles in Ordnung.
    ICH(B.RE) weiß, daß ich nichts weiß und immer nur Meinungen,mehr oder weniger gefärbt von mir gebe und deshalb kann ich auch entspannt andere Orakel lesen und abwarten, obs (mehr oder weniger zufällig) eintrifft. Also Glas­kugel gerne zum Spaß. Inid­zien bringen aber auch nicht weiter, weil es immer Punkte gibt,wo die Beleg­bar­keit versagt und es Wissens­lü­cken geben wird.

    Gruß B.RE

  3. Chris­toph Burger 8. Januar 2012 at 21:51 — Reply

    Ja, so ist es. Wenn ein Experte für ein Gebiet öffent­lich mutmaßt, sollten die anderen Experten sagen: “Wie lang­weilig, das wissen wir doch auch!”
    Das ist seriös!
    Und deshalb höre ich gerne Experten-Vorher­­sagen aus anderen Gebieten (als dem der Karriere) zu!

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